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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 42
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV. Capitul. Der Jäckel wird davongejagt. Dessen Stelle wird von einem Studenten ersetzet.

Ich mußte ihn endlich, obschon halb gezwungen, wider meinen Willen abschaffen, denn ich brauchte seiner öfters zu meiner Kurzweil, die er nicht allein mit allerlei guten Schnacken beförderte, sondern mir in diesem Stücke sehr dienlich war, weil er ein wenig singen konnte. Wenn ich dort und da etwan eine Aria oder sonsten etwas, so gut michs der Organist von Ollingen gelernet hatte, gecomponiert und auf das Cartell gesetzet, so mußte er mirs herabsingen, welches er gemeiniglich mit einem langen Triller hinauscolorierte und mit seiner verklobenen Discantstimme manches Lied heruntersang. Er hatte durchaus keine Manier oder Singart, und wenn er nur ein wenig zu viel gefressen oder gesoffen hatte, so quiekte er nit viel anders als ein junger Waldesel, jedennoch machte der Galgenvogel so artige Gestus und andere Mienen zu den Melodeyen, daß sich einer hätte scheckicht lachen mögen.

Die Ursach, warum ich ihn hinwegjagte, war, indem er den Schreiber beredete, er wäre krank und sähe aus wie der Tod. Der Schreiber ließ sich überreden, legte sich zu Bette, und hatte es mit dem betrogenen Narren recht große Gefahr, weil ihn die bloße Einbildung, als hätte er die Gelbsucht, dermaßen zurichtete, daß der Medicus endlich an seinem Aufkommen zu zweiflen anfing. Solche Insolentien waren billig nicht zu gestatten, noch länger durch ein Fingersehen gutzuheißen, wollte ihn demnach zu einem andern Herrn bringen, weil seine Person allenthalben sehr geliebt und unter den Adeligen absonderlich bekannt war. Er aber sagte, daß er seiner Kunst nachfolgen und dieselbe zur Perfection bringen wolle, damit er noch manchen Narren in der Welt abmalen und ihn mit dem Pinsel nach allen seinen Lineamenten entwerfen könnte.

In diesem Vorhaben reisete er fort und schickte mir nicht lange hernach etliche Emblemata oder Sinnbilder, die er selbsten inventiert und zugleich überaus sauber gemalen hatte. Unter andern hat er zwei große Haufen von lauter Herzen und auf dieselbe zwei Lautenschläger gezeichnet. Der eine war mit einem altfränkischen Kleide, grauen Haare und Bart, der andere aber auf die allerneueste französische Mode herausgeputzet. Unter ihnen stunden die Worte: O corda moderna, quantum distatis a chordis antiquis? Aus diesem Sentenz kann der verständige Leser genugsam abnehmen, daß dieser Jüngling eines fähigen Ingenii gewesen, denn er wollte durch dieses Gemälde nichts anders andeuten als die große Distanz der heutigen Harmonie mit der alten und vor diesem im Schwang gegangenen Einigkeit, weil heutigestages die Leute viel einen andern Ton als dazumal aufspielen. Er wollte sagen, daß vor diesem und zu unserer Väter Zeiten die menschliche Herzen in einer löblichen Eintracht beieinander gelebet, dahingegen anitzo ein Mensch den andern in Sack schieben und aufreiben will. Was sind diese Zeiten anders als ein kalter und frostiger Winter, da ein Wolf den andern mit reißenden Zähnen anfällt und auffrisset. Einen solchen unglückseligen Riß in die alte teutsche Laute haben getan so viel und mancherlei Spaltungen der Religion und des Glaubens. Da sind die Chordæ, ich sage vielmehr die Corda, voneinander getrennet und ihr gutes Verständnis zerrissen worden. Wo ist itzo eine Einigkeit im Lande? Wer liebt das Armut? Und wo lässet man, wie vor diesem, ein Spital oder Krankenhaus bauen? Da man vor diesem drei, sechs, ja wohl weiter als hundert Meil Weges mit großer Beschwerlichkeit des Leibes Wallfahrten gegangen, da tanzet man davor mit einer zerrupften Madam ein paar Galliarden und schert sich wenig um den Schulmeister, der die Fahne vorträgt.

Da mancher alter Teutscher sich in Waffen geübet, gegen seinem ausländischen Feind den Meister zu spielen und sich durch seine ritterliche Kriegs-Exercitia in eine beharrliche Freiheit zu setzen, da lasset man anitzo fünfe gerad sein, setzet sich davor zu einer guten Zeche und zerbricht anstatt der Lanzen, Piken und Degen hübsche geschnittene Gläser, Kannen und Becher. Wie nun solcher Krieg ist, so ist auch die Victori, nämlich gläsern. Vor diesem hatten die Bettler ein bessers Handwerk, weil sie selten von einem Hause mit leerer Hand hinweggehen dorften. Aber heutzutage wachsen »Helf dir Gott!«, wo ehedessen große Stück Gebraten, Fleisch und Kuchen gestanden haben. Woher kommts? Aus dem allzu starken und häufigen Schwelgen der Leute. Da muß alles vollauf sein, und die Aufwärter müssen mit schmutzigem Maule vor dem Tische stehen, daß man sich in ihrer Goschen wie in einem Spiegel begucken kann.

