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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 69
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIX. Capitul. Sein Page erzählet vom Land ob der Enns.

»Die oberösterreichische Landschaft ist eine unter den vornehmsten des Teutschlandes. Ihre herrliche Situation und die gesunde Luft haben sie allenthalben, noch mehr aber ihre schöne Gebäude, bekanntgemacht, mit welchen sie so wohl als das Latium pranget. Die Höflichkeit der Einwohner hat den Ausländern allezeit zu einer Verwunderung gedienet; und dannenhero ist dem Österreich der rühmliche Name zugewachsen, daß es vor allen andern Ländern, die sich gegen Orient befunden, billig das Höfliche genennet wird. Von Fruchtbarkeit des Landes will ich dermalen diejenigen reden lassen, welche sich aus ihrem reichen Mutterschoße bis auf diese Stund reichlich ernähren. Das herrliche Salzwerk zu Ischel, welches über Gmünden durch den gefährlichen Fall geführet wird, ist ein unvergleichliches Kleinod dieses Landes; und das Eisenerz hat allein den Ruhm, daß es mit ihrem häufigen Erz und absonderlich mit dem guten Stahl das ganze Teutschland wohl versehen könnte. In diesem Land ob der Enns sind etliche See berühmet, aufweichen es herrliche und prächtige Schlösser gebauet, desgleichen noch wenig in Europa gesehen werden. Nur ein einziges Exempel ist das berühmte Schloß Kammer, welches weit in der See mit unvergleichlicher Schönheit aufgeführet ist. Von daraus siehet man gegen Morgen die hohe Spitze des berühmten Traunsteins, der den Inwohnenden vor einen täglichen Calender dienet, indem man durch die Tiefe oder Höhe der herniedersinkenden Wolken das Wetter abzunehmen schon von alters her und absonderlich unter dem gemeinen Landmann gewohnet ist. Dieses Gebirg ist eines unter den höchsten in dem Land und umfanget gleich einer runden Mauer den lieblichen Gmündner See, welcher seinen Namen von der lustigen Stadt nimmet, die zum Ausfluß der Traun, obzwar nicht gar prächtig, jedennoch sehr angenehm in etliche Gassen geführet und zu Ausladung des von Haistatt hingeführten Salzes gar dienlich ist.

Von dar kommt man, wie ich Euer Gestreng vor erzählet habe, auf den Fall, welches den Durchschiffenden fast der allergefährlichste Ort im ganzen Lande ist. Dieser Fall liegt zwischen Gmünden und dem sogenannten Stadel, und was seinen Namen anbetrifft, so wird der Ort also genannt, weil daselbst die gesamte Traun eines Haus hoch über jähe Felsen abstürzet und also vor diesem ganz unmöglich durchzuschiffen war. Es hat aber ein vortrefflicher Werkmeister auf hohe Unkosten des Kaisers daselbst einen Kanal durch den harten Felsen mit unbeschreiblicher Mühe dergestalten gehauen, daß man heutzutage (obzwar mit guter Obsicht) dennoch gar wohl und ohne Hindernis hindurchfahren und also einen unglaublichen Unkosten ersparen kann, welchen man doch mit dem Salz auf der Achse nach dem Stadel zu führen anwenden müßte. Denn weil von der obbesagten Stadt Gmünden aus bis in den Stadel die Traun zwischen den Bergen geschlossen sehr tief gehet, führet man mit wenig Personen gleichsam in etlichen Stunden auf einem einzigen Schiffe so viel Salz nachdem Stadel, als sonsten mit hundert Pferden innerhalb zwei Tagen nicht konnte vollendet werden. Wenn ich der Reißkunst erfahren wäre, wollte ich solchen Ort mit der Kreide figurieren, denn ich bin oftermalen dagewesen und habe mit Augen angesehen, wie die Schiffe gleichsam in einem Augenblick durch den ausgebäumten Kanal durchfahren, welcher sich weit über fünfhundert Schritt lang erstrecket. Ist also dieser durch den allmählichen Umschweif so ein gehauen, daß er bei seinem Ausfluß ganz gerade den andern Fluß wieder erreichet und also damit fortgehet.

Und weil ich ehedessen auf dem Schlößlein zu Au bei dem Jäger mich aufgehalten, lief ich fast täglich dahin, die Schiffe durchpassieren zu sehen, und bekam dannenhero manche Kopfnuß, wenn ich durch diese Zeit Verschwendung meine andere Verrichtungen verabsäumet habe. Man hört diesen Fall, wenn er geschlossen ist, auf eine gute Stund rauschen; dannenhero man leichtlich, absonderlich aber zu Nachtszeiten, weit umher abnehmen kann, ob er offen oder geschlossen sei. Der Fallmeister daselbstist mein naher Freund:, und habe mit meinem Edelherrn von Hain, dem das Schlößlein Au zugehörte, manch gutes Frühstück allda verzehrt.

Besagter Traunstein, so in dem Gmündner Gebirg der höchste Felsen ist, wird auf die zweiundzwanzig Meil Weges gegen Unterösterreich wegen seiner überaus großen Höhe gesehen. Auf diesem sind die Gemsen und Auerhahnen ein tägliches Wildbret, und wird auch auf solchem an dem Abend des Fests Johannis das sogenannte Johannsfeuer, und zwar auf dreien unterschiedlichen Orten des Gipfels, angezündet, wovon diejenige Person, der solches Feuer bereitet, ein Gewisses zu seinem Lohn empfanget.

