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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 63
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIII. Capitul. Wolffgangens heimliche Lieb wird offenbar. Seine Frau stirbt, nachdem der Wastel staubaus gemacht.

Diese Wurstritter verursachten der Compagnie kein geringes Gelächter; ich aber hatte indessen gute Gelegenheit, sowohl mit der schönen Liesel ihren Eltern als ihr Selbsten zu reden, welche über meiner Frauen Unpäßlichkeit, ob sie es schon nicht merken ließ, dennoch sehr froh war. Und also wurde ich durch diese Gelegenheit vollend gar zugestutzt, wie ich hätte sein sollen; und ich glaube, wenn mir einer alle Berge der Welt zu Gold hätte machen wollen, ich hätte doch von dieser Schönheit nicht ablassen können. Sie versprach mir in aller geheim, daß, sobald sichs mit meinem Weib zum Ende schicken würde, sollte ich ihrs wissen und mich zugleich von der Zusage nicht abwendig machen lassen, die ich ihr ehedessen zu Offenhausen getan hätte. Dieses war gut Wasser auf meine Mühl, und ich war hernach unter der Compagnie so fröhlich, daß ihrer viel nicht unbillig gezweifelt haben, ob ich eine kranke Frau zu Hause hinterlassen hätte oder nicht. Ihr Vater war sonsten sehr aufsichtig auf dergleichen Gespräche; doch weil ich ein Ehemann und sein altbekannter Freund war, dorfte ich mich unter dieser Freiheit schon weiter, als einem jungen Gesellen angestanden wäre, herauslassen, und mich muß ich noch über die unablässigen Seufzer höchlich verwundern, welche die Liesel dazumal unvermerkt der andern gegen mich hat abgehen lassen, ohne Zweifel nichts mehr als den schleunigen Tod meiner alten Frauen wünschend, dadurch sie mich abscheulich angehäkelt hat.

Aber wenn eine Sache einmal ins Gehen kommt, so geht es entweder schnell fort oder bleibt gar stecken. Mir hat es aufs wenigst allzeit so gegangen. Darum weiß ich wenig Tage zu erzählen, daß es mir so wohl als diesen Tag geglücket hat. Man legte mich auf dem Gut Herrn Gottfrids in ein stattlich Zimmer, und die anderen vom Adel wurden da und dort aufs beste accommodiert. Nichts war mir lieber, als da ich der Liesel ihren Herrn Vater so sehr berauschet sah, denn dadurch hatte ich desto besser Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, wie ich sie dann auf dem Schlosse in einem Zimmer allein angetroffen, dahin ich von Gottfriden bin gewiesen worden. Daselbst machten wir unser ehemaliges Versprechen nochmals gewiß, und was wir zu Offenhausen zusammen geschworen hatten, das versicherten wir nochmals mit tausend Küssen, welches, als es fast kein Ende nehmen wollte, schlich Herr Gottfrid hinter einer Tapete, damit dieses Zimmer behangen war, hervor, und ich erschrak nebenst ihr über alle Maßen ob seiner so unverhofften Gegenwart.

»Sehet,« sagte er, »so gehts, wenn man auf unrechter Wiese graset. Aber lasset euch nicht schrecken. Ich weiß wohl,« sagte er zu mir, »daß du ein altes Weib und an ihr weder zu nagen noch zu beißen hast, und was meinest du wohl, wer mir den Ring gegeben hat, welchen ich dir neulich gewiesen? Du, lieber Bruder, bist es selbst gewesen, denn zu Offenhausen habe ich schon gemerkt, was ihr vor eine Meinung zusamm traget, darum verkleidete ich mich in Weibshabit, gab mich auch in den Finstern vor der Jungfer Kammermensch aus, und also bist du betrogen worden. Ich wünsch euch zu eurem Vornehmen viel Glück, geht es an, so haben wir bald eine frische Hochzeit, und der heutige Platz stehet zu euren Diensten!« Hiemit umfing ich ihn, und die Liesel bat herzinniglich, diese Heimlichkeit fleißig zu verschweigen, sie wollte mein eigen und seine ewige Dienerin heißen, auch alle seine Treu, wenn uns das Glück zusammenfügen sollte, mit einem würdigen Angedenken vergelten. Nach solchen unter uns vorgelaufenen Reden begab ich mich wieder in mein bestimmtes Logament, daselbsten die überige Nacht in tausend Freuden verbringend, und achtete wenig, ob meine Frau zu Haus ächzete oder weinte. Des andern Morgen brachte der Diener, welchen ich in die Stadt geschicket, die Medicin nebenst einem Bericht mit sich zurücke. Aber ich hätte lieber einen Buhlbrief von der Liesel als diesen Doctorzettul gesehen. In summa, ich war von der Lieb dermaßen überwunden und eingenommen, daß ich mein eigenes Unglück nicht sehen noch ermessen konnte, in welches ich spornstreichs gelaufen bin.

