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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III. Capitul. Was Gutes auf der Hochzeit zu Ocheim passiert. Dietrich bringt ein silbern Schlittengeschirre zum Hochzeitpräsent. Der Wahrsager wegen des Wetterbildes zu Grundstett wird offenbar. Duell auf der Straß.

Man vergaß dazumal wegen großer Freude des bevorstehenden Werkes, nach dem Possen, welcher uns in Grundstett widerfahren, zu fragen, obschon allem Ansehen nach die Frau Philippin gute und genaue Wissenschaft davon hatte. Wir gingen auf der Reise nacher Ocheim über Abstorff, Herren Wilhelm in unsere Compagnie zu nehmen, welcher aber, nach dem Bericht des Schloßgesindes, allgemach vorausgegangen und zu Gottfrid abgereiset, ihn und seinen Bruder auf die Hochzeit zu bringen. Dannenhero verhofften wir eine fröhliche Zusammenkunft und hatten auch Herren Dietrichen, ob er gleich weit von uns entfernet war, eingeladen, dessen Person wir uns auf das allergewisseste versicherten. So sehr wir uns aber auf ihn verlassen, so wenig war er zu Ocheim anzutreffen, ohne Zweifel, weil sein Weg sich etwas weit erstreckte und er für großer Hitze nit reisen konnte. Nichtsdestoweniger verhofften wir eine Post oder Schreiben von ihm, konnten aber gleichwohl nichts erhalten, daraus abermal nichts Gewisses konnte geschlossen werden.

Aber es ist selten eine Freude vollkommen, und weil sich keiner unter uns darein zu finden wußte, machte uns endlich der ehrliche Philipp das Herz mit seiner angebornen Fröhlichkeit etwas ringer, denn er gab vor, daß, wenn Dietrich nicht auf die Hochzeit kommen würde, wollten wir ihn insgesamt über drei Tage heimsuchen und ihn zugleich, es möchte ihm gleich lieb oder leid sein, auf seinem Gut überfallen. Der Entschluß wurde beliebt und also zur Copulation geschritten.

Ich will mich, wie einem Ehmann gebühret, in Beschreibung dieser Hochzeit nicht viel aufhalten und unnötige Sachen beschreiben, die nur Verdruß machen. Als ich könnte zum Exempel erstlich die Oration anführen und zugleich den Geistlichen durchziehen, wie wunderlich er sich gestellet oder was für eine Aussprache er gehabt habe. Aber was nützen solche Durchhechlungen? Die deswegen lachen, geben mir keinen Recompens, und die dadurch getroffen werden, stellen mir auf andere Weis eine Falle. Was ist es nütz, wenn ich bald diesen oder jenen beschriebe oder auch erzählete, wie sich die Spielleute mit ihren Geigen verhalten hätten? Solche Leute nähren sich ohnedem mit großem Kummer und Elend. Und wie war es, wenn ich, gleichwie sie auch, auf die Welt als ein Spielmann geboren worden und mit dieser Profession mein Brot hätte suchen müssen? Würde ich alsdann gerne gehabt haben, daß mich ein anderer durch die Hechel zöge? Mitnichten! Ergo, quod tibi non vis fieri, alteri ne feceris! Ein bißchen will ich wohl davon schreiben, aber durchaus keine Personalia berühren, davon sich einer oder der andere, so sie anders noch im Leben sind, möcht beschimpfet finden, ja, ich will es so gelinde machen, daß auch diejenige am meisten darüber lachen werden, die ich am meisten angreife.

Die Copulation war gehörtermaßen zum Ende gelaufen und nunmehr alles beschäftiget, zu der Hochzeitstafel zu gehen, als man unversehens etliche Schellenkränze vor dem Schlosse hörte. Es war schon Nacht. Deswegen schickten wir etliche Diener hinaus, zu sehen, wer in diesem Sommerwetter sich der Schlittenfahrt bedienete; aber sie konnten niemanden erblicken noch ausspüren. Man hatte sich schon gesetzet, als die Schellenkränze zum andernmal schalleten, und als die Diener abermal vor das Tor traten, fielen zwei große Schellen – und Schlittengeschirr über einen hohen Baum herunter, der nächst an der Schloßmauer stund. Die Diener für Furcht und Schrecken eileten wieder zurück und sagten uns die wunderliche Mär. Letztlich brachte einer die Geschirre mit sich, welche nicht allein von purem Silber, sondern sonsten durchaus wohl und künstlich gearbeitet waren. »Diese Geschirr«, sprach die alte Frau von Ocheim, welche etwas geizig war, »sind hier gefunden worden, dannenhero gehören sie auch meine!« Es konnte keiner so unhöflich sein, noch ihr diesen köstlichen Fund absprechen. Indem kommt der alte Wahrsager zur Stube herein, der uns kurz vorhero zu dem Wetterbild verleitet hatte. »Ha, ha!« sprach Herr Friderich, »du alter Mausekopf, kommen wir hier zusammen?« Hiermit befahl er, die Tür wohl zu verwahren, weil er entschlossen war, ihm wegen getaner Persuasion eine gute Tracht Schläge geben zu lassen. »Wie steht es,« sagte Wilhelm, »hättest du noch gern mehr Narren?« – »Wenn Ihr ein Pferd zuviel habet,« sprach der Alte, »so könnt Ihr all sachte zu dem Wetterbild auf Grundstett reiten!« Damit fing die Frau Philippin abscheulich an zu lachen, und der Alte, so nur einen angemachten Bart und eine graue Parüque auftrug, nahm solchen Ornat ab, und da sah die ganze Compagnie den ehrlichen Dietrich vor ihnen stehen.

