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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX. Capitul. Gottfrid erzählet seine Eremiterey, sein Bruder Christoph tut Meldung von seiner großen Langweil; macht eine Landkarte in dem Wald. Mit was Dietrich seine Zeit passiert. Sempronio stellet vor, wie es ihm indessen gegangen.

Die Ordnung, welche uns zur ferneren Erzählung verbunden, traf bald diesen, bald jenen. Aber weil keiner unter uns allen eine solche Rede wie Herr Friderich tun konnte, als hatten die übrige drei Schüler wenig zu notieren, was etwan einem oder dem andern in seiner Einsiedlerei möchte begegnet sein. Nichtsdestoweniger fing Gottfrid an und erzählte, wie wunderlich ihm seine Pfafferei angestanden. »Ich bin«, sagte er, »all mein Leben lang nit so melancholisch als in dem Wald gewesen.

Nun kann ich mir sattsam einbilden, wie es dem ehrlichen Bruder Friderich gegangen, als er in der Wildnis ganz alleine gesessen und seine Zeit ohne allen Zweifel in Sorgen und Furchten hingebracht hat. Meine größte Ergetzlichkeit war, daß ich in dem vorbeistreichenden Bächlein zuweilen mit dem Angel, zuweilen mit einem kleinen Netzlein die Forellen herausfischte, welche ich mir doch hernachmals weder sieden noch braten konnte, taugten mir also die Fische vielmehr zur Verkürzung der verdrießlichen Stunden als zur Sättigung meines hungrigen Magens. Das Essen, so mir von meinem Schloß gebracht wurde, war meistenteils kalt, also genoß ich kaum halben Teil, das übrige wurf ich in das Bächlein, worinnen sich die allerherrlichsten Fische, dasselbe zu verzehren, zusammensammleten.

Dieses war also mein erstes Mittel, die Zeit zu vertreiben, das andere suchte ich in Durchlesung der alten Legenden, in welchem Buch von unterschiedlichen Heiligen und frommen Eremiten gehandelt wird, wie fleißig und emsig sie in abgelegenen Wäldern ihrer Andacht abgewartet haben. Dieses trieb ich fast täglich, und wenn ich morgens ein Capitul daraus las, so dachte ich den folgenden Tag reiflich nach, wie ich auch ein dergleichen Leben anstellen und vollbringen könnte. Aber es fehlete an meinem Willen und Vermögen um ein merkliches, darum ließ ich die Hoffnung ziemlich sinken, eine solche Vollkommenheit zu erlangen. Insonderheit wenn ich an meine alte Schelmenstücke zurück gedachte, die ich da und dorten und absonderlich in meiner Jugend begangen hatte. Nichtsdestominder habe ich doch das Buch nicht ein-, sondern etlichmal durchlesen, also daß ich von einer jeden Histori wollte Rede und Antwort geben. Ich mußte mich billig verwundern, daß ihrer etliche die Welt dergestalten gehasset, daß sie einen großen Ekel an allen zeitlichen Gütern getragen, sich in die Wildnis begeben und darinnen ihr Leben in höchster Dürftigkeit zugebracht haben. Durch das Exempel solcher Leute wurde ich in mir selbsten aufgemuntert, einzige Gewalt auszustehen, aber ich war zu allem Vornehmen zu schwach und nachlässig, weil ich einer so scharfen Disciplin ganz ungewohnet gewesen. Meinesteils halte ich vor gewiß, daß derjenige, so ein hartes und strenges Leben zu führen willens ist, zu demselben von Jugend auf durch fleißige Übung müsse tauglich gemachet werden. Denn zu einem solchen Leben gehören harte Knochen, und wer der guten Bißlein gewohnt ist, ist nicht leichtlich zu Haberstroh zu gewöhnen. So wollte mir auch das Wasser auf den Wein durchaus nicht schmecken, und in summa, ich bin in der Einsiedlerei nichts wenigers als ein Einsiedler gewesen, weil ich stets zurück in die Welt gewünschet und nach meinem vorigen Zustand unabläßlich geseufzet habe. Dieses sei also das Final von meiner Erzählung, weil euch die anderen Zustände, die einem einsamen Menschen begegnen, als erfahrnen Meistern ohnedem zur Genüge bekannt sind; überlasse also die Zeit einem andern, damit er sich derselben in seiner geschicktern Erzählung gebrauchen kann.«

