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Die künstlichen Paradiese

Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese - Kapitel 7
Quellenangabe
typeessay
titleDie künstlichen Paradiese
authorCharles Baudelaire
translatorHeinrich Steinitzer
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
year1925
senderreuters@abc.de
created20040730
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Der Wein

Vom Wein als Mittel, die Individualität zu steigernDiese Arbeit erschien zuerst unter dem Titel: Vom Wein und vom Haschisch als Mittel usw. Der den Haschisch behandelnde Teil dieser Arbeit ist der erste Entwurf zu dem vorstehenden Aufsatz: Das Gedicht vom Haschisch. Da sie eine fast wörtliche Wiederholung dieser Arbeit ist, wurde darauf verzichtet, sie diesem Bande abermals beizufügen, und nur der den Wein behandelnde Teil des Essays übersetzt. (Anm. d. Herausg.)

I

Ein sehr berühmter Mann, der zu gleicher Zeit ein grosser Dummkopf war, zwei Dinge, die durchaus zueinander zu passen scheinen, wie ich es zu beweisen mehr als einmal das zweifelsohne sehr schmerzliche Vergnügen haben werde, wagte es, in einem Buch über die Gastronomie, unter besonderer Berücksichtigung der Hygiene und des Vergnügens, das Folgende im Artikel ›Wein‹ zu schreiben: »Der Stammvater Noah soll der Erfinder des Weines sein; es ist eine aus den Früchten der Rebe gewonnene Flüssigkeit.«

Und weiter? Nichts weiter. Das ist alles. Du kannst den Band nach allen Richtungen durchblättern, ihn nach allen Seiten wenden, ihn von hinten, über Kreuz, von rechts nach links und von links nach rechts lesen, du wirst kein weiteres Wort über den Wein in der Physiologie des Geschmacks des sehr berühmten und sehr geachteten Brillat-Savarin finden: »Der Urvater Noah ...« und »ist eine Flüssigkeit ...«

Ich will annehmen, dass ein Bewohner des Mondes oder irgendeines fernen Planeten auf unserer Welt reist, und müde von langen Märschen daran denkt, den Gaumen zu erquicken und den Magen zu erwärmen. Er will sich mit den Vergnügungen und den Sitten unserer Erde vertraut machen. Er hat irgendwo von köstlichen Flüssigkeiten sprechen gehört, mit denen die Bewohner der Erdkugel sich Lust, Mut und Heiterkeit verschaffen. Um sicher zu wählen, schlägt der Mondbewohner das Geschmacksorakel des berühmten und unfehlbaren Brillat-Savarin auf und findet im Artikel Wein diese kostbare Aufklärung: »Der Urvater Noah ...« und »diese Flüssigkeit besteht ...« Das ist völlig verdaulich. Das erschöpft die Sache gründlich, und wenn man diesen Satz gelesen hat, muss man unbedingt einen richtigen und klaren Eindruck von allen Weinen, ihren verschiedenen Eigenschaften, ihren Unzuträglichkeiten und ihrer Macht auf Magen und auf das Gehirn haben.

Ach, lieben Freunde, lest nicht Brillat-Savarin! »Gott beschütze die, die er liebt, vor überflüssiger Lektüre«; dies ist der erste Merksatz eines kleinen Buches von Lavater, eines Philosophen, der die Menschen mehr als alle alten und modernen Lehrer der Welt geliebt hat. Man hat keinen Kuchen nach Lavater getauft; aber die Erinnerung an diesen englischen Menschen wird unter den Christen noch leben, wenn die braven Bürger selbst den ›Brillat-Savarin‹ vergessen haben werden, ein törichtes Gebäck, dessen geringster Fehler es ist, zum Vorwand für ein Herunterleiern albern pedantischer Maximen aus dem berühmten Meisterwerk zu dienen.

Wenn eine neue Ausgabe dieses falschen Meisterwerkes den Verstand der modernen Menschlichkeit zu beleidigen wagt, dann, ihr traurigen Trinker, ihr fröhlichen Trinker, ihr, die ihr im Wein Erinnerung oder Vergessen sucht, und doch beides nie ganz vollkommen nach euren Wünschen findet, und darum den Himmel nur noch durch den Flaschenhintern betrachtet, vergessene und verkannte Trinker, werdet ihr dann ein Exemplar kaufen und Böses mit Gutem, Wohltat mit Gleichgültigkeit vergelten?

Ich öffne die Kreisleriana des göttlichen Hoffmann und finde dort ein merkwürdiges Rezept. Der pflichtbewusste Musiker muss Champagner trinken, um eine komische Oper zu komponieren. Er wird in ihm die sprudelnde und leichte Heiterkeit finden, die diese Art erfordert. Religiöse Musik braucht Rheinwein oder Jurancon; darin liegt wie auf dem Grund tiefer Gedanken eine berauschende Bitterkeit. Aber heroische Musik braucht unbedingt Burgunder: in ihm liegt Begeisterung und patriotischer Schwung. Das ist schon besser und, abgesehen von der Leidenschaft des Trinkers, finde ich darin eine Unparteilichkeit, die einem Deutschen grösste Ehre macht.

Hoffmann hatte ein merkwürdiges psychologisches Barometer erfunden, das dazu bestimmt war, ihm die verschiedenen Temperaturen und atmosphärischen Phänomene seiner Seele anzuzeigen; man findet solcherlei Einteilungen: Leicht ironischer, durch Nachsicht ausgeglichener Geist; Geist der Einsamkeit und vollkommener Selbstzufriedenheit; musikalische Heiterkeit, musikalischer Enthusiasmus, musikalischer Sturm, mir selbst unerträgliche sarkastische Heiterkeit, Wunsch, aus mir herauszutreten, äusserste Objektivität, Vermischung meines Wesens mit der Natur. Natürlich war das moralische Barometer Hoffmanns wie die wirklichen Barometer entsprechend der Entstehungsreihenfolge eingeteilt. Mir scheint, dass zwischen diesem psychischen Barometer und der Erklärung der musikalischen Eigenschaften der Weine eine auf der Hand liegende Ähnlichkeit besteht. Hoffmann begann in dem Augenblick Geld zu verdienen, da der Tod ihn holte. Das Glück lächelte ihm. Wie bei unserem lieben und grossen Balzac sah er in seinen letzten Tagen nun das Nordlicht seiner alten Sehnsucht aufflammen. In jener Zeit pflegten die Verleger, die sich um seine Erzählungen für ihre Almanache stritten, um ihn guter Laune zu machen, ihrer Geldsendung eine Kiste französischen Weines hinzuzufügen.

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