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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 82
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Hatte sich Europa schon das ganze spätere Mittelalter hindurch von Paris und Toledo aus durch astrologische Weissagungen von Pest, Krieg, Erdbeben, grossen Wassern u. dgl. ängstigen lassen, so blieb Italien hierin vollends nicht zurück. Dem Unglücksjahr 1494, das den Fremden für immer Italien öffnete, gingen unleugbar schlimme Weissagungen nahe vorausBenedictus, bei Eccard II, Col. 1579. Es hiess unter anderm 1493 vom König Ferrante: er werde seine Herrschaft verlieren sine cruore, sed sola fama, wie denn auch geschah., nur müsste man wissen, ob solche nicht längst für jedes beliebige Jahr bereit lagen.

In seiner vollen, antiken Konsequenz dehnt sich aber das System in Regionen aus, wo man nicht mehr erwarten würde, ihm zu begegnen. Wenn das ganze äussere und geistige Leben des Individuums von dessen Genitura bedingt ist, so befinden sich auch grössere geistige Gruppen, z. B. Völker und Religionen, in einer ähnlichen Abhängigkeit, und da die Konstellationen dieser grossen Dinge wandelbar sind, so sind es auch die Dinge selbst. Die Idee, dass jede Religion ihren Welttag habe, kommt auf diesem astrologischen Wege in die italienische Bildung hinein. Die Konjunktion des Jupiter, hiessBapt. Mantuan. de patientia, L. III, cap. 12. es, mit Saturn habe den hebräischen Glauben hervorgebracht, die mit Mars den chaldäischen, die mit der Sonne den ägyptischen, die mit Venus den mohammedanischen, die mit Mercur den christlichen, und die mit dem Mond werde einst die Religion des Antichrist hervorbringen. In frevelhaftester Weise hatte schon Cecco d'Ascoli die Nativität Christi berechnet und seinen Kreuzestod daraus deduziert; er musste deshalb 1327 in Florenz auf dem Scheiterhaufen sterbenGiov. Villani, X, 39, 40. Es wirkten noch andere Dinge mit, unter anderm kollegialischer Neid. – Schon Bonatte hatte Aehnliches gelehrt und z. B. das Wunder der göttlichen Liebe in S. Franz als Wirkung des Planeten Mars dargestellt. Vgl. Jo. Picus adv. Astrol. II, 5.. Lehren dieser Art führten in ihren weitern Folgen eine förmliche Verfinsterung alles Uebersinnlichen mit sich.

Um so anerkennenswerter ist aber der Kampf, welchen der lichte italienische Geist gegen dieses ganze Wahngespinst geführt hat. Neben den grössten monumentalen Verherrlichungen der Astrologie, wie die Fresken im Salone zu PaduaEs sind die von Miretto zu Anfang des 15. Jahrhunderts gemalten; laut Scardeonius waren sie bestimmt ad indicandum nascentium naturas per gradus et numeros, ein populäreres Beginnen als wir uns jetzt leicht vorstellen. Es war Astrologie à la portée de tout le monde. und denjenigen in Borsos Sommerpalast (Schifanoja) zu Ferrara, neben dem unverschämten Anpreisen, das sich selbst ein Beroaldus der AeltereEr meint (Orationes, fol. 35, in nuptias) von der Sterndeutung: haec efficit ut homines parum a Diis distare videantur! – Ein anderer Enthusiast aus derselben Zeit ist Jo. Garzonius, de dignitate urbis Bononiae, bei Murat. XXI, Col. 1163. erlaubt, tönt immer wieder der laute Protest der Nichtbetörten und Denkenden. Auch auf dieser Seite hatte das Altertum vorgearbeitet, doch reden sie hier nicht den Alten nach, sondern aus ihrem eigenen gesunden Menschenverstande und aus ihrer Beobachtung heraus. Petrarcas Stimmung gegen die Astrologen, die er aus eigenem Umgang kannte, ist derber HohnPetrarca, epp. seniles III, 1 (p. 765) u. a. a. O. Der genannte Brief ist an Boccaccio gerichtet, welcher ebenso gedacht haben muss., und ihr System durchschaut er in seiner Lügenhaftigkeit. Sodann ist die Novelle seit ihrer Geburt, seit den cento novelle antiche, den Astrologen fast immer feindlichBei Franco Sacchetti macht Nov. 151 ihre Weisheit lächerlich.. Die florentinischen Chronisten wehren sich auf das tapferste, auch wenn sie den Wahn, weil er in die Tradition verflochten ist, mitteilen müssen. Giovanni Villani sagt es mehr als einmalGio. Villani III, 1. X, 39.: »keine Konstellation kann den freien Willen des Menschen unter die Notwendigkeit zwingen, noch auch den Beschluss Gottes«; Matteo Villani erklärt die Astrologie für ein Laster, das die Florentiner mit anderm Aberglauben von ihren Vorfahren, den heidnischen Römern, geerbt hätten. Es blieb aber nicht bei bloss literarischer Erörterung, sondern die Parteien, die sich darob bildeten, stritten öffentlich; bei der furchtbaren Ueberschwemmung des Jahres 1333 und wiederum 1345 wurde die Frage über Sternenschicksal und Gottes Willen und Strafgerechtigkeit zwischen Astrologen und Theologen höchst umständlich diskutiertGio. Villani XI, 2. XII, 4.. Diese Verwahrungen hören die ganze Zeit der Renaissance hindurch niemals völlig aufAuch jener Verfasser der Annales Placentini (bei Murat. XX, Col. 931), der S. 265, 266, Anm. 504 erwähnte Alberto di Ripalta schliesst sich dieser Polemik an. Die Stelle ist aber anderweitig merkwürdig, weil sie die damaligen Meinungen über die neun bekannten, und hier mit Namen genannten Kometen enthält. – Vgl. Gio. Villani, XI, 67., und man darf sie für aufrichtig halten, da es durch Verteidigung der Astrologie leichter gewesen wäre, sich bei den Mächtigen zu empfehlen als durch Anfeindung derselben.

