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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII. Capitul. Dietrich wird mit etlichem Frauenzimmer, welches er zu Grundstett bei dem Wetterbild betrügen wollen, selbst abscheulich ausgezahlt.

So pflegt es zu gehen, wenn man im Zorn seines Feindes mächtig wird. Man schloß sie darauf an zwei große Ketten, und das Frauenzimmer bemühete sich, uns durch ihre Tränen dahin zu vermögen, daß wir unsere Prügel hinweglegten. Der Advocat aber wollte noch immer mit einem Etcetera hinten dreinschlagen, welchen wir endlich bis zu fernerem Proceß befriedigten. Sie wurden beide in einen vermauerten Stall geworfen; und wir begaben uns insgesamt wieder zur Ruhe, damit dem löblichen Frauenzimmer keine fernere Ungelegenheit verursachet würde, und die Diebe ließen wir mit drei Bauren verwachen.

Des folgenden Morgens brachte mans heraus, daß sie zwei fahrende Handwerksbursche waren, die ungefähr auf der Straße an den Barthel auf der Heide getroffen. Dieser hatte sie auf den Advocat zu passen befelchet, ihnen auch seine Person trefflich beschrieben und sie hernachmals um einen Recompens zu sich aufsein Schloß kommen heißen. Aber sie hatten sich so verwirrt, bis sie durch sonderliches Unglück allher geleitet worden. Der Advocat konnte sich nicht besinnen, in welch einem Casu er wider ihn gesündiget hätte, daß er aber wider seine Partei bei dem Gericht zu Ollingen bedienet wäre, wüßte er gar zu wohl, und aus allem Ansehen müßte es aus dieser Ursache geschehen sein. Weil aber Barthel auf der Heide für diesmal landflüchtig und gleichsam vogelfrei war, wollte er seine Güter durch Gerichts Verordnung zerstreuen und für seinen Schimpf einen absonderlichen Particul davon prätendieren. Zu Ende dessen nahm er die zwei Gesellen mit sich, und also schied er von dannen.

Kurz darauf zertrennte sich unsere Gesellschaft, und einer unter den vier Studenten lud uns zu seiner lateinischen Valediction in die Stadt, weil er willens war, mit ehestem auf eine Universität zu ziehen. Im Werk aber Selbsten geschah es nur darum, daß er dadurch zugleich Gelegenheit hätte, ein Viaticum einzubetteln. Er traf es auch nicht übel, weil er fast in die dreißig Reichstaler, ohne dem Geld, welches er vor seine Hochzeitmusik eingenommen, zusammengebracht, welches einem so armen Teufel eine große Zubuße war. »Ja,« sagte Herren Philipps Præceptor, »ich weiß, wie einem armen Schelmen zumut ist, wenn er mit einem kleinen Beutel auf eine große Universität soll ziehen. Ich kann einem ein Lied davon singen und ein ganzes Buch von meinem eigenen Exempel aufschreiben, wie lazarinisch ich mich habe durchfressen müssen.« – »Es ist gut,« sagte Philipp, »der Sommer ist warm und die Zeit sehr hitzig; machet Euch, Herr Lorenz,«-so hieß der Student, – »unterwegens gefaßt. Übermorgen sind wir zu Oberstein, da gibt es Zeit und Weil genug, Eure Erzählung anzuhören.«

Also verließen wir alle zugleich das Schloß, und Amalia nahm mit vielen Tränen von ihrer Frau Mutter Abschied und bedankte sich zugleich mit einer beweglichen Dankrede für alle ihre mütterliche Wohltaten, derer sie von Kindesbeinen an von ihr genossen hatte. Hiermit fingen Mutter und Tochter an zu weinen. »Ha!« sagte Wilhelm, »da muß auch eine Instrumental-Musik dabei sein!« Ergriff also von einem Spielmann eine Geige und fiedelte den Tanz: ›So muß ich mich nun scheiden, von dir, o Coridon!‹

Der Advocat wurde beschieden, den Ersten des folgenden Monats gewiß zu Oberstein zu erscheinen, von daraus wir nach dem ehrlichen Dietrich gehen und eine neue Comcedia ansehen wollten, welches er versprach und damit auf seinem Schimmel seinen lateinischen Galopp forthauderte. Wir ruften ihm alle, so lang wir ihn sahen, nach; und der geneigte Leser kann sich leicht einbilden, was es für Worte gewesen, nämlich: »Helft mir! Helft mir! Helft mir!« Die beiden Marodibrüder aber führte der Landknecht hinter ihm nach Ollingen.

