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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der kurzweiligen Sommer-Täge
Drittes Buch

I. Capitul. Der Verwalter zu Ichtelhausen defendiert sich trefflich wohl. Der Schreiber kommt ins Turmloch.

Dieses Buch soll ferner eröffnen, wie und auf was vor eine Art unsere folgende Begebenheiten abgelaufen. Ich will auch solches mit einer leidlichen Lindigkeit beschreiben und mit keinen spitzigen Zähnen um mich beißen, weil man durch gar zu viel Stichreden den Getroffenen nur erzörnet und dem Leser an seiner gesuchten Zufriedenheit verhinderlich ist. Darum soll meine Schrift eine Zeitvertreibung, nicht aber ein solches Buch sein, daraus man Gift saugen oder böse Sitten angewöhnen soll. Ich selbst habe all mein Lebtag mehr gute Tage gewünschet als genossen, und so vergnügt ich auch nach dem Inhalt dieser Schrift mit meiner Sophia gelebet, hatte ich doch, gleichwie alle Menschen, unterweilen meine sonderliche Grillen, die mich um so viel desto mehr peinigten, je weniger ich derselben gewohnet war. Es ist keine oder selten eine Lust, die nicht etlichermaßen auch eine Last ist, und der Leser darf sich all diese Zustände, so er in dieser Schrift gefunden und noch finden wird, nur vernünftig vor Augen stellen, so wird sein kluger Ausspruch der Richter sein, welcher nicht allein alle meine Gesellen, sondern auch mich insonderheit ebensowohl als sich selbsten den Glückeswinden unterworfen urteilen wird.

Ich bin aber in Beschreibung dieser Sommergeschicht nunmehr bis in das Schloß Herrn Friderichs, nämlich nach Ichtelhausen, gekommen, allwo wir verstandenermaßen einen ungetreuen und liederlichen Haushalter angetroffen, welcher uns von einem Schreiber auf das allerliederlichste ist beschrieben worden. Und nachdem dieser Lobredner sein Compliment gegen uns abgeleget, auch mit einem großen Reverenz seine Rede beschlossen, rufte ein Knab, so des Verwalters ältester Sohn war, zum Essen, bei welchem wir diesen Schreiber gerne sehen wollten, nit darum, daß wir ihm eine sonderlich hohe Ehre, denn dieser war er nit wert, sondern nur unter dem Schein einer Höflichkeit Gelegenheit geben wollten, seinen Discurs wegen des Verwalters weiter fortzusetzen, damit wir also unverhofft hinter des säubern Vogels seine Sprünge kommen konnten. Denn'weil der Verwalter nach vollendetem Essen zur Inquisition bescheidiget war, räumte er indessen seine Rechnungen hervor, und also hatten wir in seiner Abwesenheit gute Gelegenheit, unserem Vornehmen abzuwarten. Wenn nun ein grober Punkt kam, welchen sich der Schreiber wegen des aufwartenden Knabens nicht teutsch zu sagen trauete, so erzählete er denselben lateinisch, welches, ob ers wohl abscheulich untereinander hervorbrachte, dennoch von dem Friderich wohl verstanden wurde. Also mußte sich der Verwalter jämmerlich lassen durch die Hechel ziehen, und der Schreiber brachte alle Sachen so scheinheilig vor, erzeigte sich auch über Tische so höflich und sittsam, daß wir an seinen Ceremonien höchstes Vergnügen trugen.

Nach einer halben Stunde schickten wir den Knaben zu seinem Vater, der das Confect, etliche Schüssel Äpfel, Birn, Nüsse und dergleichen herbringen sollte. »Kann dein Vater so brav mausen,« sprach Friderich, »so lasse ihn auch brav aufwarten!« Damit ging der Jüngling davon und schlug die Tür zu, daß der Staub von der Wand fiel. »Wie der Rab ist,« sagte der Schreiber, »so sind auch die Eier: Mali corvi, malum ovum«, und also erzählete er weiter, was für einen wunderlichen Contrapunct der Verwalter in dem Schlosse zu Ichtelhausen spielete.