Der Diener hatte mir kaum die Sachen ein gehändiget, als mir gleich darauf von Hause ein anders Schreiben überliefert worden, in welchem mir die große Lebensgefahr meiner Frauen berichtet worden. Ich befahl demnach meinen Leuten, geschwinde aufzusitzen, und nahm allenthalben auf dem Schlosse Urlaub. Aber potz Veiten! Der gute Wastel hatte diese Nacht nicht allein etliche Mäntel, Pistolen und andere Sachen heimlich zusammgepacket, sondern war mit denselben noch dazu auf und darvon geritten. Er hat mir über dieses eins von meinen besten Pferden mitgenommen, und da gingen mir erst die Augen auf, reuete mich auch wohl tausendmal, daß ich dem Erzdieb so viel getrauet habe. Aber es geschah mir gar recht, denn warum hielt ich ihn in meinen Diensten auf, da ich doch aus seiner eigenen Bekenntnus genugsam verstanden, was vor ein ehrbares Bürschlein er gewesen und wie listig er seine ehemalige Herren betrogen und hinter das Licht geführt hatte! »Es geschieht Euer Gestreng recht,« sagte der Student, »denn wer leicht glaubt, wird leicht betrogen!« Hiemit schmälete er abscheulich auf den Wastel, und zwar nicht ohne Ursach, denn er hatte ihm fast das Allermeiste mitgenommen und unter andern sogar seinen Kamm aus der Ficke gestohlen.

Dieser schändliche Bub, ob ich gleich dazumal noch voll Liebesgedanken stackte, machte mich dennoch bei mir Selbsten recht widersinnig, weil er mich fast auf die zweihundert Taler Werts beraubt hatte; dennoch satzten ihm etliche von Herrn Gottfridens Leuten auf etlichen Straßen nach, und ich begab mich eilends nach Hause, verursachte auch allen denen, die mir auf dem Wege begegneten, keinen geringen Spaß und Gelächter, weil der Student aus Manglung seines Pferdes sich zu einem andern setzen mußte, und also kamen wir noch selbigen Abends, obzwar etwas spat, in das Schloß.

Das Weinen und Weheklagen des Schloß gesindes waren mir genügsame Zeugen, daß es mit der kranken Sophia ein schlimmes Ansehen haben mußte. Ich war aber kaum so bald abgestiegen, als ich schon erfahren, daß es nunmehr mit ihr zum Ende ginge, eilete demnach über die Treppe hinauf und kam noch zu ihren letzten Seufzern, welche sie in wahrer Andacht gegen dem Himmel und kurz darauf ihre Seel ohn allen Zweifel eben an denselben Ort schickte, allwo sie auch in Ewigkeit mit allen Frommen leben wird.

