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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 74
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II. Capitul. Es gibt einen wunderlichen Streit auf dem Weg ab.

Wir machten uns also des folgenden Tages auf den Weg, ein jeder in seinem Habit bekleidet, weil wir in solchem mit viel geringerer Zehrung als sonsten durchkommen können. Dietrich wäre zwar lieber zu Pferde gesessen, aber ich sagte, daß, weil er sich zuvor gelüsten lassen, zu Venedig einen lieblichen Weg zu gehen, solle er diesen zu seiner Büß sich nicht zuwider sein lassen. Also bekam er manche Blase auf die Fußsohle und bedauerte vieltausendmal, daß er sich in Venedig nicht besser vorgesehen. Unterwegens kamen wir in einen großen Marktfleck und kehrten alldort in einem Hause ein, allwo man nichts als Geigen, Pfeifen und Tanzen hörte. Als man uns nun wegen Enge des Raums durch einen Knecht in den Stall logieret, erzählete uns derselbe, daß dieser Tumult eine Hochzeit wäre, so ein Kerl wider seinen Willen hätte eingehen müssen. »Es kam«, sprach er in seiner Erzählung, »neulich eine italienische Frau her, die beklagte sich gegen der Obrigkeit, daß sie ein Teutscher vom Adel in Venedig gefreien, ihr auch die Ehe schriftlich versprochen, aber nachdem er sie leichtfertig betrogen, wäre er unsichtbar, sie aber dadurch veranlasset worden, ihm auf dem Fuße nachzufolgen. Nachdem sie nun solchen eben hier in dem Markte angetroffen, bat sie um hülfliche Gewalt, damit, wo der Kerl nicht mit Gutem wollte, er dazu möchte gezwungen werden. Ist also die Sache so weit kommen, daß sie heute beide hier im Hause copuliert worden, und dieses bedeutet also die Lust und Fröhlichkeit, welche allhier vorübergehet. Aber, wie die gemeine Rede gehet, so ist ihr Bräutigam kein Teutscher vom Adel, sondern ein Bandit und Straßenräuber, der sich gemeiniglich nach begangenem Mord und Raub allhier zu retirieren pfleget.«

Diese Rede des Knechtes bestürzte uns ausdermaßen, denn wir dachten in der erste auf Christoph, ob etwan dieser unversehens in die Klappe geraten wäre. Solches währte so lang, bis wir endlich das Pferd sahen, welches Dietrich zuvor in der Straßenherberg verloren hatte. Er ging demnach samt dem Knecht von mir hinweg, den Bräutigam zu besehen, und als er zurückbrachte, daß er ebendiesen auch in der vorerwähnten Herberge, allwo er so schrecklich bestohlen worden, gesehen, klagte er ihn bei dem Richter desselben Ortes an, wurde also der saubere Herr Bräutigam noch an dem Hochzeittische an zwei Ketten geschlossen und mit unbeschreiblichem Schröcken der Hochzeitgäste in die allgemeine Custodia geführet. Mir und Dietrichen wurde indessen der Arrest im Wirtshause angekündiget und bis zu Austrag der Sachen eine Wache vors Haus gestellet. Aber es kam bald heraus, wie sauber die ehrbare Braut angelaufen, weil er auf gar viel Bürgerssöhne bekannte, die er außer diesem Ort erschlagen hatte. Und also kann es wohl sein, daß, indem er Dietrichs Kleid zu seiner vermeinten Sicherheit angezogen, er von der Italienerin statt dessen angesehen und also unverhofft gefangen worden. Welches gemeiniglich denjenigen am allerersten zu geschehen pfleget, die am allerkünstlichsten damit umspringen wollen.

