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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zuschrift
An den Edlen Herren Johann Brandt

Mein Herr, etc.

Das süße Angedenken seiner angenehmen Person und die unter uns gepflogene Freundschaft lasset mich nicht ruhen, Ihm dieses Buch, obzwar mit einer irrenden und ungelehrten Feder, zuzuschreiben, auf daß Er ein Zeugnis meiner unauflöslichen Verbündnis gegen Ihm gleichsam nur in einem Schatten haben möchte. Es ist keine Elefanten-Geburt, welche, nach Zeugnis der Naturkündiger, zehen Jahr mit ihrem Jungen schwanger gehen, darum wird mein Herr wenig Zierlichkeit einer voll ausgesonnenen Rede hierinnen antreffen. Nichtsdestoweniger will ich anstatt der oratorischen Blumen ein einziges Kräutlein hiermit hereingestreuet haben, und solches soll heißen: Vergiß mein nicht!

Wolffgang von Willenhag
Herr auf Stampff und Nußdorff
am Adersee, etc.

Notwendiger Unterricht und allgemeiner Eingang zur folgenden Histori

Es war heißer Sommer, und die heftigen Sonnenstrahlen entzogen viele Menschen von ihren Geschäften. Der Wandersmann mußte sich öfters unter die schattigten Bäume setzen und den meisten Teil seiner Reise lechzend zubringen. Der Schnitter hatte keine andere Labung als das Wasser, welches, von Schweiße gesammelt, ihm über die Backen abrollete, und die man sonsten bei den Büchern studierend fand, sah man anjetzo in den Wäldern ihre Zeit müßig zubringen. In solchem Sommerwetter vergesellschafteten sich etliche von Adel, ihr Leben auf das fröhlichste zuzubringen. Und damit diejenige, von denen hier soll gehandelt werden, nach ihren Namen und angebornen AfFecten nicht verborgen sein, wollen wir sie gleichsam zum Vorgeschmack hier abbilden.

So heißet demnach der erste Gottfrid, ein Junger von Adel und mit allen diesen Eigenschaften gezieret, die von einem Edelmann können gefordert werden. Er war ein einiger Erb aller Verlassenschaft seiner seligen Eltern, und ob er wohl zuweilen scheinen ließ, als wäre er verliebt, benahm er doch vielen diese Mutmaßung durch seine sonderliche Andacht, die er zu einem einsamen Leben trug. Er hat die Feder ehe als den Degen in die Hand genommen und war wohl beredet in den Sachen, die zum gemeinen Besten taugten.

Der andere, welcher Friderich heißet, ist von Geburt ein Schott, hat aber wenig Teutsche an der Redlichkeit angetroffen, die seinesgleichens gewesen. Er war die Andacht selbst und doch dabei sehr verliebt, also daß beides bei ihm in gleicher Waagschal stehet, ein solcher Mann, den billig alle Völker zu ihrem Bürger erwählen. Er ist unter die Allerandächtigsten im Lande gezählet worden. Ob er auch gleich verehlichet und mitten in der Welt lebte, hat er doch allezeit diejenige Funken bei sich in dem Herzen geheget, die unter seiner geistlichen Asche ohne Unterlaß hervorgeschimmert haben.

Der dritte wird Dietrich genennet. Er ist zwar ein Armer, aber Redlicher vom Adel, der sich in der Welt ziemlich herumgetan und ein sonderlicher Liebhaber vom Reisen war. Seine Person ist niemanden verdrüßlich als denjenigen, welche die teutsche Redlichkeit hassen. Viel Schulen haben ihn zum Discipul gehabt, und die Bauern, so er unter sich hatte, sind niemalen mit einer unbilligen Steuer beleget worden.

Den vierten heißet man Philipp von Oberstein. Ein Mensch von überaus kurzweiligem Humor, welcher schwerlich weiß, was die Melancholey sei. Er hat allezeit mehr auf einen Hof- als Schulmann gehalten, und seine Frau hat eine glückliche Heirat getan, weil sie beide einerlei Sinn hatten.

Der fünfte wird genannt Wilhelm von Abstorff, einer unter diesen, die den Titul der alten Teutschen auf die Nachkommen fortpflanzen und solchen in dem Werke erweisen. Ein Mann von guten Mitteln, aber doch nicht allzu freigebig dabei, doch also, daß man ihn mit keinem Recht geizig nennen kann.

Dem sechsten kommt der Name Sempronio zu. Er ist ein Liebhaber der Waffen, unter welchen er auch seiner Fortun nachstrebte. Sonsten ein Mensch, der auch den allerverdrüßlichsten Sauertöpfen nicht beschwerlich war.

Der siebente ist ein leiblicher Bruder Herren Gottfridens und heißet Christoph. Und diese beide, gleichwie sie an äußerlichen Lineamenten nicht viel unähnlich sahen, also stimmten sie auch an innerlichen Gemütsgaben wohl überein. Doch war in dem letztern eine mehrere Lust zu reisen.

Der achte war mein alter Vater Alexander, und wenn es hier vonnöten wäre, denjenigen nachzufolgen, die eine Gloria in Aufzeichnung ihres Herkommens suchen, so könnte ich dessen Ursprung von etlich hundert Jahren her leichtlich beweisen. Aber damit ich meine eigene Großachtung vor dem geneigten Leser nicht anfangs verdrüßlich mache, will ich, als Autor dieser Schrift, nur bloß vermelden, daß er nunmehr ein erlebter Mann und allgemach nahe bei neunzig Jahren war.

Der neunte war ein Advocat aus der Stadt Ollingen, der das Recht niemalen besser verstund, als wenn er Unrecht tun sollte, sonst eines schmarutzerhaftigen Geistes. In Compagnien nicht gar zu höflich und trefflich disponiert, aufgezogen zu werden.

