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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 60
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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X. Capitul. Er reitet zu ihr, findet sie aber nicht zu Hause.

Wer einmal recht verliebt gewesen, der wirds am besten wissen, wie mir da möge zumut gewesen sein. Sagen dorft ichs nicht, denn ich hatte eine Frau. Klagen dorft ichs nicht, sonst wäre die Strafe über mich hinausgelaufen, derer ich in einem solchen Fall wohl würdig war. Darum mußte ich solche Gedanken, wie ein Bettler die Läuse, bei mir verhütten und vermodern lassen; jedennoch seufzete ich öfters vor innerlicher Bewegung. Aber ich schützte zu Behuf dessen das Gespenste in dem alten Schlosse vor und log also so wohl bei der Tafel, als der Marktsänger zu Ollingen auf öffentlichem Platz gelogen hatte.

Gottfrid sah mich über Tische zum öftern an, und dadurch konnte ich nichts anders mutmaßen, als daß er mir meine Affection abmerkte. Derohalben machte ich mich wider meinen Willen lustig, und der Student spielte indessen eins auf dem Instrument, da uns der alte Stradiot inzwischen allerlei Soldatenpossen erzählet, darob wir uns fast krank gelacht haben. In solcher Lust verzehrten wir einen ziemlichen Teil der Nacht, zwischen welcher Zeit Herr Gottfrid ziemlich verdächtig redete. Darum resolvierte ich nochmalen, morgen den Studenten mit mir zu nehmen und mit ihm zu der schönen Liesel zu reiten. Hiermit wurde Gottfrid in das bestimmte Zimmer geführet, allwo er die übrige Nacht ausruhen sollte. Seinen Reitknecht aber, als welcher meinen Leuten die Kleider am Bache gestohlen hatte, deckte der Student zum großen Dank dergestalt mit Weine zu, daß er das Handfaß vor einen Reitsattel ansah. In solchem Tummel führte ihn der Student in Stall und legte ihn alldort zu der Pferde Füßen, welche, als sie untereinander einen Streit angefangen, den Reitknecht dergestalten in die Seite geschlagen haben, daß er des andern Morgens kaum zu Pferd sitzen konnte. Und also hat sich der arglistige Student wegen des Possens, so er ihm zuvor an dem Bach erwiesen, wiederum gerächet.

Aber mir waren doch durch alle diese Händel meine Grillen nicht zu benehmen. Die Liesel, die Liesel stackte mir in dem Kopfe. Darum hieß ich drei Pferde satteln, mich samt dem Studenten und einem Reitknecht nach Abschied Herrn Gottfrides auf das Schloß der lieben Liesel zu begeben und zu sehen, wie die Sache gehauen oder gestochen wäre. Gottfrid nahm endlich seinen Abschied mit Versprechen, daß wir allerehestens auf seinem Gut zusammen würden geladen werden; und ehe er noch hinwegritt, vermahnte er mich ins dritte Mal, daß ich heut nicht erschrecken sollte, und so sehr ich ihn um die Ursach fragte, wollte er doch damit nicht heraus, sondern spornte sein Pferd an und ritt seinen Weg.

Ich lösete ihm zu Ehren noch ein paar Pistolen zum Fenster aus, welchen er mit den seinen auf dem Feld antwortete. Darnach stiefelte ich mich ingleichen und ritt mit oberwähnten Leuten nach Buchberg – so hieß der Ort –, daselbsten der Braut zuzusprechen. Und ob ich wohl willens war, den Wastel auf dem Wege erzählen zu lassen, wie es ihm in anderen Diensten oder sonsten in seinem Leben gegangen, trieb mich doch die Begierde so schnell fort, daß wir fast den ganzenWeg galoppierten und also ganz keine Gelegenheit hatten, uns untereinander von dem und jenem zu unterreden. Also kamen wir voll Staub und Rust an das Schloß, verstund aber gleich von dem Verwalter, daß seine Herrschaft heute morgen hinweg und auf eine Hochzeit verreiset wäre.

Über dieser Post war ich ganz verwirret, noch mehr, als er sagte, daß zugleich der Frauen auch ihre drei älteste Töchter mitgereiset wären. ›Sieh da,‹ sagte ich zu mir selber, ›die Hochzeit ist richtig. Hui, daß sie hingereiset sein, die Copulation zu vollendziehen?‹ In diesen Gedanken hatt' ich kaum so viel Zeit, von dem Verwalter Urlaub zu nehmen, und vergaß also, wider das Gesetz der angebornen Höflichkeit, den übrigen und zurückgebliebenen zweien Töchtern zuzusprechen, dessen ich erst auf dem Felde gewahr wurde. Nichtsdestoweniger ritt ich doch meine Wege fort und fing erst an zu betrachten die Wort, welche mir Gottfrid vor seiner Abreise zu verstehen geben, daß ich nicht erschrecken solle. So schnell ich nun hergeritten, so schnell ritt ich auch wieder zurück, obgleich der Student abscheulich über seinen Sattel klagte und nicht viel änderst zu Pferd saß wie ein schlimm angebundnes Felleisen. Da mußt ihm der Wastel in Stegreif helfen: dort mußt er ihm den Hut aufheben, bald fiel ihm sein Degen aus dem Gehänge, bald verzettelte er einen Handschuh, und dieses ist die Ursach, daß, so gern ich ihn sonst um mich hatte, ihn dennoch selten oder gar nie mit mir über Land genommen habe, es sei denn, daß wir in einer Kutsch oder Kalesche gefahren, dazu er sich besser schicken können.

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