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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 85
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Allein dasselbe Telesma findet sich anderswo wieder. Der schon erwähnte Guido Bonatto begnügte sich nicht, bei der Neugründung der Stadtmauern von Forlì jene symbolische Szene der Eintracht der beiden Parteien (S. 553) zu verlangen; durch ein ehernes oder steinernes Reiterbild, das er mit astrologischen und magischen Hülfsmitteln zustande brachte und vergrubDen Ortsglauben hierüber geben Annal. Foroliviens. ap. Muratori XXII, Col. 207, 238; mit Erweiterungen ist die Sache erzählt bei Fil. Villani, Vite, p. 43., glaubte er die Stadt Forlì vor Zerstörung, ja schon vor Plünderung und Einnahme geschützt zu haben. Als Kardinal Albornoz (S. 132) etwa sechs Jahrzehnde später die Romagna regierte, fand man das Bild bei zufälligem Graben und zeigte es, wahrscheinlich auf Befehl des Kardinals, dem Volke, damit dieses begreife, durch welches Mittel der grausame Montefeltro sich gegen die römische Kirche behauptet habe. Aber wiederum ein halbes Jahrhundert später (1410), als eine feindliche Ueberrumpelung von Forlì misslang, appelliert man doch wieder an die Kraft des Bildes, das vielleicht gerettet und wieder vergraben worden war. Es sollte das letztemal sein, dass man sich dessen freute; schon im folgenden Jahr wurde die Stadt wirklich eingenommen. – Gründungen von Gebäuden haben noch im ganzen 15. Jahrhundert nicht nur astrologische (S. 553), sondern auch magische Anklänge mit sich. Es fiel z. B. auf, dass Papst Paul II. eine solche Masse von goldenen und silbernen Medaillen in die Grundsteine seiner Bauten versenktePlatina, Vitae Pontiff. p. 320: veteres potius hac in re quam Petrum, Anacletum et Linum imitatus., und Platina hat keine üble Lust, hierin ein heidnisches Telesma zu erkennen. Von der mittelalterlich religiösen Bedeutung eines solchen OpfersDie man z. B. bei Sugerius, de consecratione ecclesiae (Duchesne, scriptores IV, p. 355) und Chron. Petershusanum I, 13 und 16 recht wohl ahnt. hatte wohl freilich Paul so wenig als sein Biograph ein Bewusstsein.

Doch dieser offizielle Zauber, der ohnedies grossenteils ein blosses Hörensagen war, erreichte bei weitem nicht die Wichtigkeit der geheimen, zu persönlichen Zwecken angewandten Magie.

Was davon im gewöhnlichen Leben besonders häufig vorkam, hat Ariost in seiner Komödie vom Nekromanten zusammengestelltVgl. auch die Calandra des Bibiena.. Sein Held ist einer der vielen aus Spanien vertriebenen Juden, obgleich er sich auch für einen Griechen, Aegypter und Afrikaner ausgibt und unaufhörlich Namen und Maske wechselt. Er kann zwar mit seinen Geisterbeschwörungen den Tag verdunkeln und die Nacht erhellen, die Erde bewegen, sich unsichtbar machen, Menschen in Tiere verwandeln usw., aber diese Prahlereien sind nur der Aushängeschild; sein wahres Ziel ist das Ausbeuten unglücklicher und leidenschaftlicher Ehepaare, und da gleichen die Spuren, die er zurücklässt, dem Geifer einer Schnecke, oft aber auch dem verheerenden Hagelschlag. Um solcher Zwecke willen bringt er es dazu, dass man glaubt, die Kiste, worin ein Liebhaber steckt, sei voller Geister, oder er könne eine Leiche zum Reden bringen u. dgl. Es ist wenigstens ein gutes Zeichen, dass Dichter und Novellisten diese Sorte von Menschen lächerlich machen durften und dabei auf Zustimmung rechnen konnten. Bandello behandelt nicht nur das Zaubern eines lombardischen Mönches als eine kümmerliche und in ihren Folgen schreckliche GaunereiBandello III, Nov. 52., sondern er schildert auchEbenda III, Nov. 29. Der Beschwörer lässt sich das Geheimhalten mit hohen Eiden versprechen, hier z. B. mit einem Schwur auf den Hochaltar von S. Petronio in Bologna, als gerade sonst niemand in der Kirche war. – Einen ziemlichen Vorrat von Zauberwesen findet man auch Macaroneide, Phant. XVIII. mit wahrer Entrüstung das Unheil, welches den gläubigen Toren unaufhörlich begleitet. »Ein solcher hofft mit dem Schlüssel Salomonis und vielen andern Zauberbüchern die verborgenen Schätze im Schoss der Erde zu finden, seine Dame zu seinem Willen zu zwingen, die Geheimnisse der Fürsten zu erkunden, von Mailand sich in einem Nu nach Rom zu versetzen und ähnliches. Je öfter getäuscht, desto beharrlicher wird er... Entsinnt Ihr Euch noch, Signor Carlo, jener Zeit, da ein Freund von uns, um die Gunst seiner Geliebten zu erzwingen, sein Zimmer mit Totenschädeln und Gebeinen anfüllte wie einen Kirchhof?« Es kommen die ekelhaftesten Verpflichtungen vor, z. B. einer Leiche drei Zähne auszuziehen, ihr einen Nagel vom Finger zu reissen usw., und wenn dann endlich die Beschwörung mit ihrem Hokuspokus vor sich geht, sterben bisweilen die unglücklichen Teilnehmer vor Schrecken.

