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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 44
Quellenangabe
pfad/beer/sommerta/sommerta.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI. Capitul. Der Organist verliebt sich in die Margaret. Sie sehen auf dem Turm eine Finsternis. Der Schreiber entführt die Beschließerin.

Das Allerkurzweiligste war mit diesem Ab initio, daß er sich auf meinem Schlößlein in die Beschließerin, so eine geborne Schwäbin, verliebte. Er hatte allgemach etliche Jahr in dem Witwerstande zugebracht und konnte nicht länger zurückhalten, mir seine Meinung zu eröffnen. »Ich bin zwar anitzo getrunken,« sagte er, »aber voller Mund redet Herzensgrund. Darum muß ich gestehen, daß ich in die Jungfrau Margaret verliebt sei, aber in allen Ehren. Ich bin zwanzig Jahr ein Ehemann gewesen, habe mein Weib allzeit ehrlich und wohl gehalten, meinen Dienst fleißig versehen und, ohne Ruhm zu melden, mich in meinem Wesen so erwiesen, wie es meine Schuldigkeit und mein Dienst mit sich gebracht hat. Wenn es sich denn nun so schicken und sein wollte, daß ich sie haben könnte und müßte, so wäre mein erste Bitt an Euer Gestreng, Vest und Herrlichkeit, Ihr Bestes bei der Sache zu tun, damit ich keinen Korb bekäme.«

»Ihr alter Vater,« sagte ich zu ihm, »Euch stünde besser an, daß Ihr einen großen Paternoster mit fäustgroßen Knöpf in die Hände nähmet, als ein so junges Mägdlein zu heiraten verlanget. Ein alter Mann heiratet mit großer Gefahr, absonderlich ein Organist, wie Ihr seid, der da viel Discipul hat. Die sehen gemeiniglich viel mehr auf die Wangen der Frauen als auf das Clavier. Sie betrachten die Brüste viel mehr als die Blasbälge am Regal, da setzet es darnach falsche Quinten, die man aus dem C-Dur geiget; und wenn es Euch an einem Paar Krummhörnern mangelt, die man an etlichen Orten zur Musik gebrauchet, so könnt Ihrs durch eine solche Gelegenheit leichtlich bekommen. Doch wenn es Euer Ernst ist, wie ich daran keinen Zweifel trage, so will ich Euch als meinem Lehrmeister zu Gefallen und dankbarer Schuldigkeit die Beschließerin vor mich nehmen, ihr Eure getane Proposition vorhalten und Euch alsdann ihren Entschluß wieder notificieren. Seid Ihr damit zufrieden?« – »Trefflich wohl!« sprach der Ab initio, »und wenns noch heute sein könnte, wäre mirs desto lieber.« – »Nein,« sagte ich, »heute wird nichts draus, denn sie geht zur Beicht. So ist es auch morgen nichts, aber übermorgen als künftigen Montags kommet gegen Abend auf eine Musik und Abend-Collation zu mir, nehmet mit meiner Ordinari-Speis vorlieb, alsdann will ich Euch all dasjenige berichten, wessen sie sich in diesem Punkt gegen mir verlauten lassen. Mich anbetreffend, werde in diesem Stück als ein Freiwerber auf Eurer Seite sein und Euer Lob, dessen Ihr wohl wert seid, gegen ihr in meinem Vortrag genugsam herausstreichen.«

Mit diesem Entschluß schied er dazumal höchst vergnügt und tausend Grillen fangend in die Stadt, ich aber wartete mit meinem Vortrag bis künftigen Montag, an welchem ich vormittags die Beschließerin zu mir beruf und sie also anredete: »Liebe Margaret, was willst du mir spendieren, wenn ich dir einen Bräutigam zubringe?« – »Hier,« sagte sie auf schwäbisch, »es ischt des Hieren sin Schierz!« – »Nein,« sagte ich, »meine liebe Margaret, es ischt nicht mein Schierz, es ischt mein Ernst, und damit ich euch in dieser wichtigen Sache mit dir nicht viel foppe, so wisse, daß der Organist von Ollingen, welcher dir, weil er fast wöchentlich hier ein und aus gehet, nicht unbekannt sein kann, um dich bei mir inständig angehalten hat, ob du dich durch mich dahin wolltest bewegen lassen, ihm deine Affection zuzuwenden. Nun bin ich in diesem Fall nicht gesonnen, dich zu einem oder zum andern Entschluß zu bereden, denn die Ehe ist ein schwerer und gefährlicher Kauf. Er ist zwar ein ehrlicher und frommer Mann, der, ob er gleich kein großer Künstler noch Quintilierer ist, so hat er doch sein vermögliches Auskommen, hat ein hübsches Haus in der Stadt und mit seinem Bierschenk ein solches Gewerb, damit er sich bis dato hübsch hingebracht hat. Ich weiß nicht anders, als daß er seine vorige Frau gar höflich und ehrlich gehalten. Er hat vier Kinder, sind aber alle schon erwachsen und geschickt genug, ihr Stück Brot zu gewinnen. Seinen Dienst versiehet er gar fleißig, also daß die Ratsherren in der Stadt, ob es gleich die wenigsten verstehen, gar wohl mit ihm zufrieden sein. Darum sage mir deine Meinung, was hältest du von ihm, oder wie gefällt dir mein Vortrag?«

