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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 76
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV. Capitul. Nachdem ihnen der Page seinen Zustand erzählete, eröffnete er ihnen seinen Lebenslauf; wie es in der Apotheke hergegangen.

Weil wir aber ehedessen insgesamt gewohnt waren, auf der Reise die Zeit mit kurzweiligen Erzählungen zu passieren, als mußte uns der Page, nachdem wir uns in der Stadt mit Pferden und allerlei Zugehör versehen und daselbst uns bei einer Mahlzeit sehr wohl gefüttert hatten, auf dem Wege seinen Lebenslauf entwerfen, welches er also anfing und hinausführte: »Anfangs meiner Histori zu melden, so ist denkwürdig, daß ebendas Haus, in welchem zu Eger der berühmte Wallensteiner erstochen worden, meines Vaters gewesen. In demselben Hause ward ich geboren und bis ins zehente Jahr erzogen, als mir meine Eltern mit Tod abgingen und ich zu einem Apotheker erst in die Kost, hernach gar in die Lehre verdinget worden. Daselbsten stiftete ich so viel Schelmenstücklein, als ich erdenken konnte. Den Leuten gab ich anstatt Zimmet Muscatblühe, und anstatt Kupferwasser gab ich ihnen Vitriol, unter den Hutzucker mischte ich Salz und streuete unter die Mandelkern den bittersten Pfeffer. Ja, wenn ich um dieses gestraft wurde, war mirs nichts Neues, daß ich den Gesellen was anders in ihre Mörser tat, davon mir oft der Buckel so abgebleuet worden, daß mir die Haut ledig geworden. Die Tobakpfeifen, mit welchen wir in der Stadt den allerbesten Handel führten, stopfte ich mit dem Zipfel alle unserem Hunde, mit Ehren zu melden, ins Hintercastell, und dannenhero mußte ich lachen, wenns die Tobakschmäucher so tapfer ins Maul nahmen. Aber als dieses Stücklein auskam, geschah es, daß ihrer viel die Pfeifen mit Petschierwachs versiegelten. Den Schülern, wenn sie mit den Jesuiten in einer Procession gegangen und unterweilen vor unserm Hause stehengeblieben, habe ich gar oft die Mäntel zusammengeheftet; und dieses trieb ich auch in den Kirchen mit den Bauermägden, dannenhero die Hundepeitscher mehr auf mich als auf die Hunde haben Achtung geben müssen. Den Leuten, die mir am allerwenigsten getan hatten, wurf ich nachtszeit die meisten Fenster ein, und soviel mir fremde Hund in die Apotheke kamen, denen stutzte ich entweder die Schwänze oder die Ohren ab, hatten sie aber ohnedem keine, so gab ich ihnen ein Purgier ein, daß oft in einem Tag die Hund viel mehr Recipe als die Kranken bekommen haben.

Zu diesem stiftete ich noch andere Jungen an, die gleichwie ich lehrenshalber in der Apotheke waren. Auf die Papier, daraus wir Deuten oder Stanitzchen machen sollten, schrieben wir die garstigsten Briefe, und wenn ein vornehmes Frauenzimmer um ein Zahnpulver schickte, gaben wir solches gemeiniglich in einem solchen Papier hin, darüber sie sich oft haben krank gelachet. Nicht weniger taten wirs den Gelehrten, und wenn ein Pfaff aus einem Kloster um etwas schickte, wickelten wir solches in ein Papier, darauf stund also geschrieben:

›Viel geliebter Schatz, Du hast mich neulich berichtet, daß Du seiest lutherisch geworden, nun will ichs auch werden, denn die Pfaffen sind nichts nutz. Auch will ich, ehe ich aus der Stadt scheide, das Kloster anzünden und heimlich davonlaufen. Dem Burgermeister will ich die Fenster einwerfen und will sehen, wie ich wacker mit Dir buhlen kann. Es ist noch ein Pfaff hier, der will ausspringen und mit mir lutherisch werden, desselben Namen will ich Dir morgen oder übermorgen schreiben. Lebe wohl, Du Tausendschätzelein, ich bitte Dich, Du wollest sanfte schlafen, ich halte nichts wie Du auf Pfaffen.‹

Solche Briefe erdichteten wir viel hundert, und nachdem eine Standsperson um etwas in die Apotheke schickte, nachdem gaben wir ihm auch einen Zettel mit, als zum Exempel: Es schickte einsmals ein Bürger um ein Vomitiv, der hatte eine schöne Frau, demselben schickten wir um das Gläslein folgenden Brief: ›Hochgeehrter Freund! Berichte demselben, daß der (hiermit nannten wir des Patienten Namen) eine schöne Frau geheiratet, weiß aber leider nicht, daß der (hiermit nannten wir dessen Nachbar) täglich bei ihr sich einfindet und ehedessen wohl mit ihr bekannt gewesen etc.‹

