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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 72
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Die Zeit der individuell berühmten Räuberhauptleute beginnt übrigens erst später, im 17. Jahrhundert, als die politischen Gegensätze, Guelfen und Ghibellinen, Spanier und Franzosen, das Land nicht mehr in Bewegung setzten; der Räuber löst den Parteigänger ab.

In gewissen Gegenden von Italien, wo die Kultur nicht hindrang, waren die Landleute permanent mörderisch gegen jeden von draussen, der ihnen in die Hände fiel. So namentlich in den entlegenem Teilen des Königreiches Neapel, wo eine uralte Verwilderung vielleicht seit der römischen Latifundienwirtschaft sich erhalten hatte, und wo man den Fremden und den Feind, hospes und hostis, noch in aller Unschuld für gleichbedeutend halten mochte. Diese Leute waren gar nicht irreligiös; es kam vor, dass ein Hirt voll Angst im Beichtstuhl erschien, um zu bekennen, dass ihm während der Fasten beim Käsemachen ein paar Tropfen Milch in den Mund gekommen. Freilich fragte der sittenkundige Beichtvater bei diesem Anlass auch noch aus ihm heraus, dass er oft mit seinen Gefährten Reisende beraubt und ermordet hatte, nur dass dies als etwas Landübliches keine Gewissensbisse rege machtePoggio, Facetiae fol. 164. Wer das heutige Neapel kennt, hat vielleicht eine ähnliche Farce aus einem andern Lebensgebiet erzählen hören.. Wie sehr in Zeiten politischer Unruhen die Bauern auch anderswo verwildern konnten, ist bereits (S. 384 [Anm. 703]) angedeutet worden.

Ein schlimmeres Zeichen der damaligen Sitte als die Räuberei ist die Häufigkeit der bezahlten, durch dritte Hand geübten Verbrechen. Darin ging zugestandenermassen Neapel allen andern Städten voran. »Hier ist gar nichts billiger zu kaufen als ein Menschenleben«, sagt PontanoJovian. Pontani Antonius: nec est quod Neapoli quam hominis vita minoris vendatur. Freilich meint er, das sei unter den Anjou noch nicht so gewesen; sicam ab iis – den Aragonesen – accepimus. Den Zustand um 1534 bezeugt Benv. Cellini I, 70.. Aber auch andere Gegenden weisen eine furchtbare Reihe von Missetaten dieser Art auf. Man kann dieselben natürlich nur schwer nach den Motiven sondern, indem politische Zweckmässigkeit, Parteihass, persönliche Feindschaft, Rache und Furcht durcheinander wirkten. Es macht den Florentinern die grösste Ehre, dass damals bei ihnen, dem höchstentwickelten Volke von Italien, dergleichen am wenigsten vorkömmtEinen eigentlichen Nachweis wird niemand hierüber leisten können, allein es wird wenig Mord erwähnt und die Phantasie der florentinischen Schriftsteller der guten Zeit ist nicht mit Verdacht dieser Art erfüllt., vielleicht weil es für berechtigte Beschwerden noch eine Justiz gab, die man anerkannte, oder weil die höhere Kultur den Menschen eine andere Ansicht verlieh über das verbrecherische Eingreifen in das Rad des Schicksals; wenn irgendwo, so erwog man in Florenz, wie eine Blutschuld unberechenbar weiter wirkt und wie wenig der Anstifter auch bei einem sogenannten nützlichen Verbrechen eines überwiegenden und dauernden Vorteils sicher ist. Nach dem Untergang der florentinischen Freiheit scheint der Meuchelmord, hauptsächlich der gedungene, rasch zugenommen zu haben, bis die Regierung Cosimos I. soweit zu Kräften kam, dass seine PolizeiUeber diese s. die Relation des Fedeli bei Albèri, Relazioni, serie II, vol. I, p. 353, s. allen Missetaten gewachsen war.

