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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII. Capitul. Der Verwalter zu Abstorff tut in der Nacht den Heuratsvortrag. Amalia entschließet sich; eilet in der Nacht heimlich davon.

Es ist ein altes Sprüchwort, daß derjenige, so nicht verspielen will, auch nichts aufsetzen solle. Darumen verspielete ich gar zu viel, weil ich gar zu viel aufgesetzet hatte. Doch hielt ich mich in guter Bescheidenheit und erzürnete mich nicht über mich selbsten, wie etliche Narrn gewohnet sind, die sich vor allzu großem Widerwillen selbst in die Haar fallen und ganze Hand voll aus dem Kopfe reißen. Es sind vier Hauptfälle, durch welche man unter andern einen Menschen hauptsächlich ausnehmen kann. Als der erste ist die Lieb, in welcher sich gemeiniglich die allerunüberwindlichste Gemüter ziemlich bloß zu geben pflegen, wie auch dazumal unserem Friderichen geschehen ist, welcher immer an die Mauer nach der Sanduhre sah, ob es nicht bald zwölfe schlagen wollte, und dadurch etliche Flüsse und Gevierte übersah. Die andere Gelegenheit, vermittelst welcher man einem auf den Grund fischen kann, ist das Spielen, allwo man manchem hinter die Springe kommen und sein ganzes Esse auszuforschen vermag. Der dritte Casus ist die Erbschaft, da sich oft ihr zwei, ja auch die besten Brüder und nächste Verwandte um ein bißlein Hab, ja oft nur um einen Groschen so herumzanken, daß die Stubenfenster zittern. Die vierte Art, den Menschen kennenzulernen, ist der Trunk, durch welchen all dasjenige am meisten hervorquillet, zu was der Mensch insgemein inclinieret ist. Und weil ich an Herren Wilhelmen merkte, daß er genaue Obsicht hatte, uns vermittelst des Trischakspieles hinter die Sprünge zu kommen, gab ich genaue Gegenachtung, damit er von einem oder dem andern unter uns dreien kein schlimmes Concept haben möchte. Indem schlägt es zwölf Uhr, und als wir den Zeiger gehöret, sprang jeder hinter dem Tische hervor, dem bevorstehenden Werke beizuwohnen. Der Schloßverwalter, welcher indessen auf seine Oration mit allem Fleiß, in der Hoffnung, dadurch ein Dutzet Taler zu gewinnen, studiert hatte, kam gleich dazumal, als wir unsere Parüquen zurechtmachten, in seinem Mantel die Treppe herauf und sagte, daß er nunmehr die ganze Proposition nach unserm gegebenen Anlaß nicht allein nach seinem wenigen Vermögen eingerichtet, sondern auch genugsam ins Gedächtnis gebracht hätte. Also begleiteten wir ihn zu der Kammer, welche Herr Wilhelm mit seinem Hauptschlüssel unversehens eröffnete.

Der Diener Justin, so um diese Abenteuer genügsame Nachricht hatte, sprang doch zum Schein seiner Unwissenheit aus dem Bette, seinen Degen, der unfern an der Wand hing, ergreifend, die Amalia aber Selbsten tat nach diesem Anblick einen großen Schrei und versteckte sich hinter die Decke. »Mein Freund,« sprach der Schloßverwalter, »Ihr habt keine Ursach, Euch vor uns mit dem Eisen zu beschützen, die wir als gute Freunde angekommen sind. Haltet zurück und hänget Euer Gewehr an seinen vorigen Ort!« Damit stieg Justin wieder in sein Lager, und unsere ganze Compagnie versammlete sich an der Bettstatt der Amalia, die nunmehr in unserer Erkenntnis etwas beherzter zuhörete.