Der Student, welcher auch mit auf der Hochzeit war, riß seine Augen angelweit auf. Und diesen redete Herr Dietrich, weil er ihm am nächsten war, am ersten an und machte ihn wegen seiner Leichtgläubigkeit abscheulich aus. »Sollt Ihr Euch nicht schämen,« sprach er zu ihm und meinte uns alle, »daß Ihr nach dem Wetterbild reiset und allda um Euer Glück forschet? Pfui in die Kutte hinein! Seid ihr Einsiedler gewesen und wisset nit besser, quid juris die Sache sei? Eure Pferde lasset ihr euch stehlen, von dem kleinen Männchen, dem Kirchner, mit der Nase auf die Erde legen, und also werdet ihr in und außer der Kirche abscheulich betrogen. Wo ist nun euer Pferd? Die Sättel habt ihr am Halse heimtragen müssen; pfui, schämt euch ins Herz hinein!« – »Was,« sagte der Student, »bin ichs denn alleine gewesen?« Damit fingen alle an zu lachen, und es ist nicht möglich zu sagen, wie wir uns über diesem Streiche zugleich verwundert und ergetzet haben. Er sagte, daß seine Muhme Magdalena in einer halben Stunde nachkommen würde, und die zwei silbernen Geschirr wollte er dem Herren Bräutigam zum Hochzeitgeschenk präsentiert haben. Dadurch kam die alte Frau von Ocheim um ihren köstlichen Fund und hatte keine fernere Ursach, sich um denselben zu zanken. »Ich habe auf dem Baum schon gehöret,« sprach er, »was deswegen passiert ist. Nun trinke mir einer geschwinde ein gut Glas Wein zu, denn auf dem Weg ists ziemlich eingeheizet wie hier in der Hochzeitstuben, und der Staub stäubet einem wunderlich um die Naslöcher herum.« Mit diesen Worten kleidete er sich aus und satzte sich mit unserer großen Vergnügung an die Tafel, daselbsten alle seine Kurzweil auf die Bahn zu bringen, auf die er unterwegens studiert hatte.

