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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 71
Quellenangabe
pfad/beer/sommerta/sommerta.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXI. Capitul. Wolffgang valediciert dieser Eitelkeit aufs neue.

Diejenige, welche in Italien reisen wollen, waren allgemach schon etliche Wochen hinweg und wußten nichts um mein Vorhaben. War auch niemandem sonderlich bekannt, wo ich mich aufzuhalten willens sei. Jedennoch, weil das Geschrei von meinem Abschied aus der Welt ziemlich weit ausging, lud mich bald dieser, bald jener guter Freund zu sich; und also valedicierte ich in die acht Wochen, ehe ich recht daran ging. Die Hütte war nunmehr fertig, und zwar eben in dem Wald, darinnen ich zuvor mit dem Studenten und Soldaten so oft gebetet habe, und außer diesen beiden war solche Wohnung nur denen bekannt, welche sie gemacht hatten. Darum rüstete ich mich allgemach zur Sache, und weil es doch einmal sein mußte, schlug ich mir alle widerigen Gedanken aus dem Sinn. Bald wollte ich heute, bald morgen, und durch dieses Cras Cras verschwand mir manche Zeit unter der Hand, darinnen an nichts weniger als an das eremitische Leben gedacht ward.

Endlich kam es zum Zweck, darnach ich schon so lang gezielet hatte, und ich fing, gleich ich mit meinen guten Freunden getan hatte, auch an, die Welt zu beurlauben und von ihr Abschied zu nehmen. »Du bist«, sagte ich, »zwar meine größte Feindin, jedennoch lebe wohl! Du bist meine größte Verfolgerin, jedennoch wünsche ich, daß es dir allezeit glücklich gehe. Du hast mich verachtet, ich wurde nicht bös, hast mich verfolget, ich zörnete nicht. Aber nunmehr kann ich deine Fessel nimmer länger ertragen, ich werde alt, und deine Bürde wird meinen Achseln zu schwer. Ich gehe aus dir als aus einer Befleckten zu der Reinigkeit, als aus einer Falschen zu der Wahrheit. O Welt, in dir ist Betrug das allerherrlichste Kleinod, und wer diesen Reichtum in dir nicht suchet, der ist arm, und wird ihm nimmermehr geholfen. O Welt, du bist eine betrogene Wirtin, die ihre Gäste mit lauter Schauessen tractiert. Du hast mir glänzende Berge vorgesetzet; aber da ich darnach griff, hatte ich statt des Golds Staub in der Hand. Du hast mir klares Wasser versprochen; aber da ichs kostete, war es aus einem trüben Brunnen geschöpfet. Ich habe mich zwar mit Lust an deinen Tisch gesetzet, bin aber allezeit hungeriger davongegangen, als ich gekommen bin. O Welt, du bist zwar eine Wegweiserin; aber wer dir nachfolget, gehet immer irr. Ich habe leider auf deinen Wegen gewandelt, allezeit voll Unruhe und Mattigkeit.

Dir zu Ehren, o Welt, fastete ich mit großem Hunger, dir zu Ehren litt ich Frost und Hitze, Hunger und Durst. Aber was hab ich davon, als daß du mich anstatt des verhofften Lohnes noch auslachest dazu? Was habe ich davon als eine schmerzliche Reue, daß ich dir so viel, ja mich Selbsten vertrauet hab? Was hab ich nun davon, o Welt, daß ich stets nach dir geseufzet und gleichsam auf meinen Tränen in dir herumgeschwommen? Nichts habe ich davon als Angst und Jammer, Schimpf, Schand, Hohn und Spott, auch, was dieses alles weit übertrifft, noch dazu ein verletztes Gewissen. Ich pflanzte in dir Rosen; aber da ich sie auflesen wollte, waren sie schon verfaulet. Deine Pomp und Pracht schimmerte mir herrlich in die Augen; aber sie sind gleich dem Basilisken, welcher durch sein bloßes Ansehen töten kann. Ich vermeinte in dir auf Rosen und Narzissen zu gehen; aber nunmehr fühle ich die Dorner, welche meine Seel verletzet haben. O Welt, du bist eine falsche Malerin, die mit nichts als mit Schaden zu tun hat. Deine Farben fließen zwar schön, aber sind unbeständig, also daß derjenige, welchen du heute als einen Croesum abmalest, morgen schon dem Iro gleich mit tausend Ungemach umfangen ist. O Welt, du bist eine blendende Taschenspielerin, zeigest uns mehr Pfenninge, als du im Vermögen hast. Du versprichst, o Welt, die Kranken zu heilen, gibst ihnen aber anstatt einer kostbaren Arznei nur Gift, welches man erst alsdann fühlet, wenn man nicht mehr helfen kann. Du bist eine betrügende Sirene, und wenn du uns arme Menschen mit deiner Stimme in die Arme gelocket, verwandelt sich solche in einen erschröcklichen Gewissensdonner.