Benvenuto Cellini, bei der bekannten grossen Beschwörung (1532) im Kolosseum zu RomBenv. Cellini I, cap. 64., starb nicht, obgleich er und seine Begleiter das tiefste Entsetzen ausstanden; der sizilianische Priester, der in ihm wahrscheinlich einen brauchbaren Mithelfer für künftige Zeiten vermutete, machte ihm sogar auf dem Heimweg das Kompliment, einen Menschen von so festem Mute habe er noch nie angetroffen. Ueber den Hergang selbst wird sich jeder Leser seine besondern Gedanken machen; das Entscheidende waren wohl die narkotischen Dämpfe und die von vornherein auf das schrecklichste vorbereitete Phantasie, weshalb denn auch der mitgebrachte Junge, bei welchem dies am stärksten wirkt, weit das meiste allein erblickt. Dass es aber wesentlich auf Benvenuto abgesehen sein mochte, dürfen wir erraten, weil sonst für das gefährliche Beginnen gar kein anderer Zweck als die Neugier ersichtlich wird. Denn auf die schöne Angelica muss sich Benvenuto erst besinnen, und der Zauberer sagt ihm nachher selbst, Liebschaften seien eitle Torheit im Vergleich mit dem Auffinden von Schätzen. Endlich darf man nicht vergessen, daß es der Eitelkeit schmeichelte, sagen zu können: die Dämonen haben mir Wort gehalten, und Angelica ist genau einen Monat später, wie mir verheissen war, in meinen Händen gewesen (Kap. 68). Aber auch wenn sich Benvenuto allmählich in die Geschichte hineingelogen haben sollte, so wäre sie doch als Beispiel der damals herrschenden Anschauung von bleibendem Werte.

Sonst gaben sich die italienischen Künstler, auch die »wunderlichen, capricciosen und bizarren«, mit Zauberei nicht leicht ab; wohl schneidet sich einer bei Gelegenheit des anatomischen Studiums ein Wams aus der Haut einer Leiche, aber auf Zureden eines Beichtvaters legt er es wieder in ein GrabVasari VIII, 143, Vita di Andrea da Fiesole. Es war Silvio Cosini, der auch sonst »den Zaubersprüchen und ähnlichen Narrheiten« nachging.. Gerade das häufige Studium von Kadavern mochte den Gedanken an magische Wirkung einzelner Teile derselben am gründlichsten niederschlagen, während zugleich das unablässige Betrachten und Bilden der Form dem Künstler die Möglichkeit einer ganz andern Magie aufschloss.