Aber anstatt ich mich über ihrem Abschied betrüben sollen, ließ ich mir im Gegenteil vielmehr angelegen sein, ihr Hinscheiden der Liesel zu notificieren, welcher dadurch der allergrößte Dienst von der Welt geschah. In dieser Verwirrung wußte ich selbst nicht, was am ersten zu tun oder anzugreifen wäre. Weil aber der alte Stradiot mehr und öfter bei dergleichen Fällen sich hatte gebrauchen lassen, machte er ein und andere Anordnung, die Leiche allerehestens unter die Erde zu bringen, und enthebte mich also durch seinen hierin erwiesenen guten Fleiß einer großen Arbeit, vor welche ich billig als ein gewesener Ehemann sollte gesorget haben. Doch waren mir die Lebendige mehr im Sinn als die Toten, satzte mich also geschwind zu meinem Schreibtisch und schrieb an alle meine gut bekannte Freunde folgenden Brief:

›Daß der Mensch seine unaufhörliche Plage habe, lehren uns nicht allein die alten Weisen mit ihren Exempeln, sondern wir selbst beweisen solches leider mehr als zuviel mit der täglichen Erfahrung. Die Sonne scheinet wohl zuweilen lieblich, indem wir aber meinen, uns aufs beste in ihren Strahlen zu ergötzen, überfället uns von ebendiesem Himmel ein plötzlicher Regen. Eine solche unverhoffte Flut überschwemmet auch heutzutage mein Herz, wenn ich dem Herrn Bruder schmerzend berichten muß, daß meine Hausfrau heute abends zwischen sieben und acht Uhren, nachdem sie auf dieser eitlen Erde ihr kümmerliches Leben zweiundsiebenzig Jahr, vier Monat und eilf Tage zugebracht, sanft und selig entschlafen ist. Gleichwie mir nun an des Herrn Bruder Person viel gelegen und mir sattsam bekannt ist, wie angelegen sich derselbe meine Zustände sein lasset, als kann ich nicht vorbei, solches wohlmeinend anzudeuten, bittend, derselbe wolle sich von seinen nötigen Geschäften so viel abmüßigen und zu der Zeit, die ich durch einen Expressen bestimmen werde, meiner Liebsten die letzte Ehr zu ihrem Ruhkämmerlein erweisen. Ich, gleichwie mir solches zu großem Trost, der Verstorbenen aber zu einer sonderlichen Glorie geschiehet, verbinde und verpflichte mich davor zu ewigen Gegendiensten und wünsche, daß demselben in einer fröhlichem Occasion wieder dienen und seiner ganzen löblichen Familie, welche der Himmel mit einem so traurigen Zustand gnädigst verschonen wolle, im Werk erweisen könne, daß ich in dem Werke sei, der ich mich allezeit mit Namen genennet

des Herrn Bruders
dienstschuldigster
Wolffgang von Willenhag.‹

Mit einem solchen Schreiben berichtete ich alle diejenige, welchen die Sache Nachbarschaft halber mußte kundgetan werden. Insonderheit aber die Liesel, welche eigentlich in diesem Spiel die Braut war, um welche man sozusagen dazumal tanzte. Und damit ich die ganze Sache kurz mache, auch die Begierde des Lesers hierinnen nicht aufhalte, noch mit vielen Umschweifen den Verlauf der folgenden Begebenheit hemme, so vermelde ich mit wenigen, daß zwar meine Sophia adelig, aber nicht mit einer solchen Trauer, wie ich wohl billig hätte tragen sollen, ist begraben und beigesetzet worden. Und was ist es nötig, daß ich hier schreibe, wer die Träger oder wer sonst bei der Leiche zugegen gewesen, ob sie um Glock acht Uhr vormittags oder in der Nacht begraben worden und ob sie in eine Kirche oder in den Freithofist gesetzet worden? An diesem Stück ist wenig gelegen, und wird durch Unterlassung dieser Erzählung keinem nichts benommen noch entwendet sein, man weiß wohl, daß man bei solchen Zuständen kein Alleluja singet und daß sich alle Leute bei dergleichen Prozeß misericorditer anzustellen wissen, obs ihnen gleich nicht ums Herz ist! Dessen ich ein lebendiges Exempel sein kann. Und weil ich nicht entschlossen bin, durch diese Beschreibung den Leser zu einem unnötigen Grabgang einzuladen, als lasse ich alle diese Totenceremonien unberühret, welche dazumal, wie er sich Selbsten leicht einbilden kann, vorgelaufen sind.

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