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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 38
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII. Capitul. Krachwedel erzählet etliche Historien, die ihm begegnet sind.

Ich wußte nicht, was mit dem abgebrannten Schloß anzufangen oder wegen dessen am tunlichsten war, zumalen über dreihundert Hammel, Schafe und Lämmer, zwanzig stattliche Pferde und mehr als vierzig schöne Stück Rinder in der Flamme verzehret worden. Es ist auch allen Bedienten, welche teils in den Hemden entsprungen, ihr Sächlein daraufgegangen und von allem nichts als ein großer Schrank samt achtzehen Bettgewanden wie auch etliches Zinn- und Kupfergeschirr gerettet worden. So hat auch der Haushalter in angehender Glut alle meine Bücher – auf die ich sehr viel gehalten – in den Schloßgraben geworfen, allwo sie zwar ziemlich verderbet, aber doch in dem Wasser, welches für großer Hitze gesotten hat, erhalten worden. Weil auch durch ebendiesen Graben ein kleiner Bach floß, sind etliche von denselben weit aufs Land hinausgeschwummen und, wie zu geschehen pfleget, zerrissen und verloren worden. Ich ließ mir demnach zur Verringerung meines Leides von dem alten Krachwedel, dem ich, weiß nicht, aus was für einem Antrieb, absonderlich zugetan war, allerlei Historien erzählen; und als er mir erzählte, was für ein abscheuliches Spectacul abgegeben, wenn die Soldaten bald dieses, bald jenes Schloß abgebrannt und in die Asche geleget, und daß in solchen nicht allein Pferd, Ochsen, Kühe und Schafe, sondern noch dazu oftermalen die allerherrlichsten Gebäude und andere Kostbarkeiten wie auch zum Teil viel und vornehme Menschen darinnen umkommen, schätzte ich mein zugestoßenes Unglück gegen solchen noch leidlich genug; denn indem wir von einem fremden Unglücke hören, so lernen wir das eigene desto besser und geduldiger ertragen.

So tief ich auch dazumal in der Trauer stackte, verschrieb ich doch den alten Organisten von Ollingen, welcher auch unter diejenige gehört, die nicht viel zu vergessen haben. Deswegen hatte ich gemeiniglich allezeit am allermeisten zu lachen, wenn ers aufs künstlichste machen wollte. Auf solches verglich ich ihn mit den allervortrefflichsten Künstlern, die jemalen in der Musik wären berühmt gewesen. Das gefiel ihm so wohl, daß er sich fast allezeit, sooft ich ihn zu mir gerufen, den Bart scheren ließ. Unterweilen mußte er mir auch erzählen, auf wen er das meiste hielte und welcher Musicus nach seinem Gedünken der beste auf der Welt gewesen wäre. Da fing er an, von etlichen Stadtpfeifern zu reden, daraus ich wohl abnehmen konnte, daß der gute Salpeter weder Kunst noch Judicium in der Sache gehabt. Denn derjenigen Composition, die er für die beste hielt, war voll Roßquinten und Hundsoctaven. Jedennoch hörte ich seinem närrischen Geschwätze voller Grillen oft eine ganze Stund zu, und wenn ich ihm dann zuweilen einen Salus zutrank, so war der Handel richtig. Alsdann lobte er nicht allein die Allerliederlichste, mit welchen er ehedessen auf einer Bierbank Brüderschaft gemacht hatte, sondern verachtete noch diese dazu, auf die er das allermeiste hätte halten sollen.