»Oier Vortrag,« antwortete die Margaret, »edler und gestrenger Hier, ischt guet und fein, aber der Orgalischt ischt ein alter Hosen-Purgierer und hat kain Zahn im Maul!« – »Ja,« sprach ich, »das ist gut vor dich, daß er keinen Zahn im Maul hat, so beißt er dich nicht.« – »Hier,« sagte sie weiter, »ich wollte lieber ein hübsches junges Bürschle haben.« –

»Ja,« sagte ich, »du Närrin, so ist einer andern auch. Ihr wollt hübsche junge Bürschle haben, was ist euch aber mit ihnen gedienet? Ihr habt bei ihnen zwar kurzweiligere Nächte als bei einem Alten, aber desto schlimmere Tage. Suppen und Kraut frißt sich nicht gar wohl, absonderlich, wenns täglich kommt. Bei einem Alten gibt es bessers Maulfutter, und da kommst du in ein aufgeräumtes Hauswesen. Es ist hart, sich einzurichten, und absonderlich vor ein Mensch, das fremd im Land ist wie du. Darum besinne dich diesen Vormittag, gehe mit meiner Frauen zu Rat, es hängt gleichwohl deine zeitliche Wohlfahrt dran. Triffst du die Scheibe wohl, so ist der Schuß dein. Ich kann weiter bei der Sache nichts tun, als daß ich dir den Organisten nicht schänden kann, wie er denn ein ehrlich, christlich und frommer Mann ist, der mit keinen falschen Griffen noch Betrug umzugehen weiß. Gehe hin und besinne dich wohl und gedenke dabei, daß, wenn du den Organisten heiratest, dir die Brautmesse umsonst gespielet wird.«

Aber die gute Margaret, so sehr ihr auch von meiner Frauen dazu geraten worden, wollte doch nicht anbeißen, noch sich viel weniger zu einer Gewißheit resolvieren, sondern bat bis morgen auf den Abend um Bedenkzeit. Ich ließ ihr solche, wie billig, gar gerne zu und vertröstete indessen den Organisten, welcher um ein paar Stund ehe gekommen war, als ich ihn beschieden, auf einen guten Ausschlag, trank ihm auch indessen bei der Collation ein christliches Räuschlein zu und schickte ihn in der Nacht auf meinem Kobelwagen wieder in die Stadt. Dort gab der Herr Ab initio dem Gutscher ein gutes Trankgeld und schickte zugleich der Beschließerin ein Brieflein folgendes Inhalts mit:

›Herzallerliebstes Clavier meiner verliebten Gedanken. Ich weiß am besten, wie mir um das Ventil meines Herzens ist. Die Hoffnung, welche ich zu Ihrem guten Entschluß trage, lasset mich an dem angenehmen Echo Ihrer süßen Regal-Pfeif keineswegs zweifeln, noch viel weniger, daß ich auf dem Positiv meines Vorhabens irrgreifen werde, verzweiflen. Wir sind zwar bis dahero ein Sexta major voneinander gestanden, wollte wünschen, daß wir, je eh, je besser, und gleichsam in einem Tripeltact könnten in ein Unisonum zusammen resolviert und gesetzet werden. Die weiße Noten Ihrer Tugenden sind meine größte Freude, und weil Sie Beschließerin ist, ergetzet mich nichts mehr als Ihre Claves, welche ich als ein erfahrner Organist gern examinieren wollte, ob sie zu vier Fuß-Ton recht einstimmen oder nicht. Sie lebe indessen wohl! Weil sich der Kutscher wegen Zusperrung der Stadttor nicht lange aufhalten können, muß ich, obwohl wider meinen Willen, zur Cadenz und dem Final schreiten. Adieu, in fine videbitur, cuius toni.‹

