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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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X. Capitul. Philipp erzählet seinen Zustand; fällt ins Wasser. Ein Jungfrau kommt zu seiner Klause. Wie es ihm mit dem Tabuletkrämer gegangen. Sein Schaffjung lobt unter allen die Dorothee.

»Ich habe«, sagte er, »keine große Speculationes gemacht, wie oder auf was Art ich mein Leben anfangen, fort- oder ausführen wollte. Dennoch ging es mir in dem Wald contrapunct hintereinander. Mein Häuslein stund auf einem abhängigen Felsen, unter welchem ein tiefer Bach hinrann. Diese Gelegenheit taugte mir zum guten Bau, denn ich klebte meine Bretter auf den Berg und machte das heimliche Gemach recta den Felsen auf das Wasser herunter, damit mir das unheilige Rauch werk keine große Ungelegenheit verursachen möchte.« – »Pfui,« sagten hierauf die Frauen,»Herr Philipp fanget allgemach an, die alte Glocke zu läuten.« »Was?« sprach er, »was vor eine alte Glocke? Ja, ihr lieben Kinder, ich glaube, es sei mich die Lust teuer genug angekommen, denn als ich einsmals in voller Postur auf diesem neuen Gebäude saß, kann es sein, daß es mit den Klammnägeln nicht gar zu feste ist versehen worden, fiel also samt dem ganzen Werk hinunter in den Fluß und hatte genug zu tun, daß ich nicht gar ersoffen bin, weil ich mich wegen der auf mich liegenden Bretter weder hier- noch dorthin habe wenden können. Endlich kam ich heraus und stund an dem Ufer wie ein nasser Hund, der den Prügel geholet. Was konnte ich machen? Ich stieg den Berg wieder hinan und trücknete mich daselbst, so gut ich konnte, an der Sonnen. Wegen des Ortes großer Einsamkeit scheuete ich mich nicht, meine Kutte vom bloßen Leibe abzuziehen und also ganz nackicht unter freiem Himmel zu sitzen, weil es zumalen trefflich warm und ein überaus angenehmer Tag war. Mein Gehäuse, so allgemach den Bach hinunterschwamm, kam mir von ferne nicht viel anders als eine Galliote vor, und ich mußte selbst darüber lachen, daß ich als Schiffpatron so unvorsichtig wäre von ihr heruntergeschossen worden. ›Schwimme hin,‹ sagte ich, ›du wackeres Orlochsschiff, ins große Weltmeer und grüße alle wackere Herings- und Stockfischsköpfe. Deinen Segel will ich anitzo an der Sonne trücken, und hernachmals will ich dir zu letzten Ehren unter demselben, nämlich meinem Rock, streichen lassen.‹ Damit breitete ich den Habit auf zweien Stangen auseinander und klopfte ihn mit einem kleinen Stäblein wacker aus, weil sich allgemach viel Läuse in demselben zu sammlen angefangen hatten.

Indem ich so am besten mit meiner Arbeit beschäftiget ward, ritt eine Weibsperson, so sich in dem Wald verirret hatte, den Hügel herauf, voll Seufzen und Weinen. Sie drückte ihre Augen in ein Schnupfsalvet, ich konnte mich aber nichtsdestoweniger vor ihr nicht so geschwinde verbergen, noch mich in meinen Rock verstecken, daß sie mich nicht mit Schrecken und Entsetzung erblicket hätte. Das Pferd fing an, heftig zu wiehren, ich aber kroch, soviel mir möglich, hinter meinen Habit und guckte, wie ich in dem Bettelsack Herrn Friderichs getan, nur mit dem Kopf hervor. Sie wollte sich, weiß nicht, aus Scham oder Furcht, augenblicklich zurückwenden, als ich sie anredete, wo sie hergekommen und was sie in dem Wald suchte. ›Ach,‹ sagte sie endlich, nach lang wiederholtem Fragen, ›ich suche hierinnen nichts als die rechte Straße, aus dem Wald zu gelangen.‹ Auf diese Antwort hieß ich sie so lange unter dem Berg halten, bis ich mich würde angezogen haben, und als solches geschehen, ging ich mit ihr nicht allein den Wald, sondern noch ein langes Feldweges hinaus, allwo ich sie auf eine Straße geleitet, die gegen mein Schloß ging. ›Auf diesem Weg‹, sagte ich zu ihr, ›werdet Ihr auf das Schloß Oberstein kommen, welches zwei hohe Türmer hat. Die Dächer sind mit grünen Ziegeln gedeckt, und so Ihr allda anlanget, so saget, daß Ihr bei dem Einsiedel Philippus gewesen, welcher Euch dahin beschieden und zugleich dem Torwärter befohlen hätte, Euch nach dem Ort hinzuweisen, dahin Euch Euer Verlangen träget.‹