Wenn nun dieser wieder heimhauderte, so mußte der alte Krachwedel hervor, der mir dazumal mit seinen Erzählungen die allerangenehmste Kurzweil verursachte. Unter andern erwähnte er einer Geschicht, die ihm einsmal, als er bei einem Schlosse auf Garnison geleget worden, begegnet. »Man hat mich einsmals«, sprach er, »nicht weit von dem Rheinstrom commandiert, bei einem Schlosse Salvaguarde zu halten, weil sich die Witwe in demselben wegen der dazumal im Lande hin und wider gehenden Parteien sehr geforchten. Das Schloß lag in einer See, auf zwei gute Büchsenschuß, und außer demselben stunden etwan neun oder zehen zerstreute Häuser, darinnen ich dazumal mit einem Feldweibel, so von der andern Partei commandiert war, mein Quartier hatte. Besagter Feldweibel ist ehedessen ein Student gewesen und hat sich, weil er mit seinen Eltern nicht wohl gestanden, unter die Fahne begeben. Wir kamen auch dazumal in gute Freundschaft, und vertrauete einer dem andern gleichsam sein Herz. Wir kriegten aus dem Schloß täglich sechs Essen samt dem besten Wein, und ich hab in vier Feldzügen nicht so herrlich als etwan diese vier Monat allhier auf der Salvaguarde gelebet.

In dem Schloß war nebenst der Witwe nur ein Hofschreiber, der das Hausgesind regierte. Sie hatte vier Töchter, eine schöner als die andere, darunter die mittleste Babel hieß. In diese Babel verliebte sich mein Kamerad, und sie sich hinwider in ihn. Weil aber keine Gelegenheit war, daß sie einander ohne sonderlichen Argwohn der Mutter haben sprechen können, gebrauchten sie sich einer ganz unerhörten Gelegenheit. Sie zündete in ihrem Zimmer alle Nacht ein gewisses Licht an, und mein Kamerad schwamm demselben Licht auf der See nach, allwo sie am Gestad seiner gewartet oder ihn auch auf einer Steigleiter zu sich ins Zimmer hinaufgebracht hat. Dieser Weg, gleichwie er gefährlich war, als bekam er dem elenden Liebhaber überaus unglücklich. Denn einsmals, als der Wind und Regen heftig stürmete, war er auf dem See oder vielmehr großen Teiche in gleicher Arbeit begriffen, seiner Liebsten zuzuschwimmen, aber der Wind löschte das Licht im Fenster aus, also daß er in der Finster sich aus dem Wasserwirbel nicht zu finden wußte. Ist also mitten auf demselben jämmerlich umkommen und hat überaus heftig um Rettung geschrien, die man ihm unmöglich hat tun können. Man hat ihn des andern Morgens ohne Kopf und ohne den rechten Arm auf dem Gestad liegen funden, und ist ohne allen Zweifel von dem Wind so stark wider die Steine geschlagen worden, die daselbst in großer Menge lagen. Dieselbige Babel ist hernachmals einem Lieutenant unter meiner Compagnie vermählet und nicht lang nach ihrer Hochzeit unvorsichtig und aus Vexation von ihrem eigenen Manne mit einer Pistole totgeschossen worden.

Darnach, als ich wieder abzog, wurde ich in ein Städtlein an dem Rhein geleget. Darinnen war ein Trommelschläger unter der Compagnie, desgleichen Spaßvogel unter dem ganzen Regiment nicht gewesen. Es konnte fast kein Mensch vor der Hauptwache vorbeigehen, dem er nicht ein Klämperlein anhängte. Einsmals bekommt er eine Katze, dieser band er ein Lauf-Feuer an den Schwanz, willens, dadurch in der Stadt großes Gelächter anzurichten,aber die Katze sprang mit brennendem Schwanz unversehens in einen Strohstall, ist also das Städtlein, ehe wir uns versehen, mit Feuer angangen, und sind mehr als vierzig Häuser in die Asche geleget, ihm aber ist der Kopf abgehackt worden. Das hatte der Narr für seine Schelmerei.

