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Die künstlichen Paradiese

Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese - Kapitel 6
Quellenangabe
typeessay
titleDie künstlichen Paradiese
authorCharles Baudelaire
translatorHeinrich Steinitzer
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
year1925
senderreuters@abc.de
created20040730
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V

Moral

Aber der andere Morgen! Der schreckliche andere Morgen, Erschlaffung und Ermüdung aller Organe, die Entspannung der Nerven, die brennende Lust zu weinen, die Unmöglichkeit bei einer Arbeit auszuharren, belehren dich grausam, dass du ein verbotenes Spiel gespielt hast. Die hässliche Natur, ihres gestrigen Glanzes beraubt, gleicht den traurigen Überresten eines Festes. Der Wille vornehmlich, dieses köstlichste aller Güter, ist angegriffen. Man behauptet, und es mag stimmen, dass der Haschisch keine körperlichen Schäden, zumindest keine grossen, verursacht, aber will man behaupten, dass ein zu jeder Tat unfähiger Mensch, der nur noch träumen kann, sich wirklich wohlbefindet, auch wenn seine Glieder gesund sind? Wir kennen im übrigen die menschliche Natur zur Genüge um zu wissen, dass ein Mensch, der sich durch einen Löffel Konfekt alsbald alle Wohltaten des Himmels und der Erde verschaffen kann, durch die Arbeit nicht den tausendsten Teil erreichen würde. Man stelle sich eine Stadt vor, deren sämtliche Bürger sich am Haschisch berauschten. Was für Bürger! Was für Soldaten! Was für Gesetzgeber! Selbst im Orient, wo sein Gebrauch so verbreitet ist, gibt es Regierungen, die die Notwendigkeit einsehen, ihn zu verbieten. Und in der Tat ist es den Menschen bei Strafe des Verfalls und des geistigen Todes verboten, die Grundbedingungen seiner Existenz zu stören und das Gleichgewicht seiner Fähigkeiten mit der Umgebung zu stören, in der er sich zu bewegen bestimmt ist – in einem Wort, sein Schicksal zu ändern, um es durch ein neues Fatum zu ersetzen. Erinnern wir uns Melmoths als wunderbaren Beispiels. Seine entsetzliche Qual liegt in dem Missverhältnis zwischen seinen wunderbaren Fähigkeiten, die er im Augenblick durch einen Pakt mit dem Teufel erwarb, und der Umgebung, in der er als Geschöpf Gottes zu leben gezwungen ist. Und keiner von denen, die er verführen will, willigte ein, ihm zu denselben Bedingungen sein furchtbares Privilegium abzukaufen. Wahrhaftig, jeder Mensch, der die Bedingungen des Lebens nicht annimmt, verkauft seine Seele. Es ist leicht, die Beziehungen zwischen den teuflischen Erfindungen der Dichter und den lebendigen Kreaturen, die Reizmitteln verfallen sind, herzustellen. Der Mensch wollte gut sein und bald fiel er infolge eines unbestimmbaren Moralgesetzes tief unter seine wahrhafte Natur. Eine Seele, die sich im Detail verkauft.

Balzac glaubte wohl, dass es für den Menschen keine grössere Schande noch grösseres Leid gäbe, als auf die Willenskraft zu verzichten. Ich traf ihn einmal in einer Gesellschaft, in der man über die wunderbaren Wirkungen des Haschisch sprach. Er hörte und fragte mit belustigender Aufmerksamkeit und Lebhaftigkeit. Die Leute, die ihn kennen, erraten, dass er interessiert sein musste. Aber die Idee, entgegen seinem Willen zu denken, stiess ihn heftig ab. Man bot ihm Dawamesk an; er betrachtete es, roch daran und gab es zurück, ohne es zu berühren. Der Kampf zwischen seiner fast kindischen Neugier und seinem Widerwillen gegen den Willensverzicht verriet sich in seinem ausdrucksvollen Gesicht in erstaunlicher Weise. Die Liebe zur Würde siegte, und in der Tat wäre es schwer, sich von diesem Theoretiker des Willens, diesem geistigen Zwillingsbruder Louis Lamberts vorzustellen, dass er einwilligen würde, auch eine Spur nur dieser kostbaren Substanz zu verlieren.

