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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 73
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der kurzweiligen Sommer-Täge
Sechstes Buch

I. Capitul. Wolffgang bestellet sein Hauswesen, begibt sich in Tirol, kommt alldort hinter ein wunderliche Geschicht.

Diese Schrift, ob sie wohl nicht allzuweit noch umschweifig ist, eilet dennoch zum Ende, weil mir niemalen etwas besser gefallen, als wenn ein Historienschreiber fein kurz durchgehet und sich weder in dem Lob noch in der Tadlung einer Sache gar zu lange aufhaltet. Soviel ich mich entsinne und gegenwärtiger Augenschein mit sich bringet, hab ich ein gleiches begonnen und nichts davon noch zu der Materie getan, was nicht vonnöten war. Meine erzählte Laster sind meistenteils von mir geflossen; und darum wird außer mir schwerlich jemand sagen können, daß ich ihn getroffen habe. Also ist mir wohl erlaubet, mich Selbsten durchzuziehen und alle diese Flecken zu erzählen, mit welchen ich behaftet war. Und also will ich diese satirische Schrift vollenden, damit keiner über mich noch meine spitzige Feder klagen kann.

Einsmals, als ich voller Sorgen saß, den lieblichen Waldvögelein zuhörend, verwunderte ich mich über der Nachtigall, daß, ob es gleich von außen ein ungestaltes Tierlein, dennoch von solcher Eigenschaft wäre, den Menschen mit ihrem annehmlichen Gesang trefflich einzunehmen. Ich bildete mir dadurch ab die innerliche Beschaffenheit manches Menschens, der zwar äußerlich liederlich scheinet und innerlich doch ein lebendiger Geist voll Glauben und guter Werke ist; und daher bekam ich die Gelegenheit, das Welturteil zu tadeln, welches nur nach dem äußerlichen Schein zu richten pfleget. »Oh,« sagte ich, »wie ist doch mancher Mensch eine Nachtigall, welchen doch sein Nächster vor einen Mohren ansiehet. Wie mancher ist entgegen ein schwarzer Rabe, welchen die blinde Welt vor einen Engel hält!« Und indem ich also der Wahrheit nachforschte, kamen Unterschiedliche von Adel und andere Bekannte, welche sich entschlossen hatten, michindem Walde zu besuchen. Diese Heimsuchung, ob sie mir schon nit angenehm war, so war sie mir doch auch nicht gar zuwider. Doch weil ich der Welt nunmehr vergessen und meine Affecten ganz verloren hatte, kam mir ein und andere Unterredung, die sie mit mir gepflogen, gar zu weltlich vor. Entschloß mich also, noch selbigen Abends meine Wohnung aufs neue zu verlassen und mich an einen solchen Ort zu begeben, da mich kein Mensch mehr kennte. Denn der Zulauf mehrete sich fast von Tag zu Tag, und je mehr meine Lebensart in dem Land bekannt war, je mehr besuchten mich in der Klause, also daß sich auch endlich gemeine Bürger und Bauern gelüsten ließen, mich zu besuchen und zu sehen, was vor ein Leben ich in dem Wald führte.

Ich eilete demnach in der Stille gegen dem salzburgischen Gebirg, von dar in Tirol zu gehen, weil selbige Gegend eine unter den bergreichesten in ganz Teutschland berufen ist. Solch mein Vornehmen ließ ich niemanden als dem Studenten mit diesem Inhalt zurück: ›Lieber Freund, betrübet Euch nicht, so ich Euch von meinem Hinscheiden in das salzburgische Gebirg berichte, denn Ihr wißt, daß die Sonne, welche heute in das Meer sinket, morgen wiederum aufgehe. Solche Reise kann ich um soviel desto besser verrichten, weil ich weiß, daß ich Euch als einen sorgfältigen Haushalter über alle meine Güter zurückgelassen. Der Anlaß zu solcher Reise ist der große und öftere Zulauf des gemeinen Landvolks, welches zu mir als einem unerhörten Spectacul in die Wüsten kommet und mich nit mit weniger Unzufriedenheit an der Andacht verstöret. Lebet wohl und erhaltet das Lob, welches ich Euch als einem guten Haushalter billig geben muß. Komme ich wieder zurück, so werdet Ihr solches zum ersten erfahren, gleichwie Ihr anitzo alleine berichtet seid, was mein Vorhaben ist. Ich befehle Euch nochmalen alle Sachen und absonderlich das Gesind in gute Obsicht, auf daß ich Euch in eben einem solchen Vergnügen wiederfinden kann, als ich Euch verlassen habe. Lebet wohl!‹

