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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 48
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Mit dem 15. Jahrhundert rauben dann auf einmal die grossen Meister der flandrischen Schule, Hubert und Johann van Eyck, der Natur ihr Bild. Und zwar ist ihre Landschaft nicht bloss Konsequenz ihres allgemeinen Strebens, einen Schein der Wirklichkeit hervorzubringen, sondern sie hat bereits einen selbständigen poetischen Gehalt, eine Seele, wenn auch nur in befangener Weise. Der Eindruck derselben auf die ganze abendländische Kunst ist unleugbar, und so blieb auch die italienische Landschaftsmalerei davon nicht unberührt. Allein daneben geht das eigentümliche Interesse des gebildeten italienischen Auges für die Landschaft seinen eigenen Weg-

Wie in der wissenschaftlichen Kosmographik so ist auch hier Aeneas Sylvius eine der wichtigsten Stimmen der Zeit. Man könnte den Menschen Aeneas völlig preisgeben und müsste gleichwohl dabei gestehen, dass in wenigen andern das Bild der Zeit und ihrer Geisteskultur sich so vollständig und lebendig spiegelte, dass wenige andere dem Normalmenschen der Frührenaissance so nahe kommen. Uebrigens wird man ihn auch in moralischer Beziehung, beiläufig gesagt, nicht ganz billig beurteilen, wenn man einseitig die Beschwerden der mit Hülfe seiner Wandelbarkeit um ihr Konzil betrogenen deutschen Kirche zum Ausgangspunkt nimmtAuch dürfte man wohl Platina, Vitae Pontiff., p. 310 anhören: Homo fuit (Pius II.) verus, integer, aperius; nil habuit ficti, nil simulati, ein Feind der Heuchelei und des Aberglaubens, mutig, konsequent..

Hier interessiert er uns als der erste, welcher die Herrlichkeit der italienischen Landschaft nicht bloss genossen, sondern mit Begeisterung bis ins einzelne geschildert hat. (Vgl. oben S. 211.) Den Kirchenstaat und das südliche Toscana (seine Heimat) kannte er besonders genau, und als er Papst wurde, wandte er seine Musse in der guten Jahreszeit wesentlich auf Ausflüge und die Landaufenthalte. Jetzt wenigstens hatte der längst podagrische Mann die Mittel, sich auf dem Tragsessel über Berg und Tal bringen zu lassen, und wenn man die Genüsse der folgenden Päpste damit vergleicht, so erscheint Pius, dessen höchste Freude Natur, Altertum und mässige, aber edelzierliche Bauten waren, wie ein halber Heiliger. In dem schönen lebendigen Latein seiner Kommentarien legt er ganz unbefangen das Zeugnis seines Glückes niederDie bedeutendsten Stellen sind folgende. Pii II. P. M. Commentarii. L. IV, p. 183: Der Frühling in der Heimat. L. V, p. 251: Der Sommeraufenthalt in Tibur. L. VI, p. 306: Das Mahl an der Quelle von Vicovaro. L. VIII, p. 378: Die Umgegend von Viterbo. p. 387: Das Bergkloster S. Martino. p. 388: Der See von Bolsena. L. IX, p. 396: Die herrliche Schilderung von Monte Amiata. L. X, p. 483: Die Lage von Monteoliveto. p. 497: Die Aussicht von Todi. L. XI, p. 554: Ostia und Porto. p. 562: Beschreibung des Albanergebirges. L. XII, p. 609: Frascati und Grottaferrata..