In der Umgebung des Lorenzo magnifico, unter seinen namhaftesten Platonikern, herrschte hierüber Zwiespalt. Marsilio Ficino verteidigte die Astrologie und stellte den Kindern vom Hause das Horoskop, wie er denn auch dem kleinen Giovanni geweissagt haben soll, er würde ein Papst – Leo X. – werdenPaul. Jov. Vita Leonis X. L. III, wo dann bei Leo selbst wenigstens ein Glaube an Vorbedeutungen usw. zum Vorschein kommt.. Dagegen macht Pico della Mirandola wahrhaft Epoche in dieser Frage durch seine berühmte WiderlegungJo. Pici Mirand. adversus astrologos libri XII.. Er weist im Sternglauben eine Wurzel aller Gottlosigkeit und Unsittlichkeit nach; wenn der Astrologe an irgend etwas glauben wolle, so müsse er am ehesten die Planeten als Götter verehren, indem ja von ihnen alles Glück und Unheil hergeleitet werde; auch aller übrige Aberglaube finde hier ein bereitwilliges Organ, indem Geomantie, Chiromantie und Zauber jeder Art für die Wahl der Stunde sich zunächst an die Astrologie wendeten. In betreff der Sitten sagt er: eine grössere Förderung für das Böse gäbe es gar nicht, als wenn der Himmel selbst als Urheber desselben erscheine, dann müsse auch der Glaube an ewige Seligkeit und Verdammnis völlig schwinden. Pico hat sich sogar die Mühe genommen, auf empirischem Wege die Astrologen zu kontrollieren; von ihren Wetterprophezeiungen für die Tage eines Monats fand er drei Vierteile falsch. Die Hauptsache aber war, dass er (im IV. Buche) eine positive christliche Theorie über Weltregierung und Willensfreiheit vortrug, welche auf die Gebildeten der ganzen Nation einen grössern Eindruck gemacht zu haben scheint als alle Busspredigten, von welchen diese Leute oft nicht mehr erreicht wurden.

