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Die künstlichen Paradiese

Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
titleDie künstlichen Paradiese
authorCharles Baudelaire
translatorHeinrich Steinitzer
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
year1925
senderreuters@abc.de
created20040730
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II

Was ist der Haschisch?

Die Berichte Marco-Polos,Marco Polo, 1254–1323, ein Venezianer, der bedeutendste Reisende des Mittelalters, der als erster ganz Asien bereiste und beschrieb. (Anm. d. Übers.) die man, wie die einiger anderer alter Reisender, zu Unrecht verspottet hat, sind von den Gelehrten nachgeprüft und als glaubwürdig befunden worden. Ich werde ihm nicht nacherzählen, wie der Alte vom Berge in einem köstlichen Garten seine jüngsten Schüler einschloss, denen er, sozusagen als flüchtige Belohnung für einen passiven und unbedachten Gehorsam, einen Eindruck vom Paradiese verschaffen wollte, nachdem er sie mit Haschisch trunken gemacht hatte. (Von wo Haschischins oder Assassins kommen)Assassins: zu deutsch Mörder, wird etymologisch von Haschisché abgeleitet. Der Alte vom Berge (falsche Übersetzung von Scheich al Dschebel, das heisst Gebieter des Gebirges), Raschid al-din Sinan, gebrauchte die haschischberauschten Jünglinge, die man Fridawi nannte, dazu, seine Feinde umbringen zu lassen. (Anm. d. Übers.)

Der Leser kann bezüglich der geheimen Organisation der Haschischins das Werk Hammers und die Memoiren von Sylvestre de Sacy nachlesen, die im Band XVI des Mémoires de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres enthalten sind, und bezüglich der Etymologie des Wortes »Assassins« dessen Brief an den Herausgeber des Moniteur in Nummer 359 des Jahrganges 1809. Herodot erzählt, dass die Skythen Hanfkörner sammelten, auf die sie heisse Steine warfen. Das bedeutete für sie gleichsam ein Bad, dessen Dampf wohlriechender war als der griechischer Badestuben, und ihnen ein so heftiges Vergnügen bereitete, dass sie Freudenschreie ausstiessen.

In der Tat kommt der Haschisch aus dem Orient. Die erregenden Eigenschaften des Hanfes waren im alten Ägypten wohlbekannt und sein Gebrauch ist unter verschiedenen Namen in Indien, Algerien und Arabien stark verbreitet, aber wir finden auch bei uns unter unseren Augen merkwürdige Beispiele durch pflanzliche Ausdünstung hervorgerufener Trunkenheit. Ohne von den Kindern reden zu wollen, die oft einen merkwürdigen Schwindel empfinden, wenn sie in frischgemähter Luzerne spielten und sich wälzten, weiss man, dass während der Hanfernte männliche und weibliche Arbeiter ähnliche Wirkungen verspüren; man möchte sagen, dass aus der Ernte ein Miasma aufsteigt, das hinterlistig ihr Gehirn verwirrt. Der Kopf des Mähers ist wie durcheinandergewirbelt, oft von Träumen beladen. In gewissen Augenblicken werden die Glieder schwach und versagen den Dienst. Wir hörten oft von ziemlich häufigen mondsuchtsartigen Anfällen russischer Bauern, deren Ursache, wie man sagt, im Gebrauch des Hanföles bei der Nahrungsbereitung liegen soll. Wer kennt nicht die Tollheit der Hühner, die Hanfkörner gefressen haben, und die feurige Begeisterung der Pferde, die die Bauern bei Hochzeiten und kirchlichen Festen zu einem Wettrennen vorbereiten, indem sie ihnen oft in Wein getauchten Hanf vorwerfen?

Indessen ist der französische Hanf zur Haschischbereitung oder nach vielfachen Erfahrungen wenigstens dazu ungeeignet, eine dem Haschisch an Kraft gleichwertige Droge zu ergeben. Der Haschisch oder indische Hanf, Cannabis indica, gehört zu der Familie der Urticeen und ist ganz ähnlich dem Hanf anderer Klimate, nur dass er nicht dieselbe Höhe erreicht. Er besitzt ausserordentlich berauschende Eigenschaften, die seit einigen Jahren in Frankreich die Aufmerksamkeit der Gelehrten und Weltleute auf sich gezogen haben. Er wird mehr oder weniger seiner Heimat nach geschätzt. Der bengalische ist der von Liebhabern bevorzugte; indessen haben der ägyptische, türkische, persische und algerische dieselben Eigenschaften, wenn auch in etwas geringerem Grade.