Meine Frau hatte ich schon zwei Stunden voraus wieder heimgeschickt, weil ihre Zahnschmerzen je länger je mehr zugenommen; ich aber wendete mich mit Herren Philippen und dem Friderichen nacher Oberstein, und zerteilte sich also die ganze Compagnie in einem Augenblick. Unterwegens kehreten wir bald bei diesem, bald bei jenem vom Adel ein, welche zwar hierinnen mit Namen nicht genennet, aber doch unsere vortreffliche Freunde waren. Denn es reiseten nebenst uns dreien noch über zwanzig Personen in der Suite, welche, weil sie nur Hochzeitsgäste und sonsten wenig in unserer Gesellschaft waren, auch keine Haupthandlung dieser Histori ausgewirket, ist keiner deswegen genennet worden, weil man den Leser mit Aufzeichnung vieler Namen nicht hat gerne beschweren noch irrmachen wollen.

In dieser Heimreise liefen die langen Tage trefflich geschwinde, also daß die Zeit des Einzuges zu Ichtelhausen nicht mehr ferne war. Dieser, ob er gleich von keiner sonderlichen Kostbarkeit gewesen, so brauchte er doch auch nicht viel Unkosten, und dorften deswegen die Untertanen nicht beschweret werden. Schoß man uns gleich keine Stücke los, so dorften wir doch auch kein Pulver kaufen. Drum hieß es billig: schlecht und recht, und Herr Friderich war in diesem Fall ganz meiner Meinung, weil er wenig oder gar nichts auf hohe Pracht, aber viel mehr auf eine stille und einsame Ergetzlichkeit hielt, welcher wir öfter, nach seinem Versprechen, auf seinem Schlößlein genießen wollten. Denn es lag nicht allein hübsch abweges, sondern noch darzu bei einem frischen Fluß, welcher sich um viel und schöne Insuln schwenkte, auf welchen Friderich zum Teil sein Vieh, zum Teil schöne Lust- und Gartenhäuser gebauet hatte, aufweichen man sich in bevorstehender Gelegenheit hauptsächlich erlustieren konnte.

Also kamen wir in guter Vergnüglichkeit nach Oberstein, und waren nur noch zwei Tag zu dem Einzug zu Ichtelhausen vor der Tür. Deswegen unterredeten wir uns in der geheim ganz kurz, wie mans mit dem Dietrich und seinem Wetterbild wollte gehalten haben, damit er wacker ausgezahlt würde. Die Pferde hatte er seit unsers Ausseins schon wieder nacher Oberstein geschicket, und also war nichts übrig, als ihm eben einen solchen Possen zu reißen, wie er uns einen gerissen hat.

»Wir müssen«, sprach Philipp, »uns einen Tag eher als der Dietrich in das Dorf nach Grundstett verfügen. Ober seinem Stand wollen wir ein Loch durch das Kirchengewölbe machen, und da er beschäftiget ist samt meinem Weib, das vorwitzige Frauenzimmer zu betrügen, wollen wir ihnen ein Faß voll Wasser mit vermengten Handgranaten auf den Kopf gießen.« Dieser Ratschluß war überaus gut. Also verließen wir den ehrlichen Philipp zu Oberstein und reiseten miteinander nach Ichtelhausen, allwo ich Herrn Friderich seinen Untertanen aufs neue einstalliert und mich noch einen Tag bei ihm aufgehalten habe, nach welchem wir samt Philippen gar glücklich und geschwinde zu Grundstett angelanget.

Daselbsten schickten wir unsere Pferde wieder zurück in das nächste Dorf und machten uns ganz in der Stille, ohne jemands Vermerkung, mit einem großen Faß voll Wasser auf den Oberboden, welcher, weil er nur von Brettern war, gar leichtlich zu unserm Vorhaben taugte. Die Frau Philippin, welcher wir hinterlassen, daß wir uns in der Kirche hin und wider verstecken wollten, wußte nichts um unser Vornehmen, und weil sie uns zuvor so sehr ausgelachet und doch nichtsdestoweniger kein Wort von dem Betrug eröffnet, mußte sie zur Strafe samt dem ehrlichen Bruder Dietrich wieder herhalten, so wenig sie sichs auch einbilden können. Wir stunden schon daroben, mit aller Zurüstung bereitet, als Herr Dietrich mit der Frau Philippin ganz geheim hinter den Altar geschlichen kam. Auf solches kleidete sich sein arglistiger Page an und trat vor die Tür, das Frauenzimmer zu erwarten, welches, nachdem die zwei vorige Pistolschüsse gehöret worden, ankam. Damit ich aber hier, weil es daroben vergessen worden, etwas von der Bedeutung dieser Schüsse melde, so istzu wissen, daß in einer Insul ein Laquay gelegen, welcher, wenn er einen Schuß getan und sich die Zureisende umgesehen haben, die andere Pistol nicht gelöset hat. Sahen sie sich aber nicht um, so schoß er auch die andere los, und durch dieses Zeichen konnte der Dietrich hinter dem Wetterbild schon wissen, ob sie sich umgesehen hätten oder nicht.

