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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Von den wichtigern Dynastien sind die Aragonesen gesondert zu betrachten. Das Lehnswesen, welches hier seit der Normannenzeit als Grundherrschaft der Barone fortdauert, färbt schon den Staat eigentümlich, während im übrigen Italien, den südlichen Kirchenstaat und wenige andere Gegenden ausgenommen, fast nur noch einfacher Grundbesitz gilt und der Staat keine Befugnisse mehr erblich werden lässt. Sodann ist der grosse Alfons, welcher seit 1435 Neapel in Besitz genommen (+ 1458), von einer andern Art als seine wirklichen oder vorgeblichen Nachkommen. Glänzend in seinem ganzen Dasein, furchtlos unter seinem Volke, von einer grossartigen Liebenswürdigkeit im Umgang, und selbst wegen seiner späten Leidenschaft für Lucrezia d'Alagna nicht getadelt, sondern bewundert, hatte er die eine üble Eigenschaft der VerschwendungJovian. Pontan.: de liberalitate, und: de obedientia, l. 4. Vgl. Sismondi X, p. 78, s., an welche sich dann die unvermeidlichen Folgen hingen. Frevelhafte Finanzbeamte wurden zuerst allmächtig, bis sie der bankerott gewordene König ihres Vermögens beraubte; ein Kreuzzug wurde gepredigt, um unter diesem Vorwand den Klerus zu besteuern; bei einem grossen Erdbeben in den Abruzzen mußten die Ueberlebenden die Steuer für die Umgekommenen weiter bezahlen. Unter solchen Umständen war Alfons für hohe Gäste der prunkhafteste Wirt seiner Zeit (S. 44) und froh des unaufhörlichen Spendens an jedermann, auch an Feinde; für literarische Bemühungen hatte er vollends keinen Maßstab mehr, so daß Poggio für die lateinische Uebersetzung von Xenophons Cyropädie fünfhundert Goldstücke erhielt.

FerranteTristano Caracciolo: de varietate fortunae, bei Murat. XXII. – Jovian. Pontanus: de prudentia, l. IV; de magnanimitate, l. I; de liberalitate, de immanitate. – Cam. Porzio, Congiura de' Baroni, passim. – Comines, Charles VIII, chap. 17, mit der allgem. Charakteristik der Aragonesen., der auf ihn kam, galt als sein Bastard von einer spanischen Dame, war aber vielleicht von einem valencianischen Marranen erzeugt. War es nun mehr das Geblüt oder die seine Existenz bedrohenden Komplotte der Barone, was ihn düster und grausam machte, jedenfalls ist er unter den damaligen Fürsten der schrecklichste. Rastlos tätig, als einer der stärksten politischen Köpfe anerkannt, dabei kein Wüstling, richtet er alle seine Kräfte, auch die eines unversöhnlichen Gedächtnisses und einer tiefen Verstellung auf die Zernichtung seiner Gegner. Beleidigt in allen Dingen, worin man einen Fürsten beleidigen kann, indem die Anführer der Barone mit ihm verschwägert und mit allen auswärtigen Feinden verbündet waren, gewöhnte er sich an das Aeusserste als an ein Alltägliches. Für die Beschaffung der Mittel in diesem Kampfe und in seinen auswärtigen Kriegen wurde wieder etwa in jener mohammedanischen Weise gesorgt, die Friedrich II. angewandt hatte: mit Korn und Oel handelte nur die Regierung; den Handel überhaupt hatte Ferrante in den Händen eines Ober- und Grosskaufmanns, Francesco Coppola, zentralisiert, welcher mit ihm den Nutzen teilte und alle Reeder in seinen Dienst nahm; Zwangsanleihen, Hinrichtungen und Konfiskationen, grelle Simonie und Brandschatzung der geistlichen Korporationen beschufen das übrige. Nun überliess sich Ferrante ausser der Jagd, die er rücksichtslos übte, zweierlei Vergnügungen: seine Gegner entweder lebend in wohlverwahrten Kerkern oder tot und einbalsamiert, in der Tracht, die sie bei Lebzeiten trugenPaul. Jovius, Histor. I; p. 14, in der Rede eines mailändischen Gesandten; Diario Ferrarese, bei Murat. XXIV, Col. 294., in seiner Nähe zu haben. Er kicherte, wenn er mit seinen Vertrauten von den Gefangenen sprach; aus der Mumienkollektion wurde nicht einmal ein Geheimnis gemacht. Seine Opfer waren fast lauter Männer, deren er sich durch Verrat, ja an seiner königlichen Tafel bemächtigt. Völlig infernal war das Verfahren gegen den im Dienst grau und krank gewordenen Premierminister Antonello Petrucci, von dessen wachsender Todesangst Ferrante immerfort Geschenke annahm, bis endlich ein Anschein von Teilnahme an der letzten Baronenverschwörung den Vorwand gab zu seiner Verhaftung