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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III. Capitul. Friderich und Wolffgang kommen in unverhofftes Gefängnis, hören ober sich einen wunderseltsamen Discurs. Endlich hilft ihnen ein Bettler aus dem Traum.

Des andern Morgens, ob es gleich wegen annoch instehenden Wind- und Regenwetters etwas widrig war, hebten wir uns doch beizeiten aus dem Lager und verstunden von dem Torwärter, daß die vorige Person ein Diener mit einer blauen Liverey gewesen, der nebenst einer anderen Person, die er wegen Entfernung und ihrer Verdeckung nicht wohl zu Gesicht bringen können, nach dem richtigen Landwege gefraget hatten.

Mit diesem Bescheid ließ Herr Wilhelm ein gutes Frühstücke zubereiten, und als wir uns nach demselben bei dem Schloßgesind mit einem Trankgeld, bei Herrn Wilhelmen aber mit unseren gewöhnlichen Complimenten abgefunden, ritten wir unter großen Wachshüten und dergleichen Mänteln im tiefen Kot zum Schlosse aus.

Wir hatten wegen lang gepflogener Unterredung in der Kammer etwas zu wenig geschlafen, und weil wir über dieses bei dem Frühstücke zu tief in den Wermutwein gebissen, bekamen wir guten Appetit, auf den Pferden einzuschlummern und all sachte die Straße, welche nach unserm Bedünken nicht irren ließ, vor uns zu reiten, mit diesem Beding, daß einer um den andern beflissen sein sollte, damit wir den rechten Pfad nicht verlieren möchten.

Also verhülleten wir uns in die große Mäntel, daß uns einer von ferne viel ehe für große Braupfannen als Edelleute sollte angesehen haben, schliefen auch in so lieblichem Geräusche der angeschossenen Bächlein sanft ein und ließen die Pferde hingehen, wohin sie der Weg trug.

In dieser angenehmen und ruhigen Bewegung ritten wir aus hernachmaliger Erfahrung einen ziemlich weiten Weg und vergaßen beide der getanen Parola, daß einer um den andern sich wolle wachend auf der Straße finden lassen.

Es ist dannenhero unmöglich zu erzählen, wer oder was uns auf diesem schlafenden Ritt aufgestoßen sei, zumalen wir mit unsern Träumen und anderen Phantasien auf solcher Reise genugsam zu handeln hatten. Da wir aber erwachten, fanden wir uns beide mit Schrecken an Eisen und Fessel geschlossen. Friderich sah mich und ich sah ihn wieder an. Wir wollten den Schlaf aus den Augen wischen, aber die weit auseinandergeschlossenen Arme verhinderten, daß wir nicht allein dieses unterlassen, sondern noch darzu alle Hoffnung auf die Seite setzen mußten, einer dem andern behülfliche Hand zu leisten. Ich stund auf dieser, er auf jener Seite des Gewölbes, welches etwan von einem solchen Fensterlein wie seine Einsiedlerei erleuchtet worden. »Ich bin«, sprach er, »die Zeit meines Lebens nicht so bestürzet gewesen als anitzo, und ob ich auch alle meine Vernunft zusammen gebiete, weiß ich doch keinesweges, durch was für einen Zustand wir in solches Übel geraten.« Es ist gewiß, daß uns beiden diese Sache viel abenteuerlicher als der wunderbareste Traum vorgekommen, weil wir uns, so viel und mannigfaltig auch unsere Mutmaßung fiel, dennoch in keine Gewißheit zu finden noch viel weniger einen Entschluß fassen konnten.

Indem wir so mit tausend Grillen und Sorgen umfangen waren, erhörten wir ober uns zwei Personen miteinander auf und ab spazieren, und weil die Decke dieses Gewölbes nur mit schlechten Brettern bedecket war, verstunden wir durch solchen Boden alle Worte, die sie miteinander redeten. »Ach,« sagte eine Weibsperson, »was ist doch dieser Schloßherr für ein wackerer Edelmann, der sich meine Angelegenheit so trefflich lasset zu Herzen gehen. O Justin! nun bin ich schon so lange von der Gefahr sicher, bis sich das Wetter ändern wird. Seid vorsichtig und klug, damit Ihr Euch in Offenbarung meines Geschlechtes noch Namens nit verplumpet, und wo Ihr sehet, daß mir etwas übel anstehet, so unterrichtet mich dessen, denn ein Weibsbild in einem Mannskleide ist nicht gewohnet, die Natur wie ein Aff den Maler nachzupinseln. Ich habe zwar Ursach und bin zu einer solchen Verkleidung, wie Ihr wohl wisset, gezwungen worden, weil ich kein anderes Mittel erfinden können, der großen Nachstellung des Bösewichts zu entgehen. Endlich gehe ich noch ins Kloster und gebe dieser Landschaft samt allen meinen Gütern Valet.«

