Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Baudelaire >

Die künstlichen Paradiese

Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
titleDie künstlichen Paradiese
authorCharles Baudelaire
translatorHeinrich Steinitzer
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
year1925
senderreuters@abc.de
created20040730
Schließen

Navigation:

IV

Der Gottmensch

Es wird Zeit, dieses Gaukelspiel und diese groben Marionetten bei Seite zu lassen, die aus dem Dunst kindlicher Gemüter entstehen. Müssen wir nicht von wichtigeren Dingen reden: Von den Veränderungen der menschlichen Gefühle und in einem Wort von der Haschischmoral?

Bisher gab ich nur eine abgekürzte Monographie des Rausches, beschränkte mich darauf, seine hauptsächlichsten Züge, vornehmlich die materiellen Züge festzulegen. Aber was, wie ich glaube, für einen geistigen Menschen wichtiger ist, ist, die Wirkung des Giftes auf eben den Geist des Menschen kennenzulernen, das heisst: die Vergrösserung, Veränderung und Übertreibung seiner übrigen Gefühle und moralischen Begriffe, die nun in einer ausserordentlichen Atmosphäre ein wirkliches Phänomen von Strahlenbrechung ergeben.

Der Mensch, der lange dem Opium oder Haschisch gefröhnt hat und der, geschwächt wie er es durch seine Leidenschaft ist, die notwendige Energie aufgebracht hat, sich los zu machen, kommt mir wie ein entsprungener Sträfling vor. Er erregt meine Bewunderung in höherem Masse als der vorsichtige Mensch, der niemals gefehlt hat, weil er immer der Versuchung aus dem Wege ging. Die Engländer brauchen häufig bezüglich der Opiumesser Bezeichnungen, die nur dem Unschuldigen übertrieben erscheinen können, dem die Schrecken solchen Verfalls unbekannt sind: enchained, fettered, enslaved! Ketten in der Tat, neben denen alle anderen Ketten, die der Pflicht und der freien Liebe, nur Gazestreifen, nur Spinnweben sind! Schreckliche Ehe des Mannes mit sich selbst! »Ich war zum Sklaven des Opiums geworden; es hielt mich in seinen Banden, und alle meine Arbeiten und meine Pläne hatten die Farbe meiner Träume angenommen« sagt der Gatte Ligeias; aber in wieviel herrlichen Stellen beschreibt Edgar Poe, dieser unvergleichliche Dichter, dieser unwiderlegbare Philosoph, den man immer gelegentlich geheimnisvoller Geisteskrankheiten zitieren muss, nicht den dunklen und packenden Glanz des Opiums! Der Liebhaber der strahlenden Berenice, der Metaphysiker Egoeus, erzählt von einer Störung in seinen Fähigkeiten, die ihn dazu bringt, den einfachsten Erscheinungen eine ungewöhnliche und riesenhafte Bedeutung zu geben: »Unermüdlich in langen Stunden des Nachdenkens, die Aufmerksamkeit auf irgendein kindisches Zitat in den Anmerkungen oder dem Text eines Buches gerichtet, den grössten Teil eines Sommertages gefesselt an einen merkwürdigen Schatten, der auf der Tapete oder auf dem Fussboden liegt – mich eine ganze Nacht vergessen, die aufrechte Flamme einer Lampe oder des Kaminfeuers zu beobachten, – den ganzen Tag über vom Blumenparfüm träumen – einförmig irgend ein gewöhnliches Wort so lange wiederholen, bis sein Ton durch stete Wiederholung aufhört, im Geist auch nur irgendeinen Gedanken noch zu erwecken, – so beschaffen waren einige der gewöhnlichsten und ungefährlichsten Abirrungen meiner Denktätigkeit, Abirrungen, die gewiss nicht beispiellos sind, aber ebenso gewiss jede Lösung und jede Analyse in Frage stellen.« Und der nervöse Auguste Bedloe, der jeden Vormittag vor dem Spaziergang eine Dosis Opium schluckte, gesteht uns, dass die hauptsächlichste Wohltat, die er aus der täglichen Vergiftung zieht, die ist, übertriebenes Interesse an allen Dingen, selbst an den trivialsten, zu nehmen: »Indessen hat das Opium seine übliche Wirkung gehabt, nämlich die ganze äussere Welt in unser äusserstes Interesse zu rücken. Im Zittern eines Blattes, – in der Farbe eines Grashalmes, – in der Form eines Kleeblattes, – im Summen einer Biene, – im Zerstäuben eines Tautropfens, – im Seufzen des Windes, – in den vagen, dem Wald entsteigenden Düften, entstand eine ganze Welt von Eingebungen, eine herrliche und bunte Prozession ungeordneter und rhapsodischer Gedanken.«

