Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Beer >

Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 61
Quellenangabe
pfad/beer/sommerta/sommerta.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
Schließen

Navigation:

XI. Capitul. Der Wastel erzählet weiter, wie es ihm mit dem Herrn gegangen, der nur ein Bein gehabt. Item wie es ihm bei dem Kloster-Becken gangen.

Der Torwärter hat mit dem Zuschließen allgemach drei Stunden auf mich gewartet; und als wir zum Schloß einritten, berichtete er mich zugleich meiner Frauen große Unpäßlichkeit, in welche sie zeit meines Ausseins gefallen wäre. Ich fand sie auch in einem recht Übeln Zustand, weil sie den Ohnmächten ziemlich ergeben war und großes Reißen im Leibe hatte. Sie winselte die ganze Nacht vor Schmerzen, und ich quälete mich voll von Gedanken wegen der Liesel. Endlich nahm ich mir vor, so ja etwas an der Hochzeit wäre, indessen aus dem Lande zu reisen und meine Grillen an einem ausländischen Ort zu verpausieren. Die Krankheit meiner Sophia hielt eine ziemliche Zeit an, und der Doctor von Ollingen tröstete mich wegen ihres Aufkommens keinesweges, weil er meinte, daß die Lung und Leber nebenst dem andern Zustand in ihr ganz verzehret wären. Zwischen solcher Zeit bekam ich von Gottfrid einen Hochzeitbrief, welchen er im Namen seines Schwagers an mich geschicket, welcher auf seinem Gut ehestens würde verehelichet werden. Es stund drinnen: mit einer Jungfer von Buchberg, und als mir dieses unter Augen kam, zerriß ich das Schreiben zu tausend Stücken und hatte nun wegen meines Weibs Krankheit gute Ursach, traurig und melancholisch zu sein. Aber ob ich gleich wegen dieser nicht gar zu froh war, so machte mich doch meistenteils der Widerwillen, welchen ich wider die Liesel geschöpfet, ganz stutzig.

Ich entschloß mich endlich, zwar nicht auf die Hochzeit, sondern ebendenselben Tag vor dem Gut vorbeizureiten und zu sehen, was unter beiden vor eine Affection oder Liebe vorlaufen würde. Gab demnach bei meiner Frauen, welche darum nichts wußte, vor, wie ich dem Medico von Ollingen und seinen Arzneien nicht viel trauete, wollte demnach nach St. Andre reiten, daselbsten den berufenen Arzt um einziges Mittel zu fragen, dadurch ihr am besten möchte geraten und geholfen werden. Diese Stadt, dahin ich meinem Vorgeben nach zu dem Arzt reisen wollte, lag ebenden Weg, da ich auf der Landstraß Gottfridens Gut vorbei mußte. Derohalben nahm ich nebenst dem Studenten, Page und Soldaten noch vier Knechte mit mir, und damit es ein desto größers Ansehen hatte, mußten mir meine Knechte ihre neue Liverey anziehen, und den andern satzte ich große Federdollen auf die Köpfe, dadurch ich verhoffte, mich rechtschaffen sehen zu lassen. Weil ich auch, ohne Ruhm zu melden, in demselben Landesviertel die Post zu verwalten hatte, mußte mein Wastel, der brav auf dem Hörnlein blasen konnte, voranreiten, und also zog ich ganz still aus dem Schloß und verbot, meiner Frauen nichts von dem Auszug oder von dem Vorhaben zu vermelden, bis ich würde ein paar Stunden hinweg sein. Unterwegens mußte der Wastel mit seiner Lebenshistoria wieder hervor, und er erzählete, daß er einsmals einem Herrn gedienet, welcher nur ein Bein gehabt. »Das andere«, sagte er, »war von hartem Holze gedrechselt und so künstlich zugerichtet, daß er Strumpf und Schuh darüberziehen können. Also knappte er nur ein wenig, und hätte der Tausendste nicht gedenken sollen, daß es ein hölzern Bein war. Es wußte es auch außer ir, als der mich ihn alle Nacht ausziehen mußte, der Zehente auf dem Schlosse nicht, und er hat mir in meinem Bestallungsbrief unter anderen Punkten auch diesen mit eingedungen, daß ich hiervon stillschweigen und niemanden nichts sagen sollte. Einsmals forderte ihn einer heraus, und weil sie sich zu Pferde schlügen, führt ich ihm seine Pistolen hinter einen Wald nach, allwo sie zusammenkommen wollten. Sie schössen sich wacker in der Wiese herum, und lösete jeder seine zwei Pistolen, ohne daß einer von ihnen wäre verletzet oder beschädiget worden. Abends aber, als ich ihn auszog, fiel eine Kugel aus dem Strumpf, da wurde ich samt ihm gewahr, daß er wäre ins hölzerne Bein getroffen worden, darüber er sowohl als ich von Herzen lachen müssen. Sonst war er ein guter Haushalter, aber nichtsdestominder bestahl ihn das Schloßgesind abscheulich. Einsmals fischten wir ihm den Teich ganz heimlich in der Nacht und hatten unser dreie wohl mehr als einen guten Centner Karpfen in ein großes Faß zusammengeschlagen, welches wir folgenden Tages in die nächste Stadt führen und heimlich verkaufen wollten. Dieser Fischfang geschah abends, als er auf einer Kindstaufe über Land war, und weil wir keinen tauglichen Fuhrmann so geschwinde haben konnten, legten wir das Faß indessen in ein Gesträuße nächst an dem Teiche, und wurde uns bei der Sache fast angst und bang. ›Wastel,‹ sagte er zu mir, ›wecke mich morgen auf, ich will in Meierhof visitieren gehen!‹ – ›Hui!‹ gedacht ich, ›das ist der rechte Weg, da findet er das Faß so richtig als etwas von der Welt«; denn es war ein schlauer Kopf, der alles ausspürete wie ein Dachshund.

