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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 34
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Zunächst verdienen diejenigen Bürger, hauptsächlich in Florenz, Beachtung, welche aus der Beschäftigung mit dem Altertum ein Hauptziel ihres Lebens machten und teils selbst grosse Gelehrte wurden, teils grosse Dilettanten, welche die Gelehrten unterstützten. (Vgl. S. 218 f.) Sie sind namentlich für die Uebergangzeit zu Anfang des 15. Jahrhunderts von höchster Bedeutung gewesen, weil bei ihnen zuerst der Humanismus praktisch als notwendiges Element des täglichen Lebens wirkte. Erst nach ihnen haben sich Fürsten und Päpste ernstlich darauf eingelassen.

Von Niccolò Niccoli, von Giannozzo Manetti ist schon mehrmals die Rede gewesen. Den Niccoli schildert uns Vespasiano (S. 625) als einen Mann, welcher auch in seiner äussern Umgebung nichts duldete, was die antike Stimmung stören konnte. Die schöne Gestalt in langem Gewande, mit der freundlichen Rede, in dem Hause voll herrlicher Altertümer, machte den eigentümlichsten Eindruck; er war über die Massen reinlich in allen Dingen, zumal beim Essen; da standen vor ihm auf dem weissesten Linnen antike Gefässe und kristallene BecherDie folgenden Worte Vespasianos sind unübersetzbar: a vederlo in tavola così antico come era, era una gentilezza.. Die Art, wie er einen vergnügungsüchtigen jungen Florentiner für seine Interessen gewinntEbenda, p. 485., ist gar zu anmutig, um sie hier nicht zu erzählen.

Piero de' Pazzi, Sohn eines vornehmen Kaufmanns und zu demselben Stande bestimmt, schön von Ansehen und sehr den Freuden der Welt ergeben, dachte an nichts weniger als an die Wissenschaft. Eines Tages, als er am Palazzo del PodestàLaut Vespas., p. 271, war hier ein gelehrtes Stelldichein, wo auch disputiert wurde., vorbeiging, rief ihn Niccoli zu sich heran, und er kam auf den Wink des hochangesehenen Mannes, obwohl er noch nie mit demselben gesprochen hatte. Niccoli fragte ihn: wer sein Vater sei? – Er antwortete: Messer Andrea de' Pazzi. – Jener fragte weiter: was sein Geschäft sei? Piero erwiderte, wie wohl junge Leute tun: ich lasse es mir wohl sein, attendo a darmi buon tempo. Niccoli sagte: als Sohn eines solchen Vaters und mit solcher Gestalt begabt, solltest du dich schämen, die lateinische Wissenschaft nicht zu kennen, die für dich eine so grosse Zierde wäre: wenn du sie nicht erlernst, so wirst du nichts gelten und, sobald die Blüte der Jugend vorüber ist, ein Mensch ohne alle Bedeutung (virtù) sein. Als Piero dieses hörte, erkannte er sogleich, dass es die Wahrheit sei und entgegnete: er würde sich gerne dafür bemühen, wenn er einen Lehrer fände. Niccoli sagte: dafür lasse du mich sorgen. – Und in der Tat schaffte er ihm einen gelehrten Mann für das Lateinische und für das Griechische, namens Pontano, welchen Piero wie einen Hausgenossen hielt und mit 100 Goldgulden im Jahr besoldete. Statt der bisherigen Ueppigkeit studierte er nun Tag und Nacht und wurde ein Freund aller Gebildeten und ein grossgesinnter Staatsmann. Die ganze Aeneide und viele Reden des Livius lernte er auswendig, meist auf dem Wege zwischen Florenz und seinem Landhause zu Trebbio.