So drückt sich der Meister des Grauens, der Fürst des Geheimnisses durch den Mund seiner Personen aus. Diese beiden Eigenschaften des Opiums sind in vollem Umfange auf den Haschisch anwendbar. In beiden Fällen wird der bisher freie Verstand zum Sklaven; aber das Wort rhapsodisch, das so ausgezeichnet einen von der äusseren Welt und dem Zufall des Geschehens beeinflussten und gelenkten Willen beschreibt, ist von treffenderer und schrecklicherer Wahrheit bezüglich des Haschisch. Beim Haschisch ist Vernunft nur noch ein Wrack im Spiel der Wellen, und der Gedankenfluss verläuft unerhört schneller und ›rhapsodischer‹ Dies bedeutet, glaube ich, klipp und klar, dass der Haschisch in seinem augenblicklichen Zustand viel stärker als das Opium, dem regelmässigen Leben weitaus feindlicher, weitaus zerstörerischer, in einem Wort, weitaus verwirrender ist. Ich weiss nicht, ob zehn Jahre Haschischgenusses ebensolchen Verfall bewirken wie zehn Jahre Opiumgenuss; ich behaupte, dass im Augenblick und für den nächsten Tag der Haschisch eine traurigere Wirkung hat: der eine ist ein freundlicher Verführer, der andere ein ungeordneter Dämon.

Ich will in diesem letzten Teil die moralische Zerstörung beschreiben und analysieren, die durch diese gefährliche und süsse Übung angerichtet wird, eine derartige Zerstörung, so tiefe Gefahr, dass die, die leicht verletzt nur dem Kampfe entkommen, mir wie Tapfere erscheinen, die aus der Höhle eines vielgestaltigen Proteus entwichen, wie Orpheus, der die Hölle besiegte. Und wenn man meine Art zu sprechen für masslose Übertreibung hält, so will ich gestehen, dass ich die berauschenden Gifte nicht nur für die fürchterlichsten und sichersten Mittel halte, deren der Geist der Finsternis sich bedient, um die jämmerliche Menschheit zu fangen und zu vernichten, sondern für seine trefflichsten Verkörperungen.

Diesmal will ich, um meine Aufgabe abzukürzen und meine Analyse klarer zu machen, anstatt zerstreute Anekdoten zu sammeln, eine Menge Beobachtungen auf eine einzige Person häufen. Ich muss also eine Seele meiner Wahl erfinden. De Quincey behauptete in seiner Beichte sehr richtig, dass das Opium den Menschen nicht einschläfert sondern erregt, aber dass es ihn nur entsprechend seiner Natur erregt, und dass es darum sinnlos wäre, wenn man, um die Wunder des Opiums kennenzulernen, es einem Viehhändler eingäbe; denn dieser würde nur von Ochsen und Weiden träumen. So darf auch ich nicht die schweren Phantasien eines haschischberauschten Viehzüchters beschreiben; wer würde sie mit Vergnügen lesen? Wer würde sie überhaupt lesen? Um meine Figur zu idealisieren, muss ich in ihr, in einem einzigen Kreise, alle Strahlen vereinigen und sie polarisieren; und der tragische Kreis, in dem ich sie einfangen werde, wird, wie gesagt, eine Seele meiner Wahl sein, etwa das, was das achtzehnte Jahrhundert einen ›empfindsamen‹ Menschen, was die romantische Schule einen ›unverstandenen‹ Menschen nannte und was Familien und die bürgerliche Masse für gewöhnlich mit der Bezeichnung ›Original‹ herabsetzen.