Aber was war zu tun? Abends, als ich ihn ausgezogen und den hölzern Fuß heruntergedrehet hatte, nahm ich solchen heimlich mit mir, sägte ihn mit unserer Holzsäge entzwei und grub beide Stücke in die Erde, denn ins Wasser dorft ichs nicht werfen, weil es oben geschwummen und also der Betrug leichtlich am Tag gekommen wäre. Des andern Morgens, als er aufstund und ich das Handwasser hinaufgetragen, fragte er mich: ›Wastel, wo ist mein Bein?‹ – ›Herr,‹ sagte ich, ›ich habs an den Sessel gehangen!‹ – ›Ei was, Sessel,‹ antwortete er, ›wo ist das Bein hinkommen?‹ – ›Herr,‹ sagte ich, ›das weiß ich nicht.‹ Er hielt sich immer mit den beiden Armen an die Bettstatt, bald hüpfte er wie ein Sperling, bald wie ein Storch. Ich stellete mich hierüber so bekümmert als er; und weil es sich nicht änderst argwohnen ließ, als sollte ich ihm das hölzerne Bein schaffen, ich möcht es auch nehmen, wo ich wollte. Unter solchem Gezanke hatten meine zwei Kameraden Zeit genug, das Faß mit den Karpfen wegzuschaffen. Als mich aber mein Herr bei dem Kopf erhaschen wollte, sprang ich zurück und hieß ihn einen Schmierhansen über den andern, denn ich wußte wohl, daß er nicht so geschwind hupfen konnte als ich laufen. Also nahm ich ihm, weil er mir allgemach zwei Jahr lang keinen Sold gegeben, zwei Halsuhren und einen silbern Degen von der Wand hinweg und eilete damit meinen beiden Gesellen nach, die in der Stadt die Fische allgemach verkauft hatten.

Wir dreie waren fast alle seine Bediente, und wenn man nur seine Schwester und den Schreiber noch dazu nahm, so war fast unsere ganze Familia beisamm. Darum überredeten mich meine Kameraden gar leicht, wieder zurückzukehren und ihrem Anschlag zu folgen. ›Sehet,‹ sprach der Reitknecht, der auch Torwärter und Mühlknecht zugleich war, ›der Edelmann kann nicht gehen, viel weniger uns verfolgen. Seine Schwester ist zu ohnmächtig und zu alte. Der Schreiber wird uns auch alleine nicht fressen. Die Viehmägde haben auch kein großes Vermögen, lasset uns zurückeilen und sehen, wie wir was Hauptsächliches bei der Kappe kriegen. Um so eines Pfifferlings willen wäre es eine Schand, aus dem Lande zu laufen. Zudem ist er uns viel schuldig, und kann von dem Schindhund kein Mensch seinen verdienten Lohn kriegen.‹ Damit liefen wir wieder zurücke und sperreten den Edelmann samt seiner Schwester in eine Kammer, wo das gedörrte Obst innen lag. Und wie der Schreiber gesehen, daß es nicht anders werden wollte, griff er ärger zu als einer unter uns, und als wir uns alle aufs beste ausgestopfet hatten, wischte einer da, der ander dort zum Lande aus.«

»Wastel,« sagte ich zu ihm, »was bist du von Geburt?« – »Herr,« gab er zur Antwort, »ein Krainer.« – »Nun,« sagte ich, »so ists sichs nicht zu wundern, denn die Krainer, Ungarn und Böhem sind in keinem guten Concept. Aber wie ist dirs weiter gegangen, wo kamst du darnach hin, wie du da so aufgepacket hast?«