und Hinrichtung, zugleich mit Coppola. Die Art, wie dies alles bei Caracciolo und Porzio dargestellt ist, macht die Haare sträuben. – Von den Söhnen des Königs genoss der ältere, Alfonso Herzog von Calabrien, in den spätem Zeiten eine Art Mitregierung; ein wilder, grausamer Wüstling, der vor dem Vater die grössere Offenheit voraus hatte und sich auch nicht scheute, seine Verachtung gegen die Religion und ihre Bräuche an den Tag zu legen. Die bessern, lebendigen Züge des damaligen Tyrannentums muss man bei diesen Fürsten nicht suchen; was sie von der damaligen Kunst und Bildung an sich nehmen, ist Luxus oder Schein. Schon die echten Spanier treten in Italien fast immer nur entartet auf; vollends aber zeigt der Ausgang dieses Marranenhauses (1494 und 1503) einen augenscheinlichen Mangel an Rasse. Ferrante stirbt vor innerer Sorge und Qual; Alfonso traut seinem eigenen Bruder Federigo, dem einzigen Guten der Familie, Verrat zu und beleidigt ihn auf die unwürdigste Weise; endlich flieht er, der bisher als einer der tüchtigsten Heerführer Italiens gegolten, besinnungslos nach Sizilien und lässt seinen Sohn, den jüngern Ferrante, den Franzosen und dem allgemeinen Verrat zur Beute. Eine Dynastie, welche so regiert hatte wie diese, hätte allermindestens ihr Leben teuer verkaufen müssen, wenn ihre Kinder und Nachkommen eine Restauration hoffen sollten. Aber: jamais homme cruel ne fut hardi, wie Comines bei diesem Anlass etwas einseitig und im ganzen doch richtig sagt.

 

Echt italienisch im Sinne des 15. Jahrhunderts stellt sich das Fürstentum in den Herzogen von Mailand dar, deren Herrschaft seit Giangaleazzo schon eine völlig ausgebildete absolute Monarchie gewesen ist. Vor allem ist der letzte Visconti, Filippo Maria (1412 bis 1447), eine höchst merkwürdige, glücklicherweise vortrefflich geschildertePetri Candidi Decembrii Vita Phil. Mariae Vivecomitis, bei Murat. XX. Persönlichkeit. Was die Furcht aus einem Menschen von bedeutenden Anlagen in hoher Stellung machen kann, zeigt sich hier, man könnte sagen, mathematisch vollständig; alle Mittel und Zwecke des Staates konzentrieren sich in dem einen der Sicherung seiner Person, nur dass sein grausamer Egoismus doch nicht in Blutdurst überging. Im Kastell von Mailand, das die herrlichsten Gärten, Laubgänge und Tummelplätze mit umfasste, sitzt er: ohne die Stadt in vielen Jahren auch nur zu betreten; seine Ausflüge gehen nach den Landstädten, wo seine prächtigen Schlösser liegen; die Barkenflottille, die ihn, von raschen Pferden gezogen, auf eigens gebauten Kanälen dahinführt, ist für die Handhabung der ganzen Etikette eingerichtet. Wer das Kastell betrat, war hundertfach beobachtet; niemand sollte auch nur am Fenster stehen, damit nicht nach aussen gewinkt würde. Ein künstliches System von Prüfungen erging über die, welche zur persönlichen Umgebung des Fürsten gezogen werden sollten; diesen vertraute er dann die höchsten diplomatischen wie die Lakaiendienste an, denn beides war ja hier gleich ehrenvoll. Und dieser Mann führte lange, schwierige Kriege und hatte beständig grosse politische Dinge unter den Händen, d. h. er musste unaufhörlich Leute mit umfassenden Vollmachten aussenden. Seine Sicherheit lag nun darin, dass keiner von diesen keinem traute, daß die Condottieren durch Spione und die Unterhändler und höhern Beamten durch künstlich genährte Zwietracht, namentlich durch Zusammenkoppelung je eines Guten und eines Bösen, irregemacht und auseinander gehalten wurden. Auch in seinem Innersten ist Filippo Maria bei den entgegengesetzten Polen der Weltanschauung versichert; er glaubt an Gestirne und an blinde Notwendigkeit und betet zugleich zu allen NothelfernRührten von ihm etwa die 14 Marmorstatuen der Nothelfer am Kastell zu Mailand her? – S. Historia der Frundsberge, fol. 27.; er liest alte Autoren und französische Ritterromane. Und zuletzt hat derselbe Mensch, der den Tod nie wollte erwähnen hörenIhn ängstigte, quod aliquando »non esse« necesse esset. und selbst seine sterbenden Günstlinge aus dem Kastell schaffen liess, damit niemand in dieser Burg des Glückes erbleiche, durch Schliessung einer Wunde und Verweigerung des Aderlasses seinen Tod absichtlich beschleunigt und ist mit Anstand und Würde gestorben.