Ein halb nervöses, halb galliges Temperament ist am geeignetsten für die Entwicklung solcher Trunkenheit; dazu ein kultivierter Geist mit an Form und Farben geübten Augen; ein zärtliches Herz, im Unglück ermüdet, aber noch bereit zur Verjüngung. Ich will mit deinem Einverständnis so weit gehen, alte Sünden anzunehmen und was sie in einer leicht erregbaren Natur bewirken müssten, nämlich, wenn nicht tatsächlich Gewissensbisse, so wenigstens Bedauern über eine verschwendete und schlecht ausgefüllte Zeit. Die Lust zur Metaphysik und die Kenntnis der philosophischen Theorien über das menschliche Leben sind gewiss keine unnützen Ergänzungen – noch die Liebe zur Tugend, zur abstrakten, stoischen oder mystischen Tugend, die in allen Büchern steht, mit der man die moderne Jugend füttert, als dem höchsten Gipfel, den eine vornehme Seele erklimmen kann. Wenn man noch eine grosse Empfindlichkeit der Sinne hinzufügt, die ich als letzte Bedingung ausgelassen hatte, glaube ich die hauptsächlichsten Eigenschaften des modernen, sensiblen Menschen vereinigt zu haben, dessen, was man die ›banale Form der Originalität‹ heissen könnte. So wollen wir denn jetzt sehen, was aus dieser Individualität wird, wenn sie der Haschisch bis zum Äussersten treibt. Folgen wir diesem Flug der menschlichen Einbildungskraft bis in ihren letzten und blendendsten Winkel, bis zum Glauben des Individuums an seine eigene Göttlichkeit.