»Ja, Herr,« sagte er, »nicht lange darnach kam ich in eine Stadt, in welcher einer des folgenden Morgens sollte gehangen werden. Als nun auf dem Platz nächst auf dem Rathause unzählig viel Volkes zusammenlief, stackte ich mich auch unter den Pöbel und sah endlich unsern Torwärter, der da mit uns die Fische und das Schloß bestohlen hatte, zwischen zweien Bütteln daherführen, welches mir nicht viel anders als ein spitziger Schuhkanifft durchs Herz gefahren ist. Man las ihm vom Rathaus kurz und gut sein Lebensurteil, dadurch er zum Galgen verdammt worden. Niemand wäre damals lieber als ich aus der Stadt gewesen, denn wie ich mich alldorten nur ein wenig umsah, so stund mein Name an dem Diebsbrett angeschlagen, und war meine ganze Person von oben bis unten aus recht natürlich beschrieben, wie ich aussah und aufzog. Zu meinem Unglück waren alle Tore zu, weil man sich in dergleichen Begebenheit in derselben Stadt schon aus alter Gewohnheit wegen Auflaufes vorzusehen pflegte. Oh, wie kluxte mir dazumal mein Herz. Andere drängten sich mit Gewalt und nach allen Kräften hin vor, und diese müssen allem Ansehen nach ein viel bessers Gewissen als ich gehabt haben, denn ich stund ganz von ferne und verbarg mich, so viel möglich war, damit mich der Torwärter nicht zu sehen kriegte. Und also wurde der arme Teufel hinausgeführet und an den lichten Galgen gehangen. Er starb, soviel ich aus dem Gespräche der Zurückkommenden hören können, sehr wohlgemut; aber ich passierte immer den Berg hinaus und ging wohl eine gute Stund, ehe ich den gehenkten Torwärter aus dem Gesichte verloren, so hoch stund der Galgen.«

»Wie ich höre,« sagte ich zu Wastel, »so ist der Torwärter unter euch dreien noch der Unglückseligste gewesen, aber vielleicht darum, weil er, wie du zuvor gesagt hast, auch zugleich ein Müller war. Aber wo kamst du dann nach diesem hin?« – »Nach diesem«, antwortete Wastel, »kam ich in ein Kloster, da brauchten mich die Pfaffen bei der Bäckerei. Sie verkauften ihr Brot an die umliegende Dörfer hin und wider, denn in demselben Land ist nicht so viel Brot als dahier, und solches Brot mußte ich auf dem Buckel so lang herumtragen, bis ichs verkauft hatte. Einsmals merkte ich, daß der Beck, welcher ein Pfaff, aber nicht studiert war, gemeiniglich das schönste Geld, so ich heimbrachte, vor sich behielt und dem Kloster mit der Rechnung ziemlich zu kurz täte. Das ließ ich eine gute Weil passieren, bis ich meinen Vorteil ersah und ihm seinen Kasten bestahl, auch mehr als in die vierzig Reichstaler aus seiner Lade herausraumte. Nun wußte ich nicht, wo ich mit dem Geld hinsollte, denn bei mir dorft ichs nicht tragen, und keine Lade hatte ich auch nicht, darein ichs hätte versperren können. In einen Winkel zu werfen oder unter das Dach zu tragen, war nicht ratsam. Endlich steckte ich Stück vor Stück in das Brot tief hinein, und also verpartierte ich die stattlichen Batzen alle miteinander und trug also, jedermänniglich unvermerkt, das Geld im Brotkorb samt dem Brot auf und davon. Draußen, etwan auf eine halb Meil vom Kloster, satzte ich mich in ein abgebranntes Häuslein und tranchierte die Pfennige wieder heraus, das Brot aber ließ ich stehen, und weiß nicht, wer es aufgezehret hat.«

Aus dieser Erzählung des Wastels war genug abzunehmen, daß er den Galgen viel besser als der Torwärter verdienet hätte, nur daß einem Dieb das Glück zuweilen günstiger ist als dem andern. Derohalben vermahnte ich ihn, daß er nicht wieder in sein Heimat zurückreisete, weil er dadurch in großes Unglück geraten dörfte; er solle auch all dieser Erzählungen sich in großen Zusammenkünften enthalten und nicht viel davon melden, weil es ihm nicht allein an seinem guten Namen, sondern sogar an dem Leben dörfte schädlich sein. Dergleichen Dinge wären kitzlich zu hören, und er konnte sich leicht durch sein eigenes Maul an den Galgen bringen. Und indem ich solches redete, kamen wir allgemach an Herrn Gottfrides Gut, auf welchem die Hochzeit vorübergehen sollt.

 << Kapitel 60  Kapitel 62 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.