Der Haschisch (oder Gras, das heisst Gras an sich, als hätten die Araber mit dem einen Wort ›Gras‹ die Quelle aller geistigen Genüsse bezeichnen wollen) trägt nach seiner Zusammensetzung und Zubereitungsart, die er im Lande seiner Ernte erfuhr, verschiedene Namen: in Indien: Bangi, in Afrika: Teriaki, in Algerien und Arabien: Madjoud usw. Es ist nicht gleichgültig, während welcher Jahreszeit man ihn pflückt; in seiner Blüteperiode ist er am kräftigsten. Die blühenden Spitzen sind infolgedessen die einzigsten Teile, die bei den verschiedenen Zubereitungen verwertet werden, über die wir einige Worte zu sagen haben.

Der Fettextrakt des Haschisch, wie ihn die Araber bereiten, entsteht, indem man die Spitzen der frischen Pflanzen in Butter mit ein wenig Wasser kochen lässt. Nach vollständiger Verdampfung aller Feuchtigkeit passiert man ihn und erhält so eine Masse, die wie eine gelbliche Pomade aussieht und einen unangenehmen Geruch von Haschisch und ranziger Butter behält. Man nimmt ihn in dieser Form in kleinen Kügelchen von zwei bis vier Gramm ein; aber wegen seines üblen Geruchs, der mit der Zeit zunimmt, verarbeiten die Araber den Fettextrakt in Konfitüren.

Die gebräuchlichste Art dieser Konfitüren, das Davamesk, ist eine Mischung aus Extrakt, Zucker und verschiedenen aromatischen Kräutern, wie Vanille, Zimt, Pistazie und Muskat. Mitunter setzt man selbst ein wenig Kanthariden zu einem Behufe zu, der nichts gemein mit den üblichen Wirkungen des Haschisch hat. In dieser neuen Form hat der Haschisch nichts Unangenehmes und man kann ihn in Dosen von 15, 20 und 30 Gramm, sei es in einer Oblate, sei es in einer Tasse Kaffee einnehmen. Die Versuche von Smith, Gastinel und Decourtive hatten den Zweck, das aktive Prinzip des Haschisch zu entdecken. Trotz ihrer Bemühungen blieb seine chemische Zusammensetzung doch ziemlich unbekannt. Für gewöhnlich schreibt man seine Eigenschaften einer harzigen Masse zu, die er ziemlich stark dosiert in einem Verhältnis von etwa zehn Prozent enthält. Um dieses Harz zu gewinnen, zerstampft man die getrocknete Pflanze in grobes Pulver und wäscht sie mehrmals mit Alkohol, den man nachher destilliert, um ihn teilweise herauszuziehen; man lässt das Ganze bis zur Extraktzähigkeit verdampfen. Diesen Extrakt behandelt man mit Wasser, das die klebrigen, fressenden Bestandteile auflöst, und so bleibt das reine Harz übrig.

Dieses Produkt ist weich, von dunkelgrüner Farbe und besitzt in hohem Masse den charakteristischen Haschischgeruch. Fünf, zehn und fünfzehn Zentigramm genügen, um erstaunliche Wirkungen hervorzurufen. Aber der Haschisch, den man in Form von Schokoladenplätzchen oder kleinen Ingwerpillen sich zuführen kann, zeitigt wie der Davamesk und der Extrakt mehr oder weniger heftige Wirkungen, die je nach dem Temperament der einzelnen Esser und ihrer nervösen Empfindlichkeit verschieden sind. Besser noch, die Wirkung wechselt bei der gleichen Person. Bald ist sie eine unmässige und unwiderstehliche Heiterkeit, bald ein Gefühl von Wohlbefinden und Lebenskraft, ein andermal ein traumdurchwobener Halbschlaf. Indessen gibt es Phänomene, die sich ziemlich regelmässig wiederholen, hauptsächlich bei Personen gleichen Temperaments und gleicher Erziehung; dies gibt der Verschiedenheit jene gewisse Gleichheit, die es ermöglicht, ohne allzu grosse Mühe die Monographie des Rausches, die ich vorhin erwähnte, zu verfassen.

In Konstantinopel, Algerien und selbst in Frankreich rauchen einige Personen mit Tabak vermischten Haschisch; aber in diesem Falle treten die fraglichen Phänomene nur in sehr gemilderter und sozusagen steifer Form auf. Ich habe gehört, dass man kürzlich auf dem Destillationswege aus dem Haschisch ein lösbares Öl gezogen hat, das viel stärkere Wirkungen hervorbringen soll als alle bisher bekannten Präparate; aber man hat es noch nicht genügend erprobt, als dass ich mit Gewissheit über seine endgültigen Wirkungen sprechen könnte. Es ist wohl übrig hinzuzufügen, dass Tee, Kaffee und Liköre mächtige Hilfsmittel sind, die mehr oder weniger das Erblühen dieses mystischen Rausches fördern.

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