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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII. Capitul. Kurzweiliges Bauernduell auf dem Schloß Herrn Wilhelmens von Abstorff.

Darnach verließen wir aneinander, und nahm jeder seinen Abschied an seinen Ort, das vorige Hauswesen aufs neue wieder anzutreten, von welchem wir uns schon lange zum Teil in die Wälder, zum Teil an ander einsame Örter abgesondert hatten. Es wurde allgemach sehr warm, und die Sonne brannte heftig, als mich Herr Friderich ersuchte, ihm vor diesmal auf sein Gut Gesellschaft zu leisten, damit ich ihm daselbsten in Anrichtung seines neuen Hauswesens behülflich sein und sonsten mit allerhand Ratschlägen an die Hand gehen möchte, wie ein und anderer Hausvorteil, derer er in seiner Einsiedlerei bis daher ziemlich vergessen hatte, am füglichsten möchte unterhanden genommen werden. Absonderlich aber fragte er mich wegen seiner bevorstehenden Heirat um guten und getreuen Rat, weil er sich in diesem Werke nicht wohl trauete, auf seinen Kopf alleine zu bauen. Und als er mir auf der Reise nach seinem Schlößlein seine Meinung eröffnete, hielten wir allerlei Unterredungen, sein Interesse wegen dieser Sache betreffend. Er sagte, daß er seine Inclination auf ein Fräulein einer adeligen Wittibe geworfen, welche ihm auf einem Schlosse in dieser Revier, als er daselbsten betteln gewesen, überaus wohl gefallen und ihm also das Herz in einem Augenblick genommen hätte. »Sie ist«, sagte er, »eine überaus schöne Dam, dergleichen ich noch wenig, so weit und ferne ich auch in der Welt herumgereiset bin, unter Augen bekommen. Sie ist nicht stolz noch eingebildet, viel weniger eine Klatscherin, wie leider heutzutage allenthalben anzutreffen sind. Ihr Humor ist gar emsig und sittsam, und sooft ich auf das Schloß kam, welches nicht selten geschah, habe ich sie allezeit über gewissen Gebetbüchern gefunden, aus welchen sie ihre Ruhe gesuchet. Und damit mir dieser Vogel nicht vor der Zeit abgefangen, noch mir unversehens aus dem Netze getrieben werde, so ist es nötig, daß ich zeitlich zu dem Werk schreite, denn es heißet: tardi vettere bubulci, und wo ich die Gelegenheit versäumte, dürfte sie einem in die Arme geraten, an welchem sein Leben lang kein gutes Haar gewesen. Er ist der bekannte Barthel auf der Heide, dessen begangene Possen und Finanzen, weil sie weltkündig sind, dir nicht können verborgen sein. Er sucht viel mehr ihr Geld als ihre Affection, weil er sonsten kein Mittel im ganzen Land übrig weiß, sich seinen großen Schulden zu entreißen. Dieser Tag wäre zu kurz,« sagte Herr Friderich weiter, »dir alle Causen zu erzählen, vermittelst welcher er sie nach seiner Pfeife locken wollen, aber es ist gewiß, daß wir noch endlich in die Haare geraten dörften, weil zwei Hunde an einem Beine, nach dem bekannten Sprüchwort, nicht einig sein können, zumalen ich auch zum Überfluß weiß, daß er der Dam nur zum Verdruß und Widerwillen aufwartet.«

Diese Erzählung des Friderichs vermehrte ich mit meiner Unterredung, und weil ich sah, daß dieser Handel ohne Widerwillen der zweien Liebhaber nit ablaufen könnte, als riet ich ihm, daß er dem Barthel auf der Heide, dessen Unbescheidenheit allzu bekannt war, keine Ursache gebe, an ihn zu kommen, wäre es aber Sache, daß der Barthel, dessen er sonsten meisterlich gewohnt war, selbst anbeißen würde, so solle er sehen, wie er am füglichsten mit ihm auf eine Wiese oder hinter einen Eichenbusch käme, daselbst ihre Fuchteln miteinander zu messen und zu sehen, wie er ihm den besten Stoß in die Seite oder sonsten wo anbrächte.