Nachdem dem Mörder das Urteil verabfasset, wurden dem Dietrich die geraubten Kleider samt dem Pferd wieder übergeben, die Italienerin aber mit großem Schimpf zur Stadt ausgewiesen. Also betrog sich die Betrügerin selbsten, und ich mußte mich von Herzen verwundern, daß Dietrich gleichsam auf einen Augenblick zur Freiheit, der Mörder aber und sein betrogener Schandbalg zum unverhofften Elende gerieten. Denn so geht es insgemein, daß der, so den andern mit betrügerischer Vorsichtigkeit erschleichen und ins Garn bringen will, gemeiniglich Selbsten in die Grube fällt und gar darinnen umkommet.

Wir reiseten demnach unsern Weg, er zu Pferd und ich zu Fuß, weil uns weder Not noch andere Angelegenheit zu eilen zwang. Unsere größte Sorge war nur wegen Christophens, verhofften doch, daß er samt den Knechten ohne allen Zweifel auf richtiger Straße sein würde, ließen uns dannenhero nicht sonderlich deswegen anfechten und discurrierten unterweges bald von diesem, bald von jenem, wie auf solchen Reisen der Gebrauch ist. Indem wir also an einem Morgen bei heller Sonne auf eine Höhe kamen, sehen wir daselbst eine wohlgekleidete Person unter etlichen Kerlen begleitet gleichsam gefangen gegen uns herführen. »Bruder,« sprach Dietrich zu mir, »es ist Christoph, denn ich kenne seinen Federbusch. Laß uns hinzueilen, er ist gefangen worden, und wird ihm nicht viel anders als mir gegangen sein.« Mit diesen Worten, unter welchen er gleichsam entbrannte, eilete er unter die Schar, und weil er ein Geschrei machte, gleich als käme noch ein großer Hinterhalt, verließen die Räuber den wohlbekleideten Menschen und begaben sich zu ihrer eigenen Sicherheit in diejenigen Büsche, welche alldort zwar nit gar dichte, aber doch häufig auseinander gestreuet lagen. Er hat sie nichtsdestoweniger mit verschossenem Zügel verfolget und durch seine gute Obsicht so viel verschaffet, daß er auf dem Weg, welcher sich in unterschiedliche Gänge gegen dem Hauptwald verteilete, nicht verirret ist. Als er aber wie der zurückkam, sahen wir beide mit Verwunderung, daß dieser Gefangene zwar Christophs Kleider anhatte, aber er war es selber nicht, vor welchen wir ihn gehalten haben.

Darum war es nötig, in dieser zweifelhaften Sache den gewissen Zustand zu erfahren, weil Dietrich allgemach mutmaßte, gleich als wäre Christoph von ebendiesem ausgeraubt worden, welchen er durch seine Vorsichtigkeit den Räubern abgejagt. Aber der Entledigte berichtete uns eine andere Geschieht, daß nämlich noch vor Tages ein Reisender zu Fuß auf ihn gestoßen, welcher diese mit seinen Bauernkleidern verwechselt hätte. Aus was Ursach solches geschehen, könnte er nicht erraten; aber das hätte er gesehen, daß er nach seiner Ankleidung eilends ebendiesen Wald hindurchgelaufen. Er wies uns hierauf mit dem Finger die Straße, auf welcher dieser Kleiderwechsel vorgegangen, und setzte anbei, daß kurz darauf diese Räuber gekommen und ihn vielleicht als den Unrechten gefangengenommen. Die einfältige Rede und die Geschieht an sich Selbsten nahmen uns die Meinung, die wir wegen der Untreu dieses Menschens geschöpft hatten, ließen ihn demnach von uns, und damit er durch sein Kleid nicht in fernere Ungelegenheit geriete, gab er uns den Hut und Rock um ein billiges Geld mit, und er schlug sich nach solchem gegen einem Abwege, allwo er berichtet, daß die Straße etwas sicherer wäre.

Als wir ihn aus den Augen verloren, begaben wir uns, voll von Furcht und zweiflenden Gedanken, auf ebendie Straße, so uns der Bauer gezeiget hat, und zu schnellerer Reise satzte mich Dietrich hinter sich aufs Pferd, damit wir sowohl den Christoph einholen als dem gefährlichen Nachstellen der Räuber entfliehen könnten.

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