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Die künstlichen Paradiese

Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
titleDie künstlichen Paradiese
authorCharles Baudelaire
translatorHeinrich Steinitzer
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
year1925
senderreuters@abc.de
created20040730
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III

Das seraphische Theater

Was empfindet man? Was sieht man? Wunderdinge? Ausserordentliche Schauspiele? Ist es herrlich? Ist es schrecklich? Ist es sehr gefährlich? Mit solchen Fragen treten gewöhnlich die Unwissenden an die Adepten heran.

Es ist oft wie kindliche Wissbegierde, gleich jener von Stubenhockern, die einem Menschen gegenübertreten, der aus fernen unbekannten Ländern zurückkehrt. In ihrer Vorstellung ist der Haschischrausch ein Wunderland, ein grosses Zauber- und Gaukeltheater, in dem alles geheimnisvoll und unvorhergesehen ist. Das ist ein Vorurteil, eine vollkommene Verkennung. Und da für gewöhnlich die Leser und Frager mit dem Wort Haschisch die Gedanken einer seltsamen und auf den Kopf gestellten Welt verbinden, – wunderbare Träume erwarten, – oder besser: Halluzinationen (die im übrigen seltener sind als man glaubt), will ich von vornherein den wichtigen Unterschied festlegen, der die Wirkungen des Haschisch von den Erscheinungen des Schlafes trennt. Im Schlaf, dieser abenteuerlichen, allabendlichen Reise, liegt etwas entschieden Wunderbares; es ist ein Wunder, dessen ständige Wiederkehr das Geheimnisvolle abgestumpft hat. Es gibt zwei Arten menschlicher Träume: die einen enthalten sein gewöhnliches Leben, seine Gedanken, seine Wünsche, seine Laster, vereinigen auf mehr oder weniger bizarre Art die am Tage erblickten Gegenstände, die sich auf der grossen Leinewand seines Gedächtnisses aufdringlich fixierten, – so der natürliche Traum! Der sinnlose, unerwartete Traum, der keine Beziehungen noch Verbindung mit dem Charakter, dem Leben und den Leidenschaften des Schläfers hat,— jener Traum, den ich hieroglyphisch nennen möchte, weist ohne Zweifel auf die übernatürliche Seite des Lebens hin, und just, weil er sinnlos war, hielten ihn die Alten für göttlich. Da er auf natürliche Weise nicht erklärbar ist, haben sie seinen Ursprung ausserhalb des Menschen gesucht; und noch heute gibt es, ohne von den Traumdeutern sprechen zu wollen, eine philosophische Schule, die in solchen Träumen bald einen Vorwurf, bald einen Rat sieht, zusammenfassend: ein symbolisches und moralisches Gemälde, das im Geist des Schlafenden entstand. Es ist ein Wörterbuch, das man studieren muss, eine Sprache, zu der die Weisen den Schlüssel finden können.

Nichts dergleichen im Haschischrausch. Wir werden den natürlichen Traum nicht verlassen. Freilich wird der Rausch während seiner ganzen Dauer, dank der Intensität der Farbe und der Schnelligkeit der Konzeption, nur ein ungeheurer Traum sein; aber er wird immer die dem einzelnen eigentümliche Färbung behalten. Der Mensch wollte träumen, der Traum wird den Menschen regieren; aber dieser Traum wird durchaus der Sohn seines Vaters sein. Der Müssiggänger grübelte darüber nach, wie er künstlich das Übernatürliche in sein Leben und seinen Geist bringen könnte; aber er bleibt nach allem und trotz der zufälligen Energie seiner Empfindungen derselbe gesteigerte Mensch, dieselbe zu sehr hoher Potenz gehobene Zahl. Er ist bezwungen; aber zu seinem Unglück nur durch sich selbst, das heisst durch die in ihm bereits dominierende Eigenschaft: Er wollte zum Engel werden, er wurde ein Tier, das im Augenblick sehr mächtig ist. Wenn immer man eine ausserordentliche Empfindlichkeit, die abzustimmen und auszubeuten man nicht in der Lage ist, Macht nennen kann.

