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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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V. Capitul. Herr Gottfridens Gärtner macht eine Musik vorm Schlosse; sie discurrieren vom Stadt- und Feldleben.

Demnach unterhielten wir uns mit allerlei angenehmen Gesprächen, und weil das Frauenzimmer etwas vorwitzig war, begehrten sie gleich anfangs, daß jeder unter uns sein bis daher geführtes geistliches Leben mit wenigen Umständen auf das kürzeste, so er mochte, erzählete, damit sie erfahren könnten, wie es einem oder dem andern bis daher gegangen hätte. Weil sich nun Friderich dort und dar wegen seiner gesehenen Gespensten und andern Abenteuren ziemlich angegeben, als wurde dieses Begehren nicht unbillig beliebet, weil man durch diese Erzählung gleichsam ein neues Band zu wirken suchte, durch welches die alt gepflogene Freundschaft unter uns aufs neue möchte aufgerichtet und zusammengeknüpfet werden.

Also deckte man die Tafel, bei welcher dazumal viel angenehmere Discurs als sonsten vorgelaufen sind. Man redete von nichts, als wie verdrießlich die Einsamkeit sei, und war keiner unter uns, welcher nicht seine Meinung bald vor, bald wider dieselbe beigetragen hatte. Dazumal ging ein Geiger und Sackpfeifer auf der Straße vorbei, welchen etliche volle Bauernlümmel aus der Dorfschenke nachfolgeten, uns aber kamen diese Instrumenten so seltsam und wunderlich vor, gleich als kämen wir erst aus Ostindien an, und deswegen eilete man zu den Fenstern, und hat nicht viel gefehlet, so hätten wir sie heraufgerufen und uns bei dieser Zusammenkunft das Lied ›Wie lang bin ich nicht bei dir gewest‹ vor unsere Weiber aufspielen lassen. Weil es aber Friderichen annoch zu frühe gedünkte, mußten sie uns solches Lied darunten auf der Straße zehenmal aneinander aufblasen, zu welchem Philipp auf meiner Baßgeige das Fundament aushielt. Wir legten einen Taler zusammen, dem Bauergesindlein ihre Musik zu bezahlen, aber als wir solchen in einem Papier eingewickelt hinunterwurfen, schickten sie ihn wieder samt einem großen Beutel voll Geld zurück, und zwar durch das Fenster in unser Zimmer. Es hing ein Brief an dem Beutel, und als man beides eröffnete, fanden wir in dem Säckel mehr denn sechshundert Ducaten, im Brief aber, der an Gottfrid lautete, folgende Wort:

›Pfeifer Sack Gärtner. Schreiber geigt, Bogen fiedelt ihr auch, die zwei Mägde Kopfnüß auf dem Schloß, die Feder will nicht schreiben, gut Invention Leich-Carmen, nun werdet ihr wohl wissen, wer wir sind.‹

Wir lasen den Zettul wohl zehenmal durch, ehe wir unter die rechte Auslegung geraten konnten. Endlich fand es Gottfrid aus Erkenntnis der Hand. »Es ist«, sprach er, »niemand anderst als der Gärtner und mein Schreiber, welchen ich bis dahero die Aufsicht in meinem Schlosse übergeben habe. Die Schelmen haben sich verkleidet und machen uns wider Verhoffen eine angenehme Kurzweil.« Damit brachte man die Kerl herauf, und die anderen, die wir vor volle Bauernkerl angesehen hatten, waren niemand anderst als ebendiejenige Studenten, die ehedessen so lustig aufgefiedelt hatten. Diese waren gekommen, nachdem sie gehört, daß wir heutiges Tages auf hiesigem Schlosse würden eine allgemeine Zusammenkunft anstellen, uns mit ihren Instrumenten eine neue Ergetzlichkeit zu verursachen, die wir auf so viel und mannigfaltig ausgestandenes und erlittenes Ungemach höchst vonnöten hatten.