Trotz der wunderbaren Dienste, die Äther und Chloroform geleistet haben, erscheint es mir vom Standpunkt geistiger Philosophie aus, dass man alle modernen Erfindungen moralisch tadeln muss, die dahin zielen, die menschliche Freiheit und den unerlässlichen Schmerz zu vermindern. Nicht ohne Bewunderung vernahm ich einstmals das Paradoxon eines Offiziers, der mir von der grausamen Operation berichtete, der sich ein französischer General in El-Aghouat unterzog, und an der er trotz des Chloroforms starb. Dieser General war ein sehr tapferer Mann, etwas mehr sogar, eine jener Seelen, die man ohne weiteres mit ›chevaleresk‹ bezeichnet. »Er hätte«, erzählte er mir, »kein Chloroform gebraucht, sondern den Anblick der ganzen Armee und die Musik der Regimenter. So vielleicht wäre er gerettet worden!« Der Chirurg war nicht der Ansicht des Offiziers; aber der Feldgeistliche hätte diese Gefühle vielleicht bewundert.

Es ist wirklich übrig, nach all diesen Betrachtungen noch länger beim moralischen Charakter des Haschisch zu verweilen. Kein vernünftiger Mensch wird mir widersprechen, wenn ich ihn mit dem Selbstmord vergleiche, einem langsamen Selbstmord, mit einer immer blutigen und immer geschärften Waffe. Keine philosophische Seele wird den Vergleich ablehnen, wenn ich ihn der Hexerei und der Magie gleichsetze, die auf die Materie wirken und durch Geheimmittel, deren Unwirksamkeit ebensowenig wie ihre Wirksamkeit bewiesen ist, dem Menschen eine unerlaubte oder doch nur dann erlaubte Macht verleihen, wenn er deren würdig befunden wurde. Wenn die Kirche die Magie und die Hexerei verdammt, geschieht es, weil sie gegen die Absichten Gottes streiten, die Arbeit der Zeit unterdrücken, Reinheit und Moral überflüssig machen wollen; und sie, die Kirche, als gesetzmässig und wahr jene Schätze nur betrachtet, die durch guten freudigen Willen errungen werden. Den Spieler, der das Mittel fand, immer mit Gewinn zu spielen, nennen wir Falschspieler; wie werden wir den Menschen nennen, der mit wenig Geld Glück und Genie kaufen will? Die Unfehlbarkeit selbst des Mittels begründet seine Unmoral, ebenso wie die behauptete Unfehlbarkeit der Magie ihr das teuflische Stigma aufdrückt. Soll ich noch hinzufügen, dass der Haschisch, wie alle einsamen Freuden, den Menschen für die Menschen und die Gesellschaft unbrauchbar, dem Einzelwesen überflüssig macht, weil er ihn fortwährend zwingt, sich selbst zu bewundern, und ihn Tag um Tag dem leuchtenden Abgrund zutreibt, in dem er sich wie Narziss spiegelt.

Wenn aber der Mensch auf Kosten seiner Würde, seines freien Willens und seiner Ehrlichkeit aus dem Haschisch grosse geistige Vorteile ziehen, aus ihm eine Art Denkmaschine, ein nutzbringendes Instrument machen könnte? Diese Frage habe ich oft gehört und antworte darauf: Erstens erhöht, wie ich es schon ausführlich erklärt habe, der Haschisch im Menschen nichts als den eigenen Menschen. Allerdings ist dieser Mensch sozusagen potenziert und aufs äusserste gesteigert, und da er sich andererseits an die Eindrücke der Orgie erinnert, erscheint die Hoffnung auf deren Nutzbarmachung zunächst nicht ganz sinnlos. Aber sie mögen beachten, dass die Gedanken, aus denen sie so grosse Vorteile zu ziehen hoffen, in Wirklichkeit nicht so schön sind, wie sie es in ihrer augenblicklichen Verkleidung und mit magischem Rauschgold bedeckt scheinen. Sie stehen der Erde näher als dem Himmel und danken einen grossen Teil ihrer Schönheit der nervösen Erregung und der Gier, mit der der Geist sich auf sie stürzt. Und dann ist diese Hoffnung ein circulus vitiosus: nehmen wir für einen Augenblick an, dass der Haschisch Genie verleiht oder es zum mindesten steigert, so dürfen wir nicht vergessen, dass die Natur des Haschisch den Willen schwächt und so auf der einen Seite das fortnimmt, was er auf der anderen Seite gewährt; das heisst die Einbildungskraft ohne die Möglichkeit sie auszunutzen. Endlich weiss man, dass es selbst dann, wenn man einen Menschen annimmt, der geschickt und stark genug wäre, sich dieser Alternative zu fügen, eine weitere tragische und furchtbare Gefahr gibt, nämlich die der Gewöhnung. Denn jede Gewöhnung verwandelt sich alsbald in Notwendigkeit. Wer ein Gift zum Denken einnimmt, wird bald nicht mehr ohne Gift denken können. Stellt man sich den schrecklichen Anblick eines Mannes vor, dessen gelähmte Einbildungskraft ohne die Hilfe von Haschisch und Opium nicht mehr gehorcht?