Gehörst du zu jenen Seelen, wird die dir innewohnende Liebe zur Form und zu den Farben im Beginn deines Rausches zunächst einen ungeheueren Weideplatz finden. Die Farben werden ungewohnten Glanz annehmen, mit siegreicher Kraft in dein Gehirn dringen. Die Deckengemälde, mögen sie zart, mittelmässig oder selbst schlecht sein, erhalten ein erschreckliches Leben; die gröbsten Tapeten, die auf den Wirtshauswänden kleben, werden wie herrliche Dioramen erscheinen. Die Nymphen mit der leuchtenden Haut schauen auf dich mit Augen, die tiefer und klarer als Himmel und Wasser sind; die Figuren der Mythologie tauschen in ihren Priestergewändern oder Rüstungen durch einen einfachen Blick mit dir feierliche Geständnisse. Das Gewirr der Linien wird zur deutlichen Sprache, in der du die Erregung und die Sehnsucht der Seelen liest. Unterdessen entsteht dieser geheimnisvolle und vorübergehende Geisteszustand, in dem die Tiefe des Lebens mit seinen vielgestaltigen Problemen sich ganz und gar in dem Schauspiel, das man vor Augen hat, abspielt, mag es so natürlich und alltäglich wie immer nur sein; wo der erste beste Gegenstand zum sprechenden Symbol wird. Fourier und Swedenborg haben, der eine mit seiner Ähnlichkeitslehre, der andere mit seinen Korrespondenzen, sich in Fauna und Flora, die dir in die Augen fällt, verkörpert und anstatt mit der Sprache zu lehren, lehren sie durch die Form und durch die Farben. Der Geist der Allegorie nimmt dir selbst unbekannte Ausmasse an; ich erwähne nebenbei, dass die Allegorie, dieses so geistreiche Spiel, das ungeschickte Maler uns verachten lehrten, wirklich eine der ersten und natürlichsten Formen der Dichtung ist und im rauscherhellten Verstand ihren legitimen Thron wieder errichtet. Der Haschisch überzieht dann dein ganzes Leben wie mit magischem Lack. Er färbt es feierlich ein und hellt alle Tiefen auf. Zackige Landschaften, fliehende Horizonte, Städteansichten, die die Leichenblässe des Gewitters fahl macht oder die starke Glut der Sonnenuntergänge erleuchtet, – Tiefe des Raums, Allegorie der Tiefe der Zeit, – der Tanz, die Geste oder die Deklamation der Schauspieler, wenn Zufall dich in ein Theater warf, – der erste beste Satz, wenn deine Augen auf ein Buch fallen, – alles, in einem Wort, die Universalität der Wesen steht in einem neuen bis dahin ungeahnten Glanz vor dir auf. Die trockene Grammatik wird zu etwas wie einer beschwörenden Zauberin, die Worte stehen in Fleisch und Blut wieder auf; das Substantiv in seiner substantivischen Majestät; das Adjektivum, das es vorsichtig bekleidet und wie mit Glasur überzieht; das Verbum, Engel der Bewegung, der dem Satze Schwung verleiht. Musik, die andere den trägen oder tiefen Geistern liebe Sprache, die Erholung von dem Durcheinander der Arbeit suchen, spricht zu dir von dir selbst und erzählt dir das Gedicht deines Lebens. Sie verkörpert sich dir und löst dich in ihr auf. Sie erzählt von deiner Leidenschaft, nicht vage und unbestimmt, wie sie es an jenen gleichgültigen Abenden tut, an denen du in die Oper gehst, sondern klar und positiv. Jede Bewegung des Rhythmus zeigt eine dir bekannte Bewegung deiner Seele an. Jede Note verwandelt sich in ein Wort und das Gedicht als Ganzes dringt in dein Hirn wie ein ausführliches Wörterbuch des Lehens.

Du musst nicht glauben, dass all diese Phänomene durcheinander in deinem Hirn entstehen, in der schreienden Art der Wirklichkeit und der Unordnung des äusseren Lebens. Das innere Auge verwandelt alles und verleiht jedem Ding die Schönheit, die ihm fehlte, um des Gefallens wert zu sein. In diese besonders wollüstige und empfindsame Phase muss man die Liebe zu den klaren, laufenden oder stehenden Gewässern bringen, die so erstaunlich im Geistesrausch einiger Künstler entsteht. Die Spiegel dienen dieser Träumerei zum Vorwand, Träumerei, die einem geistigen Durst ähnelt, die in Verbindung mit dem körperlichen Durst steht, der den Gaumen austrocknet und von dem ich kürzlich gesprochen habe; die fliehenden Wässer, die Fontänen, die harmonischen Kaskaden, die freie Unendlichkeit des Meeres rollen, singen, schlafen unaussprechlich reizvoll. Das Wasser breitet sich als wahre Zauberin aus und obschon ich nicht an Wahnsinn nach Haschischgebrauch glaube, möchte ich doch nicht versichern, dass die Betrachtung eines durchsichtigen Wassers ganz ohne Gefahr für einen in Weiten uud Kristall verliebten Geist wäre, und dass die alte Fabel von Undine für den Bewunderer nicht zur tragischen Wirklichkeit werden könnte.

