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Die künstlichen Paradiese

Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese - Kapitel 2
Quellenangabe
typeessay
titleDie künstlichen Paradiese
authorCharles Baudelaire
translatorHeinrich Steinitzer
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
year1925
senderreuters@abc.de
created20040730
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I

Die Lust an der Unendlichkeit

Die, die sich selbst zu beobachten verstehen und Gedächtnis für ihre Eindrücke haben, die es vermochten, wie Hoffmann ihr geistiges Barometer zu erbauen, konnten mitunter im Observatorium ihrer Gedanken schöne Jahreszeiten, glückliche Tage und köstliche Minuten verzeichnen. Es gibt Tage, an denen der Mensch sich jung und kräftig im Geist erhebt. Kaum haben seine Wimpern den Schlaf abgeschüttelt, der sie verschloss, so zeigt sich ihm die Welt in mächtigem Relief, in reinen Konturen und in einem Reichtum herrlicher Farben. Die moralische Welt öffnet ihre weiten Perspektiven voll neuer Klarheiten. Der Mensch, dem dieses seltene und flüchtige Glück geschenkt wird, fühlt sich zugleich künstlerischer, gerechter, adeliger, um alles in einem Wort zu nennen. Aber das merkwürdigste bei diesem aussergewöhnlichen Zustand des Geistes und der Sinne, den man ohne Übertreibung paradiesisch nennen kann, ist, wenn ich ihn mit den schweren Nebeln der gemeinen und täglichen Existenz vergleiche, dass er aus keinem sehr sichtbaren und leicht erratbaren Grunde entspringt. Ist er das Ergebnis einer guten Hygiene und weiser Enthaltsamkeit? Das wäre die erste Erklärung, die uns einfällt; aber wir müssen erkennen, dass dieses Wunder häufig entsteht, als wäre es die Wirkung einer höheren und unsichtbaren, ausserhalh des Menschen befindlichen Macht nach einer Periode, in der dieser seine physischen Kräfte missbraucht hat. Werden wir sie die Belohnung für fleissiges Gebet und geistige Glut nennen? Es liegt auf der Hand, dass eine ständige Erhebung des Wunsches, eine Anspannung der geistigen Kräfte himmelan die beste Art wäre, diese moralisch so strahlende und so ruhmvolle Gesundheit zu schaffen. Aber nach welchem sinnlosen Gesetz manifestiert sie sich mitunter; nach strafbaren Orgien der Phantasie, nach einem sophistischen Missbrauch der Vernunft, die bei mässigem und vernünftigem Gebrauch das bedeutet, was die Freiübungen in der gesunden Gymnastik sind. Darum ziehe ich es vor, diesen ungewöhnlichen Geisteszustand als wirkliche Gnade zu empfinden, als magischen Spiegel, in dem der Mensch in Schönheit, das heisst, so wie er sein könnte und müsste, sich zu betrachten eingeladen ist; als eine Art englischer Erregung, einen Ordnungsruf in schmackhafter Form. Ebenso wie eine gewisse spiritistische Schule, die in England und Amerika ihre Hauptvertreter hat, die übernatürlichen Phänomene wie Geistererscheinungen, Materialisationen usw. als Manifestation des göttlichen Willens auffasst, die im Geist des Menschen die Erinnerung an die unsichtbaren Tatsachen erwecken will.