Der menschliche Geist muss in der Philosophie ähnlich der Sternenbahn eine Kurve durchlaufen, die ihn an seinen Ausgangspunkt zurückführt. Enden heisst einen Kreis schliessen. Ich habe anfangs oft von diesem merkwürdigen Zustand gesprochen, in dem der menschliche Geist mitunter wie durch besondere Gnade dahinstürmte; ich habe gesagt, dass er im steten Wunsch, seine Hoffnungen neu zu beleben und sich in die Unendlichkeit zu erheben, in allen Ländern und zu jeder Zeit die unbändige Lust zu allen selbst gefährlichen Mitteln zeigte, die durch Steigerung seiner Person auch nur für einen Augenblick vor seinen Augen dieses zufällige Paradies hervorzaubern konnten, dieses Ziel aller Wünsche, und dass dieser wagemutige Geist, der, ohne es zu wissen, bis in die Hölle dringt, so seine ursprüngliche Grösse bewies. Aber der Mensch ist so verlassen nicht, nicht so bar aller ehrlichen Mittel, um den Himmel zu gewinnen, dass er sich unbedingt der Apotheke und Hexenkunst verschreiben muss; er braucht nicht seine Seele zu verkaufen, um die Freundschaft und die berauschenden Zärtlichkeiten der Houris zu bezahlen. Was bedeutet ein Paradies, das man mit seiner ewigen Seligkeit erkauft? Ich stelle mir einen Mann vor (soll er Brahmane, Dichter oder christlicher Philosoph sein ?), der auf dem schroffen Olymp seines Geistes steht. Um ihn herum die Musen Raffaels oder Mantegnas, die ihn über seine lange Fastenzeit und seine heissen Gebete trösten. Die edelsten Tänzer sehen ihn mit ihren sanftesten Augen und ihrem süssesten Lächeln an; der göttliche Apollo, dieser allwissende Meister, (der Francavillas, Albrecht Dürers, Goltzius'? gleichviel – hat nicht jeder, der es verdient, seinen Erfolg?) streicht die zitternden Saiten mit seinem Bogen. Unter ihm, am Fusse des Berges, mitten in Dornen und Schmerz schneidet die Masse der Menschen, der Haufen Heloten falsche Grimassen der Freude und stösst die Schreie aus, die ihr die Schmerzen des Giftes entreissen; der traurige Dichter spricht: »Diese Unglücklichen, die niemals fasteten noch beteten, die die Erlösung durch die Arbeit verweigerten, wollen durch die schwarze Magie die Mittel finden, sich mit einemmal in das übernatürliche Leben zu erheben. Die Magie betrügt sie, entzündet in ihnen ein falsches Glück und falsches Licht, während wir Poeten und Philosophen unsere Seelen durch stete Arbeit und Versenkung erneuert haben; durch die fleissige Übung des Willens und den ewigen Adel der Anstrengung haben wir für uns einen Garten voll wahrer Schönheit erschaffen. Auf die Worte vertrauend, nach denen der Glaube Berge versetzt, haben wir das einzige Wunder vollbracht, zu dem uns Gott die Möglichkeit verlieh.«

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