Sein Auge erscheint so vielseitig gebildet als dasjenige irgend eines modernen Menschen. Er geniesst mit Entzücken die grosse panoramatische Pracht der Aussicht vom höchsten Gipfel des Albanergebirges, dem Monte Cavo, von wo er das Gestade der Kirche von Terracina und dem Vorgebirge der Circe bis nach Monte Argentaro überschaut, und das weite Land mit all den Ruinenstädten der Urzeit, mit den Bergzügen Mittelitaliens, mit dem Blick auf die in der Tiefe ringsum grünenden Wälder und die nahe scheinenden Seen des Gebirges. Er empfindet die Schönheit der Lage von Todi, wie es thront über seinen Weinbergen und Oelhalden, mit dem Blick auf ferne Wälder und auf das Tibertal, wo die vielen Kastelle und Städtchen über dem schlängelnden Fluss ragen. Das reizende Hügelland um Siena mit seinen Villen und Klöstern auf allen Höhen ist freilich seine Heimat, und seine Schilderung zeigt eine besondere Vorliebe. Aber auch das einzelne malerische Motiv im engern Sinne beglückt ihn, wie z. B. jene in den Bolsener See vortretende Landzunge, Capo di Monte: »Felstreppen, von Weinlaub beschattet, führen steil nieder ans Gestade, wo zwischen den Klippen die immergrünen Eichen stehen, stets belebt vom Gesang der Drosseln.« Auf dem Wege rings um den See von Nemi, unter den Kastanien und andern Fruchtbäumen fühlt er, dass hier wenn irgendwo das Gemüt eines Dichters erwachen müsste, hier in »Dianens Versteck«. Oft und viel hat er Konsistorium und Segnatura gehalten oder Gesandte angehört unter alten Riesenkastanien, oder unter Oelbäumen, auf grüner Wiese, neben sprudelnden Gewässern. Einem Anblick wie der einer sich verengenden Waldschlucht mit einer kühn darüber gewölbten Brücke gewinnt er sofort seine hohe Bedeutung ab. Auch das Einzelste erfreut ihn dann wieder durch seine schöne oder vollständig ausgebildete und charakteristische Erscheinung: die blauwogenden Flachsfelder, der gelbe Ginster, welcher die Hügel überzieht, selbst das wilde Gestrüpp jeder Art, und ebenso einzelne prächtige Bäume und Quellen, die ihm wie Naturwunder erscheinen.

Den Gipfel seines landschaftlichen Schwelgens bildet sein Aufenthalt auf dem Monte Amiata im Sommer 1462, als Pest und Gluthitze die Tieflande schrecklich machten. In der halben Höhe des Berges, in dem alten langobardischen Kloster San Salvatore schlug er mit der Kurie sein Quartier auf: dort, zwischen Kastanien über dem schroffen Abhang, überschaut man das ganze südliche Toscana und sieht in der Ferne die Türme von Siena. Die Ersteigung der höchsten Spitze überliess er seinen Begleitern, zu welchen sich auch der venezianische Orator gesellte; sie fanden oben zwei gewaltige Steinblöcke übereinander, vielleicht die Opferstätte eines Urvolkes, und glaubten über dem Meere in weiter Ferne auch Corsica und SardinienSo muss es wohl heissen statt: Sizilien. zu entdecken. In der herrlichen Sommerkühle, zwischen den alten Eichen und Kastanien, auf dem frischen Rasen, wo kein Dorn den Fuss ritzte, kein Insekt und keine Schlange sich lästig oder gefährlich machte, genoss der Papst der glücklichsten Stimmung; für die Segnatura, welche an bestimmten Wochentagen stattfand, suchte er jedesmal neue schattige PlätzeEr nennt sich selbst mit Anspielung auf seinen Namen: Silvarum amator et varia videndi cupidus. auf – »novos in convallibus fontes et novas inveniens umbras, quae dubiam facerent electionem«. Dabei geschah es wohl, dass die Hunde einen gewaltigen Hirsch aus seinem nahen Lager aufjagten, den man mit Klauen und Geweih sich verteidigen und bergaufwärts fliehen sah. Des Abends pflegte der Papst vor dem Kloster zu sitzen an der Stelle, von wo man in das Tal der Paglia niederschaut, und mit den Kardinälen heitere Gespräche zu führen. Kurialen, die sich auf der Jagd abwärts wagten, fanden unten die Hitze unleidlich und alles verbrannt, eine wahre Hölle, während das Kloster in seiner grünen, kühlen Umgebung eine Wohnung der Seligen schien.

Dies ist lauter wesentlich moderner Genuss, nicht Einwirkung des Altertums. So gewiss die Alten ähnlich empfanden, so gewiss hätten doch die spärlichen Aussagen hierüber, welche Pius kennen mochte, nicht hingereicht, um in ihm eine solche Begeisterung zu entzündenUeber Leonbattista Albertis Verhältnis zur Landschaft vgl. S. 170..

