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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 39
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der kurzweiligen Sommer-Täge
Viertes Buch

I. Capitul. Philipp weiß nicht, soll er nach Hof oder in Stadtdiensten gehen.

Es ist allbereit viel von meinem Leidwesen mit untergelaufen, und gleichwie sich das Glück mit mir verwechselt hat, also habe ich auch diese Geschicht untereinander vermischet, weil unser Leben wie das Wetter allerlei Abwechslungen unterworfen ist. Mancher tanzet heut auf einer lustigen Hochzeit hüpfende Gavotten, und morgen sitzet er traurig hinter dem Ofen, hält den Kopf in die Hand und kalmeusert mit sich selbst, daß er gestern so viel Geld ad patres gejaget hat. Mancher sitzet heute bei einem Korb voll Nüsse, er beißet solche in großer Anzahl mit spitzigen Zähnen auf, und morgen klaget er, wie hart es ihm sei, an einem Bissen Brot zu nagen. Heute siehet man manchen Soldaten ganze Städte umreißen, Dörfer verschlingen und Vestungen verschlucken, morgen sitzet er mit vielen Wunden bei dem Barbier und saget: › Nulla salus bello‹, im Krieg gibts nichts zu saufen. Heute rüstet sich mancher zu einer fernen Reise, aber morgen ist ihm das Wetter zu windig, leget also seinen saccum per paccum & nakum wieder von dem Buckel und bratet dafür Äpfel und Birn hinter dem Ofen, damit seine alte Mutter bei ihrem Spinnrad eine angenehme Unterredung genieße. Also findet man auch Reiter, die am Morgen satteln und erst am Abend ausreiten. Mancher schicket sein kostbares Zeug zu dem Schneider, daß er ihm daraus verfertige ein schönes a la mode Paar Hosen, mit vielen Bändern und breiten Nesteln beheftet. Da man aber zum Fenster aussiehet und fraget, ob der Meister Nickel noch nicht fertig sei, siehe, da bringt anstatt des Schneiders der Tischer einen großen Schreck die Gasse daher, das ist nichts anders als ein Totensarg. Da hänget das ganze Kleid beisammen, und gehet einem der Rock über die Nase zusamm. Heute weiß mancher nicht, was er aus großer Freude vor Sprünge tun wolle, morgen raufet er sich die Haar aus dem Bart oder aus seiner Parüquen und gibt keinem Menschen ein gut Wort. Oh, wie geschwinde ziehet mancher die Pfeife ein! Heute stimmt mancher seine Geige in Discant hinauf, morgen lassen die Saiten nach, daß also der ganze Resonanz im Baß darunten lieget. Ich kann es mit meinem eigenen Exempel bezeugen, daß ich manchen Stutzer in Städten gesehen, die sich mit Dienern versehen und sonsten in allem sehr prächtig gehalten haben. Es währete nicht lang, daß ich sie hernachmals dort und dar in dem Lande halb nackicht daherhaudern gesehen. Manches stolzes Mägdlein bildet sich hohe Berge ein, sie will keinen andern als einen Doctor heiraten. Sie saget zu sich selbst: ›Diesen oder sonst keinen will ich haben!‹, und indem sie heute mit lauter Doctorn und Secretarien zu tun hat, so bekommt sie morgen einen kahlen Pedanten und Dinten-Jubilierer.

Und gleichwie sich die äußerlichen Zustände bald verwechseln, also hat es auch mit unsern innerlichen Übungen keinen langen Bestand. Heute singen wir: »Herzlich tut mich verlangen« und morgen: »Das Geldlein zu empfangen.« Heute heißet es: »Adieu, o Welt!« und morgen: »Ach, hätt ich Geld!« Heute spricht man: »O Christ, es muß gestorben sein!« und morgen: »Runda, runda, ein Gläslein Wein!« Heute will man ein Mönch werden, und morgen hat man anstatt des Breviarii Romani ein Weib am Hals, damit muß man psallieren, choralieren,figuralieren und solmisieren, bis daß der Tod die Finalcadenz tactiert. Mancher hört zur Kirche läuten, er gehet auch aus, der Predigt zuzuhören, da aber indessen in seinem Hause was Wichtiges vorfället und sein Jung ihn suchen muß, kann er ihn nirgends als in dem Weinkeller finden. Und weil man dort den Prediger nicht hören kann, so heget man doch geistliche Gedanken und trinket seine Gesundheit. Also verlischet die eifrige Andacht, wo man zu viel Wein in die Kehle flößet.

