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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 52
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II. Capitul. Was sich daselbst mit dem Stradioten zugetragen.

Ich habe nach ihrem Abscheiden keine andere Gedanken als von diesem Geist und wie es doch dem alten Krachwedel im Schlosse gehen würde, gehabt. Ja, ich konnte vor Verlangen, den Ausgang zu vernehmen, kaum essen noch trinken; und der Student war schon beflissen, ein Carmen darüber zu entwerfen, wenn er nur gewußt hätte, ob er den Soldaten loben oder auslachen sollte. Mein Weib hoffte noch das Beste, und wir machten auf dem Schlosse wie diejenige, welche zwischen der Belagerung einer Stadt oder Vestung wetten, ob sie würde erobert werden oder ob der Feind wieder abziehen müßte. Also parierte ich mit meinem Weib auf hundert Taler, daß der Soldat nicht würde hinter die Wahrheit geraten. Der Student aber wettete mit dem Schneider also, daß, wenn er, der Student, gewönne, solle ihm der Schneider seine Strumpf doppeln und die alte Hose flicken. Gewönne aber der Schneider, so solle der Student schuldig sein, ihm zwanzig lateinische Wörter zu lernen.

Gleichwie nun das Geschrei und der allgemeine Ruf wegen des Poltergeistes auf meinem alten Schlosse fast das ganze Land ausgelaufen, als verwunderten sich alle, die davon Nachricht hatten, daß sich der alte Schmeckscheitierer dennoch noch so weit gewaget und seinen alten Kragen in eine so große Gefahr gestecket hatte. Denn es ist gewiß, daß so viel Abenteuren dazumal von diesem Gespenst erzählet worden, als jemals in einer alten Rittergeschicht geschehen ist, die vor diesem mit sonderlicher Verwunderung derjenigen gelesen worden, die sich gerne betrügen lassen. Es schmiß nicht allein die ganze Nacht hindurch im Schlosse, daß es schallete, sondern man hörte auch des Tages starke und große Schläge, davon zum Teil die Fensterscheiben auf die Gasse und endlich gar die Ziegelsteine aus den Mauren gefallen. Der Leser kann sich einbilden, in was vor eine Gefahr sich der ehrliche Stradiot dazumal begeben, und ich lebte immer zwischen schwebender Furcht und Hoffnung, mutmaßend, daß er ohne allen Zweifel eine gute Lecken davontragen würde, denn es hat schon vorher etliche dergleichen Wächter abscheulich abgefertiget, und sind ihrer viel darüber erkranket und gestorben. Andere aber sind glückselig gewesen, wenn sie ohne blutigen Kopf davongekommen. Absonderlich aber hat es einen Kürschnergesellen, der sich dazumal mit der Klopffechterei nährete, erbärmlich zugerichtet, indem ihn das Gespenst nicht allein zwischen zwei Türen erschröcklich gedrücket, sondern ihm noch darzu ein großes Mal auf den Arm gedrucket, welchen er hernachmals schwerlich mehr gebrauchen können.

Also lebten wir alle in großem Verlangen. Bald guckte ich da, bald dort zum Fenster auf die Straße, da sie wieder zurückkommen sollten, konnte aber weder Reitknecht noch den Soldaten erblicken, unerachtet sie allgemach vier Tage außen waren. Als ich aber folgenden Tages bei der Mittagsmahlzeit saß, brachte mir der Schneider die Post, daß man den alten Musquetierer auf einem Landkarren gefahren brächte, welcher ganz krank, matt und blaß aussah. Ich stund geschwind auf und erfuhr durch den Reitknecht, noch ehe als der Stradiot ankam, daß es ihm auf dem alten Schloß sehr übel gegangen und daß es mit seiner Gesundheit große Gefahr hätte. »Warum habt Ihr«, sagte ich zu dem Stradioten, als er voll Seufzen und Wehklagen zum Tor hereinfuhr, »meinem Rat nicht gefolget?« – »Ach,« gab er zur Antwort, »ach, ich armer Mann, wie hat mich das Gespenst gequälet!« Damit schwieg er still, und ich ließ ihn geschwinde in den Turm hinauftragen, damit er in dem obigen Zimmer frische Luft schöpfen und sich durch meine beigeschaffte Medicamenten wiederum in etwas erholen konnte.

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