So sollen denn die Weltleute und die Toren, die begierig sind, ausserordentliche Freuden kennenzulernen, sich ganz klar darüber werden, dass sie im Haschisch keinerlei Wunder finden werden, sondern nichts als die gesteigerte Natur. Das Hirn und der Organismus werden auch unter Haschischwirkung nur ihre gewöhnlichen individuellen Phänomene aufweisen, freilich an Zahl und Energie in gesteigerter Form, aber immer doch ihrem Ursprung getreu. Der Mensch kann dem Schicksal seines physischen und moralischen Temperaments nicht entschlüpfen. Der Haschisch wird für die Eindrücke und die dem Menschen eigentümlichen Gedanken zum Vergrösserungsspiegel, aber zu einem Spiegel eben nur. Hier seht ihr die Droge: Ein wenig grünes Konfekt in Grosse einer Nuss, merkwürdig riechend, so dass es einen gewissen Widerwillen und leichte Übelkeit hervorruft, wie es übrigens jeder feine und selbst angenehme Geruch täte, der auf sein Maximum von Kraft und Dichtigkeit sozusagen gebracht würde. Ich möchte nebenbei bemerken, dass diese Behauptung umgedreht werden kann, und dass der widerlichste und abstossendste Geruch vielleicht angenehm würde, wenn er auf sein Minimum von Menge und Verbreitung reduziert würde. – Das also ist das Glück! Es füllt den Fassungsraum eines kleinen Löffels, das Glück mit all seinen Räuschen, all seinen Tollheiten, all seinen Kindischkeiten! Ihr könnt ohne Furcht schlucken; man stirbt nicht daran. Eure physischen Organe bleiben unbetroffen. Später werdet ihr vielleicht weniger Mann sein als ihr es heute seid; aber die Strafe ist so fern und der künftige Zusammenbruch einer Natur so schwer zu bestimmen! Was wagt ihr? Morgen ein wenig nervöse Erregung, und wagt ihr nicht täglich grössere Strafen für kleinere Belohnungen? Also, nun ist es getan: Ihr habt sogar euren Extrakt in einer Tasse schwarzen Kaffees aufgelöst, um seine Verbreitung im Körper zu beschleunigen; ihr habt euch darauf eingerichtet, einen nüchternen Magen zu haben und eure Hauptmahlzeit auf neun oder zehn Uhr abends verschoben, um dem Geist alle Handlungsfreiheit zu lassen; frühestens in einer Stunde werdet ihr eine leichte Suppe löffeln. So seid ihr denn genügend für eine lange und merkwürdige Reise gerüstet. Der Dampfer hat gepfiffen, die Segel sind gehisst, und ihr habt den gewöhnlichen Reisenden das voraus, dass ihr nicht wisst, wohin ihr reist. Ihr habt es gewollt; es lebe das Verhängnis! Ich setze voraus, dass ihr vorsichtig genug wart, den Augenblick für euer Abenteuer gut zu wählen. Jede vollkommene Ausschweifung erfordert vollkommene Ruhe. Ihr wisst, dass der Haschisch nicht nur die Personen, sondern auch die Umstände und die Umgebung steigert; ihr habt keine Pflicht zu erfüllen, die Pünktlichkeit und Genauigkeit erfordert; keinen heimlichen Kummer; keine Liebesschmerzen. Das müsst ihr beachten. Dieser Kummer, diese Unruhe, diese Erinnerung an Pflicht, die euren Willen und eure Aufmerksamkeit zu bestimmter Stunde erfordert, würden wie eine Schiffsglocke durch eure Trunkenheit gellen und euer Vergnügen vergiften. Die Unruhe würde zum Alpdruck, der Kummer zur Pein. Wenn ihr alle diese Vorsichtsmassnahmen getroffen habt, das Wetter schön ist, ihr in einer günstigen Umgebung euch befindet, wie der einer malerischen Landschaft oder einer geschmackvoll eingerichteten Wohnung, wenn ihr überdies ein wenig Musik hören könnt, steht alles zum besten. Im Haschischrausch gibt es gewöhnlich drei unterscheidbare Phasen: Und es ist unterhaltend genug, die ersten Symptome der ersten Phase bei den Neulingen zu beobachten. Ihr habt vage von der wunderbaren Wirkung des Haschisch reden hören. Eure Einbildungskraft hat sich daraus ein wunderbares Bild geformt, wie etwa das einer idealen Trunkenheit: Ihr brennt darauf festzustellen, ob die Wirklichkeit ganz die Höhe eurer Hoffnungen erreichen wird. Das genügt, um euch von Anfang an in einen ängstlichen Zustand zu versetzen, der der erobernden und überschwemmenden Kraft ziemlich günstig ist. Die meisten Neulinge klagen ganz zu Anfang über die Langsamkeit der Wirkung. Sie erwarten sie mit kindlicher Ungeduld. Und wirkt die Droge nicht schnell genug auf sie, halten sie grosse ungläubige Reden, die lustig genug für die alten Eingeweihten sind, welche wissen, wie der Haschisch wirkt. Die ersten Anzeichen des Rausches kommen wie die Vorboten eines lang drohenden Gewitters und steigern sich innerhalb dieser Ungläubigkeit selbst. Zuerst befällt dich eine gewisse lächerliche, unwiderstehliche Heiterkeit. Diese Anfälle grundloser Lustigkeit, deren du dich beinahe schämst, wiederholen sich häufig und unterbrechen die Pausen, in denen du verblüfft versuchst, dich zu sammeln. Die einfachsten Worte, die alltäglichsten Gedanken erhalten ein neues und merkwürdiges Aussehen; du wunderst dich sogar, sie bislang so einfach gefunden zu haben. Ähnlichkeiten und Verwandtschaften unzusammenhängender Dinge, die man unmöglich voraussehen konnte, unaufhörliche Wortspiele, erste Andeutung komischer Dinge entsprudeln in einem fort deinem Hirn. Der Dämon hat dich gepackt, es ist nutzlos, gegen diese Heiterkeit anzukämpfen, die schmerzlich wie ein Kitzel ist. Von Zeit zu Zeit lachst du über dich selbst, deine Albernheit und deine Torheit, – und deine Freunde, wenn anders du welche hast, lachen gleichfalls über deinen Zustand und ihren eigenen. Aber da sie nicht boshaft sind, nimmst du es nicht übel.