Ich glaube genügend über das gewaltige Wachsen der Zeit und des Raumes gesprochen zu haben, als von zwei immer zusammenhängenden Ideen, denen der Geist aber nun ohne Trauer und Furcht begegnet. Er schaut mit einer gewissen melancholischen Verzückung durch tiefe Jahre und stürzt sich kühl in unendliche Perspektiven. Man hat, nehme ich an, schon erraten, dass diese unnatürliche und tyrannische Vergrösserung gleichfalls alle Gefühle und alle Ideen betrifft: So das Wohlwollen. Ich glaube davon eine ganz hübsche Probe gegeben zu haben; ebenso von der Liebe. Die Idee der Schönheit muss natürlich grossen Raum in einem geistigen Temperament, wie dem von mir gezeichneten, einnehmen. Die Harmonie, die Ausgeglichenheit der Sinne, die Eurhythmie erscheinen dem Träumer als Notwendigkeit und Pflichten, nicht nur für alle Wesen der Schöpfung, sondern für den Träumer selbst, der während der Dauer der Krise merkwürdig begabt ist, den unsterblichen und allgemeinen Rhythmus zu erfassen. Und wenn unser Fanatiker persönlicher Schönheit ermangelte, glaube nicht, dass er lange an diesem Eingeständnis, zu dem er sich gezwungen sieht, würde leiden müssen, noch dass er sich als Misston in der harmonischen und durch seine Phantasie schön geformten Welt empfände. Die Sophismen des Haschisch sind zahlreich und wunderbar, neigen im allgemeinen zum Optimismus und haben die hauptsächlichste und wirksamste Eigenschaft, die Wirklichkeit aus dem Wunsch zu formen. Dasselbe geschieht gewiss in vielen Fällen des täglichen Lebens, aber mit viel mehr Glut und Feinheit hier! Wie könnte auch ein für die Harmonie so begabtes Wesen, eine Art Schönheitspriester, eine Ausnahme und einen Fehler in seiner eigenen Theorie zulassen? Die moralische Schönheit und ihre Macht, die Grazie und ihre Verführungskunst, die Beredsamkeit und ihre Taten, all diese Gedanken erscheinen bald als Milderer aufdringlicher Hässlichkeit, als Tröster, dann endlich als Lobredner eines erträumten Zepters.

Was nun die Liebe betrifft, so habe ich viele Menschen mit Gymnasiastenneugier bei denen Auskunft holen hören, die häufig Haschisch nehmen. Was muss aus dem Liebesrausch, der schon so heftig in seinem natürlichen Zustand ist, werden, wenn er in den andern Rausch mit eingeschlossen wird, wie eine Sonne in die Sonne? Diese Frage wird in den vielen Köpfen derer entstehen, die ich die Lüstlinge der intellektuellen Welt nennen möchte. Um auf eine unpassende Frage zu antworten, auf jenen Teil der Frage, den man nicht hinschreiben kann, verweise ich den Leser auf Plinius, der irgendwo von den Eigenschaften des Hanfes auf eine Art gesprochen hat, die sehr viel diesbezügliche Illusionen zerstören wird. Übrigens weiss man, dass die üblichste Folge eines Missbrauchs der Nervenkraft und entsprechender Reizmittel Schlaffheit hinterlassen. Da es sich hier aber nicht um tatsachliche Kraft handelt, sondern um Erregbarkeit und Empfindsamkeit, bitte ich den Leser einfach zu überlegen, dass die Phantasie eines nervösen Menschen im Haschischrausch zu einem erstaunlichen Punkt gelangte, der ebensowenig zu beschreiben ist, wie die äusserste Kraft des Windes im Sturm, und dass seine empfindlich gemachten Sinne sich auf einem fast ebenso schwer beschreibbaren Punkte befinden. Man kann also annehmen, dass eine kleine Zärtlichkeit, die unschuldigste von allen (zum Beispiel ein Händedruck), einen durch den Zustand der Sinne und der Seele verhundertfachten Wert habe und ihn vielleicht sehr schnell bis zu dieser Ohnmacht bringen kann, die dem gemeinen Sterblichen als die Höhe des Glücks erscheint. Aber es ist unzweifelhaft, dass der Haschisch in einer Phantasie, die sich viel mit Liebesdingen beschäftigt, zärtliche Erinnerungen erweckt, denen Schmerz und Unglück selbst neuen Glanz verleihen. Es ist nicht weniger sicher, dass eine starke Dosis Sinnlichkeit sich diesen geistigen Erregungen mengt; und im übrigen ist es wichtig zu bemerken, was die Unmoral des Haschisch in diesem Punkte beweist, dass eine ismailitische Sekte (von diesen Ismaeliten stammen die Assassins) weit ab von ihrer Anbetung des unteilbaren Phallus bis zum vollkommenen und ausschliesslichen Kult des weiblichen Teiles des Symboles schweifte. Da jeder Mensch die Geschichte in sich verkörpert, wäre es sehr natürlich, in einem Geist, der sich feige der Gnade einer höllischen Droge ausliefert und dem Verfall seiner eigenen Fähigkeiten zulächelt, eine widernatürliche Religion entstehen zu sehen.