In anderm, höherm Sinne vertritt Giannozzo ManettiS. dessen Vita bei Murat. XX, Col. 532, s. das Altertum. Frühreif, fast als Kind, hatte er schon eine Kaufmannslehrzeit durchgemacht und war Buchführer eines Bankiers; nach einiger Zeit aber erschien ihm dieses Tun eitel und vergänglich, und ersehnte sich nach der Wissenschaft, durch welche allein der Mensch sich der Unsterblichkeit versichern könne; er zuerst vom florentinischen Adel vergrub sich nun in den Büchern und wurde, wie schon erwähnt, einer der grössten Gelehrten seiner Zeit. Als ihn aber der Staat als Geschäftsträger, Steuerbeamten und Statthalter (in Pescia und Pistoja) verwandte, versah er seine Aemter so, als wäre in ihm ein hohes Ideal erwacht, das gemeinsame Resultat seiner humanistischen Studien und seiner Religiosität. Er exequierte die gehässigsten Steuern, die der Staat beschlossen hatte, und nahm für seine Mühe keine Besoldung an; als Provinzialvorsteher wies er alle Geschenke zurück, sorgte für Kornzufuhr, schlichtete rastlos Prozesse und tat überhaupt alles für die Bändigung der Leidenschaften durch Güte. Die Pistojesen haben nie herausfinden können, welcher von ihren beiden Parteien er sich mehr zuneige; wie zum Symbol des gemeinsamen Schicksals und Rechtes aller verfasste er in seinen Mussestunden die Geschichte der Stadt, welche dann in Purpureinband als Heiligtum im Stadtpalast aufbewahrt wurde. Bei seinem Weggang schenkte ihm die Stadt ein Banner mit ihrem Wappen und einen prachtvollen silbernen Helm.

Für die übrigen gelehrten Bürger von Florenz in dieser Zeit muss schon deshalb auf Vespasiano (der sie alle kannte) verwiesen werden, weil der Ton, die Atmosphäre, in welcher er schreibt, die Voraussetzungen, unter welchen er mit jenen Leuten umgeht, noch wichtiger erscheinen als die einzelnen Leistungen selbst. Schon in einer Uebersetzung, geschweige denn in den kurzen Andeutungen, auf welche wir hier beschränkt sind, müsste dieser beste Wert seines Buches verlorengehen. Er ist kein grosser Autor, aber er kennt das ganze Treiben und hat ein tiefes Gefühl von dessen geistiger Bedeutung.