Über solche Briefe, ob sie gleich nicht allemal von jedem sind gelesen worden, entstund doch in der ganzen Stadt ein wunderlich Gemurmel, denn es raufte sich bald diese, bald jene Partei, die wir so heimlich zusammen gehetzet und untereinander veruneiniget hatten. Mein Herr, der Apotheker, mußte endlich aufs Rathaus, welcher nicht wußte, wer ihm das Papier eigentlich verhandelt hätte, weil bald ein Schüler, bald ein Schreiber, bald ein anderer alte Scartequen hineinbrachte, die er ihnen mit Käs oder Tobak abhandelte. Ja, ich glaube, daß unsere Schelmerei noch lange wäre verborgen geblieben, so wir nicht in einem solchen Schreiben den Stadtschreiber einen Rotbart geheißen hätten, welcher Titul dazumal viel verhaßter als der Bärnhäuter-Titul war. Darum visitierte er endlich die Apotheken mit zweien Ratsverwandten; und weil wir nicht so klug waren, unser Hand oder aufs wenigste die Dinte zu verändern, kam er uns unvermerkt hinter die Sprünge, und hätte ohne allen Zweifel den Rotbart mit neuer Pomada ein geseifet, so wir nicht noch unter währender Visitation davongelaufen und dem Apotheker all sein Wochengeld aus der Schublade gestohlen hätten.

Dazumal war ein berühmter Oculist und Zahnarzt im Lande, vor dessen Söhne wir uns beide ausgaben; und weil es ohnedem unserer Profession war, die Wasser meisterlich zu färben, brachten wir bald so viel zusammen, die ohnedem einfältige Bauren zu betrügen. Doch taten wir solches mit einer neuen List; denn mein Gesell gab sich vor den Patienten aus. Wenn ich nun feilhatte, so krunkste er, als ein Fremder, auf allen vieren gegen meinen Stand, bat mich um eine Arzenei. ›Ach!‹ sagte er, ›wie quälet mich der Magen, wie sticht mich das Milz, wie faulet mir die Leber, wie verzehret sich meine Lunge!‹ – ›Du guter Freund,‹ sprach ich, ›da will ich dir bald davon abhelfen. Komme her, hast du kein Geld, so gebe ichs den Armen umsonst!‹ Mit solchen Worten gab ich ihm ein paar Tropfen von dem gefärbten Wasser zu verschlucken, damit richtet er sich auf, stellete sich an, als ob er aus einer großen Krankheit erlöset worden, und machte mir durch sein Exempel unter den Leuten solchen Glauben, dergleichen sie noch schwerlich gegen einem Arzt gehabt haben. Da hieß es wohl: mundus vult decipi, und wie ers in diesem Dorf machte, so machte ichs den andern Sonntag in jenem. Unterweilen gaben wir uns auch vor Pilger von Compostell aus und verkauften die gelben Marmor vor Adlersstein. Letztlich kamen wir auf eine Kirchweih, und weil sich daselbst uns unwissend ein Dieb enthielt, welchen die Obrigkeit allda ausgekundschaftet, daß er vor unserem Stand stehe und unserer Plauderei zuhörte, kamen die Schulzen mit ihren Habfesten herzu, denselben zu greifen. Wir wußten nicht, sollt es uns oder einem andern gelten, und weil wir, von eigenem Gewissen überzeuget, uns nichts Guts bewußt waren, verließen wir den Tisch samt unseren Kram und eileten, so schnell wir konnten, dem nächsten Wald zu, aus Oculisten Waldmänner zu werden.

Nach diesem fingen wir an, vor den Häusern zu singen das Lied: ›Ist ein Leben in der Welt, das mir also wohl gefällt, so ist es das Schäferleben, merkt mich eben‹ etc. Dadurch wir uns ziemlich weit in die Welt hineingepracticieret haben. Ich muß es gestehen, daß es mir noch nie so gut als in diesem Bettlerstand gegangen. Wir stunden auf, wann wir wollten; so mangelte es uns weder an Geld noch Essen. Aber das war unsere einzige Pein, daß wir keine Jurisdiction hatten, die Läuse aus unsern Kleidern zu schaffen; und wenn wir auf dem Weg sonst nichts miteinander zu tun noch zu reden hatten, warfen wir einander die Läuse auf das Wams. Endlieh kam ich zu einem Edelmann auf ein Schloß, und mein Kamerad ließ sich unterhalten. Also sind wir dazumal voneinander gekommen, und weiß keiner unter beiden, wo der ander geblieben ist.«

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