Vor allem verleidet er den Astrologen die weitere Publikation ihrer LehrgebäudeLaut Paul. Jov. Elog. lit., sub tit. Jo. Picus, war seine Wirkung diese, ut subtilium disciplinarum professores a scribendo deterruisse videatur., und die, welche bisher dergleichen hatten drucken lassen, schämten sich mehr oder weniger. Gioviano Pontano z. B. hatte in seinem Buche »vom Schicksal« (S. 545) die ganze Wahnwissenschaft anerkannt und sie in einem eigenen grossen WerkeDe rebus coelestibus. theoretisch in der Art des alten Firmicus vorgetragen; jetzt in seinem Dialog »Aegidius« gibt er zwar nicht die Astrologie, wohl aber die Astrologen preis, rühmt den freien Willen und beschränkt den Einfluß der Sterne auf die körperlichen Dinge. Die Sache blieb in Uebung, aber sie scheint doch nicht mehr das Leben so beherrscht zu haben wie früher. Die Malerei, welche im 15. Jahrhundert den Wahn nach Kräften verherrlicht hatte, spricht nun die veränderte Denkweise aus: Rafael in der Kuppel der Kapelle ChigiIn S. Maria del popolo zu Rom. – Die Engel erinnern an die Theorie Dantes zu Anfang des Convito. stellt ringsum die Planetengötter und den Fixsternhimmel dar, aber bewacht und geleitet von herrlichen Engelgestalten, und von oben herab gesegnet durch den ewigen Vater. Noch ein anderes Element scheint der Astrologie in Italien feindlich gewesen zu sein: die Spanier hatten keinen Teil daran, auch ihre Generale nicht, und wer sich bei ihnen in Gunst setzen wollteDies ist wohl der Fall mit Antonio Galateo, der in einem Brief an Ferdinand den Katholischen (Mai, spicileg. rom. vol. VIII, p. 226, vom Jahr 1510) die Astrologie heftig verleugnet, in einem andern Brief an den Grafen von Potenza jedoch (ibid., p. 539) aus den Sternen schliesst, dass die Türken heuer Rhodus angreifen würden., bekannte sich auch wohl ganz offen als Feind der für sie halbketzerischen, weil halbmohammedanischen Wissenschaft. Freilich noch 1529 meint Guicciardini wie glücklich doch die Astrologen seien, denen man glaube, wenn sie unter hundert Lügen eine Wahrheit vorbrächten, während andere, die unter hundert Wahrheiten eine Lüge sagten, um allen Kredit kämenRicordi, l. c. N. 37.. Und überdies schlug die Verachtung der Astrologie nicht notwendig in Vorsehungsglauben um, sie konnte sich auch auf einen allgemeinen, unbestimmten Fatalismus zurückziehen.

Italien hat in dieser wie in andern Beziehungen den Kulturtrieb der Renaissance nicht gesund durch- und ausleben können, weil die Eroberung und die Gegenreformation dazwischenkam. Ohne dieses würde es wahrscheinlich die phantastischen Torheiten völlig aus eigenen Kräften überwunden haben. Wer nun der Ansicht ist, dass Invasion und katholische Reaktion notwendig und vom italienischen Volk ausschliesslich selbst verschuldet gewesen seien, wird ihm auch die daraus erwachsenen geistigen Verluste als gerechte Strafe zuerkennen. Nur schade, dass Europa dabei ebenfalls ungeheuer verloren hat.

Bei weitem ungeduldiger als die Sterndeutung erscheint der Glaube an Vorzeichen. Das ganze Mittelalter hatte einen grossen Vorrat desselben aus seinen verschiedenen Heidentümern ererbt, und Italien wird wohl darin am wenigsten zurückgeblieben sein. Was aber die Sache hier eigentümlich färbt, ist die Unterstützung, welche der Humanismus diesem populären Wahn leistet; er kommt dem ererbten Stück Heidentum mit einem literarisch erarbeiteten zu Hülfe.