Nach diesem wurde wieder mit den Würfeln geworfen, durch welchen Wurf sein Bruder Christoph zur Erzählung kam, welcher, gleichwie er, mit wenigen Umständen seinen Zustand entworfen. »Ich will«, sagte er, »gar mit einem geringen Pinsel dasjenige abmalen, was mir zeit meiner Einsamkeit in dem Walde begegnet. Es ist mir mancher Tag länger denn sonsten ein Monat vorgekommen, und wäre mir ohne allen Zweifel unmöglich gewesen, nur vierzehen Tage in einem solchen Wandel auszudauren, wenn ich nicht von Jugend auf mit dem Waidwesen hätte umspringen und also die Zeit noch ziemlich in dem Forst hätte passieren können. Nebenst den Schleifen, in denen ich Hasen und Hühner zur Genüge gefangen, stallte ich auch den Wölfen und Füchsen. Den Tag brachte ich oberzähltermaßen mit dem Waidwesen, die Nacht aber mit Ausmessung dieser Provinz und Landschaft zu, welche ich auch, als ich euch hier weisen werde, nach seinem ordentlichen Zirkul ausgeteilet und auf das Papier gebracht habe. Das übrige, was ich sonsten getan, habet ihr aus dem unter uns aufgezeichneten Diario oder Tagebuch genugsam zu sehen. Wenn ich die Langweil betrachte, derer ein einsamer Mensch, der ohnedem nicht gerne Grillen fanget, unterworfen sein muß, so ist sie eine unbeschreibliche Pein, nicht allein dem Geist, sondern auch dem Leib, wie ich denn, ob ich gleich des Waldes von Natur gewohnet war, dennoch am ganzen Leib verfallen und vom Fleische gekommen bin.«

Nach dieser Erzählung wurde wieder geworfen, und traf die Ordnung den Herren Dietrich, welcher mit einem großen Seufzer seine Worte hervorfoderte. »O meine Zunge,« sagte er, »du bist zu wenig, all das Ungemach auszusprechen, darinnen du und ich bis dahero gestecket haben. Zwar meine vielfältig begangene Bosheit hatte eine solche Büß höchst vonnötcn, ohne welcher ich sonsten vielleicht in eine größere Seelengefahr gekommen wäre. Ihr wisset und ist euch insgesamt bekannt, wie bitter die Wurzeln zu genießen sind, und weil ich aus großem Verlangen, den alten Eremiten gleich zu werden, mich, gleichwie sie getan, unterstund, dieselben aus der Erde zu graben, ist es fast nit zu glauben, wie schrecklichen Schmerzen ich in meinem Magen darüber empfunden habe. Ich ward anfangs so betrübt in meinem Herzen, daß ich oftermals in die halbe Nacht weinete. Dazumal gedachte ich zurück an unsere gepflogene Fröhlichkeiten und verwunderte mich, wie sich der Mensch selbst so gram werden und sich so gar ausdermaßen übel halten könnte. ›O Dietrich,‹ sagte ich zu mir Selbsten, ›nur fort mit dieser Lebensart, fahre fort, fahre fort.‹ Aber dieser Antrieb machte mir zugleich einen Ekel, welchen ich ob den Sachen trug, die ich mir zu tun doch gänzlich vorgesetzt hatte. Endlich fing ich an, meine Zeit mit Bücherschreiben hinzubringen. Ich nahm mir vor, die alten Rittergeschichten zu beschreiben, und weil ich in solchen trefflich belesen, konnte ichs gar wohl in das Werk richten. Zuweilen brachte ich in Erweiterung meiner Zellen zu, welche ziemlich durchlöchert war. Unterweilen geigte ich auf meiner Violin, daß es in dem Wald schaltete, und konnte mich trefflich an dem Echo ergetzen, welches von einem unweit entlegenen Felsen zurückfiel. Die Lieder, so ich abends bei meinem Öllicht aufgesetzet, sang ich meistenteils des Morgens zum Fenster aus, und alsdann ging ich meinen Weg da-, den andern dorthin spazieren, wie ich denn nach Ausweisung des Tagbuches in unterschiedliche Dörfer gekommen, in welchen ich von meinen eigenen Untertanen ganz unkenntlich Brot und Eier gesammlet habe. Meinesteils achtete ichs zwar nicht gar groß, ob ich auch gleich hinfüro all mein Lebenstage in der Wildnis zubringen sollte, denn ich habe es wider Verhoffen schon in etwas gewohnet, weil ich dieses Leben am Anfang mit aller Gewalt angefangen und meinen Willen durchaus gebrochen habe. Die Gewohnheit, ob man sie wohl vor unüberwindlich schätzet, kann doch wieder mit der Gewohnheit überwältiget werden. Consuetudo consuetudine vincitur, aber es muß ein starkes Leder sein, aus welchem man der verderbten Natur einen Zaum machen will. Dieses sei also meine Relation aus der Wüsten, die ich zwar viel länger hinausführen könnte, wenn eurer nicht so viel vorhanden wären, die ich auch gerne hören wollte. Bitte demnach, was meine ungeschickte Zunge versehen, dasselbe mit einem günstigen Auge zu übersehen, weil ich keinesweges zweifle, daß dieser Fehler durch die Wohlberedsamkeit meines Nachfolgers gänzlich wird erwidert und ersetzet werden.«