Sein Schwiegersohn und endlicher Erbe, der glückliche Condottiere Francesco Sforza (1450-1466, S. 51) war vielleicht von allen Italienern am meisten der Mann nach dem Herzen des 15. Jahrhunderts. Glänzender als in ihm war der Sieg des Genies und der individuellen Kraft nirgends ausgesprochen, und wer das nicht anzuerkennen geneigt war, durfte doch immerhin den Liebling der Fortuna in ihm verehren. Mailand empfand es offenbar als Ehre, wenigstens einen so berühmten Herrscher zu erhalten; hatte ihn doch bei seinem Eintritt das dichte Volksgedränge zu Pferde in den Dom hineingetragen, ohne dass er absteigen konnteCorio, Fol. 400; – Cagnola, im Archiv. stor. III, p. 125.. Hören wir die Bilanz seines Lebens, wie sie Papst Pius II., ein Kenner in solchen Dingen, uns vorrechnetPii II. Comment. III, p. 130. Vgl. II, 87, 106. Eine andere, noch mehr ins Düstere fallende Taxation vom Glücke des Sforza gibt Caracciolo, de varietate fortunae, bei Murat. XXII. Col. 74.. »Im Jahr 1459, als der Herzog zum Fürstenkongress nach Mantua kam, war er 60 (eher 58) Jahre alt; als Reiter einem Jüngling gleich, hoch und äusserst imposant an Gestalt, von ernsten Zügen, ruhig und leutselig im Reden, fürstlich im ganzen Benehmen, ein Ganzes von leiblicher und geistiger Begabung ohnegleichen in unserer Zeit, im Felde unbesiegt – das war der Mann, der von niedrigem Stande zur Herrschaft über ein Reich emporstieg. Seine Gemahlin war schön und tugendhaft, seine Kinder anmutig wie Engel vom Himmel; er war selten krank; alle seine wesentlichen Wünsche erfüllten sich. Doch hatte auch er einiges Missgeschick; seine Gemahlin tötete ihm aus Eifersucht die Geliebte; seine alten Waffengenossen und Freunde Troilo und Brunoro verliessen ihn und gingen zu König Alfons über; einen andern, Ciarpollone, musste er wegen Verrats henken lassen; von seinem Bruder Alessandro mußte er erleben, dass derselbe einmal die Franzosen gegen ihn aufstiftete; einer seiner Söhne zettelte Ränke gegen ihn und kam in Haft; die Mark Ancona, die er im Krieg erobert, verlor er auch wieder im Krieg. Niemand geniesst ein so ungetrübtes Glück, dass er nicht irgendwo mit Schwankungen zu kämpfen hätte. Der ist glücklich, der wenige Widerwärtigkeiten hat.« Mit dieser negativen Definition des Glückes entlässt der gelehrte Papst seinen Leser. Wenn er hätte in die Zukunft blicken können oder auch nur die Konsequenzen der völlig unbeschränkten Fürstenmacht überhaupt erörtern wollen, so wäre ihm eine durchgehende Wahrnehmung nicht entgangen: die Garantielosigkeit der Familie. Jene engelschönen, überdies sorgfältig und vielseitig gebildeten Kinder unterlagen, als sie Männer wurden, der ganzen Ausartung des schrankenlosen Egoismus. Galeazzo Maria (1466 bis 1476), ein Virtuose der äussern Erscheinung, war stolz auf seine schöne Hand, auf die hohen Besoldungen, die er bezahlte, auf den Geldkredit, den er genoss, auf seinen Schatz von zwei Millionen Goldstücken, auf die namhaften Leute, die ihn umgaben, und auf die Armee und die Vogeljagd, die er unterhielt. Dabei hörte er sich gerne reden, weil er gut redete, und vielleicht am allerfliessendsten, wenn er etwa einen venezianischen Gesandten kränken konnteMalipiero, Ann. veneti, Archiv. stor. VII, I, p. 216, 221.. Dazwischen aber gab es Launen wie z. B. die, ein Zimmer in einer Nacht mit Figuren ausmalen zu lassen; es gab entsetzliche Grausamkeiten gegen Nahestehende und besinnungslose Ausschweifung. Einigen Phantasten schien er alle Eigenschaften eines Tyrannen zu besitzen; sie brachten ihn um und lieferten damit den Staat in die Hände seiner Brüder, deren einer, Lodovico il Moro, nachher mit Uebergehung des eingekerkerten Neffen die ganze Herrschaft an sich riss. An diese Usurpation hängt sich dann die Intervention der Franzosen und das böse Schicksal von ganz Italien. Der Moro ist aber