Die Schüler gaben vor, daß sie zu solcher Zusammenkunft von Herrn Philippen, welcher mit Friderichen durch ihre Stadt gereiset, wären bedinget und mit Geld bestellet worden, so war auch der Gärtner und Schreiber des Gottfrids mit ihrer Jahrrechnung angekommen und waren also willens, über alle ihre Einnahme und Ausgabe richtige Verantwortung zu tun, wie sie denn zum besseren Behuf ihrer Sachen, und daß Gottfrid desto weniger auf die Defecten bedacht sein möchte, mit obbeschriebenem Beutel voll Ducaten präambuliert hatten.

Man sah endlich beides vor gut an, weil wir aber nicht willens waren, einen großen Lärmen und Tumult, wie wir wohl ehedessen getan haben, anzufangen, sondern nur in bona caritate & cara bonitate so miteinander bei einem guten Gläslein Wein mit fröhlicher Conversation die Zeit zu passieren, als mußten die Studenten ihre Geigen mit Schnopfservetten verbinden, und die keine hatten, satzten Kämme oder Schlüssel auf den Geigensattel, und also hatten wir von der stillen Musik gedoppelte Lust. Erstlich, daß es uns die Ohren nicht voll turnierte, vors ander, daß wir bei derselben von allerlei Sachen gar verständlich und wohl vernehmlich discurrieren konnten, da man doch sonsten mit allen Kräften einander in die Ohren schreien muß, gleich als rufte man die Wache aus.

Sie hatten in den Ranzen die Mäntel und ihre Kleider mitgebracht, darum entkleideten sie sich in einem Gewölbe, und strich uns also die Zeit auf ihren Geigen noch so geschwinde hinweg. Solchergestalten vertrieben wir diesen Tag in höchstem Vergnügen, und ist nicht zu sagen, wie sehr wir uns in dieser unverhofften, doch durch Herrn Friderich recht klug angestellten Zusammenkunft untereinander ergetzet haben.

Man beschloß noch diesen Abend, drei Tage auf'm Schlosse zu bleiben und alsdann wiederum zurücke zu reisen. In dieser Zeit mußten die Schüler oder, wie sie lieber wollen geheißen sein, die Studenten bei uns bleiben, weil sie nicht allein mit der Geige, sondern auch mit dem Maulleder wacker umspringen konnten. Bald mußte dieser von diesem, bald jener von jenem erzählen, bald hetzten wir sie mit einer Frage aneinander, darob sie sich wie die Katzen zerzankten und zerhaderten. Einer disputierte pro, der andere contra, und was noch das Allerlächerlichste war, so behaupteten ihrer zwei das Falsum, nicht darum, weil sie es nicht besser wußten, sondern weil etliches Frauenzimmer auf ihrer Seite war. Daraus konnten wir genugsam abnehmen, was vor verliebte Donnerdieb die Schüler sein und wie schröcklich sie vom Cupidine mit der Mistgabel verletzet waren. Man disputierte unter anderm auch, welches besser wäre, in einer Stadt oder auf dem Land zu leben. Da sagte der erste, in der Stadt, denn da hätte man nicht allein gute Gelegenheit zu täglicher Conversation, sondern könnte noch darzu durch hin und wider laufende Novellen den ganzen Statum Mundi erfahren. So wäre auch in dergleichen Orten guter Respect, dahingegen die Bauren auf dem Dorfe sich lange besinnen, ob sie vor einem Edelmann den Hut abziehen wollten oder nicht. Man könnte auch allda sich nicht allein mit allerlei kostbarem Zeug bald versehen, sondern hätte auch gute Ursach, sich in Kleidern sehen zu lassen, welche auf den Dörfern oftermals im Kleiderkasten hangen und von Motten und Staube müßten verzehret und aufgefressen werden und was dergleichen Umstände unzählig waren; und diesem stimmte das Frauenzimmer bei, weil sie, von Natur zum Stolz und Hochmut geboren, gern von den Leuten gesehen und in ihrem Habit verwundert werden wollen. So halten sie auch viel auf Conversation und zuweil auch mit solchen Leuten, von welchen man nichts Gutes zu hoffen hat, welches wir zwar von unsern Weibern, derer Treue uns mehr als zu viel bekannt war, keinesweges zu befürchten hatten, jedennoch, a potiori fit denominatio, und weilen es die meisten also zu machen pflegen, so müssen es hernachmals die Unschuldigen mit entgelten.

