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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV. Capitul. Der Advocat kommt zur Hochzeit, und was da vorübergegangen.

Den letzten Punkt des vorhergehenden Capituls schreibe ich denjenigen zu Ehren, die bald von dem, bald von jenem verachtet und gering gehalten werden. Wer einen andern gering hält, ist gemeiniglich selbst nicht groß, und was du nicht zu verbessern weißt, das lasse ungetadelt. »Wie gefällt dir dieses Bild?« sprach der künstliche Apelles zu dem Schuster, »sind die Schuhe an demselben recht gemachet?«-»Ja,« sagte der Schuster, »Herr Apelles, Ihr habt solche wohl gezeichnet, die Sohlen sind recht, das Übergeschirr ist recht, und die Absätze sind auch recht; aber mich gedünket, die Kniescheibe sei ein wenig zu groß!« Da sprach Apelles: » Ne sutor ultra crepidam«, das ist: höre, mein lieber Schusterkneip, du sollst vom Schuh und sonst von nichts judicieren; bleibe du bei deinem Leist und lasse mich mit meiner Kniescheibe zufrieden. Was dich nicht brennt, das sollst du nicht blasen! Ne sutor ultra crepidam! Dieses sollten dazumal diejenige auch gewußt haben, die den Studenten wegen seiner Erudition im Verdacht hielten. Oft lacht der Peter den Stoffel aus, daß er nicht pfeifen kann, und wenn man dem Peter ins Maul siehet, so hat er selbst keinen Zahn in der Goschen.

Zwischen dieser Lust kam ein lediges Pferd in den Hof, so voll mit Blut besprenget war. Die Schloßknechte, welchen dieser Handel wunderlich vorkam, zeigten es dem Bräutigam und dieser mir an, damit es keinen Aufstand gäbe. Ich ging demnach mit Vorschützung einer anderen Ursach, die sich bei häufigem Trinken leichtlich erfinden lasset, hinunter und besah den Schimmel, welchen die Knechte schon in den Stall gebracht hatten. Das Pferd war mir in etwas bekannt, und unerachtet ich mich hin und her besann, konnte ich doch nicht wissen, wem es eigentlich zustünde. Derjenige, so es geritten, mußte soviel nit geblutet haben. Derohalben schickte ich geschwinde zwei Laquayen mit großen Fackeln der Spur nach. Es brauchte aber keiner großen Ungelegenheit, als ihnen gleich vor der Schloßbrücke der Advocat von Ollingen, der sonst ein Erzschmauser war, entgegenkam. Diesem Advocaten gehörte der mit Blut besprengte Schimmel, dessen ich mich im ersten Anblick augenblicklich entsinnen konnte. Er verwunderte sich über mich und ich mich über ihn, als einer den andern in dem Schloßhofe antraf. »Ist Monsieur nicht Wolffgang?« sagte er. »Ja,« sprach ich, »mein Herr, ich bins. Ist Monsieur«, fragte ich ihn darauf, »nicht der Advocat Adrian Bleifuß?« – »Ja,« sagte er, »ich bins und weiß nicht, durch was für ein wunderliches Geschicke ich in dieses Schloß komme. Ich reisete meinen Weg nach Ollingen, daselbsten eine gewisse Gerichtssache abzuhandeln, und ist heute der zweite Tag, da ich von dem Edelmann, dessen Sach ich wider einen seiner Nachbarn führe, abgereiset. Es heißet billig: Accidit in puncto, quod non speratur in anno; denn etwan vor zweien Stunden überfielen mich auf offener Straße zwei Kerl mit bloßem Gewehr und nötigten mich mit Gewalt zur Gegenwehr. Ich sprang demnach von meinem Gaul und focht so gut, als ich konnte. Ich habe zwar hier auf die linke Achsel einen kleinen Hieb und in die Hand einen Stoß bekommen, der auch nit gar gefährlich ist, aber es kam zu allem Glück jemand geritten, und als ich gegen solchen um Hülfe gerufen, verließen mich die Schelmen auf offenem Felde, nachdem ich dem letzten, der aber eisenfest gewesen, zu guter Nacht über sein verdammtes Capitolium einen solchen Streich gegeben, daß ihm die Zähne im Munde gewackelt haben.«