die vollendetste fürstliche Charakterfigur dieser Zeit und erscheint damit wieder wie ein Naturprodukt, dem man nicht ganz böse sein kann. Bei der tiefsten Immoralität seiner Mittel erscheint er in deren Anwendung völlig naiv; er würde wahrscheinlich sich sehr verwundert haben, wenn ihm jemand hätte begreiflich machen wollen, daß nicht nur für die Zwecke, sondern auch für die Mittel eine sittliche Verantwortung existiert; Ja er wurde vielleicht seine möglichste Vermeidung aller Bluturteile als eine ganz besondere Tugend geltend gemacht haben. Den halbmythischen Respekt der Italiener vor seiner politischen Force nahm er wie einen schuldigen TributChron. venetum, bei Murat. XXIV, Col. 65. an; noch 1496 rühmte er sich: Papst Alexander sei sein Kaplan, Kaiser Max sein Condottiere, Venedig sein Kämmerer, der König von Frankreich sein Kurier, der da kommen und gehen müsse, wie ihm beliebeMalipiero, Ann. Veneti, Archiv. stor. VII, I, p. 492, Vgl. 4S1, 561.. Mit einer erstaunlichen Besonnenheit wägt er noch in der letzten Not (1499) die möglichen Ausgänge ab und verlässt sich dabei, was ihm Ehre macht, auf die Güte der menschlichen Natur; seinen Bruder Kardinal Ascanio, der sich erbietet, im Kastell von Mailand auszuharren, weist er ab, da sie früher bittern Streit gehabt hatten: »Monsignore, nichts für ungut, Euch traue ich nicht, wenn Ihr schon mein Bruder seid« – bereits hatte er sich einen Kommandanten für das Kastell, diese »Bürgschaft seiner Rückkehr« ausgesucht, einen Mann, dem er nie Uebles, stets nur Gutes erwiesenSeine letzte Unterredung mit demselben, echt und merkwürdig, bei Senarega, Murat. XXIV, Col. 567.. Derselbe verriet dann gleichwohl die Burg. – Im Innern war der Moro bemüht, gut und nützlich zu walten, wie er denn in Mailand und auch in Como noch zuletzt auf seine Beliebtheit rechnete; doch hatte er in den spätern Jahren (seit 1496) die Steuerkraft seines Staates übermässig angestrengt und z. B. in Cremona einen angesehenen Bürger, der gegen die neuen Auflagen redete, aus lauter Zweckmässigkeit insgeheim erdrosseln lassen; auch hielt er sich seitdem bei Audienzen die Leute durch eine Barre weit vom LeibeDiario Ferrarese, bei Murat. XXIV, Col. 336, 367, 369. Das Volk glaubte, er thesauriere., so dass man sehr laut reden musste, um mit ihm zu verhandeln. – An seinem Hofe, dem glanzvollsten von Europa, da kein burgundischer mehr vorhanden war, ging es äusserst unsittlich her; der Vater gab die Tochter, der Gatte die Gattin, der Bruder die Schwester preisCorio, Fol. 448. Die Nachwirkungen dieses Zustandes sind besonders kenntlich in den auf Mailand bezüglichen Novellen und Introduktionen des Bandello.. Allein der Fürst wenigstens blieb immer tätig und fand sich als Sohn seiner Taten denjenigen verwandt, welche ebenfalls aus eigenen geistigen Mitteln existierten, den Gelehrten, Dichtern, Musikern und Künstlern. Die von ihm gestiftete AkademieAmoretti, Memorie storiche sulla vita ecc. di Lionardo da Vinci, p. 35, s. 83, s. ist in erster Linie in bezug auf ihn, nicht auf eine zu unterrichtende Schülerschaft vorhanden; auch bedarf er nicht des Ruhmes der betreffenden Männer, sondern ihres Umganges und ihrer Leistungen. Es ist gewiss, dass Bramante am Anfang schmal gehalten wurdeS. dessen Sonette bei Trucchi, Poesie inedite.; aber Lionardo ist doch bis 1496 richtig besoldet worden – und was hielt ihn überhaupt an diesem Hofe, wenn er nicht freiwillig blieb? Die Welt stand ihm offen wie vielleicht überhaupt keinem von allen damaligen Sterblichen, und wenn irgend etwas dafür spricht, dass in Lodovico Moro ein höheres Element lebendig gewesen, so ist es dieser lange Aufenthalt des rätselhaften Meisters in seiner Umgebung. Wenn Lionardo später dem Cesare Borgia und Franz I. gedient hat, so mag er auch an diesen das aussergewöhnliche Naturell geschätzt haben.

