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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 44
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Wenn aber die Kulturgeschichte nach Aussagen zu suchen verpflichtet ist, in welchen neben der Anklage das menschliche Mitgefühl vorwiegt, so ist keine Quelle zu vergleichen mit der oft erwähnten Schrift des Pierio Valeriano »über das Unglück der Gelehrten«De infelicitate literatorum.. Sie ist geschrieben unter dem düstern Eindruck der Verwüstung von Rom, welche mit dem Jammer, den sie auch über die Gelehrten brachte, dem Verfasser wie der Abschluss eines schon lange gegen dieselben wütenden bösen Schicksals erscheint. Pierio folgt hier einer einfachen, im ganzen richtigen Empfindung; er tut nicht gross mit einem besondern vornehmen Dämon, der die geistreichen Leute wegen ihres Genies verfolge, sondern er konstatiert das Geschehene, worin oft der blosse unglückliche Zufall als entscheidend vorkömmt. Er wünscht keine Tragödie zu schreiben oder alles aus höhern Konflikten herzuleiten, weshalb er denn auch Alltägliches vorbringt. Da lernen wir Leute kennen, welche bei unruhigen Zeiten zunächst ihre Einnahmen, dann auch ihre Stellen verlieren, Leute, welche zwischen zwei Anstellungen leer ausgehen, menschenscheue Geizhälse, die ihr Geld immer eingenäht auf sich tragen und nach geschehener Beraubung im Wahnsinn sterben, andere, welche Pfründen annehmen und in melancholischem Heimweh nach der frühern Freiheit dahinsiechen. Dann wird der frühe Tod vieler durch Fieber oder Pest beklagt, wobei die ausgearbeiteten Schriften mitsamt Bettzeug und Kleidern verbrannt werden; andere leben und leiden unter Morddrohungen von Kollegen; diesen und jenen mordet ein habsüchtiger Diener, oder Bösewichter fangen ihn auf der Reise weg und lassen ihn in einem Kerker verschmachten, weil er kein Lösegeld zahlen kann. Manchen rafft geheimes Herzeleid, erlittene Kränkung und Zurücksetzung dahin; ein Venezianer stirbt vor Gram, weil sein Söhnchen, ein Wunderkind, gestorben ist, und die Mutter und deren Bruder folgen bald, als zöge das Kind sie alle nach sich. Ziemlich viele, zumal Florentiner, enden durch SelbstmordHiezu vgl. schon Dante, Inferno, XIII., andere durch geheime Justiz eines Tyrannen. Wer ist am Ende noch glücklich? und auf welche Weise? etwa durch völlige Abstumpfung des Gefühles gegen solchen Jammer? Einer der Mitredner des Dialoges, in welchen Pierio seine Darstellung gekleidet hat, weiss Rat in diesen Fragen; es ist der herrliche Gasparo Contarini, und schon bei Nennung dieses Namens darf man erwarten, dass uns wenigstens etwas von dem Tiefsten und Wahrsten mitgeteilt werde, was sich damals darüber denken liess. Als Bild eines glücklichen Gelehrten erscheint ihm Fra Urbano Valeriano von Belluno, der in Venedig lange Zeit hindurch Lehrer des Griechischen war, Griechenland und den Orient besuchte, noch in späten Jahren bald dieses und bald jenes Land durchlief, ohne je ein Tier zu besteigen, nie einen Heller für sich besass, alle Ehren und Standeserhöhungen zurückwies und nach einem heitern Alter im 84. Jahre starb, ohne, mit Ausnahme eines Sturzes von der Leiter, eine kranke Stunde gehabt zu haben. Was unterschied ihn von den Humanisten? Diese haben mehr freien Willen, mehr losgebundene Subjektivität als sie mit Glück verwerten können; der Bettelmönch dagegen, im Kloster seit seinen Knabenjahren, hatte nie nach eigenem Belieben auch nur Speise oder Schlaf genossen und empfand deshalb den Zwang nicht mehr als Zwang; kraft dieser Gewöhnung führte er mitten in allen Beschwerden das innerlich ruhigste Leben und wirkte durch diesen Eindruck mehr auf seine Zuhörer als durch sein Griechisch; sie glaubten nunmehr überzeugt zu sein, dass es von uns selbst abhänge, ob wir im Missgeschick jammern oder uns trösten sollen. »Mitten in Dürftigkeit und Mühen war er glücklich, weil er es sein wollte, weil er nicht verwöhnt, nicht phantastisch, nicht unbeständig und ungenügsam war, sondern sich immer mit wenig oder nichts zufrieden gab.« – Wenn wir Contarini selber hörten, so wäre vielleicht auch noch ein religiöses Motiv dem Bilde beigemischt; doch ist schon der praktische Philosoph in Sandalen sprechend und bedeutsam genug. Einen verwandten Charakter in andern Umgebungen verrät auch jener Fabio Calvi von RavennaCoelii Calcagnini opera, ed. Basil. 1544, p. 101, im VII. Buch der Episteln. – Vgl. Pierio Val. de inf. lit., der Erklärer des Hippokrates. Er lebte hochbejahrt in Rom bloss von Kräutern »wie einst die Pythagoräer« und bewohnte ein Gemäuer, das vor der Tonne des Diogenes keinen grossen Vorzug hatte; von der Pension, die ihm Papst Leo bezahlte, nahm er nur das Allernötigste und gab den Rest an andere. Er blieb nicht gesund wie Fra Urbano, auch war sein Ende so, dass er wohl schwerlich im Tode gelächelt haben wird wie dieser, denn bei der Verwüstung von Rom schleppten ihn, den fast neunzigjährigen Greis, die Spanier fort in der Absicht, ihn zu ranzionieren, und er starb an den Folgen des Hungers in einem Spital. Aber sein Name ist in das Reich der Unvergänglichkeit gerettet, weil Rafael den Alten wie einen Vater geliebt und wie einen Meister geehrt, weil er ihn in allen Dingen zu Rate gezogen hatte. Vielleicht bezog sich die Beratung vorzugsweise auf jene antiquarische Restauration des alten Rom (S. 215), vielleicht aber auch auf viel höhere Dinge. Wer kann sagen, wie grossen Anteil Fabio am Gedanken der Schule von Athen und anderer hochwichtiger Kompositionen Rafaels gehabt hat?