Wenn man dann den Zauber zu analysieren sucht, durch welchen die Medici des 15. Jahrhunderts, vor allen Cosimo der Aeltere (+ 1464) und Lorenzo magnifico (+ 1492), auf Florenz und auf ihre Zeitgenossen überhaupt gewirkt haben, so ist neben aller Politik ihre Führerschaft auf dem Gebiete der damaligen Bildung das Stärkste dabei. Wer in Cosimos Stellung als Kaufmann und lokales Parteihaupt noch ausserdem alles für sich hat, was denkt, forscht und schreibt, wer von Hause aus als der erste der Florentiner und dazu von Bildungswegen als der grösste der Italiener gilt, der ist tatsächlich ein Fürst. Cosimo besitzt dann den speziellen Ruhm, in der platonischen PhilosophieWas man von derselben vorher kannte, kann nur fragmentarisch gewesen sein. Eine wunderliche Disputation über den Gegensatz des Plato und Aristoteles fand 1438 zu Ferrara zwischen Hugo von Siena und den auf das Konzil gekommenen Griechen statt. Vgl. Aeneas Sylvius, De Europa, Cap. 52 (Opera, p. 450). die schönste Blüte der antiken Gedankenwelt erkannt, seine Umgebung mit dieser Erkenntnis erfüllt und so innerhalb des Humanismus eine zweite und höhere Neugeburt des Altertums ans Licht gefördert zu haben. Der Hergang wird uns sehr genau überliefertBei Nic. Valori, im Leben des Lorenzo magn. – Vgl. Vespas. Fior., p. 426. Die ersten Unterstützer des Arg. waren die Acciajuoli. lb. 192: Kardinal Bessarion und seine Parallele zwischen Plato und Aristoteles. lb. 223: Cusanus als Platoniker. lb. 308: Der Catalonier Narciso und seine Disputation mit Argyropulos. lb. 571: Einzelne platon. Dialoge schon von Lionardo Aret. übersetzt. lb. 298: Die beginnende Einwirkung des Neoplatonismus.; alles knüpfte sich an die Berufung des gelehrten Johannes Argyropulos und an den persönlichsten Eifer des Cosimo in seinen letzten Jahren, so dass, was den Platonismus betraf, der grosse Marsilio Ficino sich als den geistigen Sohn Cosimos bezeichnen durfte. Unter Pietro Medici sah sich Ficino schon als Haupt einer Schule; zu ihm ging auch Pietros Sohn, Cosimos Enkel, der erlauchte Lorenzo von den Peripatetikern über; als seine namhaftesten Mitschüler werden genannt Bartolommeo Valori, Donato Acciajuoli und Pierfilippo Pandolfini. Der begeisterte Lehrer hat an mehrern Stellen seiner Schriften erklärt, Lorenzo habe alle Tiefen des Platonismus durchforscht und seine Ueberzeugung ausgesprochen, ohne denselben wäre es schwer, ein guter Bürger und Christ zu sein. Die berühmte Reunion von Gelehrten, welche sich um Lorenzo sammelte, war durch diesen höhern Zug einer idealistischen Philosophie verbunden und vor allen andern Vereinigungen dieser Art ausgezeichnet. Nur in dieser Umgebung konnte ein Pico della Mirandola sich glücklich fühlen. Das Schönste aber, was sich sagen lässt, ist, dass neben all diesem Kultus des Altertums hier eine geweihte Stätte italienischer Poesie war und dass von allen Lichtstrahlen, in die Lorenzos Persönlichkeit auseinanderging, gerade dieser der mächtigste heissen darf. Als Staatsmann beurteile ihn jeder, wie er mag (S. 111 [Anm. 158], 122); in die florentinische Abrechnung von Schuld und Schicksal mischt sich ein Ausländer nicht, wenn er nicht muss; aber eine ungerechtere Polemik gibt es nicht, als wenn man Lorenzo beschuldigt, er habe im Gebiet des Geistes vorzüglich Mediokritäten beschützt, und durch seine Schuld seien Lionardo da Vinci und der Mathematiker Fra Luca Pacciolo ausser Landes, Toscanella, Vespucci u. a. wenigstens unbefördert geblieben. Allseitig ist er wohl nicht gewesen, aber von allen Grossen, welche je den Geist zu schützen und zu fördern suchten, einer der vielseitigsten, und derjenige, bei welchem dies vielleicht am meisten Folge eines tiefern innern Bedürfnisses war.

Laut genug pflegt auch unser laufendes Jahrhundert den Wert der Bildung überhaupt und den des Altertums insbesondere zu proklamieren. Aber eine vollkommen enthusiastische Hingebung, ein Anerkennen, dass dieses Bedürfnis das erste von allen sei, findet sich doch nirgends wie bei jenen Florentinern des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts. Hiefür gibt es indirekte Beweise, die jeden Zweifel beseitigen: man hätte nicht so oft die Töchter des Hauses an den Studien teilnehmen lassen, wenn letztere nicht absolut als das edelste Gut des Erdenlebens gegolten hätten; man hätte nicht das Exil zu einem Aufenthalt des Glückes gemacht wie Palla Strozzi; es hätten nicht Menschen, die sich sonst alles erlaubten, noch Kraft und Lust behalten, die Naturgeschichte des Plinius kritisch zu behandeln wie Filippo StrozziVarchi, Stor. fiorent. L. IV, p. 321. Ein geistvolles Lebensbild.. Es handelt sich hier nicht um Lob oder Tadel, sondern um Erkenntnis eines Zeitgeistes in seiner energischen Eigentümlichkeit.

Ausser Florenz gab es noch manche Städte in Italien, wo einzelne und ganze gesellschaftliche Kreise bisweilen mit Aufwand aller Mittel für den Humanismus tätig waren und die anwesenden Gelehrten unterstützten. Aus den Briefsammlungen jener Zeit kommt uns eine Fülle von persönlichen Beziehungen dieser Art entgegenDie obengenannten Biographien Rosminis (über Vittorino und Guarino) sowie Shepherd, Leben des Poggio, müssen vieles hierüber enthalten.. Die offizielle Gesinnung der höher Gebildeten trieb fast ausschliesslich nach der bezeichneten Seite hin.

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