Über diese Relation des Advocatens mußte ich billig lachen und fragte ihn dannenhero, wo er sein Pferd gelassen. »Mein Pferd«, sagte er, »ist allem Ansehen nach und so viel ich im Dunkeln vermerken können, in dieses Schloß gelaufen.« Hiermit hebte er das Haupt empor, denn die Spielleute fingen an, eine verlumpte Allamande zu geigen. »Was ist das?« sagte er. »Mein Herr Advocat,« sprach ich, »Er lasse sichs nicht fremd vorkommen. Er ist an diesem Ort unter ebendieser Gesellschaft, und zwar noch unter einer größeren, als Er dazumal bei dem Herren Gottfrid gewesen. Herr Friderich, welcher ehedessen, aus absonderlicher Andacht getrieben, die Welt verlassen und ein einsames Leben als ein Eremit geführet, hat heute in diesem adeligen Hause Hochzeit, und Er sieht sattsam an meinen Kleidern, daß ich bei dieser einen unwürdigen Gast abgebe. Beliebt demselben, unsere Gesellschaft mit seiner angenehmen Person zu beglückseligen, so sei Er von mir als seinem guten Freund hiermit eingeladen. Sein Schimmel, welcher Ihn an ein so freundliches Ort begleitet, ist zu seinem Lohn schon versorget, und der Herr siehet selbst, daß gegenwärtig zwei Diener mit ihren Fackeln beordert waren, Ihn zu suchen und zu uns zu bringen, weil ich an dem Pferd zugleich den Reiter gekannt habe.«

Der Advocat weigerte sich zwar anfangs, aber weil er einen subtilen Rock anhatte, wollte er solchen nicht gerne zerreißen lassen, ging also mit mir hinauf und wurde von allen auf das freundlichste empfangen. Herr Wilhelm verstund sich auf die Chirurgie, derowegen verband er ihm seine Hand und die gehauene Wunde auf der linken Achsel, so beide von keiner sonderlichen Importanz waren.

Man satzte ihn an die Tafel, und dorten fing er an, die Geschicht aufs neue zu erzählen, daraus wir wohl abnehmen konnten, daß es ebendieser gewesen, von welchem die Frau Dietrichin erzählet, daß er »Helft mir! Helft mir!« gerufen hat. Damit fing der lustige Philipp an und schrie unter währender Erzählung des Advocatens: »Helft mir! Helft mir!« Der Advocat wußte nicht, was dieses bedeutete, meinte auch nicht, daß es ihm gelten sollte, und fuhr fort, wie er angefangen hatte. Darnach schrie bald darauf Herr Friderich: »Helft mir! Helft mir!« Der Advocat wollte es doch noch nicht merken, bis auch endlich Gottfrid und sein Bruder zugleich wie die vorigen ruften. Damit ward der Advocat ziemlich rot um den Schnabel und merkte, daß wir um seine Begebenheit die meiste Umstände wüßten. Man sah wohl, daß er sich allerlei Gedanken machte, absonderlich, weil sein Pferd in unserem Stall war. Daß er sich aber hierüber nicht allzusehr im Gemüt martern möchte, eröffneten wir ihm die Gelegenheit, vermittelst welcher wir verstanden, daß er auf der Straße »Helft mir! Helft mir!« gerufen. Er mußte gleichwie wir von Herzen darüber lachen, und der Student war froh, daß er unserer Scherhosen auf eine kleine Viertelstund war losgeworden.

Weil nun dem Advocaten die zwei Strauchdiebe, wie er sie hieß, nicht bekannt waren, als bekümmerten wir uns nicht viel um seine Geschicht, sondern machten uns selbigen Abends insgesamt trefflich lustig. Es war noch eine andere Tafel voll von Adel in einer anderen Stube, und ober uns speisete das adelige Frauenzimmer, welchem die vorigen vier Studenten, die auf meinem Schloß so oft aufgewartet und erst neulich das Protocoll geführt hatten, mit ihren Geigen trefflich auffiedelten. Denn heute mußte es ein wenig ehrbar zugehen, aber morgen hatte man einen anderen Vorschlag, und zwar wie folgen wird.

