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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die kurzweiligen Sommer-Täge Erstes Buch

I. Capitul. Wie und wo sie sich in den Wäldern hin verteilet haben, als sie Einsiedler geworden.

Bis daher ist erzählet worden, wie und auf was vor eine Art sich unsere geführte Lebensart belaufen, auch was es mit einem und dem andern unter unser Gesellschaft vor einen Anfang seines Zustandes genommen. Nunmehr aber bin ich beflissen, dasjenige zu entwerfen, was uns nach dem Abscheiden des Friderichs begegnet ist. Derselbe hat verstandenermaßen in uns allen eine sonderliche Frucht seiner heilsamen Vermahnung unterlassen, vermittelst welcher wir in uns selbst gegangen und alle das Elend zu betrachten angefangen haben, welches dem Menschen von seiner Wiegen an zu begegnen pfleget. Und weil wir aus Ursach dessen ganz andere Menschen geworden, als stelleten wir unsere Lebensart auf eine andere Weise an, welche von der vorigen um ein merkliches entschieden war. Etliche begaben sich halb rauschig, etliche voll Kopfschmerzen, andere aber noch halb voll Schlafes aus dem Schloß Oberstein, alle aber mit einem ernstlichen Vorsatz, das wilde Wesen zu quittieren und eine andere Lebensbahn einzutreten. Derowegen machte ich auch an meinem Ort gute Anstalt, dem Friderich zu folgen, und weil ich in meiner Meinung von seinen Gründen der wahren und nötigen Buße nicht entschieden war, sah ich vor gut an, demselben auch in der Lebensart nachzuähnen und ein einsiedlerisches Leben zu führen.

Es sind auch die meisten unter einem solchen Vorsatz abgeschieden, und weil unsere Weiber bei guter Vernunft, auch im Gewissen trefflich überzeugt waren, bekamen wir um so viel desto bessere Gelegenheit, uns ihnen auf eine Zeitlang zu entziehen, damit wir denjenigen Gütern, welche ewig sind, nachtrachten und uns in einer wahren Andacht eines besseren Glückes möchten teilhaftig machen. Diese Resolution ward allerseits als ein löblicher Entschluß beliebet und eben in der Stunde eingegangen, als wir voneinander Abschied genommen. Philipp begab sich nächst seiner Wohnung in ein liebliches Wäldlein, darinnen ihm die Vögel mit ihrer angenehmen Stimme seine meiste Zeit versüßten. Christoph und sein Bruder Gottfrid geselleten sich zusammen in einen weit ausgebreiteten Tannenwald, in welchem sie ihre Hüttlein an einem rauschenden Bächlein, doch ziemlich entschieden, aufbaueten. Dietrich aber enthielt sich in einem absonderlichen Wald, darinnen er den zeitlichen Eitelkeiten ganz abgesaget hatte.

Mein Vater Alexander war in Betrachtung seines hohen Alters und der Kräfte Unvermögen ohnedem genugsam gekreuziget, weil er der Welt als ein erlebter Witwer nunmehr lange abgesaget und seinen heiligen Betrachtungen bis daher fleißig nachgehangen hatte. Doch vermahneten wir ihn, daß, nachdem er das Vermögen, die Welt zu lieben, verloren, er zugleich den Willen, solche ferner zu lieben, hinweglegen und von sich werfen solle. Also lebte er auf seinem einschichtigen Schlößlein unter lauter andächtigen Schriften und reizete durch sein gutes Beispiel zugleich all sein Hausgesind zur Andacht an, welches in guter Ordnung von ihm unterhalten worden.

Mich anbetreffend, war ich keineswegs willens, mich in eine große Wüstenei, in ein Gebirg oder Waldholz zu begeben, denn ich hatte nunmehr genugsam gehört, wie einsam und widerwärtig eine solche Lebensart auszustehen sei, und daß die wahre Frommkeit nicht in Verwechslung der Örter, sondern vielmehr in Veränderung des Gemütes bestünde. Derowegen erkieste ich vor diesmal, gleich meinem Vater auf dem Schloß zu bleiben und meine einsame Wohnung in einem achteckichten Türmlein aufzurichten, von daraus ich nicht allein das ganze Schlößlein, sondern noch darzu eine ziemliche Revier in der Welt herumsehen konnte.