Indem er noch davon schwatzte, kam der Verwalter mit einem großen verdeckten Korb an. Er trug ziemlich schwer und satzte solchen auf einen Nebentisch, allwo unser Tischtrunk gestanden. »Mein Herr,« sprach er hierauf zu dem Friderich, ihm zugleich ein großes Buch überliefernd, »hier ist meine Rechnung, und da«, auf den Korb weisend, »ist mein bisher gesammeltes Confect. Es sind keine Äpfel, keine Nüsse, keine Zwetschgen noch Birne, wie dieser verleumderische Schreiber billig verdienet hätte, aber was es ist, das werdet Ihr sehen!« Damit zog er das Tuch über dem Korb hinweg, da sahen wir vier Schalen darinnen stehen, zwei voll Ducaten, zwei voll Reichstaler, und das übrige Teil des Korbs war voll halbe Taler und alter Groschen. »Sehet«, sagte er weiter, »und urteilet aus dieser merklichen Summa Geldes, ob den verleumderischen Reden dieses Schreibers zu glauben sei. Ihr habt zwar wenig Hühnergeflügel, wenig Rinder, wenig Korn und dergleichen angetroffen; aber zu was nützen die Tauben, als daß sie die Gerste hinwegfressen und hernach von den Bauerjungen abgefangen und heimlich gefressen werden? Ich habe zwar das Korn einsacken, auf die Mühle schicken und von dar auf mein Gut bringen lassen, aber nicht darum, daß ich solches heimlicherweise stehlen möchte, sondern weil ich von dar aus bessere Gelegenheit hatte, das Mehl mit größerem Profit unter die Ausländer zu verkaufen. Es ist zwar an dem, daß ich viel Ochsen, Rinder und Kühe in Empfang genommen, aber ich habe es besser gemachet. Die Wiesen, da ich das Grummat und Heu davon nehmen müssen, dasselbe zu füttern, die verpachtete ich. Es mochte nun gleich guter oder Mißwachs sein, hatte ich meinen richtigen Zins, da mancher hingegen vor sein Vieh nebenst seinen Wiesen noch Futter darzu kaufen und schaffen muß. Ich habe aber doch gleichwohl keinesweges die Rinder verkaufet, sondern dieselben geschlachtet und in den Rauch gehangen, will Euch auch vier Gewölb und etliche Kammern voll dergleichen Vorrat weisen, und das eingenommene Zinsgeld habe ich zu dieser Summa geschlagen, die sich auf ein merkliches belaufet.

Ich wußte nicht anders, ja, alle Bauren im Dorfe hätten sich ehe die Köpfe abreißen als aus denselben die Meinung fahrenlassen, indem sie geglaubet, Euer Gestreng und Herrlichkeiten würden Ihr eremitisches Leben in der Einsiedlerei zubringen. Dannenhero waren mir nicht viel Pferde noch Gesind nütze, habe also auf das genaueste hausgehalten und das unnötige Volk abgeschaffet, dadurch ich viel an dem Jahrlohn ersparet habe. Daß ich meine Kinder in die Äpfelkammer und in derselben nach ihrem Belieben hausieren lasse, das ist wahr. Aber ist es nicht besser, daß ich sie mit einem paar Äpfel sättige und sie mit diesem Obst hinter den warmen Ofen setze, als wenn sie bald dort, bald da herumschlecken und den Leuten unter den Füßen umgehen? Daß ich so sehr einheize, geschieht nicht aus Verschwendung, sondern damit die Bauren desto ehe einen Dummel in Kopf kriegen, dadurch schreibe ich ihnen quid pro quo an, und sie müssen mir das Einheizen doppelt in den Beutel bringen. Daß ich so viel Korn und einsmals zwei junge Schwein in das Spital nacher Ollingen spendiert und hinweggeschenkt, ist aus einem Almosen geschehen. Das Korn war wurmicht, hätte ichs länger auf dem Boden liegen lassen, so wärs mir nicht allein gar verdorben, sondern hätte mir noch darzu das gute angestecket. So waren auch die Schweine pfinnig, dannenhero gab ichs den Aussätzigen, welchen damit trefflich gedienet war; denn weil sie die Krankheit einmal auf dem Leibe haben, kann ihnen dadurch wenig Schade zustoßen, quia malum, quod habemus, timere non possumus.