Der populäre Aberglaube der Italiener bezieht sich bekanntlich auf Ahnungen und Schlüsse aus VorzeichenEine Masse solchen Wahnes beim letzten Visconti zählt Decembrio (Murat. XX, Col. 1016, s.) auf., woran sich dann noch eine meist unschuldige Magie anschliesst. Nun fehlt es zunächst nicht an gelehrten Humanisten, welche wacker über diese Dinge spotten und sie bei diesem Anlass berichten. Derselbe Gioviano Pontano, welcher jenes grosse astrologische Werk (S. 559) verfasste, zählt in seinem »Charon« ganz mitleidig allen möglichen neapolitanischen Aberglauben auf: den Jammer der Weiber, wenn ein Huhn oder eine Gans den Pips bekömmt; die tiefe Besorgnis der vornehmen Herrn, wenn ein Jagdfalke ausbleibt, ein Pferd den Fuss verstaucht; den Zauberspruch der apulischen Bauern, welchen sie in drei Samstagsnächten hersagen, wenn tolle Hunde das Land unsicher machen usw. Ueberhaupt hatte die Tierwelt ein Vorrecht des Ominösen gerade wie im Altertum, und vollends jene auf Staatskosten unterhaltenen Löwen, Leoparden u. dgl. (S. 319 f.) gaben durch ihr Verhalten dem Volke um so mehr zu denken, als man sich unwillkürlich gewöhnt hatte, in ihnen das lebendige Symbol des Staates zu erblicken. Als während der Belagerung 1529 ein angeschossener Adler nach Florenz hereinflog, gab die Signorie dem Ueberbringer vier Dukaten, weil es ein gutes Augurium seiVarchi, Stor. fior. L. IV (p. 174). Ahnung und Weissagung spielten damals in Florenz fast dieselbe Rolle wie einst in dem belagerten Jerusalem. Vgl. ibid. III, 143, 195. IV, 43, 177.. Dann waren bestimmte Zeiten und Orte für bestimmte Verrichtungen günstig oder ungünstig oder überhaupt entscheidend. Die Florentiner glaubten, wie Varchi meldet, der Sonnabend sei ihr Schicksalstag, an welchem alle wichtigen Dinge, gute sowohl als böse, zu geschehen pflegten. Ihr Vorurteil gegen Kriegsauszüge durch eine bestimmte Gasse wurde schon (S. 554) erwähnt; bei den Peruginern dagegen gilt eines ihrer Tore, die Porta eburnea, als glückverheissend, so dass die Baglionen zu jedem Kampfe dort hinausmarschieren liessenMatarazzo, Arch. stor. XVI, II, p. 208.. Dann nehmen Meteore und Himmelszeichen dieselbe Stelle ein wie im ganzer Mittelalter, und aus sonderbaren Wolkenbildungen gestaltet die Phantasie auch jetzt wieder streitende Heere und glaubt deren Lärm hoch in der Luft zu hörenPrato, Arch. stor. III, p. 324, zum Jahr 1514.. Schon bedenklicher wird der Aberglaube, wenn er sich mit heiligen Dingen kombiniert, wenn z. B. Madonnenbilder die Augen bewegenWie die Madonna dell' arbore im Dom von Mailand 1515 tat, vgl. Prato, l. c., p. 327. Freilich erzählt derselbe Chronist p. 357, dass man beim Graben der Fundamente für den Bau der triulzischen Grabkapelle (bei S. Nazaro) einen toten Drachen so dick wie ein Pferd gefunden habe; man brachte den Kopf in den Palast Triulzi und gab den Rest preis. oder weinen, ja wenn Landeskalamitäten mit irgendeinem angeblichen Frevel in Verbindung gebracht werden, dessen Sühnung dann der Pöbel verlangt (S. 521). Als Piacenza 1478 von langem und heftigem Regen heimgesucht wurde, hiess es, derselbe werde nicht aufhören, bis ein gewisser Wucherer, der unlängst in S. Francesco begraben worden war, nicht mehr in geweihter Erde ruhe. Da sich der Bischof weigerte, die Leiche gutwillig ausgraben zu lassen, holten die jungen Bursche sie mit Gewalt, zerrten sie in den Strassen unter greulichem Tumult herum und warfen sie zuletzt in den PoEt fuit mirabile quod illico pluvia cessavit. Diarium Parmense bei Murat. XXII, Col. 280. Dieser Autor teilt auch sonst jenen konzentrierten Hass gegen die Wucherer, wovon das Volk erfüllt ist. Vgl. Col. 371.. Freilich auch ein Angelo Poliziano lässt sich auf dieselbe Anschauungsweise ein, wo es Giacomo Pazzi gilt, einen Hauptanstifter der nach seiner Familie benannten Verschwörung zu Florenz in demselben Jahre 1478. Als man ihn erdrosselte, hatte er mit fürchterlichen Worten seine Seele dem Satan übergeben. Nun trat auch hier Regen ein, so dass die Getreideernte bedroht war; auch hier grub ein Haufe von Leuten (meist Bauern) die Leiche in der Kirche aus, und alsobald wichen die Regenwolken und die Sonne erglänzte – »so günstig war das Glück der Volksmeinung«, fügt der grosse Philologe beiConiurationis Pactianae commentarius, in den Beilagen zu Roscoe, Leben des Lorenzo. – Poliziano war sonst wenigstens Gegner der Astrologie.. Zunächst wurde die Leiche in ungeweihter Erde verscharrt, des folgenden Tages aber wiederum ausgegraben und nach einer entsetzlichen Prozession durch die Stadt in den Arno versenkt.

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