Im allgemeinen erscheint das Zauberwesen zu Anfang des 16. Jahrhunderts trotz der angeführten Beispiele doch schon in kenntlicher Abnahme, zu einer Zeit also, wo es ausserhalb Italiens erst recht in Blüte kommt, so dass die Rundreisen italienischer Zauberer und Astrologen im Norden erst zu beginnen scheinen, seitdem ihnen zu Hause niemand mehr grosses Vertrauen schenkte. Das 14. Jahrhundert war es, welches die genaue Bewachung des Sees auf dem Pilatusberg bei Scariotto nötig fand, um die Zauberer an ihrer Bücherweihe zu verhindernUberti, il Dittamondo, III, cap. 1. Er besucht in der Mark Ancona auch Scariotto, den vermeintlichen Geburtsort des Judas und bemerkt dabei: »an dieser Stelle darf ich auch nicht den Pilatusberg übergehen, mit seinem See, wo den Sommer über regelmässig Wachen abwechseln; denn wer Magie versteht, kommt hier heraufgestiegen, um sein Buch zu weihen, worauf grosser Sturm sich erhebt, wie die Leute des Ortes sagen.« Das Weihen der Bücher ist, wie schon S. 571 erwähnt wurde, eine besondere, von der eigentlichen Beschwörung verschiedene Zeremonie. – Im 16. Jahrhundert war das Besteigen des Pilatusberges bei Luzern »by lib und guot« verboten, wie der Luzerner Diebold Schilling (S. 67 [? 131]) meldet. Man glaubte, in dem See auf dem Berge liege ein Gespenst, welches der »Geist Pilati« sei. Wenn Leute hinaufkamen, oder etwas in den See warfen, erhoben sich furchtbare Gewitter.. Im 15. Jahrhundert kamen dann noch Dinge vor wie z. B. das Anerbieten, Regengüsse zu bewirken, um damit ein Belagerungsheer zu verscheuchen; und schon damals hatte der Gebieter der belagerten Stadt – Niccolò Vittelli in Città di Castello – den Verstand, die Regenmacher als gottlose Leute abzuweisenDe obsidione Tiphernatium 1474. (Rerum ital. scriptt. ex florent. codicibus, Tom. II.). Im 16. Jahrhundert treten solche offizielle Dinge nicht mehr an den Tag, wenn auch das Privatleben noch mannigfach den Beschwörern anheimfällt. In diese Zeit gehört allerdings die klassische Figur des deutschen Zauberwesens, Dr. Johann Faust; die des italienischen dagegen, Guido Bonatto, fällt bereits ins 13. Jahrhundert.

Auch hier wird man freilich beifügen müssen, dass die Abnahme des Beschwörungsglaubens sich nicht notwendig in eine Zunahme des Glaubens an eine sittliche Ordnung des Menschenlebens verwandelte, sondern dass sie vielleicht bei vielen nur einen dumpfen Fatalismus zurückliess, ähnlich wie der schwindende Sternglaube.