Diese Heiterkeit, die bald schmachtend, bald packend ist, diese Unruhe in der Freude, diese Unsicherheit, dies Unbestimmte einer Krankheit dauern gewöhnlich nur kurze Zeit. Bald werden die Gedankenverbindungen so locker, der Faden, der deine Einfalle verbindet, so dünn, dass nur deine Genossen dich verstehen können. Und auch das lässt sich nicht nachweisen. Vielleicht glauben sie nur dich zu verstehen, und die Illusion ist eine gegenseitige! Diese Tollheit, diese Lachsalven erscheinen jedem, der nicht im selben Zustand sich befindet wie du, als wirkliche Verrücktheit, zumindest als Albernheit von Besessenen. Desgleichen erheitern dich die Weisheit, der Verstand und die Regelmässigkeit der Gedanken des vorsichtigen Zeugen, der sich nicht berauscht hat, und unterhalten dich wie eine besondere Art von Wahnsinn. Die Rollen sind vertauscht. Seine Kaltblütigkeit macht dich ironisch bis zum äussersten. Ist nicht für den, der sich nicht in die gleiche Umgebung brachte, die Situation eines Mannes, der sich einer unverständlichen Heiterkeit erfreut, eine merkwürdig komische Situation? Der Verrückte hat Mitleid mit dem Weisen und von diesem Augenblicke an dämmert am Horizont seines Verstandes die Idee seiner Überlegenheit. Bald wird sie wachsen, anschwellen und wie ein Meteor platzen. Ich war Zeuge einer solchen Szene, die sich bis zum äussersten auswuchs und deren Groteskheit nur denen verständlich war, die aus Beobachtung wenigstens die Wirkung des Haschisch und den ungeheuren Unterschied der Schwingungen kennen, die sie zwischen zwei als gleich vorausgesetzten Intellekten hervorbringt. Ein berühmter Musiker, der die Eigenschaften des Haschisch nicht kannte und vielleicht niemals von ihm hatte reden hören, fällt mitten in eine Gesellschaft, in der mehrere Mitglieder ihn genommen hatten. Man versuchte ihm die merkwürdigen Wirkungen zu erklären. Er hört gefällig lächelnd diese Ausführungen mit an wie ein Mann, der während einiger Minuten kein Spielverderber sein will. Sein Missverständnis wird schnell von diesen giftgeschärften Geistern durchschaut und ihr Lachen verletzt ihn. Diese Freudenausbrüche, diese Wortspiele, diese aufgeregten Gesichter, diese ganz ungesunde Atmosphäre irritieren ihn und bringen ihn vielleicht früher als er es wollte, dazu, zu erklären, dieses Theater sei schlecht, und im übrigen müsste die Rolle recht anstrengend für die sein, die sie spielen. Das Komische daran erhellte wie ein Blitz alle Geister. Das Gelächter verdoppelte sich: »Diese Rolle mag Ihnen vielleicht liegen, «sagte er, »aber ich danke dafür.« – »Die Hauptsache ist, dass sie uns liegt,« antwortete egoistisch einer der Kranken. Da er nicht wusste, ob er es mit wirklich Verrückten zu tun hatte oder mit Leuten, die simulieren, will unser Musiker sich zurückziehen. Aber jemand schliesst die Tür ab und steckt den Schlüssel ein, ein anderer aus der Gesellschaft kniet vor ihm nieder, bittet ihn im Namen der Gesellschaft um Verzeihung und erklärt ihm unverschämt, aber mit tränenden Augen, dass trotz seiner geistigen Minderwertigkeit, die vielleicht ein wenig Mitleid erweckt, alle voll freundschaftlichster Gefühle für ihn sind. Er entschliesst sich zu bleiben und erklärt sich sogar auf häufiges Bitten hin bereit, ein wenig zu spielen. Aber die Geigentöne, die durch die Wohnung wie eine neue Pest zogen, packten (das Wort ist nicht zu stark) bald den einen oder den anderen Kranken. Rauhe und tiefe Seufzer ertönten, plötzliches Schluchzen, Bäche stiller Tränen liefen. Der entsetzte Musiker hält ein und nähert sich dem, dessen Glück am lärmendsten war, fragt ihn, ob er sehr leide und ob er etwas tun könnte, ihn zu erleichtern. Einer der Anwesenden, ein praktischer Mensch, schlägt Limonade und Brom vor, aber der Kranke sieht sie ekstatischen Auges mit unsagbarer Verachtung an. Einen Menschen, der an Lebensüberfluss und an Freude krankt, heilen wollen.

Wie man aus dieser Anekdote ersieht, liegt viel Wohlwollen im Haschischrausch; ein weiches, träges, stummes Wohlwollen, das in der Ermattung der Nerven seinen Grund hat. In Ergänzung dieser Beobachtung erzählte mir jemand ein Abenteuer, das ihm in diesem Rauschzustand begegnet war; er erinnerte sich ganz genau all seiner Gefühle und ich verstand vollkommen, in welche groteske, unbeschreibliche Verwirrung dieser von mir vorerwähnte Unterschied zwischen Schwingung und Niveau ihn geworfen hatte. Ich weiss nicht mehr, ob die fragliche Person ihren ersten oder zweiten Versuch machte. Hatte sie eine etwas zu starke Dosis eingenommen oder hatte der Haschisch ohne besonderen Grund (was häufig geschieht) eine stärkere Wirkung gehabt? Er erzählte mir, dass er sich mitten in seiner Lebensfreude und dem Glauben an sein Genie plötzlich entsetzte. War er zuerst von der Schönheit des Gefühls geblendet, jagte sie ihn plötzlich in Angst und Schrecken? Er hatte sich gefragt, was aus seinem Verstande und seinen Organen werden würde, wenn dieser Zustand, den er für einen übernatürlichen Zustand hielt, sich immer weiter vertiefte, wenn seine Nerven zarter und zarter würden. Dies muss gemäss des vergrössernden Blickes, den das geistige Auge der Patienten besitzt, eine unerhörte Marter sein. »Ich war« erzählte er, »wie ein durchgegangenes Pferd, das auf einen Abgrund zustürmt, sich auf halten will, es aber nicht mehr vermag. Es war in der Tat ein erschrecklicher Galopp und meine Gedanken, Sklaven der Umstände, des Milieus, der Gelegenheit, alles was das Wort Zufall umschliesst, arbeiteten ganz und gar rhapsodisch. ›Zu spät‹, wiederholte ich mir verzweifelt. Als diese Art des Fühlens aufhörte, die mir unendlich anzudauern schien und vielleicht nur einige Minuten währte, als ich endlich in die dem Orientalen so liebe Glückseligkeit tauchen zu können meinte, die diesem aufgeregten Zustand folgt, überfiel mich ein neues Unglück, eine neue, recht alltägliche und törichte Angst warf sich auf mich. Ich entsann mich plötzlich, dass ich zu Tisch geladen war, zu einer Gesellschaft von ernsthaften Leuten. Ich sah mich schon im voraus inmitten einer klugen und stillen Versammlung, in der jeder Herr seiner selbst war, gezwungen, sorgfältig meinen Geisteszustand im Scheine der vielen Lampen zu verbergen. Ich glaubte zwar, dass es mir gelingen würde, aber ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe, als ich an die Willenskraft dachte, die ich würde entfalten müssen. Durch irgendeinen Zufall kamen mir die Worte des Evangeliums in den Kopf: ›Wehe dem, der Grund zum Anstoss gibt.‹ Und während ich sie vergessen wollte, mich mühte, sie zu vergessen, wiederholte ich sie fortwährend in meinem Innern. Meine Verzweiflung (denn es war wirkliche Verzweiflung) nahm unerhörte Formen an. Trotz meiner Schwäche beschloss ich etwas Energisches zu unternehmen und zu einem Apotheker zu gehen; denn ich kannte die Gegengifte nicht und wollte frei und ohne Druck in die Welt sehen, in die meine Pflicht mich rief. Aber auf der Schwelle der Apotheke kam mir ein plötzlicher Einfall, der mich einige Augenblicke festnagelte und mir zu denken gab. Ich hatte beim Vorbeigehen soeben in den Spiegel eines Schaufensters geschaut und mein Gesicht hatte mich erstaunt. Welche Blässe, welche eingekniffenen Lippen, welche vergrösserten Augen! Ich werde den armen Mann beunruhigen, sagte ich mir, und wegen solcher Dummheit. Dazu kam die Angst vor dem Lächerlichen, das ich vermeiden wollte, die Furcht, jemanden im Laden zu treffen. Aber mein plötzliches Wohlwollen für diesen unbekannten Apotheker beherrschte all meine anderen Gefühle. Ich stellte mir vor, dass dieser Mann ebenso empfindlich wie ich selbst in diesem traurigen Augenblicke war, und da ich mir ferner einredete, dass sein Ohr und seine Seele wie die meine beim leisesten Geräusch vibrieren mussten, beschloss ich, auf Zehenspitzen bei ihm einzutreten. Ich kann, sagte ich mir, einem Manne gegenüber, dessen Mitleid ich in Anspruch nehmen will, nicht genügend Zurückhaltung üben. Auch nahm ich mir vor, den Ton meiner Stimme ebenso wie den Klang meiner Schritte zu dämpfen. Sie kennen die Haschischstimme? Schwer, tief, gaumig und sehr ähnelnd der der alten Opiumesser. Das Resultat war dem, was ich erreichen wollte, entgegengesetzt. Entschlossen den Apotheker zu beruhigen, entsetzte ich ihn. Er kannte diese Krankheit nicht, hatte nie von ihr sprechen gehört. Immerhin betrachtete er mich mit einer misstrauengemischten Neugierde. Hielt er mich für einen Verrückten, einen Verbrecher oder einen Bettler; all diese widersinnigen Gedanken gingen mir durch den Kopf. Ich musste ihm ausführlich (wie ermüdend!) erklären, was Haschischkonfekt ist, wozu es dient, und wiederholte ihm dabei unaufhörlich, dass es ganz ungefährlich sei, dass er keinen Grund hätte sich zu beunruhigen, und dass ich nur ein abschwächendes oder gegenwirkendes Mittel verlangte. Und wiederholte immer wieder den aufrichtigen Kummer, den ich darüber empfand, ihm Unbequemlichkeiten zu verursachen. Endlich – erfassen Sie die ganze Demütigung, die darin für mich lag – bat er mich einfach hinauszugehen. Dies war die Dankbarkeit für meine übertriebene Rücksicht und mein Wohlwollen. Ich ging in meine Gesellschaft; ich stiess nirgends an. Keiner ahnte die übermenschliche Anstrengung, die es mich kostete, nicht aufzufallen. Aber niemals werde ich die Qualen einer überpoetischen Trunkenheit vergessen, die Anstands- und gesellschaftliche Pflichten durchkreuzte.