Die nun folgende zweite Blütezeit der italienischen Poesie zu Ende des 15. und zu Anfang des 16. Jahrhunderts nebst der gleichzeitigen lateinischen Dichtung ist reich an Beweisen für die starke Wirkung der landschaftlichen Umgebung auf das Gemüt, wie der erste Blick auf die damaligen Lyriker lehren mag. Eigentliche Beschreibungen grosser landschaftlicher Anblicke aber finden sich deshalb kaum, weil Lyrik, Epos und Novelle in dieser energischen Zeit anderes zu tun haben. Bojardo und Ariosto zeichnen ihre Naturszenerie sehr entschieden, aber so kurz als möglich, ohne sie je durch Fernen und grosse Perspektiven zur Stimmung beitragen zu lassenDas ausgeführteste Bild dieser Art bei Ariosto, sein sechster Gesang, besteht aus lauter Vordergrund., denn diese liegt ausschliesslich in den Gestalten und Ereignissen. Beschauliche DialogenschreiberAgnolo Pandolfini (Trattato del gov. della famiglia, p. 90), noch ein Zeitgenosse des Aeneas, freut sich auf dem Lande »der buschigen Hügel, der reizvollen Ebenen und der rauschenden Gewässer«, aber vielleicht ist unter seinem Namen der grosse Alberti verborgen, der, wie bemerkt, noch ein ganz anderes Verhältnis zur Landschaft hatte. und Epistolographen können viel eher eine Quelle für das wachsende Naturgefühl sein als Dichter. Merkwürdig bewusst hält z. B. Bandello die Gesetze seiner Literaturgattung fest: in den Novellen selbst kein Wort mehr als das Notwendigste über die NaturumgebungUeber die architektonische Umgebung denkt er anders, und hier kann auch die Dekoration noch von ihm lernen. Er will einen bestimmten Luxus schildern., in den jedesmal vorangehenden Widmungen dagegen mehrmals eine behagliche Schilderung derselben als Szene von Gespräch und Geselligkeit. Von den Briefschreibern ist leider AretinoLettere pittoriche III, 36. An Tizian, Mai 1544. zu nennen als derjenige, welcher vielleicht zuerst einen prachtvollen abendlichen Licht- und Wolkeneffekt umständlich in Worte gefasst hat.

Doch auch bei Dichtern kommt bisweilen eine merkwürdige Verflechtung ihres Gefühlslebens mit einer liebevoll und zwar genrehaft geschilderten Naturumgebung vor. Tito Strozza beschreibt in einer lateinischen ElegieStrozzi poetae, in den Erotica, L. VI, p. 182, s. (um 1480) den Aufenthalt seiner Geliebten: ein altes, von Epheu umzogenes Häuschen mit verwitterten Heiligenfresken, in Bäumen versteckt, daneben eine Kapelle, übel zugerichtet von den reissenden Hochwassern des hart vorbeiströmenden Po; in der Nähe ackert der Kaplan seine sieben magern Jucharten mit entlehntem Gespann. Dies ist keine Reminiszenz aus den römischen Elegikern, sondern eigene moderne Empfindung, und die Parallele dazu, eine wahre, nicht künstlich bukolische Schilderung des Landlebens, wird uns zu Ende dieses Abschnitts auch nicht fehlen.

Man könnte nun einwenden, dass unsere deutschen Meister des beginnenden 16. Jahrhunderts solche realistische Umgebungen des Menschenlebens bisweilen mit vollster Meisterschaft darstellen, wie z. B. Albrecht Dürer in seinem Kupferstich des verlorenen Sohnes. Aber es sind zwei ganz verschiedene Dinge, ob ein Maler, der mit Realismus grossgewachsen, solche Szenerien beifügt, oder ob ein Dichter, der sich sonst ideal und mythologisch drapiert, aus innerm Drange in die Wirklichkeit niedersteigt. Ueberdies ist die zeitliche Priorität hier wie bei den Schilderungen des Landlebens auf der Seite der italienischen Dichter.

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