»Hier ist es viel besser«, sagte er, »als draußen in dem nächsten Wald, wo man die Wölfe heulen höret und einem die Tannzapfen von den Bäumen wie die Fuchsschwänze auf die Achsel fallen. Dennoch ist mir nichts so beschwerlich gewesen als auf den Baum hinaufzuklettern; dorten zog ich die Schellengeschirr an einem Strick hinnach und mußte mich verwundern, wie eine schlechte Courage eure Knechte hatten. Wenn mir die Geschirre nicht unversehens entfallen, wollte ich euch noch eine Weile, bis meine Muhme nachgekommen, gefoppet haben. Aber Herr Præceptor, wie war Euch, da Ihr zu Grundstett wie ein Kreuz ausgestrecket auf der Erde laget? Gelt, es roch wunderlich unter den Ziegeln?« »Freilich«, sprach der Student. Darüber wurde noch ärger als zuvor gelachet, und da fing ich bei mir selbst erst an zu gedenken auf die Wort, welche zu dem Fenster sind hineingesprochen worden, nämlich: »Sie sind schon fort!« An diese Worte gedachten wir damals alle zugleich und sprachen: »Freilich waren sie fort, nämlich die Pferde!« – »Du hast uns billig Narren geheißen,« sprach Herr Philipp, »weil ein Christ, der solchen Gaukeleien nachgehet und darauf glaubet, eine große Torheit begehet.« – »Sehet,« sagte Herr Dietrich, »ihr seid so fromme Einsiedel gewesen und habt euch doch alle von mir so schrecklich verleiten lassen. Habt ihr dieses noch nicht gelernet, daß man keinem Wahrsagergeist glauben soll, wie wollet ihr etwas Höheres begreifen können? Der Teufel schleicht sich sachte ein. Erstlich habt ihr vermeint, ihr wollet es nur versuchen, hernach habt ihr alle große Berge darauf gebauet.« – »Es ist wahr,« sprach Philipp, »als du mir in Gestalt des alten Mannes so einen Haufen Sachen wegen meiner vergangenen Begebenheit vorgeschwätzet, stach mich der Kitzel mächtig in die Seite. Drum ist es ratsam, daß man dergleichen Leute gar nicht höre, sondern sie eben den Weg wieder dahin weise, woher sie gekommen sind.« Indem Philipp also redete, raunte der Student dem Herren Dietrich etliche heimliche Wort in ein Ohr und begehrte an denselben, daß er ihm sein Pferd wieder wollte zukommen lassen. »Denn«, sprach er, »ich habs von einem Bauer geborget, bin ein armer Teufel und kanns unmöglich bezahlen.« Diese Wort, ob sie wohl ziemlich still geredet wurden, hörten es doch die Anbeisitzenden, und wurde also der Student aufs neue ausgelachet. In diesem Gelächter kam Jungfer Magdalena, als Herren Dietrichs Muhme, an, welche auf dem Weg fast halb gebraten war. Sie kühlte sich derowegen und legte die häufige Kleider hinweg, fing auch endlich an zu erzählen, wie sie auf der Straße einen Ort vorbeigeritten und ihrer dreie jämmerlich mit dem Degen aneinander hätte zerhauen und zerfetzen sehen. »Es waren«, sprach sie, »zwei wider einen, welcher sich aber tapfer gewehret hat. Wer sie gewesen, kann ich nicht wissen, denn es war Nacht, habe mich auch wegen des Wetters nit lang aufhalten können.« Diese Zeitung machte uns in etwas bestürzet, ließen es doch an seinen Ort gestellet sein. Aber der Knecht, so die Frau hergeführet, sagte, daß der eine, welcher wider die zwei gefochten, in seinem Vorbeireiten gesagt habe: »Helft mir! helft mir!«

Man ließ es endlich bei seiner eigenen Bewandtnis, und wurden allerlei Gesundheittrünke angefangen, derer man, nach eingerissenem Gebrauch, nicht missen konnte. Also ging es kurzum die Reihe herum, aber dem Studenten wurde allezeit um zwei Finger höher eingeschenket, davon er endlich anfing, mit seiner Disputation herauszubrechen. Weil wir aber seine philosophische Grillen schon kannten, als beantworteten wir ihn ebenso närrisch, als er uns gefraget hatte. Er sagte zum Friderich: »Herr Bräutigam, quod ego sum, hoc tu non es!« – »Ja«, sagte der Bräutigam. » Ego«, redete der Student weiter, » sum homo, ergo tu non es homo.« Auf dieses sprach der Bräutigam: » Quod ego non sum, hoc tu es; ego non sum asinus, ergo tu es asinus!« Aus diesem entstund ein neues Gelächter, und der Student gäbe viel drum, daß er geschwiegen hätte. Es ist auch ratsam, daß man sich in solchen Zusammenkünften des Disputierens enthalte, sondern fein friedsam und einig mit einem Glas Wein ein gutes Stück von einem Hasen verzehre. Man kann wohl reden von einer und der anderen auferbaulichen Sache; aber aus einer Hochzeitstafel flugs einen Catheder zu machen, das ist wider Handwerksmanier. Auf solches brachte ihm der Bräutigam ein sauber geschnitten Glas zu, und als es der Student in die Hände bekam, besah er den so sehr gelobten Schnitt. Es war aber eine Tafel voll guter Freunde darauf gezeichnet, über welche diese Wort stunden: ›Ein Schelm, der unter uns heute ein Wörtlein disputiert.‹ Damit hatte der Student seinen Bescheid und fing demnach an, all diese Runda und Lieder auf die Bahn zu bringen, derer man sich zu seiner Zeit auf Universitäten bedienet hätte, als nämlich:

Sollte denn das Schäfer-Leben
Nicht das beste Leben sein,
Die da mit den Schäfer-Stäben
Treiben aus und wieder ein?
Jener steht und fiedelt,
Dieser pfeift und liedelt,
Der mit seinem Dudelsack,
Der dudelt auf den ganzen Tag.

Dieses Gesang war uns viel angenehmer als seine vorige Subtilitäten, die viel Nachdenkens und wenig Brot machen. Etliche unter dem beistehenden Haufen sagten, der Student könnte nicht viel. Aber wenn sie sich bei der Nase zupften, so haben die Narren alle zusamm nicht so viel als er allein gekonnt.

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