»Du machest ein schreckliches Compliment«, sprach Philipp, und nachdem er mit mir und Sempronio geworfen hatte, traf diesen letzten die Ordnung, welcher, als ein fein studierter und höflicher Mensch, mit wenigem darstellte, wie es ihm seit unseres letztern Abscheidens aus dem Bauerndorf, darinnen er Hochzeit gemacht hätte, gegangen war. »Ob ich schon«, fing er an, »mit euch kein gleiches Leben geführet, so lege ich nichtsdestoweniger eine gleiche Erzählung ab. Euer Leben ist verstandenermaßen meistenteils langweilig und meines ist nicht gar lustig gewesen. Statt eurer Langweil hatte ich meine sonderliche Haussorgen und andere Widerwärtigkeiten, die sich nicht sowohl erzählen als beherzigen lassen. Ihr sehet, daß ich annoch in der Trauer gehe, darum habt ihr genugsam zu betrachten, wie heftig mich das Absterben meines ersten Söhnleins gequälet hat. Diese Betrübnis hat eure einsiedlerische Grillen weit übertroffen, und ich bin dadurch in mir und meinem Herzen vielleicht viel mehr als ihr in euren rauhen Kleidern gedemütiget worden. Die widerwärtige Streitsachen mit meinen Processen machten mir mehr Sorgen, als euch die Einsamkeit verursachen können. Es wäre mir besser gewesen, ich hätte gefastet, als daß ich, von dem und jenem Zustand übereilet, mit Zorn und Widerwillen mein Bißlein Brot genossen. Ihr könnt unmöglich solchen Kummer ausgestanden haben als ich, da mir mein Meierhof samt allem Vieh und enthaltenem Getreide im Feuer und lichter Lohe aufgegangen. Gelt, ihr Herren, ich bin ein anderer Kreuzbruder als ihr? Ob ich schon ein sammetes Röcklein und eine Taffethosen am Leib getragen, ihr hingegen mit härinen Kleidern überzogen wäret, so peinigte mich doch dieses alles noch mehr in dem Gemüt, als euch die harte und zum Teil härine Stricke gepeiniget haben. Ihr dörft keinesweges glauben, daß ich dazumal froh gewesen bin, als mir das hochgewachsene Wasser all meine Heuschober auf den Wiesen davonführte. Viel weniger habe ich gelachet, als mir der große Wetterschaden achtzehn Hufen Landes in Grund und Boden verderbet und niedergeschlagen hat. Ein fleißiger Hausmann, wie ihr wohl wisset, hat auch seine Pein und vielleicht eine viel größere als mancher Mönch in seinem Kloster, dem sein Essen täglich vorgesetzet wird. Wer um sein Stücklein Brot sorgen muß, hat keine geringe Lection zu studieren, darum bin ich erfreuet, daß Herr Bruder Friderich in dieser Erkenntnis so weit kommen, seine Einsamkeit dermalen zu verlassen und ein fleißiger Hauswirt zu werden. Mit diesem will ich zwar meine Rede, nicht aber die große Dienstfertigkeit schließen, mit welcher ich jedem insonderheit zugetan bin.«

Man griff nach diesem abermal zu den Würfeln, und die Ordnung betraf meinen Vater Alexander, welcher, weil sein Zustand ohnedem genugsam bekannt war, vor dieses Mal mit seiner Erzählung bis zu einem anderen Discurs verschonet blieb. Darumen mußte der Sequens, als Herr Philipp, an die Reihe, welcher sein Leben mit so lächerlichen Umständen entworfen, daß einer nach seiner Art mit Lust hätte bei ihm wohnen und ein guter Eremit sein können.

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