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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 58
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII. Capitul. Der Wastel erzählet, wie's ihm bei Herrn Bernharden gegangen.

Nach diesem ritt ich mit meinem Wastel wieder aus der Stadt, allwo er mir auf dem Weg seinen Lebenslauf erzählen müssen, denn ich wußte wohl, daß er ehedessen hin und wieder und zum Teil bei wunderlichen Leuten in Diensten gewesen wäre. Absonderlich aber hatte er bei einem Herrn gedienet, welcher ein Ausbund aller wunderlichen Köpfe gewesen. Dieser hat sich in der Weltweisheit so sehr vertiefet, daß man ihn selten bei einer Compagnie, aber allezeit unter seinen Büchern antreffen konnte. »Wie ist dirs«, sagte ich zu Wastel, »bei Herrn Bernhard am Wald gegangen und wie lang bist du bei ihm in Diensten gewest?« – »Herr,« antwortete Wastel, »habt Ihrs denn nicht aus meinem Dastimoni gesehen? Drei Jahr und acht Wochen hab ich ihm gedienet, aber in all dieser Zeit niemalen satt zu fressen bekommen; denn er sagte, ein Mensch, der sich überäße, machte sich zu allen Betrachtungen ganz untauglich. Einsmals ritten wir miteinander aus, da sah ich in einem Garten hübsche Birn und Äpfel stehen. Drum sagte ich zu ihm: ›Herr Bernhard, sehet da, was sind das vor schöne Birn und Äpfel!‹ – ›Was?‹ sagt er, ›du Narr, das sind Nüsse!‹ – ›Herr,‹ sagte ich, ›ich werde auch sehen, was Nüsse oder Birn sein, es sind Birne und keine Nüsse!‹ – ›Ei,‹ sagte er, ›halte dein Maul, es sind Nüsse!‹ Als ich aber weiterreden wollte, zuckte er sein Pistol und sagt, ich sollte schweigen, oder er wollte mir das Maul so zusperren, daß ich einem weisen Manne all mein Lebtag keinen Einwurf mehr tun sollte. Er hieß alle Sachen anders. Essen hieß er: zehren; trinken: saugen. Als, wenn er sagen sollte: ›Gebt mir zu essen und trinken!‹, so sagte er: ›Gebt mir zu zehren und zu saugen!‹ Und was man mit ihm redete, das mußte man ihm dreimal sagen, sonst, gab er vor, war die Sache nicht gewiß. Als zum Exempel, wenn ein fremder Herr zu uns kam und sich durch einen Diener anmelden ließ, so mußten wir sagen: ›Herr, Herr, Herr, es ist, es ist, es ist ein Diener, ein Diener, ein Diener draußen, draußen, draußen, der wollte gern, der wollte gern, der wollte gern ein paar Wort, ein paar Wort, ein paar Wort mit dem Herrn, mit dem Herrn, mit dem Herrn sprechen, sprechen, sprechen!‹

Als mir nun das Leben bei diesem Dummshirn ziemlich langweilig und verdrießlich war, machte ich mich einsmals mit einer List los. Wir ritten wieder miteinander aus und kamen zu einem großen Bach, da die Landstraßen mitten durchging. Er wußte nicht, war es tief oder seicht; derohalb schickte er mich voran. Aber der Bach war so tief, daß ich durchschwimmen mußte. Er getrauete sich nicht wohl zu folgen, weil er sein Pferd ziemlich schonete. Aber ich sagte, daß er sich auf meinen Schimmel setzen und auf demselben, weil ers schon gewohnt war, voranreiten solle. Ich wollte auf seinem Pferd nachsetzen, damit es desto bessere Courage kriegte. Er trauete mir, zu seinem Schaden, denn als er fast darüber war, schwamm ich auf seinem Pferd, so überaus wohl gewandt war, hinnach. Aber mitten in dem Fluß schwamm ich immer abwärts, und zwar mit so kläglichem Geschrei und jämmerlichen Gebärden, daß er an dem Ufer zu zittern und beben anfing. ›0 mein Wastel! O mein Wastel!‹ rufte er mir zu, ›hab Reu und Leid über deine Sund, o Wastel, o Wastel, zu tausendmal gute Nacht!‹ Denn ich stellete mich an, als wollte ich alle Augenblick ersaufen. Und also kam ich den Strom weit hinunter, und ob er gleich an dem Ufer nachgeritten, so konnte er doch endlich wegen des häufigen Gesträußes, so dort herum in ziemlicher Anzahl stund, nicht ferner folgen. Ich aber nahm die Gelegenheit wohl in acht; und als er mich so wenig als ich ihn mehr sehen konnte, satzte ich ans Ufer auf dieser Seite und ritt so schnell davon, als das Pferd laufen konnte.

