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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 46
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII. Capitul. Redet von der Kinderzucht.

Nach dieser Execution, in welcher sie abscheulich zerstoßen worden, ritt ich wieder heim und fand mein Weib bitterlich weinen, welche mit einem Perspectiv auf das Feld gesehen und unterschiedlich vorübergehende Leute wegen dieser Geschicht ausgefraget, wie etwan einer oder der andere gestorben wäre. Man wußte ihr aber nichts als von ihrer großen Halsstarrigkeit zu sagen, ob man schon dabei heimlich gemurmelt, daß einer unter den Hingerichteten solle eines vornehmen und stattlichen Herkommens sein. Ich lasse es dahin bewenden, ob dem also gewesen oder nicht; dennoch ist es wahr, daß nicht lange darnach ein ehrbarer und allem Ansehen nach sehr reicher Mann mit dreien, so ihn begleitet, voll Tränen und Seufzen vor den Galgen geritten. Seine Sprache schien ausländisch, und rufte zu etlichen Malen: »O mein Sohn, mein Sohn!«Ich habe es eben von der Bauersfrauen, bei welcher er über Nacht in einem Dorfe samt seinen Gesellschaftern gelegen, welche nach der Aussage dieser Frauen genug an ihm, sie wußte aber nicht weswegen, zu trösten hatten. Aus diesem Exempel ist zu sehen, wie in ein großes Elend gottlose und ehrvergessene Kinder ihre Eltern oft zu stürzen pflegen. Solches sind gemeiniglich Kinder, welche entweder gar zu wenig gezüchtiget oder gar zu übel gehalten werden. Manche Mutter laufet dem Vater, wenn er zuschlagen will und soll, unter die Streiche, lässet sich lieber acht Schläge als dem Kind einen geben. Auf solche Hülfe verlässet sich das liebe Söhnlein. Kommt der Vater mit der Rute, da lauft man geschwinde hinter der Mutter Schürztuch und schreiet, daß es die Nachbarn ins sechste Haus hören. Also wächset das liebe Pflänzlein auf, fänget auch endlich gar an, den Vater bei den Haaren zu zupfen, heißet das Gesind und die Dienstboten mit allerlei garstigen Namen. Will man strafen, so sagen die Mütter: »Es ist noch zu klein, das Kind versteht nicht, was es redet.« »Mir ist es eben auch also geschehen«, sprach der Student. »Als ich noch in der Stadt war und, mich desto besser durchzubringen, kalmeusern oder, lateinisch zu sagen, informieren mußte, kam mir ein solch saubers Weiblein unter die Hand, welches sich, sooft ich ihn züchtigen wollen, allezeit belieben lassen, mich bei den Haaren zu raufen. Wenn ich sagte: ›Schelm, lerne! siehe auf dein Buch!‹, so sagte er: ›Du bist selbst ein Schelm!‹ Also lebte der Jung in allerhand Frevel und die Eltern im continuierlichen Streit. Wenn ihn der Vater, so ein rechtschaffen wackerer und kluger Mann war, strafte und ihn mit der Rute auf die Finger klopfte, so stieß die Mutter ihren Mann mit der Faust in den Rücken, daß es puffte, und also gab es wegen des Knaben einen unaufhörlichen Ehestreit, und kam von den Worten zum Zanken, vom Zanken zum Raufen und Schlagen, von dar zur Klage, von der Klage zur Strafe, verlor also der gute Mann – es möchte die Straf gleich über ihn oder seine Frau gehen – ein merkliches Stück Geld, weil selten eine Woche vorübergegangen, da sie sich nicht dreimal wegen des Jungen gerauft haben.«

»Nein,« sagte ich, »so wird es mit meinen Kindern nicht heißen. Eier in die Pfanne, so werden keine Jungen draus, saget man im Sprüchwort; wo man den Baum nicht in seiner zarten Jugend vorbeuget, so wird ein übels und krummes Gewächse daraus. Wer den Kindern gar zu frühzeitig aufpfeifet, dem tanzen sie hernach solche Sarabanden. Man muß aber auch nicht in sie hineinfahren noch zuschlagen wie mit einer Schlägel-Hacken auf einen eichern Stock. Allzu scharf macht hässig, allzu lind macht lässig, drum soll mans in allen Sachen nit zu scharf noch zu linde machen. Wenn man den Bogen zu hoch spannet, so springet er entzwei, und wenn man den Esel nicht wacker klopfet, so trägt er sein Leben lang keinen Sack in die Mühl. Ne quid nimis, heißet die lateinische Regul, zu wenig und zu viel, ist des Teufels Spiel. Mancher hudelt seine Kinder, schlägt und stößet in sie wie ein unsinniger Ochs. Was richtet er damit aus, als daß er sie inzeiten zaghaft, scheu und so erschrocken machet, daß sie fast mit keinem Menschen ein Wort ohne Augenblinzeln reden können. Sie laufen wohl gar davon, gehen in Krieg, lassen sich aus Desperation unterhalten, werden Soldaten, und ist also nur um zwei falsche Schritte zu tun, so kommen sie dem Henker unter die Hand: das hat man von den Kindern herausgeschlagen. Die allzu große Gelindigkeit der Mutter bauet dem Kind die Stufen, und die allzu scharfe Härte des Vaters schlaget den Nagel in Galgen. Da hängt der Sohn. Was vor ein großes Herzeleid hernachmals solche Eltern überfalle und wie eine große Reue sie ergreife, ist leichtlich zu gedenken.