Solchergestalten bauete man meine Hütte unter den Turmknopf bei den obersten Fenstern, und meine Sophia verschloß sich in einem kleinen Stüblein auf der anderen Schloßseite, also daß wir weder miteinander reden oder aneinander sehen konnten. Und damit es desto friedsamer unter uns zuginge, wigten wir einen verbuhlten Schreiber hinweg, welcher sich kurz vorhero mit der Köchin zu weit in die Schrift gewaget hatte. Das andere Gesind war zur fleißigen Arbeit und Aufsicht angefrischet und der Beschließerin alle Notwendigkeiten anvertrauet, derer man in einem solchen Zustand nicht gänzlich kann enthoben und entübriget sein. Auf eine solche Art wurde ich gleich anfangs innen, was vor eine große Vergnügung es sei, sein eigener Herr zu sein und von allem Welttumult abgesondert leben können.

Ach, wie angenehm war mir meine Klause in dem Türmlein gegen allen diesen Gebäuen, die ich ehedessen hin und wieder in der Welt gesehen hatte! Wie nutzbar war mir die Einsamkeit gegen allen diesen Gesellschaften, derer ich zuvor bald in dieser, bald in jener Zusammenkunft gepflogen! Die Baumrinden, mit welchen ich mein Kämmerlein überdecken lassen, waren mir viel angenehmer als der herrlichste Marmor, mit welchem die Wundergebäue dieser Welt zu prangen pflegen. Mein kleines Glöcklein, durch welches ich das Zeichen zum Gebet gab, war mir in meinen Ohren viel ein angenehmerer Resonanz als die allerherrlichste Musik, welche nur mit Üppigkeit angehöret wird. Mein langer Mönchsrock, welchen ich mir zu meinem Vorhaben verfertigen lassen, war mir weit angenehmer als die allerkostbaresten Kleider, derer man sich nur mit Sorg und guter Vorsichtigkeit gebrauchen kann. Die Bücher dieneten mir weit besser als die Spielkarte, und statt der Würfel ergriff ich mein Paternoster, dadurch mir innerlicher und äußerlicher Gewinn viel mehr als durch jene zugestoßen ist. Statt der häufigen und vor gepflogenen Spaziergänge und Tänze, kniete ich auf meine Knie, und da ich zu vor viel tausend Stunden mit unnützem Geschwätze zugebracht habe, betete ich dermalen desto eiferiger und trug herzliches Leid über alle meine begangene Fehler, die ein Weltmann in der Welt schwerlich entfliehen kann. Ich kann zwar keinesweges sagen, noch viel weniger von mir ausgeben, daß ich fromm und vollkommen gewesen, denn von einer so liederlichen Gleisnerei habe ich mir niemalen träumen lassen, aber gleichwohl muß ich bekennen, daß ich durch dieses Mittel weit von der vorigen Bahne abgewichen und mich selbsten in dem Gewissen in viel eine größere Ruhe gesetzet habe. Ich weiß wohl und ist mir mehr als zu bekannt, daß dem Menschen in seinem ganzen Leben ohne Unterlaß große Sündenflecken ankleben, aber gleichwohl habe ich auch erfahren, daß er durch eine fleißige Aufsicht sich weit von dem Haufen derjenigen entscheiden kann, die mit vollen Sprüngen zu der Höllen eilen. Hat also derjenige, der das Gute, ob er schon nicht kann, dennoch recht vollkommentlich verbringen will, einen sonderlichen Vorteil vor einem ruchlosen Sünder, dem Himmel angenehm zu sein, weil er dessen Willen und Begehren so eifrig zu folgen verlanget.

Und dannenhero war es auch mein höchster Fleiß, nicht sowohl mein Haus und Wohnung als das Gemüt zu verändern. Ich wurf zwar meine gewöhnliche Kleider von mir, aber noch viel mehr meine Affecten, die ich zu der gottlosen Welt getragen habe. Ich verließ verstandenermaßen meine Wohnstube, aber viel mehr die unordentlichen Begierden, so bis dahero sich in mir, gleich als in ihrem gewöhnlichen Sitzplatz, aufgehalten und eingenistelt hatten. Aber darumben ward ich doch nicht vollkommen, sondern nur in mir selbsten glückseliger und vergnügter, weil ich alle solche irdische Eitelkeiten mit einem klugen und büßenden Auge zu übersehen vermochte.

Viel Menschen suchen an einem anderen Ort zu sein, aber sie sollten vielmehr wünschen, andere Menschen zu sein, weil an der Verwechslung des Ortes nichts oder wenig, alles aber an der innerlichen Bekehrung gelegen, durch welche man zum Guten eilet.

