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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 70
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XX. Capitul. Deutet weiter an, wie er zu zweien Mördern gekommen.

»So finster es in dem Wald war, hatte ich doch die Wege gleichsam schon im Griff«, kam also noch vor Tags zu einem halb eingefallenen Schlößlein zwischen dem Gebirg, allwo mich ein wunderlicher Herr aufgenommen, desgleichen ich noch wenig zuvor gesehen hatte. Er war noch ledig und hatte sehr wenig Leut um sich, von welchen er sich bedienen lassen. Er ging alle Morgen bei Aufgang der Sonne über Gebirg und brachte dann abends entweder einen Beutel voll Geld, einen Sattel, Pistolen oder einen hübschen Mantel nach Haus. Ich kann wohl schwören, daß ich weder ihn noch alle die, so um ihn gewesen, nie keinen Vaterunser habe beten hören. So hatte er auch eine Luftbüchse, mit der er manch schönes Wildbret geschossen und verzehret hat. Er hatte mehr als vier Weibsbilder um sich, und wußte niemand, obs seine Schwestern, Befreundte oder Weiber waren.´

Einsmals sagte er zu mir: ›Komm, Bub, wir wollen hinausgehen und die Straßen reinigen!‹ Als ich derowegen mit ihm übers Gebirg ging, kam uns ein Wanderbürschlein entgegen, so einen leinern Ranzen oder Felleisen auf dem Rücken trug. Da merkte ich, mit was vor einer Profession mein Herr sich nährete und wie fleißig er die Straße reinige. ›Lege dich nieder,‹ sprach er zu mir, ›und ducke dich so lange, bis ich mich über ihn hermache, du mußt indessen überall herumsehen, ob nicht jemand auf der Straße wandle, der mich an meinem Vorhaben hindern möchte. Siehst du nun etwas, es sei gleich nahe oder ferne, so gib ein Zeichen und eile geschwinde mit mir das Tal hinunter. Und damit man uns desto weniger auf der Haube sein kann, so wollen wir auf zwei Teil auslaufen, einer dahin, der ander dorthin, weil man sich der Gelegenheit so gut bedienen muß, als man kann!‹ Aus diesem können Euer Gestreng zur Genüge abnehmen, was für ein sauberer Schafhund mein Herr gewesen.

Nach dieser Vermahnung ging er auf die Handwerksbursch zu, und zwar mit einer sonderlichen Manier. Er begehrte in der erst von demselben nur ein geringes Almosen; als sich aber derselbe entschuldigte, daß er selber ein armer Teufel sei, der das Seine auf der Wanderschaft haben müßte, und daß er seine Zehrung von Ort zu Ort zusammenfechten oder, besser zu sagen, zusammenbetteln müßte, so schlug ihm mein ehrlicher Herr, indem er sich so verantwortete, ein Bein unter, fuhr ihm mit einem Servet in das Maul und wußte ihn so meisterlich anzupacken und auszuplündern, daß nichts darüber war. Er drohete ihm noch dazu, daß, wenn er sich nur mit dem geringsten Schrei würde merken lassen, so wollte er ihm nicht allein die Gurgel zudrosseln, sondern noch darzu ein Messer durchs Herze stoßen. Also ließ sich dieser verzagter Lumpenhund voll Schrecken und Zittern leichtlich überwinden, da ich doch oftermal gesehen habe, wie mein Herr wohl von einem Jüngern Bürschlein nicht allein wacker mit der Fuchtel auf dem Platze ist herumgetrieben, sondern oft darzu mit Schimpf und Schand wieder dahin gejagt worden, woher er gekommen ist.

Nicht weit von uns wohnte noch so ein sauberer Gesell, und ob ich schon dazumal jung war, auch noch nicht alt bin, war mir doch in einem solchen Zustand angst und bange. Oh, wie oft seufzete ich nach meiner alten Condition. Es reuete mich wohl tausendmal, daß ich mich zu Au auf dem Schlosse nicht besser gehalten hätte, denn allem Ansehen nach so war ich in einem gefährlichen Zustand, und war um eine unglückselige Stunde zu tun, daß wir alle, so viel unser auf diesem eingefallnen Raubnest gewohnet haben, wären gehangen worden. Wenn ich bei diesem ein Monat lang gedienet, mußte ich auch dem andern so lange aufwarten, welcher in seinen Handgriffen viel erfahrner als dieser gewesen, denn derselbe hatte keinen gewissen Aufenthalt, sondern blieb diese Nacht in diesem und jene Nacht in jenem hohlen Baume sitzen, in welchen er auch all sein gestohlnes Zeug geflüchtet und verstecket hat. Auf eine solche Weise saß er sicherer als der andere, weil er unmöglich auszukundschaften war. Dennoch wurden sie zuletzt beide gefangen und eingezogen. Als nun das Urteil vollzogen werden sollte, war der eine schon über alle Berge ausgelaufen, welcher auch der Schlaueste war.«