Also ist in der Welt ein stete Unordnung und verwirrter Zustand. Einer steigt, der andere fällt. Bald steiget der Gefallene, und der Gestiegene fällt eben in den Mist, darinnen der vorige gestecket hat. Man lieset von zweien hohen Ministris an dem königlichen Hofe in Frankreich, daß einer den andern von seiner Charge gebracht, wie denn nichts Gemeiners ist, daß, wenn einer steigt, der andere fallen muß. Als sie nun an einer hohen Treppe aneinander begegnet, sprach einer zum andern: »Monsieur, wie stehets bei Hof?« Der Gefragte antwortete: »Mein Herr, wie Er siehet, Er steiget hinauf und ich hinunter!« Ist also dieser Zustand sehr klug zweien Wassereimern verglichen worden. Denn indem der volle aus dem Brunnen gezogen wird, fället der leere hinunter. Heißet also billig: Sursum, deorsum, bald über, bald unter sich, wie die Wellen auf dem Meer mit den Schiffen spielen. Drum ist derjenige glückselig, der sich im Wohlstand nicht zu sehr erhebt und sich selbst ein üppiges Gloria in excelsis anstimmet und der auch in Widerwärtigkeit nicht flugs den grausamen Vers aus dem Virgilio: Flectere si nequeam superos, Acheronta movebo ergreifet, sondern fein piano und caute (einer sagte cauda) zu handeln und umzuspringen weiß.

Diese allgemeine Verwechslung empfand ich dazumal nicht allein, sondern die meisten in unserer Gesellschaft, absonderlich aber Herr Philipp, welcher von einem Fürsten Vocation hatte, auf seinen Hof zu kommen und daselbsten einen vornehmen Dienst zu versehen. Ich gab ihm zu solchem Vorhaben meinen getreuen Rat, und ob ich gleich niemalen zu Hofe gewesen, stellete ich ihm doch alle solche Sachen reiflich vor Augen, um welcher willen man sonsten das Hofleben zu fliehen pfleget. Er kam in meiner höchsten Trauer selber zu mir, und ich sagte ihm mit Fleiß, daß er sich wohl vorsehen und bei Hof nicht gar zu viel trauen sollte. »Du bist«, sagte ich, »bis anhero unter frommen Schafen gewesen, anitzo gehest du unter Füchse und Wölfe, die dir, wo du nicht wohl Achtung gibst, die Haut über die Ohren abziehen werden. Wer sein eigen sein kann und keinem Herrn aufwarten darf, den schätze ich viel glückseliger als den Fürsten selbst, welchen du zu bedienen nun unterfangest. Du hast mir zwar zugleich erzählet, daß dir gleicherweise in einer großen Stadt eine vornehme Ehrenstelle angetragen worden. Schlägst du alles beides aus, so machst du dich beiderseits verdächtig, und man würde sagen, daß du nicht sowohl der Freiheit als einer angemaßten Faulheit nachgingest. Gehest du in die Stadt zu deinem Ehrenamt, so stoßest du den Fürsten vor den Kopf, gehest du nach Hofe, so wird es in der Stadt etliche Hirnrunzel abgeben, welche sich deinetwegen aufziehen werden.

Weil demnach auf beiden Wegen dein und der Deinen sonderliches Interesse dahinter stecket, so gehe lieber nach Hof. Du bist einer vom Adel, und also dienest du billiger einem Potentaten als gemeinen Bürgern, welche zwar von mir nicht verachtet, sondern in diesem Fall nur geringer als der Fürst geschätzet werden. Du weißt wohl, wie hart es sei, sich in viel Köpfe schicken können; und pfeifest du in der Stadt nicht einem jeden, wie er darnach tanzen kann, so werden sie dir die Geige bald über dem Kopf zusammenschlagen. In der erste werden die Bürger mit dir umgehen wie mit einer jungen Braut; einer wird dir dieses, der andere jenes versprechen. Da wird es heißen: viel Geschrei, wenig Woll. Du wirst dort und dar zu Gast geladen werden, und wenn du nicht einem jeden einen sonderlichen Ehrenpsalm davon machest, so werden sie alsdann sagen, daß du der allerundankbareste Gast auf der ganzen Welt seiest. Wenn du nun solches, wie billig, nicht leiden willst und dich defendierest, so werden sie gar sagen und keinen Scheu haben dich zu heißen einen unverschämten Gesellen, der kein Beneficium erkennen kann.

Ach, lieber Bruder Philipp, ich weiß nur gar zu wohl, wie unhöfliche Socios es anitzo in manchen Städten gibt. Du kannst keinen Tritt über die Gasse tun, so werden schon an einer Ecke ein paar Gesellen ohne G beisammenstehen und dich durch alle Pradicamenta durchziehen. Einer wird sagen, man hätte deine Stelle wohl mit einem Bürgerskind aus der Stadt versehen und besetzen können. Der andere wird sagen, du seiest nur das fünfte Rad am Wagen und man brauchte dich so wenig als den Schellensechser im Piquet-Spiel. Dort wird eine lausige Zofe (wie diese durch den Buchstabwechsel heißet, das weißt du schon) zu einem Fenster ausgucken und über deine Parüque lachen, die doch, wenn man ihr auf den Grindkopf greifet, gemeiniglich eine Handvoll Läuse los wird. Ein anderer wird deinen Adel verspotten, nur darum, weil sein Vater ein Meister Schuster oder ein Barthel-flickt-mir-die-Hosen ist. Wäre er aber wie du vom Adel, so hielte ers mit dir, und also macht ihn der Neid zum höhnischen Narren, bis ihn sein leeres Gelächter, so er wegen deines Herkommens führet, selbst verdrießet. Andere werden sich unterstehen, deine Gelehrsamkeit zu tadeln, und wenn man sie in ebendemselbigen Augenblick fragen und examinieren würde, so würden die Esel dastehen wie der Schulmeister auf der Kanzel, der nicht weiter gekonnt und die Bauren Flegel geheißen hat, daß sie ihn hinaufgenötiget.