Obgleich es mir eigentlich nahe liegt, an allen Schmerzen, die der Phantasie entspringen, Anteil zu nehmen, konnte ich nicht umhin, über diesen Bericht zu lachen. Mein Berichterstatter wurde nicht gebessert. Er fuhr fort, in dem verfluchten Extrakt die Erregung zu suchen, die man in sich selbst finden muss. Aber da es ein vorsichtiger und gesetzter Weltmann ist, hat er die Dosen verringert, was ihm ermöglicht, sie häufiger zu nehmen. Er wird später die faulen Früchte seiner Lebensweise ernten.

Ich komme auf die gewöhnliche Entwicklung des Rausches zurück. Nach dieser ersten Phase heftiger Heiterkeit tritt wie eine plötzliche Ruhe ein. Aber neue Ereignisse kündigen sich bald durch ein Gefühl von Kühle (die bei einigen sich sogar zu äusserstem Kältegefühl steigern kann) und eine grosse Schwäche in allen Gliedern an; deine Hände sind wie aus Butter, im Kopf und deinem ganzen Wesen fühlst du eine Dumpfheit und quälende Betäubung. Deine Augen werden grösser; sie irren wie in einer unstillbaren Ekstase nach allen Richtungen. Blässe befällt dein Antlitz; die Lippen werden schmal und treten mit jenem Keuchen in den Mund zurück, das den Ehrgeiz eines Mannes voll grosser Pläne charakterisiert, der von ungeheueren Gedanken bedrückt seinen Atem gleichsam zum Anlauf sammelt. Die Kehle schliesst sich sozusagen. Der Gaumen wird durch einen Durst ausgetrocknet, den zu stillen es unerhört süss sein inüsste, wäre das Entzücken der Faulheit nicht grösser noch und setzte der leisesten Körperbewegung Widerstand entgegen. Rauhe und tiefe Seufzer entringen sich deiner Brust, als könnte dein früherer Leib die Wünsche und den Tatendurst deiner neuen Seele nicht mehr ertragen. Von Zeit zu Zeit geht ein Ruck durch deinen Körper und zwingt dich zu einer ungewollten Bewegung, gleich jenem Aufschrecken, das am Ende eines arbeitsreichen Tages oder einer Gewitternacht dem endlichen Schlummer vorausgeht.

Ehe ich weitergehe, will ich bezüglich dieses obenerwähnten Kältegefühls, eine weitere Anekdote erzählen, die einen Beweis dafür liefern wird, bis zu welchem Grade sogar die rein körperlichen Wirkungen bei den verschiedenen Personen wechseln können. Dieses Mal spricht ein Literat, und in einigen Stellen meines Berichtes wird man, glaube ich, die Anzeichen eines literarischen Temperamentes entdecken.