Wo seid ihr nun hin, ihr frohen Stunden, ihr fröhliche Tage und ihr kurzweilige Zeiten meiner Jugend? Ach, ihr seid so viel als verloren, und ich spüre jetzt anitzo die bittere Galle, so ihr mir in eurem angenehmen Trank vermischet habt. Was habe ich in euch erworben als anstatt den Genuß das schmerzende Angedenken, anstatt der gepflogenen Laster den Verlust meiner armen Seelen. Ich habe zwar in dir, du blinde Welt, die Sünden nicht gesehen; aber nun erwachen sie und stehen auf, Rache wider mich, als ihren Urheber, schreiend. Der Vorwitz klaget meine Augen an, die Hoffart meinen Geist, der Irrtum und Zwiespalt mein Hartnäckigkeit, der Zorn und Rachgier meine Galle, Feindschaft und Zanksucht meine Meinung. Der Haß wider meinen Nächsten gibt meinem unversöhnlichen Herzen den größten Stoß. Die Fleischeslust überfällt meinen ganzen Leib, und diese spinnt schon einen Faden, an welchem ich ewig sollte gefangen liegen.

Siehe, o Welt, dieses, sonst nichts, hast du mir vor meine Dienste gegeben. Nun sehe ich erst, was ich vor Münz empfangen habe. Ich sehe ein ganzes Meer von demjenigen Trank beisammen, welchen ich über Not und Vermögen in mich geschüttet. Der Fraß bauet große Berge von unnötig verzehrter Speise auf. Die übel angewandte Zeit schickt mir schon einen Wurm zu, der mein Herz ewig martern soll. Ach, warum habe ich dir getrauet, warum habe ich dich so liebgewonnen? Ich fühlte zwar deine Stricke; aber da ich fliehen wollte, war ich schon zu hart gefesselt. Ich fühlete deinen giftigen Trank; aber da ich mich davon entschlageij wollen, wurde ich nur desto durstiger; darum lebe wohl. Ich habe nichts mehr übrig, o Welt, das ich dir zum Valet schenken könne, du hast mir schon alles abgenommen und gleichsam unvermerket geraubet.

Meine kindliche Unschuld opferte ich dir noch in jungen Jahren auf. Meine christliche Einfalt stahl mir deine tausendfältige Hinterlist, mein Herz ist von deiner Scheinheiligkeit geraubet worden. Meine Andacht ist von deiner Gleisnerei besudelt. Die Liebe zum Nächsten hat mir deine Rachgier entwendet, den Fleiß im Lebenswandel habe ich deinem Müßiggang aufgeopfert, den Gehorsam deiner aufgeblasenen Einbildung. Siehst du, o Welt, all diese Eigenschaften und noch viel mehr andere hast du mir geraubet, meine Wachsamkeit übergab ich dem Fraß und der Spielsucht, die billige Ruh der Liebe des Frauenzimmers, meine arme Seele dem ewigen Verderben. So habe ich nun nichts mehr, was ich dir zum Angedenken schenken könnte. Meinen Reichtum verlangst du nicht, denn er ist ohnedem von dem deinen mir geliehen worden; meinen Abscheu vor den Lastern darf ich dir nicht anbieten. Mit meinen Tränen ist dir nicht gedienet, und die Schalkheit, mit welcher dir zum allermeisten geraten wäre, habe ich lang aus dem Herzen verbannet. Die Liebe zur Vollkommenheit verlachest du, und außer dieser wüßte ich nichts in meinem armen Vermögen, was ich dir Dienliches mitteilen könnte. So hab ich dir nichts zu geben, o Welt, als ein kurzes Lebewohl! Es ist ein kurzer Wunsch, welchem, wenn du ihm folgen wirst, so wirst du auch ewig wohl leben.