In einem solchen Gespräche kamen wir vor ein adeliges Haus, welches mitten in einem fischreichen Teiche gehauen war. Es solle in demselben, wie wir auf der Straße berichtet worden, ein überaus Kurzweiliger vom Adel, und zwar ein Witwer, wohnen, der ehedessen im Felde einen Rittmeister agiert und dem Vaterland große Dienste erwiesen hatte. Ehe daß wir noch vor das Tor geritten, kamen etliche Bauren mit Windhunden gegangen, welchen er auf einem Lichtschimmel nachfolgete. Er hatte zwei Jäger bei sich und war vor diesmal auf der Hasenhatze gewesen, seine Zeit zu verkürzen und, wie er sagte, zugleich seine Küche zu spicken. Die Freundlichkeit, die uns dieser Edelmann auf der Straße erwiesen, ist nicht genugsam zu rühmen. Aber viel wunderlicher seine reale Gutwilligkeit, mit der er uns als Unbekannte in seinem Hause getractiert. Er brachte noch selbigen Abends einen Sackpfeifer, und weil er Bauernkerl in Turm sitzen hatte, die sich vergangener Tagen miteinander auf einer Hochzeit gezanket, konnte er sie mit keiner großen Execution ansehen, darum erdachte er ein Mittel, uns durch ihre Bestrafung zugleich eine Kurzweil zu verursachen.

Ließ sie demnach vor uns an den Tisch bringen, und sprach er zu ihnen: »Ihr müsset wissen, daß ihr neulich ziemlich über die Schnure gehauen und auf einer solchen Zusammenkunft Händel angefangen habet, die ihr wegen der Präsenz des Ehrwürdigen Herrn Pfaffens und seines Caplans billig hättet sollen unterwegen lassen. Nun aber sind gegenwärtige Herren Gerichtsverwalter und Schöpsen (hiemit wies er mit einem Reverenz auf uns beide) allhie versammelt, euch durch mich das Urteil, welches wegen eures Frevels auf der hohen Schul gesprochen worden, anzudeuten. So soll euch allen der Staupbesen gegeben werden, wenn nicht meine einlaufende Gnad das Beste bei der Sache getan hätte. Darum habe ich euch, als meinen Untertanen, das Urteil in etwas gelindert, und ist die ganze Sache dermalen dabei geblieben, daß ihr euch hier zu dreien Malen mit Fäusten Paar und Paar aneinander herumschmeißen und zu jedem Gange eine gute Viertelstund zubringen sollet.«

Mit diesem Anspruch waren die Bauernknechte trefflich zufrieden und fingen schon an, jeder sein rotes Wammes zu eröffnen, damit sie im Gefechte desto besser Atem schöpfen und einer dem andern stärkere Knübelfinger versetzen möchte. Wir mußten über die wunderliche Anstalt des kurzweiligen Besitzers viel mehr als über der Bauren ihren Mutwillen lachen, welchen sie absonderlich darinnen verspüren ließen, indem sie wie die Katzen einander in die Haare gefallen. Wir hatten zu tun, daß sie die Becher nicht von der Tafel hinunterstießen, sooft sie aber unserer Stellage zu nahe kamen, schmiß sie der Besitzer mit seinem spanischen Rohr wacker zwischen die Ohren, davon sie viel mehr als von ihren Ohrfeigen zu bluten angefangen.

Indem dieser Bauernscharmützel continuierte, mußte der Sackpfeifer und noch ein anderer Narr, der auf der Zither kratzte, Lärmen darzu aufspielen, und diese Lust pflegte dieser Edelmann nach Aussag seiner Leute so oft, als er ein dergleichen Pack ins Gefängnis kriegte. Es ist nicht zu beschreiben, wie unterschiedliche Gaukelpossen dieser vom Adel angefangen, uns dadurch einzige Ergötzung zu verursachen. Nebenst diesem Bauernscharmützel, darinnen ihrer etliche ziemliche Pumpusbirn davongetragen, ließ er auch etliche Kettenhund und Katzen aneinander in dem Zimmer herumbeißen, und es hat wenig gefehlet, daß ihm die Katzen nicht alle Fenster in der Stube ausgestoßen haben.