Ehedessen hat man das Vaterunser auf Knien gebetet, die Hände zusammengeschlagen, gen Himmel aufgehoben, man ist still in der Kirche und unter dem Gottesdienst aufmerksam gewesen. Heute zu dieser Zeit bleibt man sitzen, wo man sitzet. Si qua sede sedes, heißt es. Man lasset den Pfaffen predigen, was er will, wir hingegen halten in einem Winkel die Schnauze zusammen, erzählen einander, wie es in Hispanien, in Portugal, in Asien, in Arabien, in Schweden und sonsten hin und wieder zugehet. Anstatt man ehedessen Gebetbücher aus dem Schubsacke gezogen, so ziehet man anjetzo gedruckte und geschriebene Zeitungen, ja oft, daß ichs mit Erlaubnis sage, die Karte hervor. Was haben wir denn dadurch vor eine Wohlfahrt zu gewarten? Mancher klaget – ja man hört fast nichts, als alle Menschen über der übeln Zeit, über den übeln Zustand und über eignes Unglücke klagen. Aber sie dörfen sich dessen nicht verwundern, wie ihre Andacht ist, so ist auch ihr Glücke beschaffen. Si non oras libenter, cibis carebit venter: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Dieses wußte mein lieber Jäckel, so jung er war, dennoch wohl durch die Hechel zu ziehen, und er tat auch wohl daran. Du hast es wohl getroffen, gedachte ich bei mir selbsten, und dein Gemälde ist nicht unbesonnen inventieret, ich will es auch in diese Historia mit einführen, wie ich denn hier augenscheinlich verrichtet habe.

Vors andere, so war unter andern Sinnbildern auch ein lahmes Pferd mit drei Beinen gemalen, mit der Unterschrift: Nil interest, quacunque ratione perdiderit, semper enim claudicat. Mit diesem Gleichnis, wie er mir in seinem mitgeschickten Brief geschrieben, hätte er die Scholasticos angezapft, die so schröcklich viel auf ihre Quæstiones und Terminos hielten.

Denn etliche fragen unter ihnen, ob die Hurerei darum Sünd sei, weil sie Gott verboten oder weil sie an sich selbst eine eigene Malitiam habe. Caramuel saget: Scortationis malitia provenit a probibitione, andere sagen anders. Aber was ist daran gelegen? Die Hurerei sei auf eine Weise schlimm, wie sie will, sive per se, siveper accidens, sie ist doch eine schwere Sünd und verdammt ihre Adhærenten. Es liegt wenig daran, ob ich mit meinem Subtilisieren und Disputieren erhalte, daß das Pferd seinen Fuß im Wasser, im Wind oder durch eine Antipatia verloren, es hinkt einmal wie das andere und kanns weder zum rechten noch zum linken gebrauchen. Solch Disputieren verdirbt die Zeit, belästiget den Kopf, richtet Schulgezänke an, und wird keinem Menschen nichts damit geholfen. Mit einem Wort, das Pferd hinkt, und darauf soll man diese Scholasticos setzen und auf Constantinopel reiten lassen, damit sie daselbst den Türken aus dem Land disputierten. Damit wäre dem armen Teutschland besser geholfen als mit ihren Fragen: Utrum in divinis possint esse plures productiones ejusdem rationis ut plures generationes etc. Solche und dergleichen Fragen lachte der ehrliche Jäckel durch sein lahmes Pferd billig aus, und ich bekam dadurch Gelegenheit, mein Sächlein gleicherweis hinzutragen und damit meine einsame Zeit zu verkürzen. Machte mir demnach gute Hoffnung, daß aus ihm noch ein rechtschaffener Kerl werden möchte, weil eine fröhliche Jugend, wie die knickhansischen Schulmeister meinen, nicht allezeit, ja gar niemalen, eine Anzeigung der zukünftigen Schalkheit ist.

Unter währender Betrachtung dieser Bilder kommt ein Kerl an das Schloßtor und gab dem Torwärter einen großen Brief. Als ich diesen zu Händen bekommen, sah ich, daß es ein lateinisches Testimonium von einem Schul-Rector war, bei welchem er in dem Gymnasio acht Jahr studiert hatte und nunmehr willens wäre, auf eine Universität zu ziehen. Seine schlechte Condition und die zerlumpte Kleider zeigten genugsam an, daß er nicht viel mit Wechselbriefen umzugehen wüßte, ließ ihn demnach zu mir kommen, und: »Wo wollet Ihr hin?« sprach ich zu ihm, »in diesem widerwärtigen Wetter?« – »Ha,« sagte er, »und wenn es Spieß und Hagel untereinander regnete, so wollte ich doch fortreisen, daß ich nur des verfluchten Lebens und der Schulfüchserei los werde. Der Teufel hat mich aufs Gymnasium geschlagen, vor diesem hatte ich eine gute Discantstimme. Dannenhero versprach man mir, so ich mich auf der Schul aufhalten und in der Kirche wollte auf dem Chor gebrauchen lassen, so hätte ich dermaleins ein großmächtiges Stipendium von dem Rat zu hoffen, aber nun meine Stimm dahingeflogen und ich keine Hoffnung zu einer anderen habe, richtete mich der Cantor wie einen Hundsjungen aus. Er hieß mich einen schnofflenden Wasserhund und sagte, ich wäre des Salzes nicht wert, das er mir müßte zu fressen geben. Dahero getröstete ich mich bei solchem Zustand des getanen Versprechens und bat um ein Stipendium Academicum. Aber ich glaube, sie haben mir eines gegeben, nämlich hinten hinaus, wie die Bauern die Spieße tragen. Es hatte große Not, daß mir der Rector dieses fünfzeilichte Testimonium mitgegeben, aber wenn ich ein paar Taler zu spendieren gehabt hätte, da wäre ich ein wackerer Dominatio vestra gewesen.