»Es ist wahr,« sagte hierauf eine andere Stimm, welche ohne allen Zweifel des Justins sein mußte, »mein allerschönstes Fräulein, daß der Besitzer dieses Schlosses ein recht höflicher und wohlqualificierter Cavalier sei. Er ist allem Ansehen nach klug genug, Euch mit einem guten Rat an die Hand zu gehen, aber dieses achte ich zum nötigsten, daß Ihr Euch vor ihm aufs wenigst so lang verborgen haltet, bis Ihr von Haus aus ein mehrers erfahret.« – »Ich soll«, sagte die vorige wieder, »diesen Menschen einmal, weiß aber nit, wo oder an welchem Ort, gesehen haben. Und es ist gut, daß wir hie in der Einsamkeit einen solchen Kopf angetroffen, dem wir uns mit unseren Angelegenheiten sicher vertrauen können, darum, wie ich zuvor gesaget, so lernet schweigen und hütet Euch, unvorsichtig meinen Namen zu offenbaren. Ich werde allezeit Fidius heißen, bis ich ein anders zu erfahren habe.« – »Ich will tun,« sagte der andere darauf, »was Ihr mir befehlet und meine Schuldigkeit heischet.«

»Ach,« sagte Friderich, »was müssen wir hören? Wir verhofften, durch die gehörte Rede aus unserem tiefen Zweifel zu gelangen, und fallen immer weiter hinein. Diese Personen, so allem Ansehen nach fremd sind und verdeckte Sachen spielen, heißen den Besitzer dieses Schlosses einen rechtschaffenen und bescheidenen Cavalier. Oh, daß wir einen solchen an diesem Ort auch Ursach zu loben hätten! Aber wir müssen uns vielmehr über eine solche Grausamkeit verwundern als betrüben, weil wir keine Ursache wissen, noch uns sonsten einer Schuld überführet befinden, die genug wäre, uns mit solchen Fesseln zu belegen.« Mit dergleichen Klagreden begegneten wir gegeneinander und waren über uns selbst zornig, daß wir durch den Schlaf in gefährliche Sicherheit und von dar in ein unverhofftes Elend gestürzet worden.

Mit dergleichen Reden brachten wir in diesem Gefängnis eine ziemliche Zeit zu, als wir ober uns nichts mehr weder gehen noch reden hörten, bis endlich jemand anfing, ein abscheuliches Gefiedel auf einer Geige anzustimmen. Bald darauf kam eine Leier, endlich gar eine Sackpfeife hinein, und spieleten lauter solche Lieder, die wir insgemein zu singen und zu musicieren pflegten. Bald lachte jemand, bald fing wieder ein anderer an zu heulen, bis endlich jemand wie eine Katze zu dem ausgeschnittenen Loche herunter knauzete. Nach diesem würfen sie gar brennende Bogen Papier herunter und schossen mit Pistolen durch das Loch, daß es rauchte. Endlich kam es gar an die Tür des Gewölbes, bald klopfte es, bald kratzte es mit den Nägeln, bald stieß es gar mit Füßen daran und eilete wieder in das obige Gemach, allwo durch das Loch bald Wasser, bald Bier, bald Wein heruntergegossen worden.

Unter diesem Tumult brachten zwei vermummte Knechte einen Bettler mit sich in ebendieses Gewölb, welcher Ach und Weh rufte. »Ach, ich armer Mann,« sagte er, sich wie ein Frosch zusammenkrümmend, »was habe ich getan? was habe ich gemacht? was habe ich angefangen? wie bin ich so voller Blindheit gestecket? wie habe ich mich so schrecklich verführen lassen?« Nachdem nun die Knechte, welche keine Antwort auf unsere Frage gaben, wieder hinweg waren, redeten wir diesem Bettler zu, warum er also lamentierte und aus was Ursachen er allhier ins Gefängnis geworfen worden; auch, wem das Schloß zustünde und wie dessen Besitzer hieße. »Ach, ach, ihr Herren,« sagte er, »ich bin ein Bettler, ein Bettler bin ich, ja ihr Herren. Ich habe meinen Calender, meinen Calender, ach, meinen Calender.« (Damit fing er an, sich bitterlich an den Fesseln zu bewegen und auf der bloßen Erde herumzuwälzen.) »Was hast du denn«, sagte Friderich, »mit deinem Calender vorgehabt?« – »Ich habe«, sprach der Bettler darauf, »den Hintern daran gewischet.« Damit fing er an zu lachen und gab sich zugleich zu erkennen, daß er der ehrliche Bruder Philipp und dieses sein Schloß wäre, auf welches wir gestern abend schlafend geritten gekommen.