Gewohnet man aber gar zu große Lindigkeit, so will man keinen sauren Wind über die Nase gehen lassen. Soll man in die Welt hinaus seinem Handwerk oder Profession nachziehen, da fängt man an zu weinen und heulen, daß es erschröcklich ist. Es ist zwar natürlich, daß aller Abschied, es sei gleich von Eltern oder sonsten von guten Freunden, sehr wehe tue, absonderlich in den jungen Jahren. Wieviel mehr wird es aber einem solchen Kind zu Herzen gehen, das stets sozusagen an den Mutterbrüsten gelegen und seine größte Arbeit mit Äpfelbraten hinter dem Ofen zugebracht hat. Kommt man anderwärts und wird nur scheel angesehen, so heißt es: ›Ach, wäre ich wieder bei meiner Mutter! O liebe Mutter, wäre ich bei dir! Oh, wie habe ich so gute Tage verloren!‹ Da fängt man an zu weinen, setzet sich in einen heimlichen Winkel und denkt an nichts als an das liebe Heimat, und wie manchen guten Kuchen man daselbst gefressen habe.

Man schreibet von den Heringen, daß selbige Fische, sobald sie aus der See kommen, plötzlich abstehen und sterben sollen. Solches, weil ichs nicht anders gelesen, muß und will ich gar gerne glauben, aber auch alle solche Muttersöhnlein auch Heringsköpfe heißen, die da, sobald sie außer des Vaterlands sind, abstehen und verschmachten wollen. Es schmeckt ihnen kein Fleisch, kein Brot, kein Bier. ›Oh,‹ sagen sie, ›in meiner Heimat ist gut Fleisch, in meiner Heimat ist gut Bier, gut Gebackens, gutes Brot, gute Fische‹ und so fort. Da sind nirgends keine so schöne Gebäude als in ihrem Heimat, kein Ort ist schöner situiert, als wo sie sich herschreiben. Nescio, qua dulcedine cuncti etc., saget der Poet, ich weiß nicht, durch was vor eine annehmliche Süßigkeit wir getrieben und beweget werden, unser Vaterland zu wünschen. Es wird aber mit den Muttersöhnlein keine solche Liebe, die da dem Vaterland ersprießlich ist, verstanden. Als zum Exempel: wer sein Vaterland also liebt, daß er Gut und Blut davor in die Schanze schlägt, dergleichen Exempel zu diesen Zeiten sowohl als vor alters florieren, der ist ein rechter Liebhaber seines Heimats zu nennen. Aber solche Kinderfratzen und pockänzichte Heimsehnungen, da man auf dem Weg immer zurück nach den Turmspitzen und nach dem Kaminrauch gucket, ist ein kindisches Vornehmen, welches zwar mit dem herbeinahenden Alter verschwindet, aber nichtsdestominder solche Leute in großes Unglück stellet.

Denn indem die Mutterpfennige schwinden, suchet man allerlei Gelegenheit, sich zu bereichern, man machet mit, so gut man kann, und wenn sie nicht mehr wissen, was nun zu tun oder anzufangen sei, so sagen sie den Sentenz, welchen sie aus all ihrem Studiern alleine übrigbehalten, nämlich: an nescis longas etc. Damit greifen sie zu, wo sie wissen, da der beste Brocken sitzet, fangen also mit dem Kleinen an, bis sie am Großen aufhören und eben an denjenigen Ort geraten, nach welchem sie so oft und mannigfaltig gegriffen haben, nämlich an den Galgen. Dieses sind die Früchte der Hatschelei, anderer Ungelegenheiten zu geschweigen, die dadurch zu entspringen pflegen. Da darf mancher Schuhmacher seinen Lehrjungen nicht sauer ansehen, so läuft er wieder heim, wo er hergekommen. Der Kaufmann darf seinem Jungen nur die Elle ein paarmal über den Rücken messen, so geht man zu dem Barbierer, nimmt eine Purgier und eine rote Salbe ein, das zerronnene Geblüt wieder zu curieren. Da heulet die Mutter wie ein Wolf, das liebe Söhnlein wie eine junge Katz, und die Schwester pfeift hintendrein und quäkt wie ein Frosch, da ist die edle Musik beisammen.

Wenn man aber den Schaden recht beschauet, so hat der Kaufmann durch seine Streiche nichts als ein paar große Gewandläuse auf des Jungen seinem Rücken totgeschlagen, und da ist der Totschlag als in einem corpore delicti augenblicklich zu sehen. Ja, die Eltern sind zuweilen wohl gar so närrisch, verklagen den Herrn bei der Obrigkeit, dem sie doch vielmehr zu danken große Ursach hätten. Eine gute Züchtigung schadet dem Magen so wenig als eine hübsche fette Fleischsuppe. Wer nichts ausstehen, sondern sich zu jedem Wort wie ein Schneck, der die Ohren einziehet, anstellen will, aus dem wird auch nichts. Ich weiß nur gar zu wohl, was mein Jäckel vor ein schlimmer Gesell war, jedennoch ließ er sich tapfer abklopfen und besserte sich fein darnach. Solche Streiche werden wohl angewandt und sind dem Getreide zu vergleichen, welches, wo es in eine fruchtbare Erde geworfen wird, zehenfältige Frucht bringet. Dieses lasset euch gesagt sein, ihr Eltern, und folget in diesem Stück dem Exempel meines alten Soldaten auf dem Schloßturm, der erzählete, wenn ein Kind, deren er fünfe gehabt, mit einer Klage zu ihm gekommen, daß es nämlich von dem Meister zu hart geschlagen würde, so habe ers allezeit mit noch mehrern Streichen zurückgejaget, als sie angekommen sind.«

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