Was hilft mich meine genossene Ehre, mein eingebildete Hochheit und Ehre? Es ist Tand und Eitelkeit und verschwand noch, ehe ich ihrer recht gewahr worden. Was hilft mich die gepflogene Erdenlust? Sie war mit tausend Sorgen gesuchet, mit Furcht gefunden und in Schmerzen wieder verloren. Es war nur Tand und Eitelkeit. Was hilft mich mein Reichtum und Vermögen? Mit Ungerechtigkeit war er zusammengeschunden, mit offenen Augen mußt er stets bewachet werden, und augenblicklich wird er verloren. Es ist nur ein Tand und Eitelkeit. Was hilft mich die genossene Frauenliebe? Sie war kurz und unbeständig, voll Falschheit und Betrug, und wo ich zuvor ein Quintlein Lust genossen, davor fühle ich nunmehr in dem Herzen tausend Centner des allerbittersten Kummers. Was nützet mir der Neid, welchen ich gegen meinen Nächsten oftmals ohne Ursach getragen? Er war nicht anders als ein Dolch, dessen Spitze in mein eignes Herz gedrungen und solches gleichsam abnagend getötet hat. Was hilft es mich, o Welt, daß ich aus deinem Antrieb und dir zu Ehren bald diesen, bald jenen verleumdet habe? Wahrhaftig, es hilft mich nicht allein nichts, sondern machet mir noch darzu ein schweres Gewissen, weil ich nicht weiß, was ich dermaleins vor eine Rechenschaft deswegen geben soll! Ich wußte wohl die Wort der göttlichen Schrift, daß es hieße: ›Ein Beispiel hab ich euch gegeben, daß ihr euch untereinander liebt, gleichwie ich euch geliebet habe.‹ Aber ich unterließ solches nicht allein, sondern tat noch darzu das Widerspiel.

Was hab ich davon, o Welt, daß ich, deiner Stolzheit ein desto größers Ansehen zu machen, so viel gehauen? Nichts und weniger als nichts! Der Zahn der Zeiten wird endlich noch alles zermalmen, und also vergehet auch der Ziegelhaufen gleich dem Schnee, der von den Strahlen der Sonnen schmelzet. Was hab ich von meiner Gleisnerei und falschem Herzen? Siehe, o Welt, all diese Stücklein habe ich von dir gelernet; aber ich sage dirs wenig Dank. Meine Schamhaftigkeit, mit der ich von Natur begäbet war, hast du mir durch deine vielfältige Verführungen bald abgenommen. Gib mir diese wieder zurück, denn du brauchest sie nicht. Ich fodere von dir Rechnung, o Welt, über alle diese Sachen, die du mir geraubet hast. Wo ist meine Frommkeit, meine alte Andacht, meine Liebe gegen die Tugenden, gegen dem Nächsten, mein Gehorsam gegen die Obern, die Barmherzigkeit gegen die Notleidenden und Kranken? Wo ist mein eiferiges Gebet, mein Fasten, mein Almosengeben? Sage mir, wo sind alle meine gute Werk? Wo ist mein Geduld im Kreuz und Leiden, meine Hoffnung in Trübsal, wo ist dieses alles hin? O Welt, du hast es hinter dich geworfen, und damit ich solche nicht mehr finde, hast du sie gar vergraben. Was habe ich von allem diesem von dir zu hoffen? Du weisest mir den Rücken, und nun sehe ich deine Gestalt von hinten viel anders, als sie mir von vornen geschienen hat. Darum: gute Nacht, o Welt. Ich protestier wider dich und deinen Anhang und sage dir alle Freundschaft auf, mit der ich dir zuvor verbunden gewesen. Ich widerrufe alle die Wort, so ich jemalen dir zu Gefallen geredet habe. All diese Unreinigkeiten, mit welchen ich mich in dir so sehr und oft besudelt, verfluche ich. Was ich in dir Böses begangen, das will ich nicht begangen haben und setze dir, o Welt, für alle diese Untaten meine große und heftige Reue entgegen. Wer dir lebet, der stirbet. Dein Lachen bringet Tränen, dein Tanz einen traurigen Ausgang. Dein Paradies weiß von keinem Apfel der Unschuld, und in deinem Himmel scheinen keine Stern. Deine Sonne ist allezeit dunkel und dem Monden an der Abwechslung gleich. In deiner See fanget man faule Fische, und wer in deinen Wäldern jaget, wird plötzlich von einem Fuchs gebissen. Dein Stolz und Hochmut fällt so geschwind, als er steiget, jedoch bleibt er, was er allezeit gewesen, nämlich Wind und Eitelkeit. Der Strom deiner Traurigkeit fließt allezeit mit Krokodiltränen, und deine Wahrheit ist nur bloß unter dem Titul der Unwahrheit vollkommen. Deine Weisheit ist gläsern, aus welchen sie auch trunken wird; aber die Tochter und Mutter sind von einerlei Gebrechlichkeit. In dir ist es allezeit Winter, und darum gehest du vielleicht ohne Unterlaß im Wolfsund Fuchspelz, welchen, auf daß er nicht scheine, was er ist, du mit Schafshaut überziehest. O Welt, ich scheide aus dir und will mit deiner Gemeinschaft nichts mehr zu tun haben.