Diesen Brief kriegt ich zuhand, machte ihn heimlich auf und stellete ihn aufs neu zugesiegelt der Beschließerin selbst zu, welchen sie nicht gar groß ästimierte. Dieselbe Nacht war, nach Ausweisung meines Calenders, eine Mondenfinsternis zu hoffen. Deswegen blieb ich auf, bis etwan Zeit sein würde, der Speculation abzuwarten, weil vor Mitternacht schwerlich etwas daraus werden würde. Meine Sophia ging damals vors andere Mal hochschwanger, darum lagen wir diese Zeit über allein. Ich hatte dannenhero den Studenten bei mir in meinem a parte-Bettlein liegen, der mir auch dazumal in Betrachtung der Eclipsin Gesellschaft leisten sollte.

Nachdem die Schloßglocke zwölf Uhr geschlagen, stiegen wir die Turmtreppe miteinander hinan, ich einen großen Tubum oder Sternglas, er aber eine Laterne tragend. Wir gingen, damit niemand aus dem Schlaf möchte verstöret werden, in den bloßen Strümpfen und verrichteten in dem obern Zimmer unsere vorgenommene Speculation einer um den andern gar vergnüglich. Der Student wies mir gar fein, wie sich die interpositio terræ inter Solem & Lunam verhielt, und daß solches keine sonderliche Zustände bedeutete, wie die Gassensänger in ihren Zeitungen zu prophezeien, soll sagen, zu lügen pflegten, sondern daß die Sonn- und Mondenfinsternissen natürliche Sachen wären, die nichts Sonderliches, ja, so wenig zu bedeuten hätten, als wenn wir die Sonne untergehen sehen.

Der Stradiot, welcher indessen in seinem Bette, so ich ihm in diesem Zimmer aufrichten lassen, sanft geschlafen, wurde endlich von unserm Conversieren ermuntert und fragte gleichsam aus alten und im Kriege angewöhnten Gebrauch: »Wer da?«, entsann sich aber bald eines andern und bat um Verzeihung, vorgebend, daß ihm die alten Grillen nicht alle aus dem Kopfe wären. Er stund endlich auf und gab seine Meinung zu allen Sachen, die wir wegen dieser Finsternis hatten. Indem überzog sich der Himmel mit häufigen Wolken und wurf starke Schloßen, daß alles witterte und stürmete. »Ihr Herren,« sagte der Soldat, »in solchem Wetter habe ich müssen Schildwach stehen, auf die Partei und Execution laufen, es mochte gleich donnern, blitzen oder hageln, so half doch nichts, ich mußte mit meinem Schmeckscheit hinaus und mich in meinem Mantel so gut verstecken, als ich konnte. Da war es übel vor die Bursche, die keine Mäntel oder einen guten Caput-Rock hatten, absonderlich auf der verlornen Schildwach. Da donnerte und blitzte es zuweilen, daß uns das Pulver auf der Zündpfanne hätte anbrennen mögen, und kam oft unter zehen kaum einer wieder heim, denn es war Wetter und Feind wider uns, die uns da und dort hinwegfischten und von dem Platz angelten.«