Im übrigen Italien wird das bezahlte Verbrechen häufiger oder seltener gewesen sein, je nachdem zahlungsfähige hochgestellte Anstifter vorhanden waren. Es kann niemandem einfallen, dergleichen statistisch zusammenzufassen, allein wenn von all den Todesfällen, die das Gerücht als gewaltsam herbeigeführt betrachtete, auch nur ein kleiner Teil wirkliche Mordtaten waren, so macht dies schon eine grosse Summe aus. Fürsten und Regierungen gaben allerdings das schlimmste Beispiel: sie machten sich gar kein Bedenken daraus, den Mord unter die Mittel ihrer Allmacht zu zählen. Es bedurfte dazu noch keines Cesare Borgia; auch die Sforza, die Aragonesen, später auch die Werkzeuge Karls V. erlaubten sich, was zweckmässig schien.

Die Phantasie der Nation erfüllte sich allmählich dergestalt mit Voraussetzungen dieser Art, dass man bei Mächtigen kaum mehr an einen natürlichen Tod glaubte. Freilich machte man sich von der Wirkungskraft der Gifte bisweilen fabelhafte Vorstellungen. Wir wollen glauben, dass jenes furchtbare weisse Pulver (S. 148) der Borgia auf bestimmte Termine berechnet werden konnte, und so mag auch dasjenige Gift wirklich ein venenum atterminatum gewesen sein, welches der Fürst von Salerno dem Kardinal von Aragon reichte mit den Worten: »in wenigen Tagen wirst du sterben, weil dein Vater, König Ferrante, uns alle hat zertreten wollenInfessura, bei Eccard, scriptores II, Col. 1956.«. Aber der vergiftete Brief, welchen Caterina Riario an Papst Alexander VI. sandteChron. venetum, bei Murat. XXIV, Col. 131. – Im Norden gab man sich über die Giftkunst der Italiener noch stärkeren Phantasien hin; s. bei Juvénal des Ursins ad a. 1382 (ed. Buchon p. 336) die Lanzette des Giftmischers, welchen König Karl von Durazzo in seinen Dienst nahm; schon wer sie starr ansah, musste sterben., würde diesen schwerlich umgebracht haben, auch wenn er ihn gelesen hätte; und als Alfons der Grosse von den Aerzten gewarnt wurde, ja nicht in dem Livius zu lesen, den ihm Cosimo de' Medici übersandte, antwortete er ihnen gewiss mit Recht: höret auf so töricht zu redenPetr. Crinitus, de honesta disciplina, L. XVIII, cap. 9.. Vollends hätte jenes Gift nur sympathetisch wirken können, womit der Sekretär Piccininos den Tragstuhl des Papstes Pius II. nur ein wenig anstreichen wolltePii II. comment. L. XI, p. 562. – Jo. Ant. Campanus: vita Pii II., bei Murat. III, II, Col. 988.. Wie weit es sich durchschnittlich um mineralische oder Pflanzengifte handelte, lässt sich nicht bestimmen; die Flüssigkeit, mit welcher der Maler Rosso Fiorentino (1541) sich das Leben nahm, war offenbar eine heftige SäureVasari IX, 82, vita di Rosso. – Ob in unglücklichen Ehen mehr wirkliche Vergiftungen oder mehr Besorgnisse vor solchen vorherrschten, mag unentschieden bleiben. Vgl. Bandello II, Nov. 5 und 54. Sehr bedenklich lautet II, Nov. 40. In einer und derselben westlombardischen Stadt, die nicht näher bezeichnet wird, lebten zwei Giftköche; ein Gemahl, der sich von der Echtheit der Verzweiflung seiner Frau überzeugen will, lässt sie einen vermeintlich giftigen Trank, der aber nur gefärbtes Wasser ist, wirklich austrinken und darauf versöhnt sich das Ehepaar. – In der Familie des Cardanus allein waren vier Vergiftungen vorgekommen. De propria vita cap. 30,50. – Selbst bei einem päpstlichen Krönungsmahl brachten die Kardinäle jeder seinen eigenen Kellermeister und Wein mit, »vielleicht weil man aus Erfahrung wusste, dass sonst Gift in den Trank gemischt wurde«. Und diese Sitte war in Rom allgemein und galt sine iniuria invitantis! – Blas. Ortiz, Itinerarium Adriani VI., ap. Baluz. Miscell. (ed. Mansi) I, 380., welche man keinem andern hätte unbemerkt beibringen können. – Für den Gebrauch der Waffen, zumal des Dolches, zu heimlicher Gewalttat hatten die Grossen in Mailand, Neapel und anderswo leider einen unaufhörlichen Anlass, indem unter den Scharen von Bewaffneten, welche sie zu ihrem eigenen Schutze nötig hatten, schon durch den blassen Müssiggang hie und da sich eine wahre Mordlust ausbilden musste. Manche Greueltat wäre wohl unterblieben, wenn der Herr nicht gewusst hätte, dass es bei diesem und jenem aus seinem Gefolge nur eines Winkes bedürfe.