Dieses Schreiben überschickte ich ihm noch zu guter Letze und ließ mir zugleich alle meine Kleinodien in den Wald bringen, die er in Verwahrung hatte. Ich nahm von diesen samt den Gold- und schönen Silberstücken so viel mit mir, als ich in dem untersten Saum meines Rockes vernähen konnte, und also nahm ich von dem Studenten Urlaub, welcher persönlich bei mir in dem Wald gewesen, daselbst anzuhören, was etwan in einem oder dem andern zeit meines Abseins auf beiden Schlössern würde vonnöten sein. Also ließ ich ihn zurück und behalf mich auf meiner Reise meist mit Bettelgehen und kehrte nirgend als in den Klöstern oder auf Pfarrhöfen ein, weil entweder mein damaliger Stand oder aber meine geistliche Gedanken keine andere Herberge duldeten. Ich erlangte endlich meinen Zweck; und nachdem ich durch den Lueg (welches ein sehr enger Paß ober Gollingen an der Salze ist) gekommen, satzte ich mich in ein finsteres Gebirg und nahm mir vor, ehestens eine Wallfahrt nach Rom zu tun. Ich bauete alldorten eine neue Zell und versah mich mit solchem Hausrat, dessen ich nicht entbehren konnte. Wenn ich unterweilen auf einem einschichtigen Bauerndorfe einen großen Laib Brot kaufte, so war solche alle meine Speise, derer ich in einem Monat genoß. Aber das Bergwasser, so ich trank, machte mir nicht allein ziemliche Hitze, sondern noch dazu einen großen Kropf, welches in selbigen Landen nichts Ungemeines ist. Solche Ungestalt, ob es mir gleich seltsam und ungewöhnlich war, achtete ich doch nicht gar viel, weil ich wohl wußte, daß nicht der Leib, sondern die Reinlichkeit der Seele am meisten müßte gepfleget sein. Und weil ich das Wasser nicht anders haben konnte, mußte ich solches nach seiner Art wirken lassen, soviel es wollte. Denn ich war entschlossen, mich etwan so lang allhier zu enthalten, bis das Geschrei wegen meiner Einsamkeit in meinem Lande in etwas würde verschwunden sein, weil der Pöbel zu den neuen Sachen sehr begierig ist und ich also, wie daroben gemeldet, ohne allen Zweifel fast täglich in dem Wald an meinem Vornehmen wäre verhindert worden. Die Donnerwetter, welche an diesen Orten nichts Ungewöhnliches sind, waren mir in der erste erschröcklich zu hören, dabei ich mich erinnerte an den Zorn des Jüngsten Gerichts, und wie mit einem schröcklichen Krachen die Erde im Feuer wird verzehret werden. Auch daß die verdammten Seelen zwischen solchem grausamen Krachen in die ewige Glut hinunterstürzen sollen. Und durch dergleichen Gedanken munterte ich mich zur Andacht auf, bis ich nach abgewichenem Sturm mir zugleich die Lieblichkeit einbildete, welche die Kinder des ewigen Lebens nach so vielem ausgestandenen Kreuz und Verfolgung dieser Erden würden zu genießen haben.

Einsmals, als es auch erschröcklich gewittert hatte, kam eine Mannsperson gegen meiner Hütte gegangen, welche ich in der erste vor einen Beckenknecht angesehen. Er war an seinen Kleidern tropfnaß und hatte zu tun, daß er mit seinem schlechten Röcklein den Leib decken konnte. »O Freund,« sprach er, sobald er mich vor meiner Klause sitzen sah, »ist eine Barmherzigkeit in Euch und habt Ihr einzige Erbarmung über Euren Mitchristen, so nehmet mich heute nacht in Euer Klausen, damit ich allda ruhen und morgen meinen Weg weiter nehmen möge.« Diese Wort verwunderte ich zweierlei Weis. Erstlich, weil ebendieser fremde Mensch Herr Dietrich war, der neulich mit Christophen in Italien gegangen, vors andere, weil ich mir nicht einbilden konnte, welches Unglück ihn in diesen überaus schlechten Habit gestecket. Und weil er mich teils wegen lang gewachsenen Barts, teils auch wegen des Kropfes nicht erkannte, war ich um so viel begieriger, ihn in meine Klausen zu führen und daselbst seinen wunderlichen Zustand anzuhören, mich auch nicht ehe zu offenbaren, bis ich eigentlich erfuhr, wie er sowohl in dieses Elend als auch von der Gesellschaft Herrn Christophens geraten.

Er satzte sich nach wenigen Complimenten, deren er sonsten ziemlich pflegte, an das Tischlein, und als er sich daselbst voll Mattigkeit auf die Bank gestrecket, fing er an folgends zu erzählen: »Andächtiger Freund! Wem zu wohl ist, der geht auf das Eis und bricht ein Bein. Dieses Sprüchwort, ob es wohl von dem Esel gesagt wird, kann doch mit billigem Recht auf viel Menschen gezogen werden, welche da außer ihrem ordentlichen Beruf wandeln und unversehens auf der Straße straucheln, dahin ihr Gang nicht lenket. Wisset demnach, daß ich solches mit eigenem Exempel ohne fernem Umschweif bezeugen kann. Mein Geburt ist hoch genug, und habe die Ehre, mich vor einen vom Adel eines alten Geschlechts in Teutschland zu rühmen. Ich lebte auf meinem Gut in höchster Zufriedenheit. Nachdem mir aber meine Frau mit Tod abgegangen, habe ich mich zwei Jahr hernach gelüsten lassen, mit noch einem meiner besten Freunde das weltbelobte Italien zu besehen und unsere Zeit daselbst im höchsten Vergnügen hinzubringen. Es kam auch endlich zur Abreise, und nachdem ich sowohl als er unsere Güter und Kinder, deren jeder dreie hat, den Aufsehern befohlen, begaben wir uns mit zweien Dienern und einem Page auf den Weg, kamen auch endlich in Venedig glücklich an und besahen das ganze Land mit sonderlicher Zufriedenheit.