Der zehente bin ich in Person, welchem dieses Werk, ob es wohl ring und schlecht zu beschreiben, aufgetragen worden. Mein Name heißet Wolffgang von Willenhag.

Und dieses lasse sich also der geneigte Leser zu einem Vorschmack dienen, nach welchem ihm das Licht desto besser aufgehen wird. Es sind zwar hierinnen keine künstliche Revolutionen und Auflösungen zu finden, doch was geschrieben ist, ist vielmehr zu einem Angedenken unserer Nachkommen entworfen worden, auf daß sie auch solche Freundschaft unter- und gegeneinander pflegten, gleichwie wir gepflogen haben. Denn in guter Eintracht wachset das Land, und nimmt eines jeden Vermögen reichlich zu, da sich hingegen im Groll, Feindschaft, Haß und Widerwillen alles zerreißet und verlieret. Deswegen spannen wir dazumal ein Band sicherer Vertraulichkeit, und dadurch haben wir uns nicht allein ein liebliches Leben, sondern unseren Feinden eine Furcht verursachet.

Was sonsten vor Personen hin und wieder mit unterlaufen, derer Namen sind nicht vonnöten, daß sie hier zum Überfluß angezeichnet werden. Und ob der oder jener ledig oder verehlichet gewesen, wird der Text geben. Nur ist zu wissen, daß der erste Schluß dahin gezielet, damit die Gesellschaft eine Reise vornehmen möchte. Aber weil die Sonne sowohl als andere Angelegenheiten dazu verhinderlich waren, meinten etliche, man sollte in schattichten Lauberhütten die Zeit mit lieblicher Musik zubringen, aber dazu würden gar zu viel Unkosten erfordert. Wir folgten auch anfänglich diesem Schluß und kamen öfters in dem Grünen zusammen, weil unsere Schlösser nicht gar zu weit auseinander gestreuet waren; aber man fand endlich des Kopfes Unvermögen, weil durch solche Schwelgereien nicht allein die Kräfte geschwächet, sondern noch dazu viel nötige Hausgeschäfte verabsäumet wurden. Unterweilen brachten wir die Zeit mit Ritterspielen zu, aber es wollte auch nicht auslangen, weil den Pferden der Curs höchst schädlich war. Letztlich wurde der Ausspruch gemacht, die zeitliche Freude auf eine Zeit aus dem Herzen zu bannen, indem sich die meisten entschlossen, in die kühle und schattige Wälder zu gehen, auch in solchen zu versuchen, wie das einsiedlerische Leben schmeckte. Zu solchem Vornehmen brachte sie der fromme Friderich, von welchem zuvor gemeldet, daß er unter die Andächtigste im ganzen Land gezählet worden. Darum machte man sich zu guter Letze bei einer stattlichen Musik und hauptsächlichen Mahlzeit auf dem Schloß Herren Philippens zu Oberstein noch einmal rechtschaffen fröhlich, und nach solcher Zusammenkunft verteilte sich diese adelige Gesellschaft allenthalben in die umliegende Wälder. Ist also dieser kurze Vorbericht die erste Pforte, durch welche ich zu dem Hauptwerk schreite.

Ich will auch hiemit, was meine Beschreibung und diesen Fleiß betrifft, der löblichen Compagnie zu Ehren gar gern und willig verrichtet, aber sie sowohl als den geneigten Leser, dem dieses Buch in die Hand kommt, freundlich gebeten haben, alles mit einem reinen Gemüt aufzunehmen. Ich hab ein Korb voll Obst beisammen, und unter solchem ist gewiß ein oder andere faule Birn. Ich will sie aber gleichwohl keinem vorlegen. Will er sichs selbst zueignen, so ist der Fehler sein. Expressam sape imaginem nostram in alienis personis videmus: Wir sehen oft unser eigen Lob und Schand an andern Personen. Was ich aber geschrieben habe, ist niemandem zum Schimpf geschehen, habe auch zuweilen gar mit einem gelinden Faden genähet, da ich wohl einen großen Strick hätte brauchen sollen. Was ich durchaus discurriere, gebe ich vor keine allgemeine Lebensregeln aus, sondern nur vor gewisse Meinungen, die damalen unter uns vorgelaufen sind. Man muß doch in diesen betrübten Zeiten auch ein solches Buch haben, das zugleich fröhlich machet und unschädlich ist: denn eine schädliche Lust ist allerdings verboten, und solche Schriften, durch welche unschuldige Gemüter geärgert werden, gehören vielmehr ins Feuer als in die Hände der Menschen.

Es ist demnach alles mit einer gebührenden Bescheidenheit aufgezeichnet und so viel hierinnen angemerkt worden, als man von der Geschicht hat merken und behalten können. Und ob schon nach Inhalt des Texts auch zuweilen die Schüler haben concipieren müssen, habe ich doch solches Concept in meinen Stilum übergetragen, nit daß es besser wäre gewesen, sondern damit ich nicht zweierlei Essen in einer Schüssel auftrüge. Was sonsten diesem und jenem vor eine Untugend beigemessen worden, ist niemandem präjudicierlich, man weiß wohl, daß das Unkraut auch in den allerherrlichsten Gärten wachse und daß sich das Gold oft mit Kot und Unflat vermischen muß. Der Sonnenhimmel hat auch seine Finsternussen, und die allerhellsten Flüsse werden zuweilen trübe: also geht es auch unter den Menschen verwechselt her, wie dessen folgende Histori genügsames Zeugnus ist, die ich zwar mit keiner zierlichen Beredsamkeit ausgearbeitet, sondern sie also beschrieben habe, daß sie von allen kann verstanden werden.

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