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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII. Capitul. Friderich wird heftig bestürzt, eilet mit Wolffgang nach Oberstein zu Herrn Philippen, kommen auf dem Weg unter Mörder. Oberstein hat einzige Gefahr von den Bauern zu befahren. Die alte Frau von Ocheim, der Amalien Mutter, schreibt einen Brief dahin.

Man konnte von ihm keine fernere Erklärung erhalten, und weil er sich stracks auf sein Pferd satzte und damit zum Schlosse ausrannte, war der Unmut des Friderichs unbeschreiblich groß. Ja, wenn er die Amalia nicht Selbsten reden gehört, noch auf seiner Seite wußte, hätte er leichtlich in einen Zweifel geraten und seine Verzweifelung in dieser Sache vergrößern können. Endlich kam es dahin, daß wir die Schuld entweder dem Philippen oder dem Barthel auf der Heide zuschrieben, ob wir wohl nicht gewiß wußten, wer sie in so unverhoffte Flucht gebracht hätte. Darum zertrennete sich unser Zusammenkunft noch selbigen Morgens, und weil Herr Friderich unmenschlich sich in der gefaßten Liebe vertiefet, bat er mich, daß ich ihm auf der Straße möchte Gesellschaft leisten, seinem Verhängnis ferner nachzugehen. Ich konnte seiner Bitte, indem er sich gegen mir mit so hoher Freundschaft jederzeit hatte spüren und sehen lassen, dieses Begehren keinesweges abschlagen, eileten dannenhero dem Philipp auf dem Fuß nach, weil wir von dem Schloßgesinde verstanden, daß Herr Philipp vergangene Nacht zwei Pferde zum Tor ausgeritten, welches ebendiejenige gewesen, die der Amalien und ihrem Diener zugestanden.

Es fing wegen anhaltender Hitze schon an trefflich zu trückenen, deswegen galoppierten wir wie der Wind durch die Felder, ritten aber dermaßen irr und abweges, daß wir selbige Nacht in einer einschichtigen Dorfschenke bei einem großen Wald unser Nachtherberg suchen mußten, in welcher alles auf das allerschlechteste beschaffen war. Wir gaben uns dem Wirt nicht zu erkennen, und daß wir in dieser Straßenherberg desto sicherer wären, nahmen wir unsere Pistolen mit auf den Heuboden, dahin wir von dem Wirt zu schlafen angewiesen wurden. Er wollte aber solches Beginnen durchaus nicht leiden, weil er die Gefahr, so durch unvorsichtiges Losgehen der Pistolen entstehen möchte, vorschützte, in dem Werk aber selbsten geschah es nur darum, weil er uns entwaffnen und solchen Buben in die Klauen liefern wollte, mit welchen er schon manchem ehrlichen Mann hatte den Garaus gemachet.

Nichtsdestoweniger konnte er unser Vorhaben doch nicht ändern, und nachdem wir beisammen auf dem Heuboden lagen, fiel uns eines und das andere Stücklein ein, derer sich dergleichen Schelmen zu Totschlagung der Leute bedieneten. Wir hörten etlichmal vor dem Hause pfeifen, und weil wir solches vor ein Diebszeichen gehalten, machten wir uns auf die Beine, verließen das Lager und ließen uns unter dem Heuboden in einen alten Stall, allwo wir unsere Pferde angebunden hatten.

Wie wir gemutmaßet, so geschah es in der Tat; denn es kamen auf dieses Pfeifen ihrer etliche zum Hause herein, die mit dem Wirt auf eine ganz fremde Sprache zu reden angefangen. Wir hatten nur einen einzigen Knecht von Herrn Wilhelm mit uns genommen, welcher sich zu einem Wegweiser gebrauchen ließ, derselbe war in dem Heue daroben geblieben, weil er entweder noch niemalen in dergleichen Begebenheiten begriffen oder aber ohne Sorge war, allhier in Lebensgefahr zu geraten. Diese Diebe, gleichwie sie bald gekommen, also fingen sie auch bald an, in dem Haus herumzuvisitieren, und der Wirt ging mit einem großen Prügel, welchen er über der Achsel trug, voran. Der Weg, welcher auf den Heuboden leitete, ging unserm Stalle vorbei, deswegen konnten wir durch die Klumsen der Bretter leichtlich sehen, wieviel es geschlagen und in welch eine saubere Gesellschaft wir geraten wären. Nachdem sie nun ganz gebücket und stille den Stall vorbeipassiert, stiegen ihrer achte auf eben den Heuboden, da wir kurz vorhero von dem Wirt waren logieret worden. Indessen löseten wir die drei Pferde ab, und nachdem wir uns des Ausgangs zu dem Hause wohl versichert, schössen wir mit einer Pistole hinter ihnen in den Boden, dadurch nicht allein der Knecht erwecket, sondern das Heu in augenblickliche Flamme geraten. Wir sahen nach aller Möglichkeit, unsern Reitknecht Conrad davonzubringen, und es glückte ihm, daß er noch zu einem Dachfenster, ob es wohl ein gefährlicher Sprung war, doch ohne Rock und Hut zu uns kam. Hierauf warfen wir die Leiter in den Hof und gaben aus den fünf übrigen Pistolen gegen diejenige Feuer, die unser Leben zu rauben angekommen waren. Nachdem wir derselben drei totgeschossen, waren zwei andere von dem Feuer schon ergriffen und von dem Rauch ersticket. Die Flamme griff im Augenblick um sich, und weil der Wind gegen dem meisten Gebäude spielete, hatten wir hohe Zeit, uns davonzumachen und in Sicherheit zu stellen. Also verließen wir das Raubnest in tiefer Nacht mit großem Geheule des Schelmengesindleins, und das Feuer, so auf den Giebeln brannte, mußte unsere Fackel sein, die uns bis in den Wald hinein leuchtete.