Man machte eine bunte Reihe, und kam Großes und Kleines untereinander. Weil wir auch in einem großen Gemach speiseten, wurden die vier Studenten, so dem Frauenzimmer gestern aufgefiedelt, ehrenhalber mit an die Tafel gesetzet. Denn wir waren wohl so erkenntlich gegen diejenigen, welche freien Künsten oblagen, daß man sie nicht wie gemeine oder geringe Lumpenhund, sondern als Kerl von Fortun tractieren müsse, weil man nicht weiß, was aus einem oder dem andern noch für ein rechtschaffen Kerl werden kann. Das Frauenzimmer, welches schon verstanden hatte, welchergestalten auf dem Schlosse zu Ich telhausen wäre eine Comœdia verfertiget worden, war trefflich begierig, die Action zu sehen, und ob wir gleich das Theatrum in einem absonderlichen Zimmer ganz in der geheim haben aufschlagen lassen, wurde der Handel doch bald von etlichen Schwammendrückern verkundschaftet, daraus die Gäste leichtlich schließen konnten, daß es was Lustiges setzen würde. Und war die Begierde zu solchem Spiel unter den Hochzeitgästen um so viel desto größer, je weniger sie auf dem einsamen Lande solche Raritäten zu sehen hatten, besonders weil sie wußten, daß die, welche agieren würden, ausgedrechselte Schelmen all ihr Lebtag gewesen.

Solche Actores dieses vorgenommenen Lustspiels waren die vier Studenten, die man auch meistenteils aus dieser Ursache mit an die Tafel gesetzet, denn diese Ehre schätzten sie höher als ein Dutzet Ducaten, welche ihnen doch zur Fortsetzung und Auswendiglernung ihrer grammaticalischen Reguln viel nützlicher gewesen wären. Und so es ihnen beliebt hätte, konnten sie anstatt der Bücher guten schwarzen Musquetierer-Tobak dafür eingehandelt haben, welchen sie zum Teil soffen, zum Teil fraßen. Denn sie gaben vor, daß der Tobak, den man in dem Mund kauete, eine vortreffliche gute Memori machte, indem er die überflüssige Feuchtigkeiten durch seine in wohnende Hitze verzehrte und abführte, da die Bachanten doch, ihrem eigenen Bekenntnis nach, innerhalb einem Vierteljahr keine Lection mehr auswendig gelernet, sondern einer dem andern das Buch an den Mantel geheftet hatte, wenn sie dem Jesuiten oder Pfaffen, wie sie es hießen, in der Schul haben aufsagen und ihre Lection herunterrecitieren müssen.

Sie machten sich demnach heimlich von der Tafel, damit man mit der Auskleidung auf dem Theatro nicht gehindert wurde. Also tranken wir noch lustig untereinander herum, und erzählete einer dem andern, wie er seine Zeit zubrächte und in dieser wunderlichen Welt sein Leben vollführte. Das Frauenzimmer anbelangend, führte indessen allerlei Liebes-Discurs. Etliches schwätzte von ihrer bisher verfertigten Arbeit, andere ließen sich belieben, die Leute und absonderlich die jungen Gesellen durchzuziehen, eine andere Partei wurfen sich mit Zucker, und also trieben sie so vielerlei Wesen, bis es endlich aufs Küssen kam. Da vergaßen wir der frommen Einsiedlerei, und wenn einer den andern ansah, geschah es gemeiniglich mit einem Seufzer, weil wir dadurch wollten zu verstehen geben, wie in eine große Eitelkeit man sich stürzet, wenn man in die Welt eintritt, und daß das geistliche Kleid zwar keine Vollkommenheit mache, aber doch dem Gemüt einen solchen Zaum ins Maul lege, dadurch es sich dessen jederzeit erinnern und keine andere Action spielen solle, als welche mit dem Kleid übereinstimmet.

Aber da war kein Kraut für unsere neue Üppigkeit gewachsen, und mich fing es heimlich an zu reuen, daß ich auf bloßes Einreden des Friderichs meinen einsamen und hübsch eingerichteten Turm so geschwinde verlassen und mich, gleich dem ganzen Haufen, wiederum einer so blinden Freiheit ergeben hatte. Dennoch tröstete ich mich hinwieder, wenn ich betrachtete, daß ich bei diesen Sachen keinen bösen Gedanken hatte, sondern es mitmachte, wie es der gemeine Stylus Curiæ erforderte, und daß ein Mensch den Zufällen nicht gänzlich entgehen kann, zu welchen er sich von Natur neiget. In solchen Gedanken überfielen mich tausend Grillen, aber ich jagte sie mit einem guten Glas Wein und freundlichen Gespräch gegen meinem Nachbar wieder hinweg.

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