Ein paar Nebengattungen des Wahns, die Pyromantie, ChiromantieDiesen unter den Soldaten stark verbreiteten Aberglauben (um 1520) verspottet Limerno Pitocco, im Orlandino, cap. V, Str. 60. usw., welche erst mit dem Sinken des Beschwörungsglaubens und der Astrologie einigermaßen zu Kräften kamen, dürfen wir hier völlig übergehen, und selbst die auftauchende Physiognomik hat lange nicht das Interesse, das man bei Nennung dieses Namens voraussetzen sollte. Sie erscheint nämlich nicht als Schwester und Freundin der bildenden Kunst und der praktischen Psychologie, sondern wesentlich als eine neue Gattung fatalistischen Wahnes, als ausdrückliche Rivalin der Sterndeuterei, was sie wohl schon bei den Arabern gewesen sein mag. Bartolommeo Cocle z. B., der Verfasser eines physiognomischen Lehrbuches, der sich einen Metoposkopen nanntePaul. Jov. Elog. lit. sub voce Cocles. und dessen Wissenschaft, nach Giovios Ausdruck, schon wie eine der vornehmsten freien Künste aussah, begnügte sich nicht mit Weissagungen an die klügsten Leute, die ihn täglich zu Rate zogen, sondern er schrieb auch ein höchst bedenkliches »Verzeichnis solcher, welchen verschiedene grosse Lebensgefahren bevorstanden«. Giovio, obwohl gealtert in der Aufklärung Roms – in hac luce romana! – findet doch, dass sich die darin enthaltenen Weissagungen nur zu sehr erwahrt hättenAus Giovio spricht hier vernehmlich der begeisterte Porträtsammler.. Freilich erfährt man bei dieser Gelegenheit auch, wie die von diesen und ähnlichen Voraussagungen Betroffenen sich an den Propheten rächten; Giovanni Bentivoglio liess den Lucas Gauricus an einem Seil, das von einer hohen Wendeltreppe herabhing, fünfmal hin und her an die Wand schmeissen, weil Lucas ihmUnd zwar aus den Sternen, denn Gauricus kannte die Physiognomik nicht; für sein eigenes Schicksal aber war er auf die Weissagung des Cocle angewiesen, da sein Vater versäumt hatte, sein Horoskop zu notieren. den Verlust seiner Herrschaft vorhersagte; Ermes Bentivoglio sandte dem Cocle einen Mörder nach, weil der unglückliche Metoposkop ihm, noch dazu wider Willen, prophezeit hatte, er werde als Verbannter in einer Schlacht umkommen. Der Mörder höhnte, wie es scheint, noch in Gegenwart des Sterbenden: dieser habe ihm ja selber geweissagt, er würde nächstens einen schmählichen Mord begehen! – Ein ganz ähnliches jammervolles Ende nahm der Neugründer der Chiromantie, Antioco Tiberto von CesenaPaul. Jov. l. c., s. v. Tibertus., durch Pandolfo Malatesta von Rimini, dem er das Widerwärtigste prophezeit hatte, was ein Tyrann sich denken mag: den Tod in Verbannung und äusserster Armut. Tiberto war ein geistreicher Mann, dem man zutraute, dass er weniger nach einer chiromantischen Methode als nach einer durchdringenden Menschenkenntnis seinen Bescheid gebe; auch achteten ihn seiner hohen Bildung wegen selbst diejenigen Gelehrten, welche von seiner Divination nichts hieltenDas Notwendigste über diese Nebengattungen der Mantik gibt Corn. Agrippa, de occulta philosophia, cap. 52, 57..

Die Alchymie endlich, welche im Altertum erst ganz spät, unter Diocletian, erwähnt wird, spielt zur Zeit der Blüte der Renaissance nur eine untergeordnete RolleLibri, Hist. des sciences mathém. II, p. 122.. Auch diese Krankheit hatte Italien früher durchgemacht, im 14. Jahrhundert, als Petrarca in seiner Polemik dagegen es zugestand: das Goldkochen sei eine weitverbreitete SitteNovi nihil narro, mos est publicus. (Remed. utriusque fortunae, p. 93, eine der sehr lebendig und ab irato geschriebenen Partien dieses Buches.). Seitdem war in Italien diejenige besondere Sorte von Glauben, Hingebung und Isolierung, welche der Betrieb der Alchymie verlangt, immer seltener geworden, während italienische und andere Adepten im Norden die grossen Herrn erst recht auszubeuten anfingenHauptstelle bei Trithem. Ann. Hirsaug. II, p. 286, s.. Unter Leo X. hiessen bei den Italienern die wenigenNeque enim desunt, heisst es bei Paul. Jov. Elog. lit., s. v. Pompon. Gauricus. Vgl. Ibid., s. v. Aurel. Augurellus. – Macaroneide, Phant. XII., die sich noch damit abgaben, schon »Grübler« (ingenia curiosa), und Aurelio Augurelli, der dem grossen Goldverächter Leo selbst sein Lehrgedicht vom Goldmachen widmete, soll als Gegengeschenk eine prächtige, aber leere Börse erhalten haben. Die Adeptenmystik, welche ausser dem Gold noch den allbeglückenden Stein der Weisen suchte, ist vollends erst ein spätes nordisches Gewächs, welches aus den Theorien des Paracelsus usw. emporblüht.

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