Einesmals wurden unser zehen auf Partei commandiert, und weil ich das Land in guter Erfahrung hatte, fassete ich mit meinen Leuten – denn ich war ihr Führer – in einem alten, ruinierten Schlößlein auf einem hohen Berg Posto. Weil nun der Feind mit der ganzen Armee sehr nahe stund, blieb ich dieselbe Nacht daroben liegen, und sahen fast die ganze Nacht gegen die Wachtfeuer, die wir in das flache Feld hinunter gar wohl sehen konnten. Damit wir aber nicht ausgekundschaftet würden, ließ ich nicht allein kein Licht oder Feuer anbrennen, sondern stellete noch dazu einen Schildwächter vor den Eingang, da immer einer den andern ablösete. Mitten in der Nacht geschah ein großer Knall in dem Hof, gleich als lösete einer eine Musquete. Da wir nun alle gelaufen kamen, zu sehen, was es bedeutete, eröffnete sich ein Gewölb, aus welchem mehr als zwanzig Paar Männer in langen Trauermänteln bekleidet heraus- und alle in einen Turm hineingingen. Einer unter ihnen hatte ein weißes Kreuz auf dem Mantel, und dieser blieb allein heraußen stehen, welcher uns aber so angst als die andern alle gemacht. Denn er fing lichterlohe an zu brennen, mit nicht geringer Entsetzung unserer aller, die wir da versammlet waren. Endlich und nach einer guten halben Stund verschwund er allmählich samt dem Feuer, und des andern Tages berichtete uns ein Bauer auf dem Rückweg, daß ehedessen und vor langen Jahren ein Edelmann auf diesem Schlosse gewohnet, der ein Ritter gewesen, der hätte im Land mit seinem Mordbrennen viel hundert arme Leute gemachet, und also ging die gemeine Mär im Lande, daß er deswegen bis an den Jüngsten Tag brennen solle. Es hätten auch ihrer viel auf den Berg bauen und das eingefallene Nest ausbessern wollen, was man aber des Tages hinangesetzet, das wäre abends wieder eingeschossen, und also alle Mühe der Arbeiter umsonst und vergebens gewesen.

Nicht lange darnach wurde ich mit sechs Musquetierern geschicket, einen Mörder und Straßenräuber einzuholen, der sich in einem Freithof aufhielt und daselbst den Vorüberreisenden auf den Dienst lauerte. Wir wußten wohl, daß die recht abgerichteten Mäuser gemeiniglich nachtszeit ausgingen, denn der Landmann reiset, wenns unsicher ist, niemals lieber als in der Nacht. Und weil das Sprichwort saget: Surgunt de nocte latrones, als kamen wir bei heller Sonne, durch einen Wagner, welchen er kurz zuvor ausgeraubet hatte, begleitet, an den Freithof, weil wir den Vogel im Nest finden und die Federn rupfen wollten. Die Mauer war allenthalben so niedrig und niedergefallen, daß man ohne sonderliche Mühe gar leicht darüberspringen konnte. Eileten demnach alle zugleich mit aufgepaßtem Lunten gegen dem Beinhäuslein, weil er sich unsers Erachtens sonst nirgends aufhalten konnte. Indem wir aber hineinfallen und mit gleichem Feldgeschrei ihn anzugreifen vermeinten, war er doch nirgends weniger als da zu finden. Er verriet sich aber selbst, denn der Wagner sah ihn mit dem Kopfe aus einem Grab hervorgucken, allwo er eigentlich sein Logament hatte. Er konnte den Grabstein so künstlich wieder über sich wenden, daß wir große Mühe brauchten, ihm aufs Lebendige zu kommen. Nichtsdestoweniger wehrte er sich tapfer heraus und schoß einen Musquetier mit zweien Kugeln in die Schulter, davon ihm sein Gewehr und aller Mut entfallen. Er kriegte, als er sich mit Gutem nicht geben wollte, vier Schüsse. Aber er war einer mit harten Haaren, darum wendeten wir die Musqueten um, und weil er nicht würdig war, in einem so ehrlichen Grab umzukommen, schleppten wir ihn mit uns; und unerachtet er auf die Folter kam, zu sagen, wo er seinen geraubten Schatz verborgen hätte, sagte er doch keinen Grund noch Wahrheit, sondern nur bloß, daß er all sein Geld, Kleinodien, Gold und Geschmeide in Vögelnester auf hohe Bäume eingetragen; wo es aber geschehen, damit wollte er nicht heraus und ließ sich also von unten bis oben aus rädern, welches vielleicht nicht geschehen wäre, wenn er die Wahrheit mit Gutem bekennet. Dannenhero geschah es, daß die, so am besten steigen konnten, von den Obristen bald da-, bald dorthin in die Wälder, wo man meinte, daß er sich aufgehalten, ausgeschickt wurden, den Schatz aufzusuchen. Aber etliche gingen unter dieser erwünschten Gelegenheit heimlich durch und rissen aus, die andern brachten nichts zurück als etwan ein zerrissenes Paar Hosen oder wohl gar einen abgebrochenen Arm. Dieser Mörder hat zwar wenig Leute ums Leben gebracht, denn er hat ihnen nur die Zungen und beide Hände abgeschnitten. Warum er aber solches getan, gab er zur Antwort, damit sie ihn weder mündlich noch schriftlich verraten konnten. Zum Teil gab er sich auch vor einen Oculisten aus, und wenn sich die Einfältigen von ihm betrügen ließen, stach er ihnen die Augen aus dem Kopf. Das hieße, die Blinden sehend machen.