Dieser reizvolle und merkwürdige Zustand, bei dem alle Kräfte sich im Gleichgewicht halten, in dem die zwar sonderlich mächtige Phantasie nicht das moralische Gewissen in gefährliche Abenteuer lockt, in dem eine köstliche Empfindsamkeit nicht mehr von kranken Nerven, diesen üblichen Ratgebern des Verbrechens oder der Verzweiflung, gequält wird; dieser merkwürdige Zustand, sage ich, hat übrigens keine vorangehenden Symptome, er ist ebenso unvorhergesehen wie das Phantom. Es ist eine Art Besessenheit, aber zeitweiliger Besessenheit nur, aus der wir, wären wir weise, die Zuversicht auf ein besseres Dasein und die Hoffnung, solches durch tägliche Übung unseres Willens zu erkämpfen, ziehen sollten. Diese Schärfe des Verstandes, diese Begeisterung der Sinne und des Geistes müssten zu allen Zeiten den Menschen als der Güter höchstes erscheinen. Weshalb er auch die Blicke nur auf die Lust des Augenblicks richtete, und ohne Rücksicht auf die Gesetze seiner Gesundheit in der Physik, der Pharmazeutik, in den gewöhnlichen Branntweinen, in den zartesten Parfüms, unter allen Klimaten und in allen Zeiten die Mittel suchte, um, und wäre es für einige Stunden nur, seiner muffigen Wohnung zu entfliehen und, wie der Verfasser des Lazarus sagt: das Paradies mit einem Male zu gewinnen. Ach! die Sünden des Menschen, die der Grauen so voll sind wie man glaubt, beweisen (und wäre es nur durch ihre unendliche Verbreitung!) seine Lust an der Unendlichkeit; nur dass es eine Lust ist, die oft im Wege irrt. Man könnte das gewöhnliche Sprichwort: »Alle Wege führen nach Rom« in übertragenem Sinne gebrauchen und es auf die moralische Welt anwenden. Alles führt zur Belohnung oder zur Strafe, zu den zwei Formen der Unendlichkeit! Der menschliche Geist birst von Leidenschaft; aber dieser unendliche Geist, dessen natürliche Verderbtheit ebenso gross ist wie seine plötzliche, fast paradoxe Bereitschaft zu Wohltaten und strengsten Tugenden, ist reich an Paradoxen, die es ihm erlauben, für das Böse das Zuviel dieser überfliessenden Leidenschaften zu verwenden. Niemals glaubt er, dass er sich mit Haut und Haaren verkauft. Er vergisst in seiner törichten Voreingenommenheit, dass er sich einem Klügeren und Stärkeren verspielt, und dass der Geist des Bösen, selbst wenn man ihm nur ein Haar reicht, nicht zögert, den Kopf mitzunehmen. Dieser sichtbare Herr der sichtbaren Natur (ich spreche vom Menschen) wollte also das Paradies durch die Apotheke, durch gegorene Getränke sich verschaffen gleich einem Wahnsinnigen, der feste Möbel und wirkliche Gärten durch auf Leinewand gemalte und auf Latten genagelte Kulissen ersetzen möchte. In dieser Verderbtheit der Lust an der Unendlichkeit liegt, wie ich glaube, der Grund zu allen schuldbeladenen Ausschweifungen, angefangen von der einsamen und konzentrierten Trunkenheit des Literaten, der im Opium Erleichterung für einen körperlichen Schmerz suchen musste, in ihm eine Quelle tödlicher Freuden entdeckte und aus ihm nach und nach sein einziges Heilmittel und gleichsam die Sonne seines geistigen Lebens schaffte, bis zur stumpfen Trunkenheit der Vorstädte, die, Flamme und Ruhm im Hirn, sich lächerlich im Schmutz der Gosse wälzt.

Unter den Drogen, die am geeignetsten erscheinen, das zu verschaffen, was ich das künstliche Ideal nenne, sind, lasse ich die Liköre beiseite, die schnell berauschen und die geistige Kraft zerschlagen, und ferner die Parfüms, deren übertriebene Verwendung die körperlichen Kräfte in demselben Masse schwächen, in dem sie die Phantasie des Menschen verfeinern, Haschisch und Opium die beiden kräftigsten Substanzen, deren Gebrauch am bequemsten und übersichtlichsten ist. Die Analyse der geheimnisvollen Wirkungen und tödlichen Freuden, die diese Drogen hervorzaubern können, der unvermeidlichen Strafen, die aus ihrem langen Gebrauch erwachsen, und endlich die Unendlichkeit selbst, die in dieser Suche nach einem falschen Ideal liegt, werden den Inhalt dieser Studie bilden.

Die Arbeit über das Opium ist schon geschrieben wordenGemeint ist hier von Baudelaire: De Quincey »Confessions of an english opium-eater, being an extract from the life of a scholar«, welches Werk Baudelaire ins Französische übertrug und in dieser Übertragung den »Paradis artificiels« hinzufügte. Als Nichtoriginalarbeit von C. B. wird sie hier fortgelassen. (Anm. d. Übers.) , und zwar so hervorragend in zugleich medizinischem wie poetischem Sinne, dass ich nichts hinzuzufügen wage. Ich werde also nur vom Haschisch reden und werde es gemäss der vielen und ausführlichen Mitteilungen behandeln, die ich den Notizen und Berichten kluger Menschen entnahm, die sich seinem Genuss lange Zeit hindurch hingaben. Nur werde ich diese verschiedenartigen Dokumente in eine Art Monographie zusammenfassen, indem ich eine im übrigen leicht erklärbare und bestimmbare Seele genannter Art als für jene Erfahrungen geeigneten Typus erfinden werde.

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