Siehest du, lieber Bruder, so wird dirs in der Stadt gehen, und dieses ist noch das Allerwenigste gegen dem, was sonsten unter deinesgleichens vorlaufen möchte. Es wird selten ein gemeiner Mann ein Convivium oder Gastmahl celebrieren, da du nicht über die Pritsche springen mußt. Alle deine Handlungen werden durch die Hechel müssen. Der Schneider wird sagen, du und dein Leib schickten sich durchaus in kein Kleid. Der Schuster wird sagen, du trätest alle deine Schuh schrecklich krumm. Der Huter wird vorgeben, dein Hut sehe aus wie der Babylonische Turm und hinge seine Flügel wie eine alte und verlahmte Wettergans. Der Krämer wird sagen, du seiest ein alter Salpeter, der noch in der alten Welt bei dem Prisciano Pfeffer gestoßen hätte, hieltest dannenhero nichts auf die neue und recht galante Mode. Der Zuckerbäcker wird dich einer alten Ziege vergleichen, die gerne Salz, aber keinen Zucker frißt. Der Bierbrauer wird dich einen Weinschlauch heißen, weil du ihm so wenig Geld zuträgst. Der Spielmann wird sagen, du seiest ein abgeschmackter Podagricus, der sich das ganze Jahr keinen Tanz aufgeigen lasse. Der Glaser wird über deine Fenster lachen, daß du keine durchsichtige und hübsche große Scheiben einsetzen lassest. Die Comödianten werden dich einen sauersichtigen Krummschnabel nennen, weil du nit viel auf die Pickelheringspossen haltest. Das Frauenzimmer selbst wird ihre Lobrede, deine Person und Qualitäten betreffend, nit sparen, und wenn du dich gegen demselben nicht zu allen Zeiten und an allen Orten aufwartsam mit Verehrungen und dergleichen Schosen einfindest, so mußt du bald ein karger Stiegelfritz und Pechfarzer sein, der nicht weiß, was der Welt Sitten und Statuten mit sich bringen. Die Klingen- und Degenschmiede werden dich weidlich auslachen, daß du deines seligen Großvaters alten Degen trägest. Und wenn du dem Cantor am neuen Jahr nicht eine hauptsächliche Verehrung gibst, so wird man bald hören, du wärest ein schlimmer Christ und durchaus kein Liebhaber der edelen Kunst Musica.

Spendierest du aber wacker, da wird kein Mensch mehr Qualitäten als eben du an sich haben. ›Ha!‹ werden die Leute sagen, ›ist das nicht ein wackerer Monsieur, ist das nicht ein Statist? ist das nicht ein excellenter Kopf? Seinesgleichens ist niemals in der Stadt gewesen und wird auch nicht mehr hereinkommen. Die Schneider werden dir das Maß allezeit mit rotem Taffetband nehmen. Der Barbier wird, sooft du dich putzen lassest, sein bestes und mit Silber beschlagenes Schermesser hervorziehen. Der Schuhmacher wird, wenn er dir das Maß nimmt, auf die Knie niederfallen und deinen Fuß mit gerunzelter Stirn betrachten, wie derjenige getan, so des Apelles Bild ausjudicieren müssen. Die Kauf leute und Apotheker werden alle ihre Mahn- und Arzeneizettul auf übergüldetes Papier schreiben. Der Buchbinder wird dir alle Bücher mit güldenem Schnitt liefern. Der Director auf dem Chor wird dir alle Texte, die er des Sonn- oder Feiertages musiciert, abgeschrieben in deinen Kirchstuhl schicken. Alle Studenten und andere, welchen daran gelegen ist, werden dir, vor einem andern, ihre Stammregister präsentieren und um eine gnädige Inscription supplicieren. Da kannst du dich alsdann auf eine geschwinde Antwort gefaßt machen, denn die Kerl reden so abscheulich geschwind lateinisch, daß mans kaum, weil mans nicht verstehet, beantworten kann. Du mußt aber sonst nichts mit ihnen reden, denn sie können nichts mehr als ihren Vortrag, darnach eilen sie dem Wirtshause zu und nehmen auf den großen Schröcken ein Glas Wein ein.«

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