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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 59
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX. Capitul. Wolffgang wird wegen der schönen Liesel sehr betrübt.

Sobald ich mich ausgekleidet, suchte ich die Stücklein hervor, welche mir Herr Ab initio mitgegeben hatte, erzählte beinebens meinem Weibe die Geschieht, so sich durch mich mit dem verlogenen Marktsänger und dem Waldsalber zugetragen. Aber weil sie gar zu andächtig und gewissenhaft war, meinet sie, daß ich hiedurch ein überaus großes Übel begangen hätte. »Er hat Euch durch die gedrückte Lüge«, sagte sie, »an Euren Ehren nit angegriffen, und was habt Ihr vor Ehre, Euch an einem solchen Lumpenkerl zu vergreifen. Habens doch die Pfaffen auf der Kanzel getan, warum habt Ihrs diesem vor übel? Sonst achtet Ihr das Geschrei der Leute nicht, aber da will Euch die Leber zerspringen. Es ist ein großes Gemüt, welches eine Schmachrede und falsche Auflage vergessen kann, noch mehr und größer ist dieses, welches sie gar vor keine Schmach aufnimmet!« Wie ich sah, daß sie ferners reden wollte, suchte ich meinen Mantel, ihr solchen umzuhängen. Als sie aber sah, daß ich ihre Vermahnungen mit meinem gewöhnlichen Gelächter vermischte und sie noch dazu höhnen wollte, eilete sie in die Küche, und sie tat auch wohl daran, zumalen mir mit einem guten Stück Essen vor diesmal mehr gedienet war als mit der allerkünstlichsten Predigt.

Unterdessen geigte ich mit dem Studenten die Stücke hindurch; aber sie klangen so elend und barmherzig, daß mir mit einem Haar der Appetit zum Essen vergangen wäre. Darum ließ ich sie mit grüner Farbe überstreichen und mit dem Palier die Vogelbauer bekleiben, darinnen ich die Nachtigallen sitzen hatte. Ich erzählte beinebenst dem Studenten von dem wunderlichen Philosopho, dem Herrn Bernharden am Wald, bei welchem mein Wastel ehedessen gedienet hätte, und daß er ausgegeben, kein Mensch könnte etwas gewiß sagen, es wäre denn Sache, daß ers dreimal wiederholte. »So sollte man«, sagte der Student, »ihn einen Bärnhäuter und Galgenvogel nennen; alsdann, wenn er einen verklagte, könnte man sagen, es wäre nicht recht gewiß, weil mans nur einmal und nicht dreimal nacheinander gesagt hätte. Dieser Einfall des Studentens gefiel mir gar wohl, wie er mich denn stetigs mit dergleichen Grillen unterhielt und perfect nach meinem Humor seine Grillen anzubringen wußte.

Diesen Abend kam der ehrliche Gottfrid wieder zurücke, und mir schauerte ob seinem bloßen Ansehen schon die Haut, weil ich mit sonderlicher Empfindlichkeit aus seinem Gesicht abnahm, daß er auf dem Schlosse, dahin er wegen seines Vetters geschickt worden, gute Verrichtung gehabt hätte. »Es ist alles auf gutem Weg,« sagte er endlich, »und die Cour ist so weit eingehandelt, sofern der Vetter drei Punkten eingehen und dieselbe zu Versicherung des Ehecontracts unterschreiben will.« Damit kriegte ich ihn auf eine Seite, und weil das Abendmahl noch eine gute Viertelstund innen stehen würde, spazierten wir indessen in dem Schloßhof an dem Wassergraben rings um mein Schlößlein, und ich fragte ihn, an was denn eigentlich die Sache hinge und mit was Condition er auf dem Schlosse mit der Liesel gehandelt hätte. »Es ist die ganze Sache zwischen uns«, sagte er, »dahin gekommen, daß die Heirat auf drei Punkten geschlossen ist: Erstlich will die Braut eine Verschreibung aller Güter des Vetters, er sterbe vor ihr, wenn er wolle, mit oder ohne Kinder. Vors andere soll er seinen Adel bis zu dem zehenten Ahnen beweisen und gültig vorstellen; vors dritte, ihr im Hause den Schlüssel zum Gelde und die Macht, die Dienstboten an- und abzuschaffen, alleine überlassen.« – »Hat der Bräutigam sie gesehen?« fragte ich Gottfriden. »Nein,« antwortete er, »sie ihn auch nicht; drum hielt die Sach in der erste sehr hart. Aber endlich brachte ichs durch gute Recommendation seiner Person so weit, daß es endlich noch knacken dörfte.«

Auf diese Rede des Gottfrides wurde ich ganz traurig, denn ich gedachte nunmehr schon an den Verlust der allerschönsten Seelen, die mir zum großen Verdruß aus der Nachbarschaft würde entrissen werden. Meine Sophia war alt und kraftlos, sie verdocterte die Woche mehr, als sie aß, darum hatte ich mir bis dahero noch immer Speranz gemachet, diese Liesel beim Kopfe zu kriegen. Aber allem Ansehen nach so war dem Fuchsen das Loch verrennet und hatte genug zu tun, deswegen vor dem Gottfrid meinen großen Kummer zu bergen. Denn ich hab ehedessen wohl tausendmal in der geheim mit ihr geredet, und sie war auf keiner widerigen Meinung, mich zum Manne zu kriegen, nur dieses stund ihr im Wege, daß mein Weib so lang nicht sterben wollte und sie erst so spät einen Mann bekommen sollte. Sie war zwar über zwanzig Jahr nicht viel alt, und dannenhero spitzte sie sich trefflich auf mich; aber nunmehr schien meine Sonne ins Meer zu fallen, welche mich bis dahero so hell und fröhlich beschienen hatte. Ich gab mich endlich zufrieden und tröstete mich, so gut ich mochte. Ich sagte im Herzen: ›Fahr hin, du falsche Lust! Der Himmel, der heute glänzet, kann morgen donnern. Heute hast du gutes Wetter, morgen Sturm. Ach, Wolffgang, lasse solche Gedanken fahren. Du fischest in einem trüben Wasser; anstatt der Aale kannst du eine Schlange haschen, die dich in die Hand sticht.‹ Bald wollte ich wieder ein Eremit, bald ein Soldat, bald wieder was anders werden, so schrecklich trieb mich das süße Angedenken der schönen Liesel in dem Kreis herum; und dadurch habe ich gar oft überhöret, was mit mir sowohl in diesem Spaziergang als hernach bei dem Abendessen ist geredet worden.

Es war mir, wie der Leser selbst schließen kann, bei diesem Gespräch des Gottfrids angst und bang; denn ob ich mich schon stellete, als hört ichs gern, wars mir doch nicht so ums Herz; und so mein guter Freund er war, durfte ich ihm doch meine Meinung nicht offenbaren, sondern machte mir vielmehr wunderliche Gedanken, da er mir die Schlaguhr wies, welche ihm wegen seiner Werbung von dero Vätern wäre verehret worden. Die Liesel selbst hatte ihn mit einem Ring beschenket, darüber ich von Herzen erschrak, denn es war eben der Ring, welchen ich einsmals ihrer Kammermagd geschenket, als sie mich ganz im Dunkeln zu ihr ins Zimmer gewiesen. Darum, daß ich nicht desto verwirreter wurde, eilete ich zum Nachtmahl und satzte mir vor, morgen zu der schönen Liesel zu reisen und zu sehen, wie es eigentlich stünde.

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