Von derselben Zeit an hat weder er mich noch ich ihn mehr gesehen; aber ich hab hernach erfahren, daß er mich durch acht Bauren im Bache hat suchen lassen, welche mich schwerlich werden gefunden haben. Das Pferd verkaufte ich einem vom Adel, dem ich auch erzählte, wie ich dazu gekommen, darum gab er mir nur halben Wert, stutzte ihm den Schwanz, schnitt ihm die Ohren ab und färbte es auf einer Seite kohlschwarz.

Darnach machte ichs wieder einem andern Herrn nicht viel anders, der mich gar zu scharf hielt. Ich kriegte zwar besser Fressen bei ihm als bei Herrn Bernharden, aber auch viel bessere Stöße. Er hat mich oft geprügelt, daß mir die Puppen geknackt haben. Aber da wir einsmals ausritten und durchs Wasser mußten, sagte er: ›Reite voran und führe mein Pferd an dem Zaum nach dir, denn es ist scheu!‹ Als ich ihn nun mitten in den Strom gebracht, ließ ich den Zaum los; da kann ich nicht sagen, wie er um gut Wetter geschrien hat. ›Herr,‹ sagte ich, ›wenn Ihr mir zusagen wollet, mich nimmer zu prügeln, so will ich Euch helfen.‹ – ›Ach ja, mein lieber Wastel,‹ sagte er, ›ein Schelm, der dich mehr mit einem Finger anrühret.‹ Darauf schwamm ich ihm nach, und als wir fast, doch mit großer Mühe, am Ufer waren, sagte er: ›Ha, du Erzschelm, ist es um die Zeit, wart, ich will dich mit keinem Finger, aber mit der Karabatsche will ich dich anrühren!‹ Es war gut, daß er solches drohete, da wir noch im Wasser waren, darum stieß ich ihn wieder in die Tiefe und brachte ihn viel in größers Leid als zuvor. Er gab dennoch wieder gute Wort; aber der war ein Narr, der getraut hätte. Derohalben ritt ich mit dem Pferd wieder davon und ließ ihn in dem Wasser verzappeln, bis er genug hatte.«

»Du Schelm,« sagte ich zu ihm, »das sind keine schlechte Stücke; wenn man die Sache recht examiniern wollte, so könntest du ins Teufels Küchen kommen.« – »Herr,« sagte er, »es ist schon lang und wohl fünfzehenjahr.« – »ja,« sagte ich, »alte Dieb sind auch des Galgens wert; aber halte dich anitzo nur desto besser. Hast du nie gebuhlt oder sonsten so ein hübsches Schätzchen gehabt?«

»Herr,« sagte er, »ich habs wohl gehabt, aber mit stetem Zanken und Unfried. Es waren unser zween Knecht im Dorf und hatten eine Magd lieb, die hieß Urschel. Dieselbe Urschel war gar ein drollete Höppin, drum wollt ein jeder das meiste bei ihr gelten. Fand ich ihn bei ihr, so rauft ich mit ihm, fand er mich dabei, so raufte er mit mir; also rauften wir uns die Woche öfter als die Fleischerhund in der Fleischbank. Das kam denn stracks vor den Edelmann, der straft uns, daß uns die Haxen hätten krumm werden mögen. Letztlich bekams doch keiner unter uns beiden, sondern es heiratete sie der Dorfküsterer. Demselben paßten wir oft heimlich in der Nacht hinter einem Zaun auf, und wenn er sternvoll von der Dorfschenke nach Haus ging, so zerschlugen wir ihm die Fressen, daß er am Sonntag kaum die Lichter beim Altar hat anzünden können, und das taten wir nur darum, weil er die Urschel zum Weib hatte. Endlich kams aus, und weil sich jeder unter uns die größte Straf einbildete, liefen wir alle beide noch vor Tages aus dem Dorf. Sehet, Herr, so ist meine Lieb abgelaufen.« – »Du bist ein braver Courtisan,« sagte ich zu ihm, »ihr Bauren macht es nicht viel anders wie die beißende Hunde, wenn ihr sonst nicht könnet, lasset ihr euer Amour mit Schlagen und Raufen aus.« – »Herr,« sagte der Wastel, »Ihr macht es auch nicht viel anders. Wenns Euch ein wenig zu nahe kommt, so fodert Ihr um eines Frauenzimmers willen auf die Fuchtel hinaus, stoßt einander tot und fahret also mit Leib und Seel zum Teufel.« Ich gedachte: ›Mein Wastel, es ist wohl wahr!‹, dorfte doch nichts sagen, sondern befahl ihm, daß er sein Pferd brav anspornte, und also ritten wir galoppweise zum Schlößlein ein.

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