Du versprichst deinen Dienern ein ewiges Leben; aber sie merken nicht, daß dieses Versprechen weit ärger als der bitterste Tod ist. Du lockest sie, indem du vorgibst, ihnen herrliche Pyramiden aufzubauen; aber indem sie diesen zauberischen Werken folgen, kommen sie endlich an die Brandsäule, an welcher ihre ewige Wohlfahrt eingeäschert wird. Du versprichst ihnen Freiheit, und indem sie solcher genießen, werden sie nicht gewahr, an was vor harte Bande du sie angefesselt hast. Die durstigen Weltkinder wallen zu deinem Keller; aber dein vermeinter Nektar ist nur vor die unglückseligen Lippen bereitet. Dein Sonnenzeiger ist schön und zierlich vergüldet; aber ich sehe daran keine Drei, will sagen Treu. Diese Treu und alte Redlichkeit als zwei verwandte Brüder und Gesellen haben zwar in dir das Handwerk gelernet; aber anitzo sind sie verwandert und sind nit mehr in dir zu finden. Ich bleibe zwar in, aber doch nicht bei dir, denn es ist ein anders, in der Welt, ein anders, von der Welt sein. Dein Himmel scheint zwar allzeit klar, aber nur denen, welche blind sind. Du bist ein glückselige Spielerin, weil du uns Menschen oft durch einen einzigen Anblick das Herz abgewinnest, und wer solches bei dir versetzet, hat eine harte Auslösung zu fürchten. Du bist zwar eine Herberge, aber nimmest die nicht auf, die es gut meinen. Du willst keinen redlichen Gast, herentgegen gibst du den Meineidigen den größten Raum, und die das Spiel am besten zu karten wissen, die setzest du obenan. Die Einfalt muß dein Hausknecht sein und die Demut deine Küchenmagd. Alle Tugenden brauchest du zu geringen Lappen, und an solche wischen die Weltkinder ihre Schuhe. Die alten Gesetze findet man nicht mehr auf deiner Tafel geschrieben, und wo es in deinem Vermögen stünde, rissest du die Sonne von dem Himmel, damit sie deine häufige Fehler nicht verriete. Bei den größten Völlereien bist du gesund, und tut dir erst alsdann dein Haupt wehe, wenn du über dich sehen solltest, dein ewiges Heil zu betrachten. Deine Ärzte, o Welt, wissen von keiner Krankheit und sehen erst alsdann, daß der Mensch sterblich sei, wenn er tot ist; und also werden deine Diener zweimal begraben: nämlich einmal in die Erd und vors ander in die Höll.