Andere behaupteten im Gegenteil, wie lustig es sei, auf dem Felde zu wohnen und daselbst seinen Geschäften nachzugehen. Viel Schwätzen verderbte, sagten sie, nur gute Sitten, und wo viel Wort wären, da wären gemeiniglich auch viel Sünden, wäre also die in Städten gelobte und gepriesene Conversation nur eine giftige Seuche, dadurch mancher eine solche Dosin einnehme, davon er hernachmals nicht nur den Leib, sondern auch die Seele aufopfern müßte. Wenn einer dem andern gern in die Haare wollte, so wäre dieses die angenehmste Gelegenheit, einander die Meinung zu sagen, und also sei es viel, ja weit besser, auf einem einschichtigen Dörflein alleine sitzen und statt dem steten und unabläßlichen Gezänke den Waldvögeln zuzuhören. Denn gäbe es gleich in Städten, keinen Zank oder andern Widerwillen, so käme doch bald dieser, bald jener zu schwätzen von seinem ausgeliehenen Capital, der andere von seinen ungetreuen Freunden, der dritte von der schlechten Zucht der Obrigkeit, der vierte von seiner Haushaltung, der fünfte von seinem Kaufen und Verkaufen, der sechste von den Kriegszuständen. Da wären viel Wort und wenig Nutzen, und wenn mancher zwölf Stunden von dergleichen Sachen geredet hätte, so wüßte er doch die dreizehente nit, was es wäre. Und also wäre die Zeit geistlicherweise nit allein verloren und übel angewendet, sondern auch unverantwortlich verschwendet. Die Zeitungen und Novellen anbetreffend, wären solche meistenteils erlogen und erdichtet, indem sich oftermals vier Schreiber zusammensatzten, und welcher unter ihnen die beste Lüge erdichten könnte, der müßte auch die Zeitungen schreiben, und wenn ja an denselben so viel gelegen war, so könnte man solche sowohl auf den allerabgelegensten Dörfern als in den volkreichesten Städten haben. Die Kleiderpracht anbetreffend, wäre solche vor und an sich selbst eine große Sünd und Üppigkeit, weil sich da immer einer vor dem andern will heraus- und hervortun; kleideten sich dannenhero ihrer viel nicht aus Not, sondern dem andern zu Trutz, und dannenhero würde anitzo das Stück Geld, das man billiger zur Auferbauung eines Spitals oder Unterhaltung der Klöster und Kirchen anwenden sollte, in ein Lumpenkleid verstecket, welches etwan so lange als eine Spinngewebe an einem Fensterstock hielte. So müßte man über dieses in einer Stadt die Woche zehen Taler verzehren, ehe man auf dem Dorfe zwei vonnöten hätte, denn wenn einen gleich nicht hungerte, so müßte er doch propter Rationem Status alles voll und wohl an den Spieß stecken lassen. Es wäre zwar wahr, daß man in Städten zu viel und mancherlei Gastereien geladen und berufen würde, allein solche Gastgebot wären nur Ursachen, daß man wieder eine dergleichen anstellen und sich in große Unkosten stecken müßte. Man wüßte über dieses wohl, daß Fortunatus mit seinem Säckel schon lange tot sei, und also ließe sichs vernünftig schließen, daß man auf das Geld fleißig achtgeben müsse, damit solches nicht vor der Zeit verschwände. Es wäre bekannt, was aurum volatile vor ein Ding sei, dannenhero wäre es viel leichter, solches auf den Dörfern als in großen Städten zu conservieren und im Säckel zu behalten. Andere Ursachen wollte man vor diesmal verschweigen, die einen dort und dar in großen Zusammenkünften ums Geld bringen könnten. Mancher verspielte in zwei Stunden all sein Geldlein, welches hernach sein Weib und Kinder ein halbes Jahr empfinden müssen. Dannenhero wäre es weit tauglicher und ratsamer, auf der Einsamkeit und in der Feldluft zu leben, weil man daselbst das Seine nicht allein besser zu Rat halten, sondern noch darzu das Gemüt von vielen Passionibus und Eitelkeiten entfernet und rein behalten könnte.

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