Unter den geheimen Mitteln des Verderbens kommt – wenigstens der Absicht nach – auch die Zauberei vorMalefizien z. B. gegen Leonello von Ferrara s. Diario Ferrarese, bei Murat. XXIV, Col. 194 ad a. 1445. Während man dem Täter, einem gew. Benato, der auch sonst übelberüchtigt war, auf der Piazza das Urteil vorlas, erhob sich ein Lärm in der Luft und ein Erdbeben, so dass männiglich davonlief oder zu Boden stürzte. – Was Guicciardini (L. I.) über den bösen Zauber des Lodovico Moro gegen seinen Neffen Giangaleazzo sagt, mag auf sich beruhen., doch nur in sehr untergeordneter Weise. Wo etwa malificii, malie u. dgl. erwähnt werden, geschieht es meist, um auf ein ohnehin gehasstes oder abscheuliches Individuum alle erdenklichen Schrecken zu häufen. An den Höfen von Frankreich und England im 14. und 15. Jahrhundert spielt der verderbliche, tödliche Zauber eine viel grössere Rolle als unter den höhern Ständen von Italien.

Endlich erscheinen in diesem Lande, wo das Individuelle in jeder Weise kulminiert, einige Menschen von absoluter Ruchlosigkeit, bei welchen das Verbrechen auftritt um seiner selber willen, nicht mehr als Mittel zu einem Zweck, oder wenigstens als Mittel zu Zwecken, welche sich aller psychologischen Norm entziehen.

Zu diesen entsetzlichen Gestalten scheinen zunächst auf den ersten Anblick einige Condottieren zu gehörenMan könnte vor allem Ezzelino da Romano nennen, wenn derselbe nicht offenbar unter der Herrschaft ehrgeiziger Zwecke und eines starken astrologischen Wahns gelebt hätte., ein Braccio von Montone, ein Tiberto Brandolino, und schon ein Werner von Urslingen, dessen silbernes Brustschild die Inschrift trug: Feind Gottes, des Mitleids und der Barmherzigkeit. Dass diese Menschenklasse im ganzen zu den frühsten völlig emanzipierten Frevlern gehörte, ist gewiss. Man wird jedoch behutsamer urteilen, sobald man inne wird, dass das allerschwerste Verbrechen derselben – nach dem Sinne der Aufzeichner – im Trotz gegen den geistlichen Bann liegt und dass die ganze Persönlichkeit erst von da aus mit jenem fahlen, unheimlichen Lichte bestrahlt erscheint. Bei Braccio war diese Gesinnung allerdings soweit ausgebildet, dass er z. B. über psallierende Mönche in Wut geraten konnte und sie von einem Turm herunterwerfen liessGiornali napoletani, bei Muratori XXI, Col. 1092, ad a. 1425., »allein gegen seine Soldaten war er doch loyal und ein grosser Feldherr«. Ueberhaupt werden die Verbrechen der Condottieren doch wohl meist um des Vorteils willen begangen worden sein, auf Antrieb ihrer höchst demoralisierenden Stellung, und auch die scheinbar mutwillige Grausamkeit möchte in der Regel ihren Zweck gehabt haben, wäre es auch nur der einer allgemeinen Einschüchterung gewesen. Die Grausamkeiten der Aragonesen hatten, wie wir (S. 62) sahen, ihre Hauptquelle in Rachsucht und Angst. Einen unbedingten Blutdurst, eine teuflische Lust am Verderben wird man am ehesten bei dem Spanier Cesare Borgia finden, dessen Greuel die vorhandenen oder denkbaren Zwecke in der Tat um ein Bedeutendes überschreiten (S. 146 ff.). Sodann ist eine eigentliche Lust am Bösen in Sigismondo Malatesta, dem Gewaltherrscher von Rimini (S. 59 f. und 254 f.) erkennbar; es ist nicht nur die römische KuriePii II., comment. L. VII, p. 338., sondern auch das Urteil der Geschichte, welches ihm Mord, Notzucht, Ehebruch, Blutschande, Kirchenraub, Meineid und Verrat und zwar in wiederholten Fällen Schuld gibt; das Grässlichste aber, die versuchte Notzucht am eigenen Sohn Roberto, welche dieser mit gezücktem Dolche zurückwiesJovian. Pontan. de immanitate, wo auch von Sigismondos Schwängerung der eigenen Tochter u. dgl. die Rede ist., möchte doch wohl nicht bloss Sache der Verworfenheit, sondern eines astrologischen oder magischen Aberglaubens gewesen sein. Dasselbe hat man schon vermutet, um die Notzüchtigung des Bischofs von FanoVarchi, Storie fiorentine, am Ende. (Wenn das Werk unverstümmelt abgedruckt ist, wie z. B. in der Mailänder Ausgabe.) durch Pierluigi Farnese von Parma, Sohn Pauls III., zu erklären.