Gleichwie man aber zu einem vorgenommenen Wege, den man in der Welt reisen will, einen erfahrnen Wegweiser haben muß, der die Straßen, die Wege und andere Angelegenheiten wohl erfahren hat, also muß man auch in einem solchen vorgesetzten Ziel gewisse Mittel ergreifen, dadurch man zu seinem Zweck gelangen kann. Ich meine, daß man entweder lebendige oder tote Anweiser habe, die zu einem solchen Vornehmen tauglich sind. In Klöstern ist es der Gebrauch, daß derjenige, so den Orden eingetreten, zugleich einen Anweiser zu allen diesen Handlungen habe, dazu er muß vermittelst der Reguln gewiesen werden. Ein Pferd wird von dem vorsichtigen Reiter, ein Schiff von dem klugen Schiffer regiert, damit das vorige zu seiner Schul komme und dieses nicht ohnversehens an eine Klippe anstößet. Aus diesen Gleichnissen ist abzunehmen, daß das Leben, wo es solle gut und ohne merklichen Anstoß hinausgeführet werden, müsse zugleich haben einen solchen Führer und Regenten, durch welchen es von diesem und jenem gefährlichen Weg abgehalten wird.

Ich ließ mir demnach zu einem solchen Geleitsmanne meine Bücher als stumme Wegweiser dienen und behülflich sein, in der Hoffnung, daß, ob sie wohl stumm und gestorben, dannoch mit ihren lebendig hinterlassenen Lehren kräftig genug wären, das Gute von dem Bösen zu unterscheiden und uns zugleich einen solchen Faden an die Hand zu geben, vermittelst welchen wir aus dem Irrgarten dieser allgemeinen und zeitlichen Verdrüßlichkeiten wunderlich hinausgeleitet möchten werden.

Zu Ende dessen mußte mein Knecht Wastel (dem ich mein Mastvieh, Schafe und Schweine samt den Pferden und anderem zahmen Geflügel in seine Hut und Aufsehen übergeben hatte) etliche Körbe voll Bücher von einem nächstgelegenen Kloster in mein Schloß überbringen, welche mir von dem Abt desselben Convents auf ein Interim sind geliehen und aus der Bibliothek abgefolget worden. Über solche Bücher überreichte ich einen Schein und versprach, zeit währenden Gebrauches alle Wochen fünfzig Pfund Fleisch samt zwanzig Kannen Weins in das Kloster zu spendieren. Dannenhero bekam ich bald diesen, bald einen andern Mönch von daraus zu mir, welche die Zeit mit allerlei geistlichen Übungen zubrachten. Unterweilen ging ich auch hinüber, Messe zu hören, und ob der Weg schon etwas weit und abgelegen war, hatte ich doch daselbsten alle sattsame Lust und Vergnügung, und es war den Mönchen nichts leiders, als daß ich so frühzeitig geheiratet, sonsten hätten sie mich ohne allen Zweifel zu einem Mitglied des Convents angenommen. Aber sie sagten hinwiederum, daß nicht das Kloster, sondern vielmehr ein eiferige Andacht einen perfecten Mönch mache, und daß ein Weltmann, der in der zeitlichen Verachtung begriffen ist, viel ein bessers Leben führe als ein solcher Mönch, der zwar die Welt äußerlich geflohen, nichtsdestoweniger aber diejenigen Affecten noch nicht verlassen hätte, mit welchen er derselben innerlich zugetan wäre.

Diese Lehren stimmten mit meinem vorigen Grunde trefflich überein, daß nämlich nicht der Ort oder das Kleid, sondern das Leben fromm und ehrbar mache, und daß man zu Ausrottung der Laster viel ein ander Instrument als eine rauhe Mönchskappe vonnöten habe. Wo aber das Wesen mit dem Kleide übereins kommet, da ist es um so viel höher zu schätzen, je seltener es in diesem Weltgetümmel anzutreffen ist. Die Absonderung von menschlicher Gesellschaft, die Ausziehung der niedlichen Kleider und die Kasteiung des Fleisches ist zwar zu allen Tugenden ein guter und tauglicher Vorschub, aber es ist doch nicht der rechte Grund, darauf unsere Seligkeit beruhet. Darum müssen wir unser Leben nicht sowohl von außen als von innen reinigen und in wahrer Demut nicht auf einen solchen Grund bauen, der bald umfallen kann, sondern vielmehr sehen auf ein solch Fundament, daran all unser Heil und Segen hanget, welches ist ein unabläßliches Vertrauen zu dem Himmel, und alsdann werden sich alle Tugenden vollkommen bei uns einfinden, wenn wir denselben unaufhörlich werden nachgestrebet haben.

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