Die Verwunderung und das häufige Gelächter, so wir wegen dieser schnellen Veränderung eingenommen, ist allerdings unbeschreiblich und groß gewesen. »Ihr kamet«, sprach Philipp weiter zu uns, »wie hölzerne Bilder auf euren Pferden, und unerachtet man euch bei den Haaren gezupfet und in die Seite gestoßen hat, ist doch unter beiden keiner er wachet, bis ich diesen Possen ersonnen und euch zur Strafe eures angesoffenen Rausches in diese Ketten geschlossen habe. Ihr habt euch über solches Verfahren auf keine Weise zu verwundern noch zu beklagen, sondern wenn ihr betrachtet, wie eine eiferige Sittsamkeit und mäßiges Leben ihr bei neulicher Zusammenkunft versprochen und wie schlecht ihr diese in dem Werke gehalten, so werdet ihr mein Beginnen für ein solches Werk auszurechnen haben, das euch von mir, als eurem guten Freunde, nicht zum Schimpf, sondern zur Buße ist angetan worden.«

Wir sagten darauf, daß er sich mit so umschweifigen Worten nicht Ursache zu entschuldigen hätte, weil uns sein aufrichtiges Gemüt ohnedem zur Genüge bekannt wäre. Jedennoch könnten wir mit gutem Gewissen beteuren, daß keiner einen Rausch, wie er meinet, gehabt hätte, ob wir schon bekennen müßten, daß wir wider unsere Gewohnheit in einen unermeßlichen Schlaf gefallen. Auf dieses erzählten wir ihm von Herrn Wilhelmen Abstorff, welchen er zum Teil kennete und seine absonderlich Conduit trefflich herausstrich, unerachtet er ihm sonst nicht ausführlich bekannt war. Er erfreuete sich zugleich, daß wir einen so wackeren Mann in unsere Gesellschaft geworben, und dannenhero besann er sich auf gute Gelegenheit, damit wir ehestens zusammenkommen und unsere Freundschaft aufs neue mit einer guten Ordnung durch gewisse Reguln aufbringen möchten. Nach diesem fragten wir ihn auch wegen derjenigen Leute, die wir ober uns hätten gehen und reden hören.

»Ich dachte,« sprach Friderich, »in einem ganz fremden Hause zu sein, denn die Stimmen dieser Schwätzenden waren mir ganz unbekannt, und mußte mich noch vielmehr verwundern, da sie den Besitzer des Schlosses, als nämlich den Herrn Brudern, so ausdermaßen wegen seiner Bescheidenheit lobten, welche wir doch, weil uns von demselben als Besitzer ein so unverhoffter Schimpf angetan worden, billig Ursach hatten, in einen Zweifel zu ziehen. Aber wer sind diejenigen, die allhie geredet haben, und von wannen sind sie gekommen?«

»Sie sind«, sprach Philipp, »zwei Mannspersonen. Der eine ein Junger vom Adel, der andere sein Laquay. Ihre Ankunft geschah kurz vor euch, und sie baten mich, daß sie sich auf eine Zeitlang in diesem Schlosse aufhalten und auscurieren möchten, weil der vom Adel große Krankheiten, derer er auf seiner Reise empfinden müssen, vorgegeben. Er spendierte gleich anfangs meiner Frauen zwei hauptsächliche Armbänder, mir aber verehrte er sein Pferd, das ich über hundert Reichstaler æstimiere. Eine solche Freigebigkeit lasset sich noch wohl mit einer schlechten Herberg vertauschen, sie mögen derohalben so lang, als es ihr Zustand erfordert, bei mir verbleiben. Mein schlechter Tisch, Zimmer und Bett stehen zu ihren Diensten, und beliebt es euch, gleich mit ihnen meiner Dienstgeflissenheit zu genießen, so wisset ihr, daß mein schlechtes Vermögen euer sei.« – »Nein,« sagte Friderich, »vor dieses Mal wird es nit sein können, denn nebenst der Notwendigkeit unserer vorgesetzten Reise hätten wir weder Armbänder noch schöne Pferde zu verehren«; dadurch er Herrn Philippen einen merklichen Stich gab, weil er auf solche Verehrungen jederzeit mehr als viel gehalten. »Du bist«, sagte Philipp darauf, »der alte Friderich und Leutescherer. Eure Affection und Liebe, die ich billig höher als ein Paar Armbänder oder auch ein Pferd vor hundert Reichstaler schätze, ist mir ein angenehmes, ja das allerangenehmste Kleinod und Edelgestein, weil man Gold und Silber häufig aus der Erden graben, aber eine wahre Aufrichtigkeit, mit der ihr mich jederzeit unterhalten, kaum in dem tausendsten Menschen finden kann. Ein Kleinod ist zwar zu loben, aber viel mehr eine ungefälschte Brust, weil ihre Kostbarkeit allen Wert des toten Erzes weit übersteiget.«

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