Dieses sei also von meiner Freigebigkeit geredet, die ich Euer Gestreng und Herrlichkeiten zu keinem Schaden, sondern vielmehr zum großen Aufnehmen des Gutes angewendet, denn wer weiß nicht, daß alles an dem Segen gelegen sei? Durch was hat man aber einen mehrern Segen als durch das Almosen zu hoffen? Wer meine Freigebigkeit eine Verschwendung heißen kann, der trete hervor und sage mir, wo ich die pfinnige Säue und mit was für einem Gewissen ich sie hätte verkaufen sollen! Es sage mir einer, was ich mit dem faulen Korn sollte angefangen haben! Die Leute, denen ich es gegeben, mußten mir die Bäume putzen, den Mist auf dem Felde ausbreiten, und also dörft Ihr Euch nicht verwundern, daß so wenig im Hofe lieget, weil über die hundert Fuder auf den Feldern liegen; dort nützet er mehr als in der Miststatt, ists nicht wahr, Herr Schreiber?«

Über dieser Rede lachten wir, aber der Schreiber fand sich hoch beleidiget und fiel dem Verwalter in die Haar, dieser wehrte sich stattlich, und als sie bis an den Korb kamen, tat der Schreiber einen Griff in die Ducaten und wollte sie also unvermerkt in seinen Schubsack promovieren; aber des Verwalters Sohn, welcher der Sache gewahr wurde, klopfte ihm auf die Finger, und wir kriegten unsere spanische Röhre, die dem guten und verleumderischen Schreiber trefflich über den Buckel gemessen wurden. Solchergestalten prügelten wir ihn nicht allein zu dem Zimmer, sondern über zwei Treppen durch den Schloßhof zum Tor hinaus und begaben uns sodann wieder in das vorige Gemach, die Füchse zu zählen und die eingesammelten Batzen auseinanderzumustern.

Indem fängt der abgewiesene Schreiber schrecklich an, auf uns vor dem Tor zu fluchen. Er hieß uns Wetterhahnen, die den Schmeichlern das meiste glaubten, und der Verwalter mußte gar ein Dieb und Mörder sein. »Wer weiß,« sagte er gegen dem Torwärter, »wo der Schelm die Ducaten gemauset hat? Ich will nit dafür schwören, daß er solche durchreisenden Kaufleuten auf der Straße abgenommen. Es ist armer Leute Schweiß. Habe ihm ein Jahr lang gedienet, und hat mir kaum satt zu fressen geschweige was anders für meine so harte Mühe gegeben. Was fragen die Edelleute darnach, er mag es herhaben, wo er will, wenns nur da ist. Oh, ich kenne dergleichen Gesellen mehr; sie sagen: Sive raptum, sive captum, modo sit aptum. Nun schützt der Dieb seine Haushaltung vor. Kriege ich ihn einmal auf der Gassen, ich will ihm weisen, wie lang meine Fuchtel sei, und dem Edelmann will ich einmal mit einem Raquett zeigen, wie weit seine Strohstädel voneinander stehen.«

Diese Worte, als welche er höchst frevelhaftig aus seiner verleumderischen Zungenscheide herausgestoßen, brachten ihn in unverhofftes Elend. Denn, indem er noch mit dem Torwärter redete und sich nichts Übels versah, erhaschten wir ihn aufs neue und wurfen ihn in ein altes Turmloch, allwo er auf seinem Bund Stroh sitzen und schwitzen mußte.

Die schöne Barschaft, welche der Verwalter in so geringer Zeit mit so behutsamer Bescheidenheit gesammlet hatte, machte uns in Aussortierung und Abwägung der Münze eine ziemliche, doch angenehme Mühe. »Ich trinke gerne Tobak,« sprach der Verwalter, »das muß ich bekennen, tue auch einem ein gut Glas Brandwein Bescheid, aber was gehet dadurch Euer Gestreng ab? Mancher unterlasset solches, mit Vorgeben, es wäre eine liederliche Gewohnheit, aber indessen füttert er sich mit einem guten Stück Braten und greift mit allen Fingern in den Buttertopf, dadurch viel mehr als mit einer Pfeife Tobak in den Rauch aufgehet. Und wer sollte von seiner Mühe nicht auch eine Ergetzung haben? Schneidet doch der Schneider keine Paar Strumpf, der Schuster keine Paar Schuh ohne seinem Vorteil zu; warum sollte ich als ein Bärnhäuter nicht auch desjenigen genießen, so ich mit großer Sorgfältigkeit erwerbe? Ha, das muß man Euch Edelleuten nicht weismachen, wers besser kann als ich, der stelle seine Ordnungen selbst an. Ihr habt zwar gemeinet, des Schreibers seine Wort sind lauter Gold und Silber, aber sehet hie diese Haufen an! Gelt, Ihr Herren, es glänzet besser als Tauben-Pfifferling? Um einer kahlen Tauben willen hättet Ihr mich aus dem Schlosse gejaget, und dadurch wären Euch acht Ochsen versäumet worden. Darum geschieht es auch, daß Ihr in Verwechslungen der Bedienten nicht selten betrogen und über den Stein gestoßen werdet.«

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