 

Gerne möchten wir hier mit einem anmutigen und versöhnlichen Lebensbilde schliessen, etwa mit dem des Pomponius Laetus, wenn uns nur über diesen noch etwas mehr als der Brief seines Schülers SabellicusM. Ant. Sabellici opera, Epist. L. XI, fol. 56. Dazu die betreffende Biographie in den Elogia des Paolo Giovio. zu Gebote stände, in welchem Laetus wohl absichtlich etwas antikisiert wird; doch mögen einige Züge daraus folgen. Er war (S. 276) ein Bastard aus dem Hause der neapolitanischen Sanseverinen, Fürsten von Salerno, wollte sie aber nicht anerkennen und schrieb ihnen auf die Einladung, bei ihnen zu leben, das berühmte Billet: Pomponius Laetus cognatis et propinquis suis salutem. Quod petitis fieri non potest. Valete. Ein unansehnliches Männchen mit kleinen, lebhaften Augen, in wunderlicher Tracht, bewohnte er in den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts, als Lehrer an der Universität Rom, bald sein Häuschen mit Garten auf dem Esquilin, bald seine Vigne auf dem Quirinal; dort zog er seine Enten u. a. Geflügel, hier baute er sein Grundstück durchaus nach den Vorschriften des Cato, Varro und Columella; Festtage widmete er draussen dem Fisch- und Vogelfang, auch wohl dem Gelage im Schatten bei einer Quelle oder an der Tiber. Reichtum und Wohlleben verachtete er. Neid und Uebelrede war nicht in ihm, und er duldete sie auch in seiner Nähe nicht; nur gegen die Hierarchie liess er sich sehr frei gehen, wie er denn auch, die letzten Zeiten ausgenommen, als Verächter der Religion überhaupt galt. In die Humanistenverfolgung Papst Pauls II. verflochten, war er von Venedig an diesen ausgeliefert worden und hatte sich durch kein Mittel zu unwürdigen Geständnissen bringen lassen; seitdem luden ihn Päpste und Prälaten zu sich ein und unterstützten ihn, und als in den Unruhen unter Sixtus IV. sein Haus geplündert wurde, steuerte man für ihn mehr zusammen als er eingebüsst hatte. Als Dozent war er gewissenhaft; schon vor Tage sah man ihn mit seiner Laterne vom Esquilin herabsteigen, und immer fand er seinen Hörsaal schon gedrängt voll; da er im Gespräch stotterte, sprach er auf dem Katheder behutsam, aber doch schön und gleichmässig. Auch seine wenigen Schriften sind sorgfältig abgefasst. Alte Texte behandelte keiner so sorgfältig und schüchtern, wie er denn auch vor andern Resten des Altertums seinen wahren Respekt bewies, indem er wie verzückt dastand oder in Tränen ausbrach. Da er die eigenen Studien liegen liess, wenn er andern behülflich sein konnte, so hing man ihm sehr an, und als er starb, sandte sogar Alexander VI. seine Höflinge, die Leiche zu begleiten, welche von den vornehmsten Zuhörern getragen wurde; den Exequien in Araceli wohnten vierzig Bischöfe und alle fremden Gesandten bei.