Ihr dörft nicht zweifeln, daß ich von diesem überaus schönen Fräulein alles ausgefragt habe, wie sie in den Wald gekommen und was die Ursach ihrer Einsamkeit wäre, aber sie wollte durchaus mit keiner Erklärung an den Tag, sondern gab vielmehr vor, daß einem Einsiedler an einer solchen Erzählung, wie sie tun müßte, weniger als nichts gelegen wäre, und strafte also gleichsam meinen Vorwitz, solche Sachen zu erforschen, daraus mir kein Nutzen entspringen konnte. Nichtsdestoweniger merkte ich aus allen Umständen so viel, daß sie aus einem vornehmen Haus müßte entsprossen und geboren sein, weil sie solches aus allen ihren Gebärden merklich spüren ließ. Ich habe nach diesem, und zwar erst vor acht Tagen, nach meiner Heimkunft zu Oberstein von dem Torwärter erfahren, daß sie mit vier Dienern in blauer Liverey, welche ihr auf der Straße nachgesetzet, den andern Tag nach ihrer Ankunft wäre eingeholet und wieder zurücke geführet worden. Die Ursach aber und die eigentliche Geschieht hätte er so wenig als ich erfahren können, ohne daß ihm die Jungfer einen feinen Ducaten zu seinem Trankgelde zurückgelassen.

Sonsten verbrachte ich die Zeit, über welche ihr so sehr geklagt, daß sie euch so langweilig gewesen, meist mit Vogelfangen zu. Wenn ich nachtszeit den Kuckuck oder die Nachteulen jauchzen hörte, so jauchzete ich auch in meiner Zelle, daß es taugte. In summa, wie die Vögel pfiffen, so pfiff ich auch, wie sie schrien, so schrie ich hinwider und hatte noch wohl das Herz, ihnen mit meiner Flinte den Stimmstock umzuwerfen. Ihr saget viel von eurem harten Lager und Fasttagen. Aber ich weiß keine große Meldung davon zu tun, weil ich von meinem Schlosse das Beste zu fressen und trinken bekommen. So hatte ich auch mein bestes Bette in dem Wald, konnte also meine Zeit gar vergnüglich passieren und stund oft erst auf, wenn die Sonne schon halben Lauf vollendet hatte.

Also vertrieb ich die Zeit. Morgens verrichtete ich eine Viertelstunde meine Preces. Darnach ging ich in den Wald mit meinem Blasrohr oder auch wohl mit dem Pallester, den Vögeln nach. Unterweilen schoß ich auch einen Hasen, zog also wunderlich in dem Wald herum, daß billig einer über meinen Aufzug hätte lachen sollen. Denn ich war wie ein Tartar, der seinen großen Bogen auf dem Rücken hängen hat. Nebenst diesem hatte ich auf der anderen Seite in einem gestrickten Säcklein die Leimkugeln. Auf der anderen Seite hing mir meine Flinte an einem ledernen Riemen, und in der Hand trug ich das Blasrohr, und also könnet ihr euch meine damalige Gestalt genugsam aus meiner Erzählung vorbilden, wie einen wunderlichen Aufzug ich gehabt müsse haben. Zuweilen hatte ich anstatt der Pfaffenmütze meinen grünen Jägerhut auf, und also strich ich so lang herum, bis mir mein Schaffung das Essen in einem großen Korb gebracht.