Dieselbige Nacht regnete es, wie man mit Schäffern gosse, und weil er uns in eine Kammer logiert, nächst welcher ein großes Waldgebüsche stund, ruheten wir unter dem sanften Gemurmel der Regentropfen und unter dem darzu spielenden Wind recht sanfte und stackten unter der Decke nichts als ein halbes Ohr hervor, dadurch dem lieblichen Resonanz desto besser zuzuhören. Des andern Morgens stunden wir etwas spät auf, denn weilen es wegen trüb überzogenen Himmels wie auch wegen der umstehenden dichten Bäume in der Kammer etwas finster und dunkel war, konnten wir uns nicht leichtlich in den Tag finden, zumalen die Schloßuhr zweimal aneinander bald zwölf, bald wieder eine andere Ziffer geschlagen. Weil wir aber aus dem starken Hin- und Widergehen des Schloßgesindes wohl abnehmen können, daß es nunmehr hohe Zeit wäre, sich aus dem Fedrigen herauszuheben, stunden wir endlich auf und waren gleich angekleidet, als der Schloßherr, mit Namen Wilhelmen von Abstorff, zu uns kam, aus Meinung, wir wären heimlich durchund ohne Abschied davongegangen.

»Ich habe mir«, sprach er, »weit ein anders eingebildet, als ich vor Augen sehe. Es ist mir öfters widerfahren, daß meine Herren Gäste in occulta qualitate davon gewischet sind, aus Furcht, sie möchten allzusehr von mir besoffen werden, aber ich habe demselbigen Gebrauch lange resigniert. Heute«, sagte er weiter, »stehet eine Fischerei in meinem Teiche vor, und so lange werde ich der Herren ihre Pferde verarrestieren, bis Sie mir solche mit Ihrer angenehmen Gesellschaft haben verrichten helfen.«

Wir bedankten uns seiner Höflichkeit, vorgebend, daß wir allgemach schon eine überflüssige Ehre und Gutwilligkeit genossen, deswegen wären wir fertig, unseren Weg, der sich noch auf ein ziemliches erstreckte, weiter zu suchen und die angenehme Gelegenheit zu erwarten, all seine ungemeine Affection mit gleichmäßigen oder andern Diensten zu erwidern. Er aber ließ uns nicht vom Hals, sondern verschwur sich hoch und teuer, vor vollzogener Fischerei keinen außer sein Gehege zu lassen. Deswegen resolvierten wir uns endlich, bis dahin zu verziehen und seiner angenehmen Freundschaft ferner zu genießen, weil wir ohnedem nichts Hauptsächliches durch eine solche Zeit zu versäumen hatten.

Hiermit ward er wohl zufrieden und führete uns gegen seinem Teich über eine große Wiese, allwo wir ein Schifflein bestiegen und den Fischern zusahen, wie sie ihre Netze hineinsenkten und wieder an sich zogen. »Hier«, sprach Herr Wilhelm von Abstorff, »genieße ich die größte Gemütsruhe unter der Sonnen. Wenn ich, so wie ich anjetzo tue, auf dem Wasser herumfahre, bin ich quitt und frei von allen Anläufen und andern Ungelegenheiten. Es kommt kein Bauer zu mir, der mich mit einer langen Klage gegen seinem Nachbar verdrießlich macht, so fraget mich nicht leichtlich einer um den Weg. Die Bettler klopfen an einem solchen Ort um kein Almosen an, und hat kein Mensch das Herz, mich allhier auf den Kampfplatz zu fordern. Die Herrschaft lasset mir hier zu keiner Kopfsteuer ansagen, so bitten mich auch meine Nachbarn auf dem Teiche nicht zu Gevatter noch einer Hochzeit. Darum sitze ich oftmals einen halben Tag in den allerangenehmsten Gedanken allhier auf dem Schifflein und fahre bald zu demselbigen Gesträuße hinunter und also dann wieder zu diesem Baumlein herauf, unterweilen fange ich mit meinem Grundangel die fettesten Karpfen, und wenn es anfängt Abend zu werden, eile ich heim und lasse mir das Gefangene mit Essig hübsch blau absieden oder auch eine gute Brühe mit Pfefferkuchen darüber zubereiten, und also genieße ich dieses Teiches viel mehr als sonst ein großer Herr seines herrlichen Palasts, in welchem es wenig Freude, aber stets viel zu flicken abgibt.«

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