Da wir im Haschischrausch ein merkwürdiges, selbst unbekannten Personen entgegengebrachtes Wohlwollen beobachtet haben, eine Art Philanthropie, die eher dem Mitleid als der Liebe entspringt (hier zeigt sich der erste Keim des satanischen Giftes, der sich ausserordentlich entwickeln wird) und sich bis zur Angst steigert, wen auch immer zu betrüben, errät man, was aus den lokalisierten, einer geliebten Person entgegengebrachten Gefühlen entstehen kann, die im geistigen Leben des Kranken eine wichtige Rolle spielen oder spielten. Kultus, Anbetung, Gebet, Glücksträume steigen und schwärmen in ehrgeiziger Kraft und dem Glanz eines Feuerwerkes; wie Pulver und Leuchtkugeln blenden sie und vergehen im Dunkeln. Es gibt keine Art sentimentaler Einstellung, der sich die weiche Liebe eines Haschischsklaven nicht hingeben könnte. Der Neigung zu schützen, brennendem und hingebendem Vatergefühl kann sich sträfliche Sinnlichkeit vermischen, die der Haschisch immer entschuldigen und freisprechen wird. Er geht noch weiter. Ich setze voraus, dass begangene Sünden bittere Spuren in der Seele hinterliessen, dass ein Gatte oder Liebhaber traurig nur (in seinem gewöhnlichen Zustande) auf eine gewitterschwere Vergangenheit zurückblickt: Diese Bitternis kann sich dann in Süsse verwandeln; das Verlangen nach Verzeihung macht die Phantasie verschmitzter und demütiger, und die Gewissensbisse selbst können in diesem teuflischen Drama, das sich in einem langen Monolog abspielt, wie erregend wirken und mächtig die Begeisterung des Herzens erwärmen. Ja, die Gewissensbisse! Hatte ich unrecht, als ich sagte, dass der Haschisch, einem wirklich philosophischen Kopf als ein ganz teuflisches Instrument erscheint? Die Gewissensbisse, merkwürdige Beigabe des Vergnügens, ertrinken bald in der köstlichen Betrachtung der Gewissensbisse, in einer Art wollüstigen Analyse; und diese Analyse geht so schnell vor sich, dass dieser natürliche Teufel, um mit den Swedenborgianern zu sprechen, nicht bemerkt, wie willenlos er ist und wie sehr von Sekunde zu Sekunde er sich der teuflischen Vollkommenheit nähert. Er bewundert seine Gewissensbisse und er verherrlicht sich, während er im Begriff ist, seine Freiheit zu verlieren.