Du bist freigebig genug; aber wem du gibst, der verlieret gemeiniglich den besten Schatz. Die Hoffnung ist in dir, o Welt, zwar ein Acker; aber man findet keine Frucht darauf. Du bildest dir ein, nur alleine weise zu sein, und in diesem Wahn unterstehest du dich, o gottlose Welt, den Werkmeister zu tadeln, der dich gemacht hat. Deine Friedenfahne ist zwar von ferne schön und weiß; aber wenn man sie in der Nähe betrachtet, so sieht man die roten Blutfäden, mit welchen sie allenthalben durchwirket ist. Du speisest deine Kinder allerdings wohl. Hungert sie, so tragest du Brot zu, steckst ihnen aber endlich einen solchen Brocken ins Maul, an dem sie entweder ersticken oder welchen sie nicht vertragen können. Durstet sie, so tränkest du sie so lange, bis sie endlich ertrunken sind. Du säuberst sie auch gleich einer obsichtigen Mutter; und damit kein Ungeziefer auf ihrem Haupt niste, so ziehest du ihnen die Haut über die Ohren ab. Wie manchem hast du so lange gelocket, bis du ihn an den Galgen gebracht? Wie vielen hast du dein Glücksrad gezeiget und ihnen statt desselben das Galgenrad geschenket? Wie vielen hast du gute Winde versprochen, und indem sie ihre Segel gegen dieselbe aufgespannet, haben sie so lang glückselig geschiffet, bis sie endlich in dem Port erschröcklichen Schiffbruch gelitten!

Deine Redekunst hat nur deswegen Blumen erfunden, auf daß man den Stachel und die Dörner nicht davor sehen sollte. Deine Poesie reimet zwar in den Cäsuren, aber nicht in dem Herzen überein. Deine Optica oder Sehekunst schließt allezeit das Auge zu, mit welchem sie nach der Wahrheit sehen sollte. Deine Musik, so lieblich dieselbe auch angestimmet wird, gehet doch allezeit auf ein Ach und Wehe aus. Auf deinen Instrumenten, so künstlich du auch daraufspielest, siehet man doch allezeit bei dem Ausgang alle Saiten gesprungen. Deine Disputierkunst ist wahrhaftig keine andere, als aus vernünftigen Menschen unvernünftiges Vieh zu machen. Deine Weltweisheit verspricht erst in dem hundertsten Jahr die Klugheit; weil aber wenig von deinen Schülern ein solches Alter erleben, sterben die meisten in ihrer Torheit. Deine Theologie redet zwar von Gott, aber nicht mit Gott, das ist, du betest selten oder gar nicht, sondern suchest nur unnötige Scrupel, dadurch du das Allernötigste, nämlich deine Seligkeit, versäumest. Deine Rechtsgelehrten sind niemalen geschickter, als wenn sie Unrecht tun sollen. Deine Medici versprechen dir ein langes Leben, welches sie sich doch selbst nicht geben können. Deine Rechenkunst bestehet in lauter Nullen. Die Baukunst ist in dir hochgeschätzt, denn du hast die Luft zum Fundament, darein du deine allerherrlichste Gebäude setzest. Im Erdemessen bist du so beflissen, daß du darüber den Himmel vergissest. Die drei Schwestern Fides, Spes und Charitas wollten dich zu ihrem Bruder machen und mit sich ins wahre Vaterland führen. Weil du sie aber verstoßen, so hast du auch zugleich den Weg verloren, dahin sie dich begleiten wollen.