Laetus hatte die Aufführungen antiker, hauptsächlich plautinischer Stücke in Rom aufgebracht und geleitet (S. 281 f.). Auch feierte er den Gründungstag der Stadt alljährlich mit einem Feste, wobei seine Freunde und Schüler Reden und Gedichte vortrugen. Bei diesen beiden Hauptanlässen bildete sich und blieb dann auch später beisammen, was man die römische Akademie nannte. Dieselbe war durchaus nur ein freier Verein und an kein festes Institut geknüpft; ausser jenen Gelegenheiten kam sie zusammenJac. Volaterran. Diar. Rom. bei Murat. XXIII, Col. 161, 171, 185. – Anecdota liter. II, p. 168, s., wenn ein Gönner sie einlud oder wenn das Gedächtnis eines verstorbenen Mitgliedes, z. B. des Platina gefeiert wurde. Vormittags pflegte dann ein Prälat, der dazu gehörte, eine Messe zu lesen; darauf betrat etwa Pomponio die Kanzel und hielt die betreffende Rede; nach ihm stieg ein anderer hinauf und rezitierte Distichen. Der obligate Schmaus mit Disputationen und Rezitationen beschloss Trauer- wie Freudenfeste und die Akademiker, z. B. gerade Platina selber, galten schon früh als FeinschmeckerPaul. Jov. de romanis piscibus, cap. 17 und 34.. Andere Male führten einzelne Gäste auch Farcen im Geschmack der Atellanen auf. Als freier Verein von sehr wandelbarem Umfang dauerte diese Akademie in ihrer ursprünglichen Art weiter bis auf die Verwüstung Roms und erfreute sich der Gastlichkeit eines Angelus Coloccius, eines Joh. Corycius (S. 296) u. a. Wie hoch sie für das Geistesleben der Nation zu werten ist, lässt sich so wenig genau bestimmen als bei irgend einer geselligen Verbindung dieser Art; immerhin rechnet sie selbst ein SadoletoSadoleti Epist. 106, vom Jahre 1529. zu den besten Erinnerungen seiner Jugend. – Eine ganze Anzahl anderer Akademien entstanden und vergingen in verschiedenen Städten, je nachdem die Zahl und Bedeutung der ansässigen Humanisten oder die Gönnerschaft von Reichen und Grossen es möglich machte. So die Akademie von Neapel, welche sich um Jovianus Pontanus versammelte und von welcher ein Teil nach Lecce übersiedelteAnton. Galatei epist. 10 und 12, bei Mai, Spicileg. rom. vol. VIII., diejenige von Pordenone, welche den Hof des Feldherrn Alviano bildete usw. Von derjenigen des Lodovico Moro und ihrer eigentümlichen Bedeutung für den Umgang des Fürsten ist bereits (S. 69) die Rede gewesen.

Gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts scheint eine vollständige Umwandlung mit diesen Vereinen vorgegangen zu sein. Die Humanisten, auch sonst aus der gebietenden Stellung im Leben verdrängt und der beginnenden Gegenreformation Objekte des Verdachtes, verlieren die Leitung der Akademien, und die italienische Poesie tritt auch hier an die Stelle der lateinischen. Bald hat jede irgend beträchtliche Stadt ihre Akademie mit möglichst bizarrem NamenDieses schon vor der Mitte des Jahrhunderts. Vgl. Lil. Greg. Gyraldus, de poetis nostri temp. II. und mit eigenem, durch Beiträge und Vermächtnisse gebildetem Vermögen. Ausser dem Rezitieren von Versen ist aus der frühern, lateinischen Zeit herübergenommen das periodische Gastmahl und die Aufführung von Dramen, teils durch die Akademiker selbst, teils unter ihrer Aufsicht durch junge Leute und bald durch bezahlte Schauspieler. Das Schicksal des italienischen Theaters, später auch der Oper, ist lange Zeit in den Händen dieser Vereine geblieben.

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