Von den Söhnen des Moro, die nach seinem Sturz von fremden Leuten schlecht erzogen waren, sieht ihm der ältere, Massimiliano, gar nicht mehr ähnlich; der jüngere, Francesco, war wenigstens des Aufschwunges nicht unfähig. Mailand, das in diesen Zeiten so viele Male die Gebieter wechselte und dabei unendlich litt, sucht sich wenigstens gegen die Reaktionen zu sichern; die im Jahre 1512 vor der Armee der heiligen Liga und Massimiliano abziehenden Franzosen werden bewogen, der Stadt einen Revers darüber auszustellen, dass die Mailänder keinen Teil an ihrer Vertreibung hätten und, ohne Rebellion zu begehen, sich einem neuen Eroberer übergeben dürftenPrato, im Archiv. stor. III, p. 298, vgl. 302.. Es ist auch in politischer Beziehung zu beachten, dass die unglückliche Stadt in solchen Augenblicken des Ueberganges, gerade wie z. B. Neapel bei der Flucht der Aragonesen, der Plünderung durch Rotten von Bösewichtern (auch sehr vornehmen) anheimzufallen pflegte.

 

Zwei besonders wohlgeordnete und durch tüchtige Fürsten vertretene Herrschaften sind in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die der Gonzagen von Mantua und der Montefeltro von Urbino. Die Gonzagen waren schon als Familie ziemlich einträchtig; es gab bei ihnen seit langer Zeit keine geheimen Mordtaten, und sie durften ihre Toten zeigen. Marchese Francesco GonzagaGeb. 1466, verlobt mit der sechsjährigen Isabella 1480, sukzediert 1484, vermählt 1490, + 1519; Isabellens Tod 1539. Ihre Söhne Federigo, 1519-1540, zum Herzog erhoben 1530, und der berühmte Ferrante Gonzaga. Das Folgende aus der Korrespondenz Isabellens, nebst Beilagen, Archiv. stor. Append. Tom. II, mitgeteilt von d'Arco. und seine Gemahlin Isabella von Este sind, so locker es bisweilen hergehen mochte, ein würdevolles und einiges Ehepaar geblieben und haben bedeutende und glückliche Söhne erzogen in einer Zeit, da ihr kleiner, aber hochwichtiger Staat oft in der grössten Gefahr schwebte. Dass Francesco als Fürst und als Condottiere eine besonders gerade und redliche Politik hätte befolgen sollen, das würde damals weder der Kaiser, noch die Könige von Frankreich, noch Venedig verlangt oder gar erwartet haben, allein er fühlte sich wenigstens seit der Schlacht am Taro (1495), soweit es die Waffenehre betraf, als italienischen Patrioten und teilte diese Gesinnung auch seiner Gemahlin mit. Sie empfindet fortan jede Aeusserung heldenmütiger Treue, wie z. B. die Verteidigung von Faenza gegen Cesare Borgia als eine Ehrenrettung Italiens. Unser Urteil über sie braucht sich nicht auf die Künstler und Schriftsteller zu stützen, welche der schönen Fürstin ihr Mäzenat reichlich vergalten; ihre eigenen Briefe schildern uns die unerschütterlich ruhige, im Beobachten schalkhafte und liebenswürdige Frau hinlänglich. Bembo, Bandello, Ariosto und Bernardo Tasso sandten ihre Arbeiten an diesen Hof, obschon derselbe klein und machtlos und die Kasse oft sehr leer war; einen feinern geselligen Kreis als diesen gab es eben seit der Auflösung des alten urbinatischen Hofes (1508) doch nirgends mehr, und auch der ferraresische war wohl hier im Wesentlichen übertroffen, nämlich in der Freiheit der Bewegung. Spezielle Kennerin war Isabella in der Kunst, und das Verzeichnis ihrer kleinen, höchst ausgesuchten Sammlung wird kein Kunstfreund ohne Bewegung lesen.

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