Auf der Schul war mir kein Præceptor noch Magister gut, ich mußte ein Erzschelm, ein Galgenvogel, ein fauler Schlingel, ein Idiot und Luder sein, und nun stehet in dem Testimonio, daß keiner niemals wider mich eine Klag gehabt hätte. Sehe also am Ausgang, daß sie rechtschaffen gelogen haben, denn ich weiß es am besten, wie arg sie mir mitgefahren haben. Wie ich nun gesehen habe, daß es mit dem Stipendio etwas lausig werden wollte, hielt ich um ein Viaticum an, in Hoffnung, weil ich so lange auf dem Chor ein Utremifasola gewesen, aufs wenigst hundert Reichstaler davonzutragen. Aber sie wiesen mich an die Almosencassa, daraus bekam ich zehen Kreuzer Salzburger Münz. Ich schmiß vor Zorn die zehen Kreuzer in der Almosenstube in die Fenster, daß die Scheiben auf die Gasse hinunterfielen, und hielt dorten ein alter Geizhals, weil er meinete, es würde einen güldenen Regen absetzen, seine Mütze in die Höhe, aber zu allem Unglück hofierte ihm ein Spatze, die unter dem Dach ihr Nest hatte, hinein. Ich aber hatte Zeit, mich aus dem Staub zu machen, lief also in großem Widerwillen zum Tor hinaus und schlug die Schildwache in die Fresse. Weil er nun nit von der Wache hinweglaufen dürfte, mußte er seine Fledermaus behalten, und ich eilete in vollem Gelächter mit meinem Mantel über das Feld hinüber, wie wenn ich toll und unsinnig wäre. Wie gefällt Euer Gestreng diese Resolution?«

»Eure Resolution«, sagte ich, »ist sehr flüchtig gewesen, denn wie ich höre, so seid Ihr davongelaufen, ihr hättet besser getan, wenn Ihr ehe, und zwar noch dazumal solches getan, da Ihr Eure Discantstimme noch gehabt. Wer etwas kann, den hält man wert. Ich kenne etliche Cantores und weiß gar wohl, was sie vor wunderliche Quinten im Kopfe sitzen haben. Nun sollt Ihr mit leerer Hand auf die hohe Schul ziehen. Morgen ist der Sonntag Misericordiæ; es wäre Euch besser, daß Ihr am Sonntag Lætare hinweggereiset, denn allem Ansehen nach wird es schmachte Bißlein absetzen. Ich bin ein halber Wahrsager, weiset mir Eure Hand, daß ich sehe, ob es Euch wohl oder übel gehen werde!« Er gab mir sein Hand, und ich sagte folgends also zu ihm: »Erstlich sehe ich gar eigentlich, daß Ihr großes Glück im Eisenerz haben werdet, denn Ihr sollt mit Eurem Messer nicht viel Fasanen, Hasen oder Kalbsköpf tranchieren. Vors ander wird Euch kein Mensch einen Pfenning abgewinnen können, denn Ihr habt nichts zu verspielen. So werdet Ihr auch, wie ich an der Tischlinia sehe, vor Getreid nichts ausgeben dörfen, denn das Wasser kostet nicht viel. Die Leute werden Euch viel mehr als den allervornehmsten Stutzer betrachten, weil man wegen Eurer zerrissenen Kleider hinten und vornen auf die Haut sehen kann. Ihr dörfet auch ingleichen um kein Holz sorgen, absonderlich wenn Euch die Bursche mit ihren Stöcken prügeln werden. Um getreue Gesellen und Kameraden dörft Ihr Euch ganz nit bekümmern, denn Ihr werdet Läuse genug bekommen; und wenn Ihr wieder heim kommt, so werdet Ihr der allererste zur Exspectanz und der letzte zu einem Amt sein. Vor dem hitzigen Wein werdet Ihr Euch trefflich hüten. Sehet Euch wohl vor, daß Ihr nicht raufet, denn es könnte geschehen, daß Euch einer die Hosen vom Leib risse, alsdann müßtet Ihr den Mantel um die Beine schlagen und in solcher närrischen Postur die Collegia visitieren.«

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