Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Beer >

Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 67
Quellenangabe
pfad/beer/sommerta/sommerta.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
Schließen

Navigation:

XVII. Capitul. Der Student hat kein Pfaffenfleisch; kommt unter der Heimlichkeit des Gespenstes zu Steinbruch.

Bis hieher hat mir mancher saurer Wind über die Nase gegangen, wie auch allen denen, die in meiner Sommergesellschaft einverleibet waren. Philipp schrieb wunderliche Briefe von Hofe, und aus denselben erhellte klar genug, daß diese Hof leute nur die vergnügtesten wären, die keine Verfolgung hätten. Dennoch war er entschlossen, das schlüpferige Hofleben mit Manier zu verlassen und sich auf seinem Gut bei einem Stück Brot zu einer ewigen Ruhe niederzulassen. Sempronio war dem gemeinen Laut nach unter die Kriegsfahne gegangen und suchte durch Pulver und Blei noch zu einer hohen Ehre zu steigen, welche aber nur von diesen Soldaten erhalten wird, die am allerglückseligsten sind. Friderich und Dietrich waren willens, allerehestens in fremde Länder zu gehen und daselbst das Ungemach zu suchen, welches sie ohnedem wohl hätte zu Hause betreffen können. Also waren unser wenig, die sich noch mit einer brüderlichen Einigkeit sicher aneinander vertrauen dorften. Wir machten uns demnach vor dem Abschied der beiden auf Herrn Philippen Gut noch vortrefflich lustig, und sie versprachen, aufs längste innerhalb einem Jahre wieder zurückzukehren und die Gesellschaft also zu continuieren, daß es jedem zum vergnüglichsten ausschlagen möchte. Also nahmen wir dazumal voneinander Abschied, nachdem ich zuvor gebeten worden, unser bisher geführte gute Vertraulichkeit zu entwerfen, auf daß die Nachwelt und insonderheit unsere Nachkommen ein ewiges Zeugnis unserer gepflogenen Freundschaft vor Augen haben.

Nach meiner Heimkunft machte ich den Stradioten zum Haushofmeister, damit er sowohl auf mein Vieh als auf das andere Hauswesen gute Obsicht trüge. Ich aber entschloß mich, gleich wie vorher geschehen, wieder ein Eremit und Einsiedler zu werden. Zu Ende dessen bildete ich mir die Welt von Tag zu Tag abscheulicher ab und vergaß endlich dadurch aller Ehre und Hoheit. Und indem ich einsmal in solchen Gedanken mit meiner Geige an dem Fenster stund und lamentierte, kam ein Pfaff durch das Tor herein und ging geradezu gegen meinem Haus. Ich gedachte erstlich, es wäre etwan ein Bettelmönch, der um Schmalz, Butter, Käs und Fleisch bitten würde. Endlich aber klopfte er an meinem Zimmer an; und als ich solches eröffnete, sah ich den ehrlichen Studenten vor mir stehen, welcher aus dem Kloster ausgesprungen und davongelaufen. »Wie kommen wir hier zusamm,« sagte ich zu ihm, »und wie so schnell in dem staubichten Wetter?« – »Ach, Herr,« sagte er mit einem großen Seufzer, »lasset mich hier niedersitzen und Euch meinen Zustand klagen.« Hiermit satzten wir uns beide nieder, und er schloß das Zimmer zu, daß ihn niemand gewahr wurde. »Ich bin«, sagte er weiter, »vorgestern aus dem Kloster gelaufen, weil ich das Leben durchaus nicht gewohnen kann; und als ich also in der Nacht davon terminierte, kam ich in ein alt Gebäude und wußte nicht, wo ich war. Der große Regen verursachte mich, einen sichern Ort zu suchen, und ich kam in einen Saal, und da merkte ich, daß es auf dem Schloß zu Steinbruch wäre. Sehet, Herr Wolffgang, ich habe das Glück, Euch reich zu machen und von dem Tumult zu erledigen, darum höret: In der Nacht, als ich kaum hineingekommen, kam Euer Vater mit einer großen Fackel zu mir und führte mich mit sich in die Kammer, da Ihr ehedessen zu schlafen pflegtet. Alldort wies er mir sein Conterfey und sprach: ›Gehe hin und sage meinem Sohn, solle ich ruhen, so zertrenne dieses Bild und gib das Geld den Armen!‹ Nach diesen Worten ist er verschwunden, und ich habe mich die ganze Nacht nicht aus dem Schlosse finden können.«

Diese Post des ausgesprungenen Mönchs kam mir wunderlich vor, und weil er glaubte, also setzeten ihm etliche Boten nach, bat er mich, in dem Schlosse ihm ein sicheres Zimmer zu verschaffen, darinnen er sich ohne Gefahr aufhalten möchte. Und weil ich nach seiner Versicherung in Person nach Steinbruch reiten und daselbst das Conterfey, welches ich in der Kammer vergessen hatte, tranchieren mußte, als bat er mich in gleichen, nach verrichteter Sache gar an das Kloster zu reiten und alldorten zu sehen, was wegen seiner guts Neues passierte. Also ritt ich mit einem Knecht und dem Page fort, befahl aber dem alten Musquetier, als nunmehr meinem Hausverwalter, daß er keinen Menschen in meinem Absein weder in noch aus dem Schlosse, es möge auch sein, wer er wolle, passieren ließe, denn ich forchte, der Student dörfte auf falsche Practiquen umgehen und mich viel ärger hinter das Licht führen, als es der ehrliche Wastel – von welchem ich kurz zuvor gehört, daß er gehenket worden – getan hat.

Ich fand es zu Steinbruch eben in dem Zustand, als mir der Student zuvor entworfen hatte, und als ich das Conterfey, so schon ziemlich alt und vom Staub ganz unkenntlich geworden, mit großem Schauer und Grauen heruntergehoben, auch solches ganz allein in der Kammer aufgeschnitten und das Holzwerk daran zerschlagen hatte, fielen mehr denn über die achttausend Ducaten samt vielen Gold- und Silberstücken heraus. Ich hatte genug zusammenzuraspeln und wußte nicht, sollt ich mich mehr fürchten oder freuen. Nachdem ich nun solche teils in meine Stiefel, teils auch in die Säcke gestecket, ging ich wieder hinunter, und als ich das Geld in einem Sack zusammzählen wollte, kam mir unversehens ein Zettul in die Hand, welchen ich ohne Achtgebung unter dem Geld mußte aufgeraffet haben. Es war aber aus demselben so viel abzunehmen, daß mein seliger Vater einen Schatz in dem untersten Keller in einen Pfeiler an der Mauer vergraben, denselben auch in die hundert Jahr verschrieben hätte, und alsdann sollte ihn derjenige kriegen, der seinen Kindern die höchste Freundschaft würde geleistet haben. Dieses Geld aber müßte an das Armut gewendet werden, weil ers im Kriege aus einem Kloster entwendet und sich vor dasselbige Geschmeid all diese Sorten eingewechselt hatte. Dieses war der kurze, aber nachdenkliche Inhalt des Zettuls, welcher meines seligen Vaters eigne Hand war, und ist auch von derselben Stund an hernachmals nicht der geringste Tumult, wie sonsten gewöhnlich geschehen, mehr gehört worden.

 << Kapitel 66  Kapitel 68 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.