So gelangt dann die von mir vorausgesetzte Person, der Geist meiner Wahl, zu dem Grad der Freude und Heiterkeit, der ihn zwingt, sich selbst zu bewundern. Jeder Widerspruch verschwindet, alle philosophischen Probleme werden durchsichtig oder erscheinen wenigstens so. Alles dient nur der Freude. Die Fülle seines augenblicklichen Lebens flösst ihm masslosen Hochmut ein. Eine Stimme in ihm (ach, es ist seine eigene) spricht: »Jetzt hast du das Recht, dich allen Menschen überlegen zu fühlen; keiner kennt oder könnte all das nur verstehen, was du denkst, und all das, was du fühlst. Sie wären unfähig, selbst das Wohlwollen zu würdigen, das sie dir einflössen. Du bist ein König, den die Passanten verkennen und der in der Einsamkeit seiner Überzeugung lebt: Aber was tut das? Besitzest du nicht die überlegene Verachtung, die die Seele so gut macht?«

Indessen können wir annehmen, dass von Zeit zu Zeit eine beissende Erinnerung dieses Glück durchfliegt und zerbricht. Eine Suggestion von aussen her kann eine Vergangenheit wieder beleben, deren Betrachtung unangenehm ist. Ist diese Vergangenheit nicht voll hässlicher oder niedriger Handlungen, die wirklich unwürdig dieses Gedankenkönigs sind, die seine ideale Würde besudeln? Glaubt mir, der Haschischesser wird diesen vorwurfsvollen Gespenstern tapfer zu begegnen wissen und wird sogar aus diesen scheusslichen Erinnerungen neue Elemente der Freude und des Ehrgeizes ziehen. Solchermassen wird sich sein Gedankengang entwickeln. Wenn der erste Schmerz vorüber ist, wird er neugierig diese Handlung oder dieses Gefühl zergliedern, deren Erinnerung seinen augenblicklichen Ruhm trübte, die Beweggründe, die ihn damals handeln liessen, die Umstände, die ihn umgaben, – und wenn er in diesen Umständen nicht genügend Gründe findet, um sich, wenn nicht freizusprechen, so doch mindestens seine Schuld zu verkleinern, glaubt ja nicht, dass er sich besiegt fühlt! Ich beobachte seinen Gedankengang wie ein mechanisches Spielzeug unter dem Glassturz: »Diese lächerliche, feige oder niedrige Handlung, deren Erinnerung mich im Augenblick packte, steht im vollkommenen Gegensatz mit meiner wahren Natur, meiner augenblicklichen Natur, und die Energie, mit der ich sie verurteile, die inquisitorische Mühe, mit der ich sie jetzt zergliedere und richte, beweisen meine hohe und göttliche Bereitschaft für die Tugend. Wieviel Menschen in der Welt würde man finden, die ebenso geeignet wären, sich selbst zu richten, ebenso streng in der eigenen Verurteilung?« Und er verurteilt sich nicht nur, er überhebt sich. Die scheussliche Erinnerung ertrinkt so in der Betrachtung einer idealen Tugend, einer idealen Barmherzigkeit, eines idealen Genies, und ruhig gibt er sich seiner triumphierenden geistigen Orgie hin. Wir haben gesehen, dass er auf lästerliche Art die Weihe der Busse nachäffte, zugleich Büsser und Beichtiger war, sich leicht die Absolution erteilte, oder schlimmer noch, aus seiner Verurteilung neue Nahrung für seinen Hochmut sog. Jetzt schliesst er aus der Betrachtung seiner Träume und seiner Vorsätze zur Tugend auf seine praktischen Fähigkeiten zur Tugend; die verliebte Energie, mit der er dieses Tugendphantom umarmt, erscheint ihm als genügender und hinreichender Beweis für die notwendige männliche Energie zur Erreichung seines Ideals. Er verwechselt vollkommen Traum und Handlung, und seine Einbildungskraft erhitzt sich mehr und mehr an dem verführerischen Schauspiel seiner eigenen gebesserten und idealisierten Persönlichkeit, indem er an die Stelle seiner wahren Person ein faszinierendes Spiegelbild seiner selbst setzt. So arm an Willen, so reich an Eitelkeit, fasst er schliesslich seine Apothese in diese einfachen und klaren Worte zusammen, die für ihn eine ganze Welt scheusslicher Freuden einschliessen: »Ich bin der tugendhafteste aller Menschen!«