Siehe, o Welt, alle diese Unarten hegest du; wer sollte dich eine glückselige Mutter nennen? Also fährest du deiner Geburt mit. O unglückselige Söhne! Wer in deinem Schöße sitzet, ist unruhig in seiner Ruh, unglückselig in der größten Glückseligkeit, gehet irr auf dem allergebahntesten Weg, wird ausgeraubet unter den besten Freunden, schlüpfet auf dem besten Pflaster und nimmt in dem allergesundesten Trank Gift zu sich. Hat zwei Augen und siehet mit keinem, und der ihm den Star stechen will, brauchte der Cur nötiger als sein Patient. O Welt, so verkehret gehet es in deinen Grenzen zu! Wer sollte dich lieben, wer sollte nach dir Verlangen tragen?

Ich kam in dich als ein Schnee, ich gehe aus dir als ein Mohr. Ich fühlete keine Lust; aber da mich deine falsche Lippen küßten, brannte ich wie Feuer, und da ich dich bat, du solltest löschen, hast du statt des Wassers Öl in mein Herz gegossen, dadurch sich die Flamme nur vermehret hat. Ich wollte in dir lernen, meinem Nächsten zu helfen, so hast du mich gelehret, ihn zu betrügen. Ich wollte sehen, wie ich dem Bedürftigen mit hülfreicher Hand beistünde, so hast du mir gezeiget, wie ich ihn um alles bringen sollte. Ich begehrte von dir zu wissen, wie ich recht vertraulich sein sollte, so hast du mich gelehret, wie mein Gemüt gleisnerisch zu verbergen sei. Ich wollte in dir den Mantel der wahren Einfalt umnehmen, so weisest du mir, wie ich ihn nach allen Winden wenden und drehen sollte. Siehe, o Welt, so hast du deinen Schüler verführt, ich bin dir keinen Schuldank schuldig. Ich wollte von dir wissen, wie man die Hungerigen speisen, die Durstigen tränken sollte, so sagtest du, ich solle mein Sach alleine verzehren. Ich wollte in die Kirche Geld geben, so hießest du mich solches in die Weinhäuser tragen. Ich wollte dem Hungerigen mein Brot brechen, du hießt michs vor die Hunde werfen. Ich wollte meinen Nächsten loben; aber du verwandelst mir die Lobrede in eine Schmach.

Du, o falsche Welt, wärest zwischen meinem Herzen und der Zunge die Schiedmauer, darum redete ich anders, als ich gedachte, und gedachte anders, als ich redete. Wollte ich süßen Wein einschenken, so mengtest du Salz ins Geschirr. Alle Reden meines Nächstens legtest du mir anders aus, als er sie gemeinet hat. Also zerrüttest du meinen Kopf ohne Unterlaß, auf daß du mich dir in allem gleichförmig machen könntest. Ich wollte von dir die Sternseherkunst lernen; aber du hebtest dein Haupt nicht gen Himmel. Dein Calender bestund zwar in einer kurzweiligen Fasnacht; aber wer diese Kunst etwas vorsichtiger erwogen, sah, daß es nur eine immerwährende Marterwoch der frommen Gemüter war. Post Bacchanalia jejunium! Gedenke doch, o Welt, daß, obwohl du eine stete Fasnacht celebrierest, dennoch nach dieser, es sei gleich lang oder kurz, eine Fasten, und zwar welche ich dir nicht wünschen will, die ewige, folgen wird. Da wird es leere Schüssel abgeben. Die Laute, auf der du so frohe und üppige Lieder gespielet, wird da gesprungen und alle Saiten abgerissen sein. Anstatt dieser kannst du die Schlangen der Medusa: aufspannen. Dein Trank, ob er dir gleich anitzo wohl schmecket, wird allda nicht allein die Farbe, sondern auch den Geschmack verwechseln; und weil du, o Welt, bei dem Trunk gleichsam hier auf Erden angepappet sitzest, so wird dir dort nicht unbillig Pech eingeschenket werden. Ich bin in dir genug gemartert, genug gepeiniget worden, nun ist es Zeit, daß ich dir deine Gebrechen vorwerfe und in Erkenntnis derselben dir zugleich absage und dich aus meinem Herzen verbanne. Darum lebe nochmals wohl, und so ich etwas vergessen, welches deiner Unart hiermit hätte sollen vorgeworfen werden, so ist solches aus einem billigen Abscheu geschehen, welchen meine Zunge vor deinen Lastern hat.«

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