Nachdem wir ein und anders, die Mühseligkeit der Musquetierer betreffend, geredet hatten, wünschten wir dem alten Vater eine gute Nacht, willens, uns schlafen zu legen. Auf der Turmtreppe stieß mich der Student in die Seite, und als ich mich umsah, warum er solches getan, so zeigte er mir durch ein Fensterlein auf dem Gange, so rings um den Schloßhof ging, den Schreiber Nobiscum vor der Margareta ihrem Kammerfenster, der mit ihr, weiß nicht von der Fractur oder der Canzeleyschrift, discurrierte. Da ich aber etwas genauer zugehöret, war es von der Current, denn er war allem Ansehen nach willens, mit ihr heimlich auf und davon zu laufen. »Ich weiß es schon,« sagte er zu ihr, »daß Euch der Herr und die Frau den alten Hosenvergulder zu heiraten gänzlich persuadieren werden und durchaus haben wollen, daß Ihr Euer Jawort dazu gebet. Aber gedenket Ihr nicht, wie es Euch dermaleins reuen werde, einen so abgeschmackten Kirschmus-Bart geheiratet zu haben? Er geht auf der Gasse daher, wie wenn ihm die Bein in den Hintern gekleistert wären, und wird von allen Leuten ausgelacht. Der Herr hält selbst nicht viel auf ihn; Ihr wißt wohl, wie er ist. Wer ihm die Zeit mit Narrenpossen vertreiben kann wie der neue Student, der ehrbare Vogel – »Herr,« sagte der Student zu mir, »das bin ich« –, derselbe ist bei ihm mehr æstimiert als ich und meinesgleichen, die nur mit ernstlichen und reputierlichen Sachen zu tun haben. Der alte Knisterbart hat viel Kinder, darum besinnet Euch wohl und denket daran, was Ihr mir und ich Euch so oft bei Teufelholen und tausend Schwüren zugesagt. Vernehmet Ihr mich, was ich meine?«– »Ja, mein Schatz,« sagte die Margaret, »ich vernehme Euch gar wohl. Ich wollte, daß der Herr etwas anders vor seinen Vortrag getan hätte; ich dachte, es soll Euch gelte, aber so galt es den Orgalischte. Es blibt dabei, was geredet ischt, das ischt geredet.« – »Wohlan!« sprach der Schreiber, »so blibt es demnach bei der Resolution, leb wohl, mein Schatz, und halte dich fertig! Gute Nacht!«

Aus dieser Rede vermerkte ich wohl, daß wir etwas zu spat zu ihrer Conferenz gekommen. Nichtsdestoweniger hatte ich dadurch Argwohn genug, daß nichts mit dem Organisten seiner Buhlerei zu tun wäre, weil ihm dieser Gelbschnabel über das Rück-Positiv herwischen wollte. Nun gedachte ich, der Organist mag sich immer auf ein Lamento gefaßt machen, doch solle der Schreiber auch nicht so bald Sturm laufen, als er sichs einbildet. »Das ist ein Schelm,« sagte ich zu dem Studenten, »wer sah es dem Duckmäuser an, daß er solche Octaven setzen könnte? Warte, du Mauskopf, ich will dir einen Knoten in das Band knüpfen, den du so bald nit auflösen sollest!« Also legten wir uns schlafen und ließen uns von der Sache nichts Böses träumen.

Morgens ließ ich den Schreiber rufen, meine gewöhnliche Correspondenz-Brief an meine gute Freunde mit der Ordinär abzufertigen; aber da war weder Schreiber noch etwas anders zu finden. Ich machte mir stracks Grillen, ging selbst in die Canzeley, aber da waren seine Kleider, sein Feiertagsmantel samt noch einem Rohr hinweg, welches ich zur Vorsorge im selben Zimmer hangen hatte, weil allerlei Wildenten auf dem unweit entlegenen Teiche sich immerzu sehen ließen. Gleichwie ich aber den Schreiber suchte, so suchte meine Frau die Beschließerin. »Margaret! Margaret!« ging das Geschrei, »wo bist du? bist du noch nicht aufgestanden? was machest du so lang in der Kammer?« Ja wohl Kammer! Sie war nur gar zu früh aufgestanden, und der Torwärter berichtete, daß sie in der Nacht etwan um Glock drei Uhr hinausbegehret, vorgebend, sie würden von der gestrengen Herrschaft nach Ollingen verschicket. Ich ließ bald mit zweien Pferden nachjagen, weil meiner Liebsten ein großer silberner Becher samt dreien güldenen Halsketten, so die Beschließerin in ihrer Verwahrung hatte, samt andern Sachen, mir aber nebenst der Büchse ein saubers Kleid hinweggekommen, welches sich nicht leichtlich verschmerzen ließ, absonderlich, da es von einem so leichtfertigen Hausgesind, dem man alles Gutes erwiesen, angepacket worden. Aber da war weder Schreiber noch Beschließerin zu erfragen noch auszukundschaften, mußte also samt dem Organisten Patientia tragen, welchen es überaus geheiete, daß er den Braten verloren, ehe er ihn noch an den Spieß gestecket hätte. Er schmälte auf den Schreiber, daß es schrecklich war; ich aber sagte, daß man zu geschehenen Sachen das Beste reden, noch sich unmäßig hierüber quälen solle. »Haben sie mir doch auch«, sagte ich, »über die hundert Taler Wert gestohlen, sie laufen hin, wo sie wollen, sie werden sich nicht ewig verbergen können. Die Ruten grünen alle Jahr, mit welchen sie noch werden gestrichen werden.«

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