Die Hauptstadt in Oberösterreich ist Linz, sie liegt an der Donau; und wenn sie noch einmal so groß wäre, so wollt ich sie allen Städten in Österreich wo nicht vorziehen, jedennoch gleichschätzen. Nichtsdestoweniger ist sie sehr bequem und dem Handel groß genug, der allda getrieben wird. Die Stadt Wels liegt an der Traun, von welchem Fluß ich bereits geredet habe, ist wohl gebauet und pranget mit unterschiedlichen schönen Häusern. Von daraus gehet man über Lambach auf Schwanenstadt, die ehedessen Schwans geheißen. Besagtes Lambach ist ein schönes und herrliches Kloster Benedictinerordens, gestiftet von dem heiligen Adalberto, und wird zur Gedächtnis dessen alle Jahr ein großes Almosen ausgeteilet. Auch ist allda fast die beste Musik, so nächst der wienerischen in dem Erzherzogtum Österreich den billigen Ruhm hat. Aber Schwanenstadt ist ein schlechter Ort, hat etwan in allem zwei Gassen, damit ist der ganze Ort beschrieben. Nicht weit von dieser Stadt ist ein Schloß auf einem hohen Berg, Wolffseck genannt, an welchem sich der Hausrucker anfanget, auf welchem ehedessen die Principalen derjenigen Bauren gesessen, die wider ihre Obrigkeit rebelliert, aber nichts damit ausgerichtet haben, als daß sie mit Schimpf und Schand endlich überwunden, auf die höchsten Galgen gehänget und den ausländischen Herren zur ewigen Leibeigenschaft gleichsam zum Spectacul und Abschreckung der andern sind verschenket worden. Diese, wie bekannt ist, haben sich erstlich von Steffel Vattinger, einem Zimmermann oder, wie etliche wollen, von einem Taglöhner, hernachmals aber, als er erschossen worden, von einem Studenten commandieren lassen, der sie alle stahleisenfest gemacht. Er hat ihnen auf dem Berg bei Lambach, so man den Buchberg nennet, ein Mus gekochet, und wer davon gegessen, in den ist weder Kugel noch Eisen gegangen, und was noch das Wunderlichste ist, so haben die Bauern die Kugeln nicht allein abweisen, sondern dieselbe noch mit der Hand fangen können.«

»Mein lieber Paul,« sagte ich zu meinem Page, »von diesen Dingen kann man genug in der Topographia Austriæ zu lesen bekommen, darum erzähle mir vielmehr, wie dirs in deinem Heimat gegangen und was du vor Herren daselbst aufgewartet hast.« – »Ich bin allda,« sprach er darauf, »was meine Geburt betrifft, in dem Adergey etwan eine Stund von Adersee in dem Markt St. Georgen geboren, welcher unter die Grafschaft der Kevenhiller gehörig. Nächst diesem liegt das hohe Schloß Kogel, allwo ich in meiner Jugend dem Pfleger vor einen Schwammendrucker, wir mans dorten nennet, aufwarten müssen. Weil mir aber der Berg gar zu hoch und oft zu steigen war, indem ich von daraus bis in den Markt fast anderthalb Stunden in die Schul gehen mußte, lief ich davon und kam nach Schörflingen zu der alten Frau Aleitnerin, bei welcher, als bei meiner Großmutter, ich mich drei Jahr lang aufgehalten. Hernach kam ich etwan im zehenten Jahr meines Alters nacher Frankenburg zu dem Hofwirt Pleckenwegner. Daselbst lernete ich rechnen und schreiben. Aber weil er zu frühzeitig starb, kam ich wieder weiter ins Land und wurde zu dem vorgenannten von Hain auf das Schlößlein Au, eine Stund vom Fall, gebracht, allwo ich nicht wußte, was ich eigentlich war. Ich mußte ihm erstlich über Land bei den Gastereien aufwarten. Zu Hause bekam ich in der Küche bald Pfeffer, bald was anders zu stoßen. So half ich auch der Frauen Wasser brennen, und dem Jäger mußte ich ins Holz seine Büchsen nachtragen. Sommerszeiten brauchte man mich auch zum Wetterläuten und Kornschneiden, Herbstzeit mußte ich Äpfel abbeuteln und wurde dann auch dort und da mit Briefen und anderen Posten übers Land geschicket.

Aber, wie ich vorgemeldet, weil ich öfters auf den Fall hin und wieder gelaufen und dadurch meine Zeit so liederlich zugebracht, jagte mich die Edelfrau von dem Schloß hinweg und zog mir noch die Liverey dazu vom Leibe. Ihr Herr begegnete mir gleich im Wald, als ich nach Gmünden ging, und da er mich so im Hemd und meinen leinern Hosen, die ich zu ihm gebracht hatte, dahergehen sah, verwunderte er sich von ferne mit seinem Stecken und fragte mich endlich, wo ich herkäme. ›Paul,‹ sprach er, ›wie kommen wir da zusamm?‹ Als ich ihm aber weinend erzählte, wie mich sein Weib ohne Gnad und Barmherzigkeit so sehr entblößet und mich nur mit einem schwarzen Stück Brot zum Schloß ausgestoßen, nahm er mich wieder mit sich, in Meinung, mir wieder anzuhelfen. Aber in der Nacht hörte ich sie wegen meiner abscheulich in der Kammer zanken. Ich hatte die Liverey wieder an, und weil sichs anließ, als dörfte ich wegen Widerwärtigkeit der Frauen aufs neue ausgeschälet und davongejauket werden, besann ich mich eines Bessern, bin also, nachdem ich unserm großen Hund sein silbern Halsband abgebunden, mit der Liverey noch in selbiger Nacht über die Mauer ausgestiegen und im finsteren Wald davongelaufen, habe auch noch überdas die allerzotenhaftigsten Reimen an das Tor angeschrieben, in welchen ich die Edelfrau viel ärger als die verlaufneste Landstörzerin ausgehudelt habe.«

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