 

Wenn wir uns nun erlauben dürfen, die Hauptzüge des damaligen italienischen Charakters, wie er uns aus dem Leben der höhern Stände überliefert ist, zusammenzufassen, so würde sich etwa folgendes ergeben. Der Grundmangel dieses Charakters erscheint zugleich als die Bedingung seiner Grösse: der entwickelte Individualismus. Dieser reisst sich zuerst innerlich los von dem gegebenen, meist tyrannischen und illegitimen Staatswesen, und was er nun sinnt und tut, das wird ihm zum Verrat angerechnet, mit Recht oder mit Unrecht. Beim Anblick des siegreichen Egoismus unternimmt er selbst, in eigener Sache, die Verteidigung des Rechtes und verfällt durch die Rache, die er übt, den dunkeln Gewalten, während er seinen innern Frieden herzustellen glaubt. Seine Liebe wendet sich am ehesten einem andern entwickelten Individualismus zu, nämlich der Gattin seines Nächsten. Gegenüber von allem Objektiven, von Schranken und Gesetzen jeder Art hat er das Gefühl eigener Souveränetät und entschliesst sich in jedem einzelnen Fall selbständig, je nachdem in seinem Innern Ehrgefühl und Vorteil, kluge Erwägung und Leidenschaft, Entsagung und Rachsucht sich vertragen.

Wenn nun die Selbstsucht im weitern wie im engsten Sinne Wurzel und Hauptstamm alles Bösen ist, so wäre schon deshalb der entwickelte Italiener damals dem Bösen näher gewesen als andere Völker.

Aber diese individuelle Entwicklung kam nicht durch seine Schuld über ihn, sondern durch einen weltgeschichtlichen Ratschluss; sie kam auch nicht über ihn allein, sondern wesentlich vermittelst der italienischen Kultur auch über alle andern Völker des Abendlandes und ist seitdem das höhere Medium, in welchem dieselben leben. Sie ist an sich weder gut noch böse, sondern notwendig; innerhalb derselben entwickelt sich ein modernes Gutes und Böses, eine sittliche Zurechnung, welche von der des Mittelalters wesentlich verschieden ist.

Der Italiener der Renaissance aber hatte das erste gewaltige Daherwogen dieses neuen Weltalters zu bestehen. Mit seiner Begabung und seinen Leidenschaften ist er für alle Höhen und alle Tiefen dieses Weltalters der kenntlichste, bezeichnendste Repräsentant geworden; neben tiefer Verworfenheit entwickelt sich die edelste Harmonie des Persönlichen und eine glorreiche Kunst, welche das individuelle Leben verherrlichte, wie weder Altertum noch Mittelalter dies wollten oder konnten.

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