Erinnert euch das nicht ein wenig an Jean-Jacques, der auch dem Universum nicht ohne eine gewisse Wollust beichtete und denselben Triumphschrei (der Unterschied wenigstens ist gering) mit derselben Überzeugung und Ehrlichkeit auszustossen wagte? Der Enthusiasmus, mit dem er die Tugend betrachtete, die nervöse Weichheit, die ihm beim Anblick einer guten Tat oder beim Gedanken an all die schönen Handlungen, die er gern vollbracht hätte, die Tränen in die Augen trieb, genügten, um ihm ein äusserstes Gefühl seines moralischen Wertes zu geben. Jean-Jacques hat sich ohne Haschisch berauscht.

Soll ich die Analyse dieser siegreichen Monomanie weiter verfolgen, erklären, wie unter der Herrschaft des Giftes mein Held sich bald zum Mittelpunkt des Universums macht? Wie er zum lebenden und übertriebenen Ausdruck des Sprichwortes wird, welches besagt, dass die Leidenschaft aus sich selbst lebt ? Er glaubt an seine Tugend und an sein Genie: Errät man das Ende? Alle Dinge der Umgebung bedeuten ebensoviel Suggestionen, die in ihm eine Welt von Gedanken erregen, farbiger alle, lebendiger, zarter als je, und strahlend im magischen Glanz. »Diese herrlichen Städte,« sagt er sich, »in denen die herrlichen Gebäude wie kulissenhaft aufgebaut sind, – diese schönen, auf den Wellen des Hafens heimwehschwer schaukelnden Schiffe, die unseren Gedanken auszudrücken scheinen: Wann reisen wir in das Glück? – diese Museen in ihrem Überfluss schöner Formen und berauschender Farben, – diese Bibliotheken in denen die Arbeiten der Wissenschaft und die Träume der Musen sich stapeln, – diese vereinten Instrumente, die in einer einzigen Stimme singen, – diese bezaubernden Frauen, reizvoller noch durch die Kunst der Kleidung und die Sparsamkeit des Blicks, – all diese Dinge wurden für mich, für mich, für mich geschaffen! Für mich hat die Menschheit gearbeitet, hat sie gelitten, – ist sie geopfert worden, – um meinem unstillbaren Hunger nach Erregung, Wissen und Schönheit als Weide, als Pabulum zu dienen.«

Ich überspringe und kürze ab, keiner wird sich wundern, dass ein endlicher, höchster Gedanke dem Gehirn des Träumers entspringt: »Ich bin Gott geworden!«, dass ein wilder, brennender Schrei seiner Brust mit solch treibender Kraft sich entringt, dass, hätten Willen und Glauben eines trunkenen Menschen tatsächlichen Wert, dieser Schrei die Engel auf dem Wege des Himmels hinschmettern würde: »Ich bin Gott!« Aber bald verwandelt sich dieser Sturm des Stolzes in eine wohltemperierte, stumme,ausruhsame Glückseligkeit und die Universalität der Wesen zeigt sich in ihrer Buntheit wie in phosphoreszierendes Morgenrot getaucht. Wenn zufällig eine vage Erinnerung in die Seele dieses bedauernswerten Glücklichen gleitet: »gibt es nicht noch einen anderen Gott?«, so glaubt mir, dass er sich über diesen erheben wird, dass er seinen Willen verteidigen und ihm ohne Furcht entgegentreten wird. Welches war der französische Philosoph, der, um die modernen deutschen Doktrinen zu verspotten, sagte: »Ich bin ein Gott, der schlecht zu Mittag speiste.« Diese Ironie würde einen Haschischberauschten nicht treffen. Ruhig würde er antworten: »Es ist möglich, dass ich schlecht gespeist habe, aber ich bin ein Gott.«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.