Nachdem wir letztens auf der Herausreise wieder in Venedig kamen, wurden wir daselbst zu einer überaus schönen Weibesperson geführet, derer Schönheit ich Euch nicht genugsam entwerfen noch vorstellen kann. Die Kupplerin, so uns dahin gewiesen, gab sie vor eine vornehme Standsperson an, und ich ließ mich gelüsten, etwas freier mit ihr umzugehen, als ich gesollt habe. Sie war dennoch durchaus nicht zu meinem Willen zu bringen, es sei denn, daß ich ihr die Ehe zusagte und daß ich sie mit mir auf meinem Pferde in Teutschland nehmen wollte. Ihr könnt gedenken, in was Verzweiflung ich damals geraten, indem ich ihr alles zugesaget und schriftlich versichert, was sie von mir verlanget hat. Aber: o wie wurde ich betrogen! Ich kam endlich mit großem Schrecken meines Freundes dahinter, daß sie die allerleichtfertigste Putana in der ganzen Stadt gewesen, die so viel unschuldige Herzen betrogen und verführet hat, so viel mit ihr zu tun gehabt haben.

Diesem Übel zu entfliehen, entschlossen wir uns beide, heimlich davonzuwischen, eileten also aus dem Land, so geschwind es sein konnte; und weil wir uns in diesem Stück mehr geforchten haben, als vonnöten war, verirrten die Diener samt meinem Freund wegen schnellen Laufes der Pferde dergestalten, daß weder ich sie noch sie mich mehr antreffen können. Ich kam nun auf der Straße in eine Herberg, darinnen vielleicht mehr Diebe als Scheiben in dem Fenster waren, denn in der Nacht wurde mir aus der Kammer nicht allein das Kleid, sondern auch aus dem Stall das Pferd samt aller Zugehör gestohlen. Ich hatte von großem Glück zu sagen, daß mich der Wirt nicht gar ermordet, weil er überaus zornig war, da ich von ihm Rechenschaft foderte. In solchem Zank wurf mir sein Weib diese Lumpen zu, und ich war froh, daß ich wenigst vermittelst dieser meiner Gefahr entweichen konnte. Also gehe ich in großer Irre und Unmut herum, und quälen mich teils die innerlichen Gedanken wegen der leichtfertigen Betrügerin, vors andere peiniget mich zugleich äußerlich das große Elend, da ich aus Manglung aller Lebensmittel zu betteln gezwungen werde. Und dieses ist also der kurze Verlauf meines Geschickes, welchem ich ganz frevelhaft in beide Arme gelaufen bin.«

»Ihr habt mir«, sprach ich zu ihm, »genugsam erzählet, aber wisset Ihr auch noch, wie treulich ich diese Reise widerraten habe?« – »Was,« sagte er, sich von der Bank erhebend, »habt Ihr mir diese Reise widerraten?« – »O Dietrich,« antwortete ich, »weißt du noch denjenigen Abend, da wir uns in der Au so fröhlich erzeigten?« Hiermit gingen ihm die Augen auf, und er fiel mir gleichsam voll Tränen um den Hals. »Sei gegrüßet, o du herzliebster Bruder!« sprach er darauf, »wie kommst du hieher in diese schreckliche Wildnis?« Hiermit bat ich ihn, niederzusitzen, und alsdann erzählte ich ihm von Anfang bis zum Ende dasjenige, was er noch nicht gewußt, wie ein sauber Zobel nämlich meine verstorbene Liesel gewesen, und daß aus Ursach dessen ich eine andere Resolution geschöpfet und also in diesen Stand geraten wäre. Er lobte etlichermaßen mein Vornehmen, und da ich ihm von meinem Reichtum erzählte, welchen ich in meinem Rocksaum eingenähet hatte, wurde er wieder gutes Muts, denn unsere Güter waren unter uns gleichsam gemein, und was einer hatte, das hatte der ander auch. Er machte demnach tausend Kreuz und glaubte festiglich, daß wir untereinander zu sonderlichen Abenteuern geboren wären. So erfreuet wir aber dazumal waren, so hatten wir doch keine geringe Sorge um den verirrten Christoph und der anderen Knechte. Weil es aber unmöglich war, allda nachzusetzen oder sie auszukundschaften, mußten wir sie dem bloßen Glück überlassen und uns indessen auf Mittel besinnen, wie wir miteinander wieder heimgelangen möchten, weil mir dieselbige Gegend zur Wohnung nicht mehr anstund, indem zu Winterszeit alle die Quellen zuzufrieren und die Berge mit Schnee zuzufallen pflegten.

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