»Wie hieß dieser,« sagte ich hierauf zum Page, »der entrissen, und wie sah er aus?« – »Er war«, antwortete der Knab, »nicht gar lang von Statur, hatte rote Haar und einen schwarzen Bart, sein Name hieß Sebastian; aber unter der Diebszunft, dahin er gehörete, haben sie ihn den Schell-Wastel geheißen, weil ihrer eine ganze Karte sich zusammenrottiert und ein jeder unter ihnen ein gewisses Blatt zu seinem Zunamen hatte. Als einer war der Herz-König, der ander das Grüne Daus, der dritte die Ecker-Sieben und so fort, welches sich Euer Gestreng besser einbilden, als ich es hie mit vielen Umständen an den Tag geben kann.« – »Ja,« sagte ich, »ich weiß mehr um dergleiche Schelmenstück. Dieses ist ohne allen Zweifel ebender Dieb, so mir gedienet hat. O Wastel, Wastel, den Schreiber hab ich in meine Gewalt bekommen, die Beschließerin hat sich nicht verbergen können, du wirst dich endlich unverhofft selbst verraten und an den Tag bringen!«

Unter diesem Gespräch des Jungen zeichnete ich meine zukünftige Klausen auf Papier, wie ich nämlich solche wollte zugerichtet wissen, damit mirs am bequemsten war. Und weil ich meinen beiden Schlössern nahe genug war, brauchte ich zu solchen keine absonderliche Verstände, weil ich bald ab und zu reisete, zu sehen, wie etwan der Student sowohl als der alte Krachwedel haushielte. So hatte ich auch, wie ich droben gemeldet, einen Musicum von einem fürstlichen Hofe bis daher aufgehalten. Weil er aber sehr melancholisch von Gemüt, hat er wenig solche Kurzweilen verübet, die allhier Raum haben könnten, denn er vertrieb seine meiste Zeit bei der Viol di gamb in einem Zimmer alleine, und weil er ein eifriger Christ war, floh er nicht allein die Compagnien insgemein, sondern redete auch sogar mit mir oft kein Wort, es sei denn, daß es die höchste Notwendigkeit erforderte. Und ich halte davor, daß er auch deswegen sehr ungern zu Hofe gedienet, weil es allda große Schrauben abgibt, die er zu ertragen nicht gewohnet war.

Dieser nun, ob ich ihm gleich die Inspection über beide Güter auftragen wollen, entschuldigte sich dennoch wegen seines Unvermögens, weil er mehr in der Partitur als in dem Hauswesen sein Leben lang studiert hatte. Und in der Wahrheit so gefiel mir diese Resolution trefflich wohl und lernte ihn erst kennen, daß er keiner von diesen sei, die zuweilen mehr aus sich machen, als sie sein, und starke Sachen mit schwachen Schultern tragen wollen. Endlich, wer ihnen trauet, der fällt mit ihnen über den Haufen und wird erst nach geschehener Sache gewahr, daß sein Vertrauen anstatt des Felsens Sand angetroffen und auf demselbigen gebauet habe. Ich gab ihm demnach ein ziemliches Stück Geld, und weil ich in der künftigen Eremiterey nichts brauchte als etwan eine rauhe Mönchskutte, als verehrte ich ihm vor seine Müh und bisher an mir angewandten Fleiß etliche saubere Kleider samt aller weißen Wäsche. Davor er mir zu Erweisung seiner Dankbarkeit zwei von seinen besten Büchern, voll von den herrlichsten Compositionen, zurückließ, mit Versprechung, daß er ins Künftige, wohin ihn auch das Glück trüge, mit mir ferner correspondieren und solche Sachen schicken wollte, welche von den besten Künstlern gesetzet wären. Mit einem solchen Verlaß schied er aus dem Schlosse, und ich gab ihm an alle diejenige ein Recommendation-Schreiben mit, die er auf der Reise als meine beste Freunde besuchen und also gleichsam ohne Zehrung aus dem Land kommen konnte.

Also schieden wir freundlich voneinander, welches sonst mit solchen Leuten ein seltsames Stück ist. Denn einen Künstler verlieret man nicht gern, und ein solcher, wie dieser gewesen, trifft tausend gute Herren an, da oft ein Herr unter Tausenden nicht einen solchen Diener antrifft. Ich bin auch jederzeit der Meinung, daß ein Musicus bei Hof das aliervergnügteste Leben hat. Ich rede aber von rechtschaffenen Leuten, die das Ihrige verstehen, und nicht von solchen Lumpenhunden, die von eigener Einbildung getrieben sich mehr einbilden, als sie all ihr Leben lang lernen können. Aber dieser gute Freund war fromm, treuherzig, ein guter Künstler, und was das allermeiste ist, so war er die Demut selbst, und was er redete, das meinte er auch. Ich habe ihn niemalen auf einem falschen Wege angetroffen, auch nicht den geringsten Ehrgeiz in ihm verspüret, dannenhero war mir nach seinem Hinscheiden die Zeit sehr traurig, dessen ich ohnedem zu meiner künftigen Einsiedlerei notwendig mußte gewohnet werden.

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