Es geschah nicht lang darnach, daß ein Malergesell bei demselben Freithof vorbeiwanderte und aus dem Brunnen, der nächst an dem Berg herausquillet, sich mit seinem Geleitsmann erfrischte. Da siehet er ungefähr in diesem Beinhäuslein einen recht saubern Totenkopf; und damit er solchen abconterfeyen möchte, nahm er solchen heraus, fand aber, daß er ziemlich schwer war. Als er ihn umwandte, fielen etliche Ducaten heraus, darob er ganz erstaunte. Eilete nichtsdestoweniger in die nächste Stadt und zeigets der Obrigkeit an. Das Gericht suchte darauf in dem Beinhäuslein nach, und weil man fast alle Köpfe voll Gold und Geschmeid fand, wurde der mit Gold angefüllte Totenkopf dem Malerbürschlein gelassen, damit ihm besser geholfen war als mit dem neu herausgegangenen Illuminierbüchlein.«

Diese und dergleichen Historien erzählte mir der alte Krachwedel (so hieß sein Name) etliche nacheinander, die nicht unangenehm zu hören waren. Daraus kann der Leser leichtlich urteilen, wie ich nicht übelgetan, daß ich ihn in seinem hohen Alter zu meiner eigenen Belustigung aufgenommen und ihm die Beschreibung seiner Geschichte aufgetragen habe. Denn solche war mit unzähligen solchen Erzählungen umschweifig ausgeführet und mit solcher Lust angefüllet, davon ich alle Zufriedenheit genießen konnte. Erhält doch wohl mancher vom Adel oder sonsten ein großer Herr einen liederlichen und nichtswürdigen Diener, der ihm nicht allein das Brot vergebens wegfrißt, sondern ihn noch dazu verrätet und verkauft. Was soll ich denn deswegen zu strafen sein, daß ich diesen alten und verlassenen Soldaten so gar sollte verstoßen und verjagt haben, zumalen ich in seiner Erhaltung viel mehr ein Almosen als unnötige Kosten angewendet habe. Ja, wie der Leser hernach verstehen wird, hat vielleicht solches aus einem sonderlichen Geschicke sein müssen, dessen Ursach auch der Allerklügste nicht auflösen kann. Darum, so brauchte ich diesen guten Wer-da? zu meiner Zeitverkürzung, davon er weiter nichts als mein Bißlein Brot genossen und zuweilen einen alten Lappen davongetragen. Und wenn ich noch einen, gleichwie er gewesen, im Land gewußt, so hätte ich solchen gleich ihm zu mir genommen; denn dergleichen Leute taugten trefflich nach meinem Humor und waren mit einer Pfeife Tobak weiter zu bringen als ein anderer Grillhans mit einer Handvoll halben Taler. Dennoch kam das Geschrei von mir aus, als hielte ich überflüssige Leute und verzehrte mein Gütlein in Saus und Braus. Wie fröhlich ich aber dazumal gewesen, ist niemand besser als mir selbst bewußt. Doch bin ich nicht schuldig, jemand davon Rechenschaft zu geben; denn das Gut war mein und nicht einem andern, drum lebte ich, wie mirs, und nicht, wie es einem andern wohl anstünde. Und je mehr ich hörte, daß man von meinem Tractieren redete, je besser ließ ich auftragen, lud auch wohl diese noch dazu zu Gast, die das allergrößte Geschrei davon gemacht hatten.

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