Der Küsterer, welcher indessen sein Bestes vor der Kirche getan, führte sie endlich herein, und gleichwie er uns, also unterrichtete er auch sie, welches ihnen trefflich zu Herzen gegangen. Damit ging er hinaus, und das Frauenzimmer breitete einen großen Teppicht auf, damit auf der roten Ziegelerde ihre Kleider nicht verderbet würden. Nichtsdestoweniger stank es doch abscheulich unter demselben, und ich möchte nichts liebers wissen, was sie sich doch müßten eingebildet haben. Es waren wohl ihrer funfzehen und lagen alle so still und unbeweglich in einer Reihe, daß es recht lächerlich zu sehen war.

Es ging diesen guten Schwestern nicht anders, als es uns Brüdern gegangen. Denn der Page rufte zu ebendem Fenster, wo ehedessen Dietrich hineingerufen, und sprach: »Sie sind fort! Sie sind fort!« Kurz daraufsprach er weiter: »O ihr Närrinnen! o ihr Närrinnen!« Damit war die halbe Stund aus, und fragte eine nach der andern durch das Rohr. Was sie nun fragten, das schrieb Dietrich in eine Schreibtafel, und die Frau Philippin sah indessen durch das Bild und steckte die Zunge so weit hinaus, als sie immer konnte. Als nun die erste gefragt hatte, rufte Dietrich hinter dem Altar:

»Es frage die andere auch, hernach die dritte und so fort, und gleichwie ihr fraget, also will ich euch in der Ordnung antworten, denn ihr habt euch auf dem Wege nicht umgesehen.« Also kam eine nach der andern, bis die Reihe aus war. »Nun«, sprach Dietrich, »will ich euch antworten.« Indem er nun das Maul in alle Höhe aufriß, gossen wir ihm und der Frau Philippin das Wasser auf die Köpfe und löseten zugleich zwei Pistolen hintereinander; davon keines gewußt hat, wo der nächste Weg zur Kirchen aus wäre. Die adeligen Jungfrauen eileten ingleichem, was sie konnten, zu der Tür und ruften allerseits um Hülfe und Beistand.

Die Frau Philippin sank für geschwindem Schrecken fast in eine Ohnmacht, und weil der erschrockene Dietrich sich nicht geschwind resolvieren konnte, sollte er hinten oder vornen hinauslaufen, gossen wir noch immer wacker nach, und weil in dem Wasser etliche Ziegeltrümmer waren, schlugen sie ihm viel Löcher in den Kopf. Der Page, welcher vor der Kirche mit den Pferden des Frauenzimmers noch immer auf seinen Herren gewartet, wußte nicht, wie es geschoren war, und wurde also der Betrug des Dietrichs auf einmal offenbar und zuschanden. »Gelt, Bruder,« rufte Herr Philipp zu einem Dachfenster hinunter, »wir haben dich bezahlt?« – »Ihr Schelmen!« sagte er, »bin ich doch all mein Leben lang nicht so erschrocken!« Damit kamen wir herab und lachten zugleich das Frauenzimmer aus, daß sie sich so liederlich hätten verleiten lassen. Wenn sie aber gewußt hätten, wie es uns gegangen, dörften sie sich nicht so sehr geschämet haben, als sie dazumal getan. So dorfte auch niemand einen Diener mit sich bringen, und dannenhero hatte Dietrich gute Gelegenheit, die Pferde hinwegreiten zu lassen. Ich glaube auch, wenn diese Gelegenheit außer ihm einem liederlichen Vaganten oder Landbetrüger wäre bekannt gewesen, daß er manchen ehrlichen Mann unvermerkt um das Seinige würde gebracht haben. Denn was das Allerschlimmste war, so dorfte man zu seinem eigenen Schaden nichts sagen, sondern mußte ihn, so sehr es auch geschmerzet, wider seinen Willen im Herzen verbeißen, wollte man anders seine eigene Abgötterei nicht an Tag geben oder unter die Leute bringen.

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