»Ich hatte,« erzählte er mir, »eine mässige Dosis Extrakt genommen und alles ging zum Besten. Die Krisis krankhafter Heiterkeit hatte nur kurze Zeit über angehalten, und ich befand mich in einem Zustand der Hingabe und des Erstaunens, der beinahe Glück war. Ich versprach mir also einen ruhigen und sorglosen Abend. Unglücklicherweise zwang mich der Zufall, jemanden ins Theater zu begleiten. Ich entschloss mich heldenhaft, meinen unermesslichen Wunsch nach Faulheit und Bewegungslosigkeit zu unterdrücken. Alle Droschken meines Viertels waren besetzt, und so musste ich mich entschliessen, einen langen Weg zu Fuss zu machen, hin durch den kreischenden Lärm der Wagen, das törichte Geschwätz der Bekannten, dieses ganzen Ozeans von Trivialitäten. Meine Fingerspitzen hatten sich schon leicht abgekühlt, bald wurden sie so kalt als hätte ich beide Hände in einen Kübel mit Eiswasser gesteckt. Aber es war nicht schmerzhaft; dieses fast schneidende Gefühl durchdrang mich eher wie Wollust. Indessen erschien es mir, als umfinge mich diese Kälte mehr und mehr, je weiter ich diese unendliche Reise fortsetzte. Zwei- oder dreimal fragte ich die Person, die ich begleitete, ob es wirklich sehr kalt wäre. Als ich endlich im Theater war und in der für mich bestimmten Loge sass, drei oder vier Stunden Ruhe vor mir, glaubte ich im gelobten Lande angekommen zu sein. Die Gefühle, die ich während des Weges mit meiner ganzen armseligen Energie, die ich noch besass, zurückgedrängt hatte, überwältigten mich, und ich gab mich schrankenlos meinem stummen Wahnsinn hin. Die Kälte steigerte sich noch immer, und doch erblickte ich leichtgekleidete Leute, von denen sich sogar einige mit müdem Ausdruck die Stirn wischten. Der erfreuliche Gedanke stieg in mir auf, dass ich ein bevorzugter Mensch wäre, der allein das Recht hätte, Sommers in einem Theater zu frieren. Die Kälte wuchs beunruhigend; aber vor allen Dingen war ich von der Begierde beherrscht zu erfahren, bis zu welchem Grade sie sich steigern würde. Endlich war sie so stark, so völlig, so allgemein, dass meine ganzen Gedanken sozusagen einfroren: ich war ein denkendes Eisstück. Ich sah mich als eine aus einem Eisblock gehauene Statue, und diese verrückte Halluzination machte mich stolz, erregte in mir ein moralisches Wohlbefinden, das ich Ihnen nicht beschreiben könnte. Was meine scheussliche Freude erhöhte, war die Gewissheit, dass keiner der Umsitzenden meine Natur erkannte und in welchem Grade ich ihnen überlegen war. Das Glück ferner zu denken, dass mein Begleiter keinen Augenblick nur geahnt hatte, von welchen merkwürdigen Gefühlen ich besessen war! Ich wurde für meine Verstellung belohnt, und meine ausser-ordentliche Wollust war ein wirkliches Geheimnis. Kaum war ich in meine Loge getreten, hatten meine Augen eine Vorstellung von Dunkelheit, die mir mit der Kälteidee im Zusammenhang zu stehen schien. Diese beiden Ideen hatten sich möglicherweise gegenseitig ihre Kraft gegeben. Sie wissen, dass der Haschisch immer Lichtzauber, fabelhaften Glanz, Kaskaden flüssigen Goldes hervorzaubert; jedes Licht taugt ihm, das glatte dahinrieselnde und das, das wie Flitter an den Spitzen und Vorsprüngen hängen bleibt, die Leuchter in den Salons, die Kerzen der Marienfeier, die Rosenlawinen der Sonnenuntergänge; – anscheinend verbreitete der elende Lüster für diesen unstillbaren Durst nach Helligkeit ein recht ungenügendes Licht; also war es mir, wie ich es Ihnen sagte, als träte ich in eine Welt voll Nebel, der im übrigen immer dichter wurde, während ich von Polarnacht und ewigem Winter träumte. Nur die Bühne (es war eine Possenbühne) leuchtete unendlich klein und in der Ferne, ganz weit wie am Ende eines ungeheueren Stereoskops. Ich will nicht behaupten, dass ich den Schauspielern zuhörte, Sie wissen, dass das unmöglich ist. Von Zeit zu Zeit klammerten sich meine Gedanken vorübergehend an einen Satzfetzen, und ähnlich einer geschickten Tänzerin benutzten sie ihn wie ein Trampolin, um in sehr ferne Träume zu springen. Man könnte glauben, dass ein solcher Art gehörtes Drama ohne Logik und Zusammenhang ist; Sie irren: Ich entdeckte einen sehr feinen Sinn in dem Stück, das meine Unaufmerksamkeit dichtete. Nichts setzte mich in Erstaunen, und ich ähnelte ein wenig dem Dichter, der, als er zum ersten Male ›Esther‹ spielen sah, es ganz natürlich fand, dass Hamann der Königin eine Liebeserklärung machte. Es war, man errät es, der Augenblick, wo er sich Esther zu Füssen wirft, um Verzeihung für seine Verbrechen zu erflehen. Wenn alle Dramen in solchem Zustand gehört würden, würden sie sehr an Schönheit gewinnen, sogar die Schillerschen.

Die Schauspieler erschienen mir ausserordentlich klein und wie Meissonniersche Figurinen sorgfältig und genau umrissen. Ich erkannte deutlich nicht nur die feinsten Einzelheiten ihrer Kleider, Stoffmuster, Nähte, Knöpfe usw. sondern sogar den Trennungsstrich zwischen Stirn und Perücke, das Weiss, das Blau, das Rot und alle Schminkmittel. Und all diese Liliputaner standen in einer Kälte und magischen Helligkeit wie die, die ein sehr klares Glas auf ein Ölbild wirft. Als ich endlich diesen Keller voll eisiger Nebel verlassen konnte und ich mir, während der Rausch versank, selbst wiedergegeben wurde, empfand ich eine grössere Müdigkeit als jemals nach einer langen und schweren Arbeit.

In der Tat ergibt sich in diesem Stadium des Rausches eine neue Feinfühligkeit, eine Überschärfung aller Sinne; Geruch, Gesicht, Gehör und Gefühl nehmen gleichen Anteil daran. Die Augen suchen die Unendlichkeit. Das Ohr vernimmt fast unhörbare Töne im grössten Tumult, dann beginnen die Halluzinationen. Die Gegenstände der Aussenwelt nehmen langsam und nacheinander merkwürdige Gestalt an. Sie ändern und verändern sich. Dann folgen der Doppelsinn, der Irrtum und das Spiel der Ideen. Die Töne bekommen Farben und die Farben geben Musik. Dies, wird man sagen, ist nur natürlich und jedes poetische Gemüt kann gleiches in gesundem und normalem Zustande leicht erfahren. Aber ich habe den Leser bereits darauf aufmerksam gemacht, dass es im Haschischrausch nichts tatsächlich Übernatürliches gibt; nur dass diese Analogien von ungewohnter Lebendigkeit sind. Sie durchdringen, ergreifen und übermannen herrisch den Geist. Die Töne werden Zahlen, und wenn dein Geist etwas Begabung für Mathematik hat, verändert sich hier die gehörte Melodie und Harmonie, während sie dabei ihren wollüstigen und sinnlichen Charakter behält, in eine ungeheure mathematische Aufgabe, in der sich Zahlen den Zahlen gesellen und deren Phasen und Auflösung du mit unerklärlicher Leichtigkeit und der den Spielenden gleichen Geschicklichkeit folgst.