Einsmals kam ein Tabulet-Krämer in den Wald, und als er mich erblicket, eilete er dergestalten wieder zurück, daß er, weil ihm sein Kram zu schwer werden wollte, solchen von dem Halse wurf, damit er desto ungehinderter mich, als welchen er für einen Waldgeist gehalten, fliehen möchte. Ich habe ihn mit Gewalt wieder auf den Rückweg bereden müssen, und ob er gleich endlich seinen Kram wieder an den Hals gehangen, konnte er doch die Meinung nicht gar verschwinden lassen, die er wegen meiner gefaßt hatte, denn er eilete, was er mochte, von mir hinweg und sah sich öfter denn zwanzigmal zurück. Letztlich schoß ich ihm, als einem verzagten Hasen, noch etliche Kugeln aufsein ledern Wammes, darüber er zu heulen angefangen wie ein alter Wolf.

Mit dieser Lust ging ich nach Haus in meine Zelle, daselbst meine gebratene Hühner, Artischocken, gesottene Hechte, Forellen und sonsten ein gut gebacken Stück Essen zu verzehren. Und ob ich euchs gleich nicht sagte, so würdet ihr mirs doch ohne allen Zweifel genugsam an dem Schnabel anmerken, wie fleißig ich mein Gläslein Wein und einen guten Suff Bier zu mir genommen habe. Nur die einzige lausige Kutte machte mir die größte Überlast, bis ich endlich resolvierte, ein gut Hemd darunter anzuziehen; aber mein Weib, welches gar zu eine eiferige Madam war, schlug mirs in allen Gnaden ab und ließ mir davor vermelden, daß ich für diejenigen Schläge, die ich ihr dort und dar aus Mutwillen und ohne Ursach gegeben, fein sauber büßen und mich zur Pönitenz von den Läusen solle kitzeln und stechen lassen.« Über dieses wurde eine gute Weile unter uns gelachet, bis er weiter in seiner Erzählung, und zwar also, fortfuhr: »Wenn ich mich nun in meiner Zelle genugsam gefüttert hatte, mußte mir der Schaffjung indessen erzählen, wie es auf dem Schlosse stünde und was das Gesind Guts machte, aber der Schelm lobte niemand mehr als die Viehmagd, wie fleißig sie ihrem officio bubulco abwartete und wie früh sie aufstünde, das Vieh zu füttern, daraus ich beiläufig wohl abnehmen konnte, wie verliebt der Schelm in die Dorothee sein müßte, wie ich denn bald darauf erfahren, daß sie der Mauskopf unrechtmäßigerweise beschlafen und also dem großen Lob der Viehmagd ein ziemliches Loch gemacht hatte. Wenn nun der Schaffjung mit seinem leeren Korb und Geschirr wieder zurückging, satzte ich mich, zu schreiben mein Buch, welches noch das beste Stück ist, so ich zeit meiner Einsiedlerei getan und verrichtet habe. Denn vielleicht findet sich einer darüber, der eine gute Frucht daraus ziehet. Und ob ich gleich große Streiche mit meinem Leben in dem Walde hätte tun wollen, so wars mir doch unmöglich, meinen Humor in einen andern Model zu gießen. Jedennoch wurde ich um ein merkliches gebessert, und die Frucht, so ich aus meiner Einsamkeit mit mir trage, ist nicht gänzlich zu verwerfen. Ich weiß am besten, ihr Herren, wo mich der Schuch drücket. Rechtschaffen gelebet, seinem Nächsten Guts getan und sein Gewissen vor wissentlichen Sünden rein behalten, darinnen stehet die wahre Vollkommenheit. Ein Gläslein Wein mit einem guten Freund auszupoculieren, ist keine Sünde, wenn man nur der Sachen, wie wir sonsten pflegten, nicht gar zu viel tut. Ich habe einen Geist, den der Tausendste nicht hat, und wie ich gesinnet bin, das wisset ihr am besten, die ihr die meiste Zeit eures Lebens um mich gewesen seid.

Nun wird es Zeit sein, daß du«, sprach er zu mir, »und hernach auch das Frauenzimmer ihre Relation ablegen, alsdann wollen wir anrichten lassen und unsere Zeit mit anderen Sachen vertreiben.«

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