»Den Schiffenden«, sprach hierauf der Schloßverwalter, »sind viel Klippen und andere gefährliche Seewege unbekannt, daran sie oftermalen stoßen und anfahren. Also ist es auch mit uns Menschen auf diesem Weltmeere beschaffen, da wir in tausend Irrtumen herumschweben. Eine solche Irre machen sich die Menschen selbst untereinander, dadurch sie die Augen ihres Nächstens verdunkeln und sein Urteil übervorteilen mögen. Wir wollen nicht zweifeln, hochadeliger Fidius, daß Er anitzo, obwohlen mit einem rechtmäßigen und zulässigen Betrug, in der Welt herumwandle, durch seinen Mannshabit die Augen der Menschen zu verdecken. Er ist, wie wir genügsame Nachricht eingeholet, ebendiejenige im Original, dero Copia wir vergangenen Abends in der Schloßkapelle auf dem Altar angetroffen. Und weil es des gegenwärtigen Friderichens Zustände nicht zulassen, seine Resolution ferner verborgen zu halten, so lasset er durch mich in seinem Namen bei dieser hochadeligen Gesellschaft um ein ehliches Verbündnis werben, im festen Vertrauen, daß, gleichwie am Tage vor ihm Ihre Person verborgen, als werde Sie in dieser finstern Nacht Ihr angenehmes Licht gegen ihm und seiner Inclination scheinen, auch ihn eine solche Antwort anhören lassen, derer ein treu Verliebter wohl wert ist. Hiermit wollen wir Sie Ihrem Entschluß nachzudenken überlassen und, wenn wir zuvor um Vergebung dieser gemachten Unruhe gebeten, uns wiederum hinwegverfügen. Sie ruhe und entschließe sich wohl.«

Mit diesen Worten nahmen wir von der mehr als bestürzten Amalia Abschied, sie ohne allen Zweifel in tausend wunderlichen Gedanken hinterlassend, in welche sie sich nach diesem Vortrag wird gestürzet haben. Wir mußten die kurze und wohlgesetzte Oration des Schloßverwalters höchst loben, weil sie nicht sowohl mit vielen Worten als mit der Sache Selbsten ausgespicket und also eingerichtet war, daß sie von dem Fräulein nicht allein wohl mochte verstanden, sondern auch gar leichtlich möchte behalten werden. Dannenhero lobte jeder seine Geschicklichkeit aufs höchste, und wurde von uns allen beschenket, weil wir gute Hoffnung zu einem glücklichen Ausschlag hatten. Als wir nun voneinander eine gute Nacht genommen und den Verwalter wieder an seinen Ort gehen lassen, stunden ich und Friderich heimlich aus dem Bette auf, weil wir willens waren, uns an die Kammer der Amalien zu verfügen und zu hören, was sie deswegen mit ihrem Justin für eine Unterredung halten würde.

»Ist dieses nicht das Schloß,« sagte sie hierauf zu Justin, »allwo wir vor wenigen Tagen im großen Regen stillgestanden und um den rechten Weg in die Stadt gefraget haben?« – »Ja,« sagte Justin, »dieses ist derselbige Ort, da ich mit dem Steine an die Pforte angeschlagen habe.« – »Nun,« sagte das Fräulein, »ich habe hier um den rechten Weg gefraget, hier wird er mir auch ohne allen Zweifel gewiesen werden. Ich glaube gänzlich, daß meine Person durch mein Conterfey am Altare sei verraten worden. Es ist ebendasjenige Stück, so mir der Ehrvergessene in meinem Absein aus dem Zimmer geraubet hat. Aber dieses möchte ich wohl wissen, wie es an hiesigen Ort in die Kapelle gekommen sei. Sie haben es in der Gestalt der heiligen Jungfer Barbara aufgehangen und ein großes Rad samt anderen kleinen Figuren noch dazu gemalen, darum wachset mein Zweifel um so viel mehr, je weniger ich hinter diese Gewißheit kommen kann.« – »Ich habe«, sprach Justin,»fast auf dem ganzen Schloß bei allen Leuten mich deswegen erkundiget und befraget, aber nichtsdestoweniger nichts auf meine Kundschaft erhalten können, ohne, daß der Barthel auf der Heide fast täglich hieher vor demselben niederkniet und seine sonderliche Andacht verübet.« – »Mich verwundert,« sprach sie darauf, »daß der Dieb keinen Scheu getragen, sein gestohlenes Gut in eine Kirche, wie mutmaßlich allhier geschehen ist, zu verehren. Ist es aber, wie du sagest, daß er täglich gewohnet sei, allhier vor meinem Conterfey zu erscheinen, so ist es nötig, daß man ihm morgen entweder den Zutritt verneine oder mich im verborgenen halte, weil seine unsinnige Liebe in meiner Gegenwart ausbrechen und er dadurch zu großen Torheiten, derer er sich schon allbereit unterstanden hat, möchte veranlasset werden.«

