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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 54
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV. Capitul. Sie baden in dem Wald in einem angenehmen Bächlein.

Die Erzählung des Alten kam mir recht seltsam vor, absonderlich da er von meinem Vater Erwähnung getan. Ich war unter währender Relation noch schlüssig, dem Übel mit Gewalt abzuhelfen und das Schloß mit Feuer anzustecken. Aber die Gefahr, welche dadurch dem ganzen Dorfe und insonderheit der Kirche zustehen möchte, legten mein Vorhaben wieder zurück, welches ich mir doch gänzlich wider alle Einrede vorgenommen hatte. Ließ es also gut sein und an seiner Gewohnheit bewenden, willens, noch etliche Monat zuzusehen, alsdann wollte ich in Person dahin reisen und die Wahrheit dessen erkundigen, von welchem bis dahero weit und breit so viel Zeitungen geredet und gesungen worden.

Das Allerübelste war, daß mir dieses Gespenst auf das allerärgste ausgedeutet wurde. »Sehet,« sagten etliche Dorfpriester, »so gehet es dem reichen Wolffgang. Er lebet wie ein Atheist in aller Lust und Freude, gehet spazieren, wohin ihn seine Lust und Begierde trägt, er isset das Beste, er trinket das Beste, er genießet sonsten allerlei Üppigkeit, hat Guts genug, hat Geld genug, darnach so kommt es so. Sehet, Euer Lieb und Andacht, endlich kommt die Rache.« Ja, dieses Geschmäl der unstudierten Gelehrten währete so viel und oft, daß ich mich endlich zu Ollingen darüber beklagen und man von daraus eine heimliche Inhibition tun müssen, damit man meiner ab inductione exemplorum mit Namen verschonete. Sie unterließens zwar, aber ob sie mich hinfüro gleich nicht nenneten, so nenneten sie hingegen das Gespenste desto öfter und machtens so klar, daß man mich mit allen fünf Fingern greifen konnte. Nichtsdestoweniger so war es doch nicht wahr. Das wußte ich in meinem Herzen zum besten, ob ich ein Atheist oder glaubiger Christ wäre, und davon bin ich auch nicht schuldig, hier viel Rechenschaft zu geben. Ich war und bin noch ein armer sündiger Mensch, und mangelt mir noch ein großes Stück zur rechten Vollkommenheit und Frommkeit. Ich halte, es wird allen den Pfaffen auch daran gemangelt haben, die mich so schrecklich auf der Kanzel ausgeschrien. Mein, verklaget heutzutag einer unter uns seinen Rücken, daß ihn die Andacht zu sehr reite? Doch folget nicht stracks, daß man ein Atheist sei. Ich habe oft getanzet und zugleich in meinem Herzen gebetet, aber weil mir der Pfaff nicht hineinsehen konnte, so mußte mirs trefflich alle grogehen. Ein anders ists, sich der Welt gleichstellen, ein anders, der Welt gleich sein. Ich wußte am besten, wie mir ums Herz war, und daß ich täglich spazierenging, geschah nicht zur Üppigkeit, desgleichen musicierte ich nicht wegen Wollust, sondern zur Erfrischung meines Gemütes, welches unterweilen gar zu maulhenkolisch werden wollte. So weiß ich auch am besten, wie mir mein Spazierengehen bekommen ist. Wie oft ich mich in die Füße gestochen, die Kleider zerrissen, wie manchmal ich das Bein ausgesprungen und sonst im Wald allerlei Ungelegenheit ausgestanden, davon haben sie still geschwiegen, vielleicht, weil sie nichts darum gewußt haben. All diese Wort will ich durchaus gegen die Geistlichkeit nicht aufgesetzet noch geschrieben, sondern nur deswegen hiehergebracht haben, daß man sehe die üble Deutungen der Menschen, und daß die Welt alles anderst auszulegen pfleget. Es meinet freilich ein Mensch, die Trauben, so in seines Nachbars Weinberge wachsen, wären die süßesten, aber nachdem sie davon versuchet, speien sie es oftmals wider die Erde. Drum soll ein Kluger von einer Sache weder gut noch Böses reden, ehe er den wahren Grund, warum er nämlich gut oder böse davon reden sollte, innen hat.