Mitunter verschwindet das Persönlichkeitsbewusstsein, und die Objektivität, die pantheistischen Dichtern eigen ist, entwickelt sich in dir so ausserordentlich, dass die Betrachtung der äusseren Dinge dich deine eigene Existenz vergessen lässt und du bald in ihnen aufgehst. Deine Augen richteten sich auf einen im Wind harmonisch gewiegten Baum; in wenigen Augenblicken wird, was im Hirn eines Dichters ein sehr gewöhnlicher Vergleich wäre, in dem deinen zur Wirklichkeit. Du verleihst zunächst dem Baum deine Leidenschaften, deinen Wunsch oder deine Melancholie. Sein Seufzen und sein Zittern wird zu deinem, und bald bist du der Baum. Ebenso stellt der Vogel, der in der Tiefe des Himmels schwebt, zunächst die unsterbliche Lust, über den menschlichen Dingen zu gleiten dar; aber schon bist du der Vogel selbst. Nimm an, dass du sitzest und rauchst, dass deine Aufmerksamkeit ein wenig zu lange auf den bläulichen Wolken, die deiner Pfeife entsteigen, ruht – der Gedanke an ein langsam, ständiges, ewiges Verdampfen ergreift deinen Geist, bald überträgst du diese Idee deinen eigenenen Gedanken, deiner denkenden Materie. Durch merkwürdige Doppelsinnigkeit und durch eine Art Umstellung oder geistiges Quiproquo fühlst du dich selbst verdampfen und wirst deiner Pfeife (in der du dich hockend und wie Tabak brennend fühlst) die merkwürdige Fähigkeit zusprechen, dich selbst zu rauchen.

Zum Glück hat diese unendliche Phantasie nur einige Minuten gedauert, denn in einem kurzen klaren Augenblick hast du es unter grosser Mühe fertiggebracht, auf die Uhr zu sehen. Aber schon trägt dich ein anderer Gedankenfluss fort; auch er wird dich eine Minute in seinem lebendigen Wirbel forttreiben, und diese weitere Minute wird zu einer weiteren Ewigkeit werden. Denn die Begriffe der Zeit und des Daseins werden durch die Vielheit und die Intensität der Gefühle und der Ideen völlig verwirrt. Es ist, als lebte man mehrere Menschenleben in einer Stunde. Ähnelst du nicht einem phantastischen Roman, der gelebt anstatt geschrieben wird? Zwischen Organen und Freuden gibt es keine Kongruenz mehr; und hauptsächlich diese Betrachtung begründet das Sträfliche dieser gefährlichen Übung, in der man die Freiheit verliert.

Wenn ich von Halluzinationen rede, darf man das Wort nicht wörtlich nehmen. Ein sehr wichtiger Faktor unterscheidet die reine Halluzination, die zu studieren die Ärzte oft Gelegenheit haben, von der Halluzination oder besser dem Gedankenirrtum im Haschischrausch. Im ersten Falle ist die Halluzination plötzlich, vollkommen und verhängnisvoll; sie findet des weiteren weder Vorwand noch Entschuldigung in der Welt der äusseren Gegenstände. Der Kranke sieht eine Form, hört Töne, wo es keine gibt. Im zweiten Fall entsteht die Halluzination nach und nach fast durch freien Willen und wird erst durch die Arbeit der Einbildungskraft vollkommen und reif. Kurz, sie hat einen Vorwand. Der Ton wird zwar sprechen, deutliche Dinge sagen, aber der Ton war da. Das trunkene Auge des haschischberauschten Menschen wird merkwürdige Formen sehen, aber diese Formen waren einfach und natürlich, ehe sie sonderbar und ungeheuer wurden. Die Energie und die wirklich sprechende Lebhaftigkeit der Haschischhalluzination entkräftet in nichts diesen wesentlichen Unterschied. Sie wurzelt in der tatsächlichen Umgebung und im Augenblick, jene nicht. Um dieses Durcheinander in der Einbildung, diese Reife des Traumes und die poetischen Ausgeburten, zu denen ein haschischvergiftetes Hirn verurteilt ist, besser zu belegen, werde ich noch eine Anekdote erzählen. Dieses Mal spricht kein junger, nichtstuerischer Mensch, auch kein Literat. Es ist eine Frau, eine schon etwas reife, neugierige, leicht erregbare Frau, die ihrer Neugier, das Gift kennenzulernen, nachgab, und wie folgt für eine andere Dame ihre Hauptvision niederschrieb. Ich gebe sie wörtlich:

»Wie merkwürdig und neu auch die Gefühle sein mögen, die ich in meiner zwölfstündigen Tollheit empfand (zwölfstündig, zwanzigstündig? Wahrhaftig, ich weiss es nicht), ich will es nie wieder tun. Allzu gross ist die Aufregung des Geistes, die Müdigkeit nachher allzu gross; und alles in allem finde ich in dieser Kinderei etwas Verbrecherisches. Ich habe meiner Neugier nachgegeben; und dann war es eine allgemeine Tollheit, bei alten Freunden, wo ich keine grosse Gefahr darin sah, ein wenig die Haltung zu verlieren. Vor allen Dingen muss ich Ihnen sagen, dass dieser verfluchte Haschisch ein sehr heimtückischer Saft ist. Mitunter glaubt man, den Rausch überwunden zu haben, aber diese Ruhe trügt. Es kommen Ruhepausen, dann aber wieder neue Anfälle. Und so befand ich mich denn gegen zehn Uhr abends in einem dieser kurzen ruhigen Zustände; ich glaubte, von jenem Lebensüberschuss erlöst zu sein, der mich, ich gebe es zu, so erfreut hatte, aber auch Angst und Furcht barg. Ich ass mit Vergnügen zu Abend, wie von einer langen Reise erschöpft. Bis dahin hatte ich vorsichtigerweise gefastet. Aber schon bevor ich vom Tisch aufstand, hatte mich der Rausch wieder wie eine Katze die Maus ergriffen, und das Gift begann von neuem mit meinem armen Gehirn zu spielen. Obgleich mein Haus nahe beim Schloss unserer Freunde liegt und ein Wagen zu meiner Verfügung stand, war ich vom Wunsche, zu träumen und mich dieser unwiderstehlichen Tollheit hinzugeben, so besessen, dass ich freudig ihr Anerbieten, mich bis zum Morgen dazubehalten, annahm. Sie kennen das Schloss, wissen, dass man den ganzen von der Herrschaft bewohnten Flügel neu eingerichtet, tapeziert und modernisiert hat, den aber für gewöhnlich unbewohnten Teil in seinem alten Stil und seiner alten Einrichtung liess. Man beschloss, ein Schlafzimmer für mich in diesem Teil des Schlosses zu improvisieren, und wählte zu diesem Zweck das kleinste Zimmer, eine Art Boudoir, das schon ein wenig verblasst und verschossen, darum aber nicht weniger reizend war. Ich muss es Ihnen, so gut es geht, beschreiben, damit Sie die merkwürdige Vision verstehen, deren Opfer ich war, eine Vision, die mich die ganze Nacht beschäftigte, ohne dass ich Zeit hatte, die Flucht der Stunden zu merken.

Das Boudoir ist sehr klein und sehr eng. In Gesimshöhe wölbt sich die Decke. Die Wände werden von schmalen und langen Spiegeln bedeckt, die durch Panneaux geteilt sind, auf denen Landschaften in leicht dekorativem Stil gemalt waren. In der Höhe des Gesimses befinden sich auf allen vier Wänden verschiedene allegorische Figuren, in ruhender Stellung die einen, die anderen im Laufen oder im Flug. Über ihnen einige glänzende Vögel und Blumen. Hinter den Figuren erhebt sich ein perspektivisch gezeichnetes Gitterwerk, das sich natürlich der Wölbung der Decke angliedert. Die Decke ist vergoldet. Alle Zwischenräume zwischen den Stäben und Figuren sind also goldbedeckt, und in der Mitte wird das Gold nur durch das geometrische Netz des gemalten Gitterwerkes unterbrochen. Sie sehen, dass das Ganze etwas einem sehr vornehmen Bauer ähnelt, einem sehr schönen Bauer für einen sehr grossen Vogel. Ich muss hinzufügen, dass die Nacht sehr schön und sehr klar war, der Mond so hell leuchtete, dass, als ich das Licht verlöscht hatte, die ganze Bemalung sichtbar blieb, nicht, wie Sie meinen könnten, durch das Auge meines Geistes, sondern durch die schöne Nacht erhellt, deren Glanz um all diese Goldstickereien, Spiegel und bunten Farben hing.

Zuerst war ich sehr erstaunt, vor mir, neben mir und von allen Seiten her grosse Weiten sich breiten zu sehen; es waren klare Flüsse, und die grünenden Landschaften spiegelten sich in den stillen Gewässern. Sie erraten schon die Wirkung der in den Spiegeln widergespiegelten Panneaux. Als ich die Augen hob, sah ich einen Sonnenuntergang gleich erkaltetem flüssigem Metall. Es war das Gold der Decke; aber das Gitter hiess mich glauben, dass ich in einer Art Käfig oder in einem nach allen Seiten offenen Haus mich befand, und dass ich von all diesen Wundern nur durch die Gitter meines kostbaren Gefängnisses getrennt war. Zuerst lachte ich über meine Einbildung. Aber je mehr ich hinschaute, um so mehr verstärkte sich das Wunder, wurde es lebendiger, klarer und von zwingender Wirklichkeit. Von da an beherrschte der Gedanke, gefangen zu sein, meinen Geist, ohne, wie ich es zugebe, den vielen Freuden allzusehr Abbruch zu tun, die ich aus dem um mich und über mir stattfindenden Schauspiel zog. Ich sah mich wie auf lange Zeit, für tausende von Jahren vielleicht, in diesem wollüstigen Käfig inmitten dieser Feenlandschaften und wunderbaren Horizonte gefangen, und träumte von Dornröschen, von Sühne, die ich tragen musste, und späterer Erlösung. Über meinem Haupt flatterten herrliche tropische Vögel, und da mein Ohr den Ton der Glöckchen an den Hälsen der Pferde hörte, die in der Ferne auf der Landstrasse trabten, vereinigten die beiden Sinne ihre Eindrücke zu einer einzigen Vorstellung, ich schrieb den Vögeln diesen geheimnisvollen bronzenen Gesang zu und glaubte, dass sie aus metallischer Kehle sängen. Anscheinend sprachen sie von mir und feierten meine Gefangenschaft. Hüpfende komische Affen schienen die ausgestreckte, zur Unbeweglichkeit verdammte Gefangene zu verspotten. Aber all die mythologischen Götter sahen mich mit reizendem Lächeln an, wie um mir Mut einzuflössen, meine Verzauberung geduldig zu ertragen, und alle Augen folgten mir, als wollten sie meinen Blick festhalten. Ich schloss, dass, wenn alte Fehler, Sünden, die ich selbst nicht kannte, diese vorübergehende Strafe verschuldet hatten, ich dennoch auf die Güte der Götter vertrauen konnte, die, während sie mich zur Klugheit verurteilten, mir dennoch grössere Freude bieten würden als das Puppenspiel, das unsere Jugend füllte. Aber ich muss gestehen, dass das Vergnügen, diese Form und diese leuchtenden Farben zu betrachten, das Vergnügen, mich als Mittelpunkt eines phantastischen Traumes zu sehen, meist alle anderen Gedanken überwucherte. Dieser Zustand dauerte lange, sehr lange ... dauerte er bis zum Morgen? Ich weiss es nicht. Plötzlich sah ich die Sonne in mein Zimmer scheinen. Ich empfand ein lebhaftes Erstaunen und trotz aller Anstrengungen, mich zu erinnern, brachte ich es nicht fertig festzustellen, ob ich geschlafen hatte oder geduldig eine köstliche Schlaflosigkeit überstanden hatte. Eben noch war es Nacht und jetzt Tag! Und inzwischen hatte ich lange gelebt, sehr lange! Das Zeitgefühl oder besser das Gefühl für die Zeiteinteilung war verschwunden, und die ganze Nacht war für mich nur an der Vielheit meiner Gedanken zu messen. So lang sie mir unter diesem Gesichtswinkel erscheinen musste, war es in anderer Hinsicht wieder, als hätte sie nur einige Sekunden gedauert, oder dass sie überhaupt nicht zum Teil der Ewigkeit geworden war.