Die Unsicherheit, von welcher dieser Wald berufen war, ließ uns nicht weit reiten, derowegen reterierten wir uns auf einen hohen Holzstoß, daselbst bis zu anbrechendem Tage, ob es schon ziemlich kalt war, auszudauren. Der Knecht hatte ehedessen in Schweden vor einen Krieger gedienet, und dannenhero war er des Streites schon gewohnet, ich aber und Herr Friderich hatten solches in der Welt mehr als oft erfahren müssen. Dannenhero waren unsere Mäntel genug, uns vor diesmal zur Überdecke zu dienen, und also verbrachten wir, so gut es die Gelegenheit zuließ, unsere Zeit.

Unsere Pferde lagerten sich in zusammengescharrene Blätter, allwo sie sich dermaßen vergraben, daß man ihrer schwerlich mochte gewahr werden, und indem es taget und unsere Furcht ein wenig abnahm, schliefen wir ein und ruheten so lange, bis wir von einem unverhofften Gespräche ermuntert worden. Solches Wortwechslen geschah an einem nächstgelegenen Brunnen, dahin sich ihrer zwei gesetzet, die allem Ansehen nach sehr mußten gelaufen sein. Sie pfauseten wie alte Zeiselbären, und sagte der erste: »Bruder, wir haben Zeit gehabt. Siehe, wie meine Hosen schon zu brennen angefangen.« – »Ja,« antwortete der andere, »ich wollte, daß ein Barbierer hier wäre, der mir meine Wunde verbände, die Kugel steckt mir noch in dem Waden und brennet wie höllisches Feuer.« Mit diesen Worten zog er seinen Strumpf, welcher voll Bluts war, vom Fuße und wusch seinen Schaden an dem Brunnen, welcher mit großer Lieblichkeit aus einem hohen Felsen sprang.

»Diese Kerl«, sprach Herr Friderich, »sind allem Ansehen nach in dem Brand gewesen und durch unser Geschoß verletzet worden, lasset uns sie anfallen und das gründliche Zeugnis aus ihnen forschen, warum sie uns zu ermorden angekommen sind.« Demnach eileten wir behend über den Scheiterstoß hinunter, und die Gesellen erschraken dergestalten, daß, unerachtet sie Gelegenheit genug zu entfliehen hatten, sich dennoch, als vom Gewissen überwunden, nit von der Stelle bewegen konnten.

Wir fielen sie mit einem großen Geschrei an und entblößeten sie gleich anfangs ihres Gewehres, welches zwei große Henkersschwerte und etliche in den Kleidern versteckte Puffer waren. »Ihr seid diejenigen,« sprach ich, »die in der Straßenherberg auf unschuldiges Blut gelauert, darum saget aus, wer euch dazu veranlasset, oder verlieret an diesem Ort euer verfluchtes Leben.« Sie wollten sich entschuldigen, daß sie davon keine Kundschaft hätten, nachdem wir ihnen aber mit der Fuchtel über die Köpfe waren und sie den Ernst unsers billigen Zorns sahen, beichteten sie und baten um Gnad. Sie waren alle beide unter dem Gebiet Herrn Philippens geboren und zu diesem ehrlichen Handwerk von einem Henkersknecht verleitet worden. Sie sagten, daß diese oder künftige Wochen Herrn Philipps Schloß, als nämlich Oberstein, von gewissen Raubern würde gestürmet werden, darunter auch etliche Bauren wären, die in neulicher Rebellion aufgestanden, und diese Rebellion der Bauren war eigentlich der Feind, von welchem wir zum Anfang dieser Histori gehöret haben, daß er in dem Land so übel gehausiert habe.

Sie sagten, daß, wenn sie uns auf dem Heuboden gefunden hätten, keiner mit dem Leben davonkommen wäre, weil sie an ebendiesem Ort schon öfter solche Tänze gespielet, darüber den Tanzenden die Pfeife zugefroren sei. Diese Erzählung der leichtfertigen Buben, gleichwie sie an sich selbst grausam anzuhören war, als erweckte sie in uns einen billigen und unmäßlichen Zorn, daß wir in großem Grimm über den Unbeschädigten herwischten und ihn mit unsern Degen halb zerhieben und halb durchstachen. Also bekam er endlich noch so viel Zeit, daß er in großem Blut und Ohnmacht noch eine Stunde beten und also sein elendes Leben beschließen mochte.