Demnach ging ich dennoch wie vorhin spazieren, zuweilen badeten wir uns in einem frischen Bächlein, welches den großen Wald sehr angenehm und mit lieblichem Geräusche durchloff, und weil ich hier des Bades erwähne, muß ich beiläuftig erzählen, was mir kurz darauf begegnet ist. Der Student, welcher nunmehr bei mir ganz gewohnet hatte, machte sich gute Hoffnung, daß ich ihn dermaleins zu einem guten Dienst befördern würde, machte sich derowegen das ganze Schloßgesind sehr zugetan, und ich war ihm nicht viel weniger als meinem leiblichen Bruder gewogen. Derohalben hatte er gute Licenz, seinem eigenen Zaum nachzugehen, wie er denn oftermalen ohne meinem Wissen mit den Hunden ausgegangen und dort und dar eine Wildtaube heimgebracht hat.

Einsmals lag ich des Nachts auf meinen Matratzen und konnte vor allzu großer Hitze kein Auge zubringen. Ich hatte tausend Grillen, allermeistens aber plagten mich die Gedanken wegen des alten Schlosses, welche ich lang nicht aus dem Kopf bringen konnte. Indem hörte ich zu unterschiedlichen Malen mit dem Munde pfeifen, und weil es unter meinem Fenster war, stund ich endlich auf, zu sehen, wer es wäre. Ich eröffnete das Fenster ganz sachte, weil man in einem solchen Fall nicht gleich zuplatzen muß, denn es ist wohl ehe geschehen, daß einem also auf den Dienst gelauret worden, darüber man unversehens sein Leben eingebüßet hat. Als ich nun genug Raum hatte, hinunterzusehen, stunden auf dem Schloßberg drei nackende Menschen, darüber ich mich anfänglich nicht besinnen konnte, was es bedeuten sollte. Es hatte mich noch keiner von den dreien gesehen, darum fuhren sie in ihrem Pfeifen fort, redeten auch so viel untereinander, daraus ich wohl verstehen konnte, daß es der Student, der alte Soldat und mein Page war, welchen ich etliche Tage zuvor aufgenommen hatte.

Dieser Anblick entäußerte mich meiner vorigen Grillen, war auch flugs willens, mit ihnen ein Hauptpossen anzustellen, dergleichen auf diesem Schlosse noch nie geschehen war. Ich hatte ein groß von hölzernen Stecken gegittertes Haus, darinnen ehedessen ein Strauß gegangen. Dasselbe schaffte ich mit Hülf zweier Knechte an das Tor hinan, dadurch sie hereingehen mußten. Und dieses geschah darum, auf daß ich sie alle drei zugleich nackicht in demselben fahen und bis künftigen Morgen aufheben möchte. Sagte derohalben, daß sie sich ans Tor machten und erzählten, wie sie zu diesem Unglücke gekommen. Der Student gab vor, sie wären in dem Bächlein baden gewesen, und dort wären ihnen von einem verborgenen Strauchdiebe all ihre Kleider gestohlen worden. Diese Sach, ob sie mir gleich nicht wohl gefiel, mußte ich doch trefflich darüber lachen, damit aber mein Weib nicht erwachte, verrichtete ich alles barfuß. Nachdem ich nun diese große Hühnersteige an die Brücke gesetzet, darüber sie laufen mußten, sperrte ich das Tor auf und hieß sie geschwinde eilen. Aber ehe sie es gewahr wurden, saßen sie alle drei in dem Vogelhaus, und ich schloß das Gitter wieder zu und verbot allenthalben, ihnen kein Messer zuzulassen, damit sie sich nicht losschneiden möchten. Sie wegten zwar ziemlich an den Sprossen, aber konnten doch nichtsdestoweniger sich keine freie Luft noch Ausflucht zuwege bringen, und in solcher Arbeit bemüheten sie sich so lange vergebens, bis es heller Tag ward.

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