»Dieses alles«, sprach der Diener, »soll von mir dem Schloßherrn fleißig hinterbracht werden. Aber was wollet Ihr Euch, gestrenges Fräulein, auf die getane Sermon wegen des Friderichens erklären? Ist es nicht nötig, daß ich mich im Namen Eurer Person auf eine Antwort gefaßt mache?« – »Zu der Antwort,« sprach sie, »die ich auf diesen Vortrag zu geben entschlossen bin, seid Ihr nicht genugsam studieret.« – »Eine gelehrte Rede«, sprach Justin darauf, »ist nicht allezeit das Mittel, seinen Zweck auszudrücken, warum soll solches nicht auch in einer einfältigen Antwort geschehen können? Ihr mögt demnach ja oder nein dazu sagen, so verspreche ich Euch doch, eine solche Rede abzulegen, welche, ob sie schon mit des Verwalters seinen Worten nicht kann verglichen werden, soll sie doch auch etwas mehrers als eine bloße Post heißen können.« – »Es ist wahr,« sagte sie, »daß man seinen deutlichen Willen auch deutlich müsse zu verstehen geben, und ich traue Eurer Beredsamkeit mehrer als einem gemeinen Laquay, weil Ihr Euch dessen allgemach ein gutes Zeugnis zuwege gebracht habet.

Enthaltet Euch demnach, soviel Ihr dazu nötig erachtet, vom Schlafe und studieret, daß Ihr ihnen morgen mit wenigem sagen möget, daß ich den Friderichen in diesem Begehren keinen Irrweg wolle gehen lassen. Meinen endlichen Entschluß wolle ich bis zu der Frau Mutter Einwilligung versparen, und Herr Friderich solle indessen bedacht sein, mich von dem heimlichen Listen des Bartheis auf der Heide zu entledigen, welcher mich auch vor dieses Mal durch seine heimliche Nachstellungen in dieses Kleid gebracht hat. Diese drei Punkten merket wohl, sinnet sie aus und beantwortet sie kurz, weil man durch weitläuftige Worte die Sache vielmehr verdunkelt als erleuchtet.« Dieses waren die letzten Worte, die wir vor der Kammertür gehöret haben; demnach begaben wir uns gar vergnüget zu Bette, weil wir die Antwort schon verstanden hatten, ehe sie war abgeleget worden.

Des andern Morgens kam Philipp noch vor Tage vor die Kammer, klopfte an und erzählete uns, welchergestalten die Amalia noch in der Nacht wäre hinweggeraubet und davongeführet worden. Anfangs hielten wirs vor nichts Unmögliches, als er aber zu lachen angefangen, bekam Herr Friderich wieder einen bessern Mut, welchen er schon hatte fallen lassen, denn Philipp wußte alle seine Sachen scheinheilig vorzubringen und war ein vollkommener Meister, einem einen blauen Dunst vor die Augen zu machen. Und als er uns kurz darauf versicherte, daß er dieses, uns zu erschrecken, nur im Scherz geredet hätte, offenbarten wir ihm dasjenige, was wir vor der Kammer gehöret, und er empfand es übel, daß wir ihn zugleich unserer Lust nicht mit genießen lassen, da er doch des Friderichens Wohlfahrt der seinen gleich schätzte. Wir gaben aber vor, daß wir, einen großen Tumult zu verhüten, diese Freundschaft unterlassen wollen, weil wir dadurch uns leichtlich selbsten offenbaret und uns bei der Damen in einen schlimmen Credit dörften gesetzet haben. Er ließ es endlich an seinen Ort gestellet sein, und wir machten uns insgesamt auf, anzukleiden und die abgefaßte Botschaft von dem Justin anzuhören. Es war aber schon hoher Tag, als man noch niemand aus der Damen Kammer gehen gehöret noch gesehen, darum glaubten wir gänzlich, sie würden den verstörten Schlaf am Tage einbringen, und Schossen indessen mit etlichen Pallestern nach den Sperlingen, die sich häufig auf den umliegenden Dächern gesammlet hatten.

Es wurde endlich Mittag, und weil wir von der Amalia noch ihrem Diener Justin annoch nichts vernehmen können, kamen uns Philipps Worte wieder in den Sinn, und ob er gleich seine Botschaft nur aus bloßem Scherz abgeleget hatte, befanden wir doch die ganze Sache also in dem Werke beschaffen, weil wir nach eröffneter Kammer weder Knecht noch Jungfrau mehr zu sehen bekommen, aber wohl ein offenes Fenster erblicket, durch welches sie ohne allen Zweifel, weil es nicht gar zu hoch von der Erden war, müßten hinausgesprungen sein. Wir wußten nicht, sollten wir über diese Geschicht lachen oder weinen, weil niemand um den eigentlichen Grund wußte. Philipp aber machte ein großes Kreuz vor sich, sagend, daß er nimmermehr hoffen wolle, daß dasjenige daran Ursach wäre, welches er vorgenommen hätte.

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