Den Lahmgeschossenen, welcher, wie er sagte, im ersten Schusse getroffen worden, da ihm zugleich der Strumpf zu brennen angefangen, nahmen wir mit uns nacher Oberstein, mit seinem eigenen Bekenntnis unsere gerechte Sache wegen dieses Brandes zu bekräftigen, und also ritten wir als ritterliche Sieger zu Oberstein ein, und Philipp empfing uns über seinen Erker in dem Hof und verwunderte sich zugleich über den neuen Gast, welchen wir mit uns aus dem Wald angebracht hatten. »Ich habe heut nacht«, sprach er zu uns, »ein großes Feuer gesehen, und weil ich meine Mutmaßung auf Abstorff hatte, so saget mir, ob an selbigem Ort einziges Unglück vorübergelaufen sei. Ich weiß wohl, daß bei dieser Landesunruhe allerlei Mutwillen im Volk vorübergehe und daß diejenige Bauren, denen wir ehedessen das Fell tapfer geschröpfet haben, sich bei dieser Gelegenheit auf alle Weis und Wege uns wieder eine gute Grindschmitzen anzuhängen eiferigst bemühen werden.« – »Ja,« sagte Herr Friderich, »an diesem, was du sagest, ist keinesweges zu zweifeln, wie wir denn ein lebendiges Exempel hier an diesem Gefangenen mit uns bringen. Er ist ein deiniges Landkind, und das Feuer, welches du heut nacht gesehen, ist nicht zu Abstorff, sondern auf einer Straßenherberg von mir und dem Wolffgang angezündet worden.« Hiermit eröffneten wir ihm die Geschieht, und Philipp überlieferte noch denselbigen Tag das saubere Bürschlein den Gerichten, welcher aber bald darauf in dem Gefängnis sein Leben eingebüßet, indem ihm der Brand nicht allein den Fuß, sondern fast den ganzen Leib eingenommen. Also ist er seinem schimpflichen Tod durch diesen Zustand bevorkommen, weil er sonsten, wie es dergleichen Verbrecher Strafe wohl verdienet, auf dem Rad den Vögeln vor ein Confect hätte dörfen aufgesetzt werden.

Wir berichteten neben diesem die sonderliche Gefahr, mit der er von etlichen zusammengelaufenen Buben bedrohet wurde, derowegen sah er sich fleißig vor und ließ diejenige Schloßmauern, die nicht wohlverwahret waren, mit dichten Dornsträußen befestigen, und wir versprachen ihm, daß, wo ein Anlauf geschehen sollte, ihm behülf liehe Hand nicht allein von uns selbsten, sondern auch mit unsern Leuten zu leisten. Auf solches fragten wir ihn wegen der Amalien, und daß er uns den Zweifel auflösete, welchen er mit seiner letzten Antwort zurückgelassen hätte. Aber er fing nebenst seiner Dankbarkeit weit einen andern Discurs von des Landes Zustand an und befriedigte den Friderichen dermalen mit gewisser Versicherung, daß alles zu seinem Besten ausschlagen würde.

Er ließ uns dermalen nicht von sich, denn er gab vor, daß wir allerehestens zu einer Hochzeit würden eingeladen werden, darzu wir uns keinesweges verstehen konnten, und weil er vorgab, daß Amalia an einem guten Ort sich enthielte, gab sich Herr Friderich gerne zufrieden, denn er fing bald an zu argwohnen, Philipp hätte sie voran auf dieses Schloß geschicket, uns in eine desto größere Verwirrung zu stürzen. Nach dreien Tagen bekam Philipp einen Brief, und: »Siehst du,« sagte er zu dem Friderichen, »dieses ist die Hand der alten Frauen von Ocheim.« Herr Friderich war auf diesen Brief höchst begierig, aber noch viel vergnügter, als ihm Philipp unter anderen folgende Wort herauslas: »Herr Friderich, dessen guter Name und stattliche Eigenschaften gar bekannt sind, solle die Hoffnung nicht sinken lassen, mein Schwiegersohn zu werden.« – »Siehst du,« sprach er, »ob es mit deinen Sachen zum besten beschaffen sei? Ihr habt etwas zu geschwinde mit der Sache verfahren. Es heißet, wie mich mein Conrector gelehret hat, festina lente, langsam kommt man auch weit. Es ist eine große Nützlichkeit, daß man der Eltern Jawort hat, und der Segen, der daraus entsprießet, wird unvergänglich sein.« Also wußte sich Friderich zwar ein wenig aus der Irre, aber doch nicht aus dem Zweifel zu finden, welchen er wegen dieser Sache bei sich geheget hatte.

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