Ich schweige von meiner Müdigkeit ... , sie war ungeheuerlich. Man sagt, dass der Enthusiasmus der Dichter und schöpferischen Menschen dem ähnelt, was ich empfand, obgleich ich immer der Meinung war, dass Menschen, die die Aufgabe haben uns zu bewegen, ein sehr ruhiges Temperament besitzen müssten. Aber wenn das poetische Delirium dem ähnelt, was mir ein kleiner Löffel Konfekt verschaffte, meine ich, dass das Vergnügen des Publikums den Dichtern sehr teuer zu stehen kommt, und nicht ohne ein gewisses Wohlbefinden einer prosaischen Genugtuung fand ich mich endlich nach Hause, in mein geistiges Zuhause, will sagen: in mein reales Leben zurück.«

Man sieht, eine sehr vernünftige Frau; aber wir wollen ihren Bericht nur verwerten, um aus ihm einige Nutzanwendungen zu ziehen, die diese kurz zusammengefasste Beschreibung der hauptsächlichen Gefühle des Haschischrauchers ergänzen werden.

Sie sprach vom Abendbrot als einem sehr zurecht kommenden Vergnügen und zwar in dem Augenblick, wo eine plötzliche Erhellung, die ihr indessen endgültig schien, es ihr erlaubte, das wirkliche Leben wieder aufzunehmen. In der Tat gibt es, wie ich dies auch schon erwähnte, Pausen und trügerische Ruhe, und häufig erzeugt der Haschisch grossen Hunger, fast immer aussergewöhnlichen Durst. Nur bewirken Mittag- oder Abendbrot anstatt dauernder Ruhe diese neuen Anfälle, schwindelnden Krisen, über die unsere Erzählerin klagt, und der eine Reihe zauberischer, leicht furchtvermischter Visionen folgten, denen sie sich entschlossen und gutwillig hingab. Dieser fragliche Hunger und quälende Durst können nicht ohne eine gewisse Mühe gelöscht werden. Denn der Mensch fühlt sich so über die materiellen Dinge erhaben, oder besser, er ist so tief in seinen Rausch versunken, dass er grosser Anstrengungen bedarf, um eine Flasche oder eine Gabel zu bewegen.

Die endliche Krise, die durch die Verdauung der Nahrung hervorgerufen wird, ist in der Tat sehr heftig: man kann nicht gegen sie ankämpfen; und ein solcher Zustand wäre nicht zu ertragen, wenn er lange dauerte uud nicht bald einer anderen Phase des Rausches wiche, der sich in erwähntem Falle in herrlichen, leicht schreckenden und zu gleicher Zeit ganz tröstlichen Visionen bezeugte. Dieser neue Zustand ist das, was die Orientalen ›Kief‹ nennen. Er ist frei von Aufregung und Unruhe; es ist eine ruhige unbewegliche Glückseligkeit, eine göttliche Abgeklärtheit. Seit langem bist du nicht mehr dein eigener Herr, aber es stimmt dich nicht mehr traurig. Schmerz und Zeitbegriffe entschwanden, oder wenn sie mitunter noch aufzutauchen wagen, sind sie durch das vorherrschende Gefühl abgewandelt; und sie verhalten sich zu ihrer üblichen Form wie die dichterische Melancholie zum wirklichen Schmerz.

Aber betrachten wir zunächst im Bericht der Dame, (und darum gab ich ihn wieder) dass die Halluzination unecht ist, und ihr wesentliches der äusseren Umgebung entlehnt. Der Geist ist der Spiegel nur, in dem die Umgebung übertrieben verändert reflektiert. Dann sehen wir, wie das eintritt, was ich gern die moralische Halluzination nennen möchte: Die Betreffende glaubt einer Sühne unterworfen zu sein; aber das weibliche Temperament, das sich wenig zur Analyse eignet, gestattete ihr nicht den merkwürdig optimistischen Charakter genannter Halluzination zu verzeichnen. Der wohlwollende Blick der olympischen Götter war rein haschischerzeugte Phantasie. Ich will nicht behaupten, dass diese Dame nahezu Gewissensbisse hatte; aber ihre Gedanken, die einen Augenblick lang der Melancholie und dem Bedauern sich zuwandten, wurden schnell von Hoffnung wieder belebt. Dies ist eine Beobachtung, die nachzuprüfen wir noch Gelegenheit finden werden.

Sie hat von der Ermüdung am andern Morgen gesprochen: In der Tat ist diese Ermüdung gross; aber sie zeigt sich nicht alsbald, und im Augenblick, wo sie dich packt, bist du erstaunt. Denn, wenn du zuerst erkanntest, dass ein neuer Tag am Horizont deines Lebens aufsteigt, empfindest du ein erstaunliches Wohlbefinden; du meinst geistig selten frisch zu sein. Aber kaum bist du aufgestanden, folgt dir ein alter Rest von Trunkenheit nach und hält dich wie die Ketten deiner eben durchlebten Sklaverei fest. Deine schwachen Beine tragen dich nur mühsam, und jeden Augenblick fürchtest du, wie ein zerbrechlicher Gegenstand zu zerschellen. Eine grosse Mattigkeit (von der einige Menschen behaupten, dass sie nicht ohne Reiz sei) befällt deinen Geist und senkt sich auf all deine Fähigkeiten wie Nebel auf eine Landschaft. Für einige Stunden noch bist du unfähig zur Arbeit, zur Handlung und zur Energie. Das ist die Strafe für die ruchlose Verschwendungssucht, mit der du dein nervöses Fluidum verausgabtest. Das hat deine Persönlichkeit in die vier Winde des Himmels gestreut, und welche Mühe empfindest du nicht jetzt, sie zusammenzubringen und zu konzentrieren.

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