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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 25
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Im Mittelalter waren die Städte stolz gewesen auf ihre Heiligen und deren Leichen und Reliquien in den KirchenSo verhält es sich auch wesentlich noch in der merkwürdigen Schrift: De laudibus Papiae (bei Murat. XI) aus dem 14. Jahrhundert; viel munizipaler Stolz, aber noch kein spezieller Ruhm.. Damit beginnt auch noch der Panegyrist von Padua um 1450, Michele SavonarolaDe laudibus Patavii, bei Murat. XXIV, Col. 1151 ff. seine Aufzählung; dann aber geht er über auf »berühmte Männer, welche keine Heiligen gewesen sind, jedoch durch ausgezeichneten Geist und hohe Kraft (virtus) verdient haben, den Heiligen angeschlossen zu werden (adnecti)« – ganz wie im Altertum der berühmte Mann an den Heros angrenztNam et veteres nostri tales aut divos aut aeterna memoria dignes non immerito praedicabant. Quum virtus summa sanctitatis sit consocia et pari emantur pretio.. Die weitere Aufzählung ist für jene Zeit bezeichnend im höchsten Grade. Zuerst folgen Antenor, der Bruder des Priamus, der mit einer Schar flüchtiger Troer Padua gegründet; König Dardanus, der den Attila in den euganeischen Bergen besiegte, ihn weiter verfolgte und zu Rimini mit einem Schachbrett totschlug; Kaiser Heinrich IV., der den Dom erbaut hat; ein König Marcus, dessen Haupt in Monselice aufbewahrt wird; – dann ein paar Kardinäle und Prälaten als Stifter von Pfründen, Kollegien und Kirchen; der berühmte Theologe Fra Alberto, der Augustiner, eine Reihe von Philosophen mit Paolo Veneto und dem weltbekannten Pietro von Abano beginnend; der Jurist Paolo Padovano; sodann Livius und die Dichter Petrarca, Mussato, Lovato. Wenn an Kriegszelebritäten einiger Mangel zu verspüren, so tröstet sich der Autor mit dem Ersatz von gelehrter Seite und mit der grössern Dauerhaftigkeit des geistigen Ruhmes, während der Kriegsruhm oft mit dem Leibe begraben werde und, wenn er dauere, dies doch nur den Gelehrten verdanke. Immerhin aber gereiche es der Stadt zur Ehre, dass wenigstens berühmte auswärtige Krieger auf eigenes Begehren in ihr begraben lägen: so Pietro de Rossi von Parma, Filippo Arcelli von Piacenza, besonders Gattamelata von Narni (+ 1442), dessen ehernes Reiterbild »gleich einem triumphierenden Cäsar« bereits bei der Kirche des Santo aufgerichtet stand. Dann nennt der Verfasser Scharen von Juristen und Medizinern, Adlige, welche nicht bloss wie so viele »die Ritterwürde empfangen, sondern sie auch verdient hatten«, endlich berühmte Mechaniker, Maler und Tonkünstler. Den Beschluss macht ein Fechtmeister Michele Rosso, welcher als der Berühmteste seines Faches an vielen Orten gemalt zu sehen war.

Neben solchen lokalen Ruhmeshallen, bei deren Ausstattung Mythus, Legende, literarisch hervorgebrachte Renommée und populäres Erstaunen zusammenwirken, bauen die Poeten-Philologen an einem allgemeinen Pantheon des Weltruhms; sie schreiben Sammelwerke: von berühmten Männern, von berühmten Frauen, oft in unmittelbarer Abhängigkeit von Corn. Nepos, Pseudo-Sueton, Valerius Maximus, Plutarch (Mulierum virtutes), Hieronymus (de viris illustribus) usw. Oder sie dichten von visionären Triumphzügen und idealen, olympischen Versammlungen, wie Petrarca namentlich in seinem Trionfo della fama, Boccaccio in seiner Amorosa visione, mit Hunderten von Namen, wovon mindestens drei Vierteile dem Altertum, die übrigen dem Mittelalter angehörenIn den casus virorum illustrium des Boccaccio gehört nur das letzte, neunte Buch der nachantiken Zeit an. Ebenso noch viel später in den Commentarii urbani des Raph.Volaterranus nur das 21. Buch, welches das neunte der Anthropologie ist; Päpste und Kaiser behandelt er im 22. und 23. Buch besonders. – In dem Werke »de claris mulieribus« des Augustiners Jacobus Bergomensis (um 1500), vgl. S. 163, Anm. 4, überwiegt das Altertum und noch mehr die Legende, dann folgen aber einige wertvolle Biographien von Italienerinnen. Bei Scardeonius (de urb. Patav. antiq., Graev. thesaur. VI, III, Col. 405, s.) werden lauter berühmte Paduanerinnen aufgezählt: Zuerst eine Legende oder eine Sage aus der Völkerwanderung; dann leidenschaftliche Tragödien aus den Parteikämpfen des 13. und 14. Jahrhunderts; hierauf andere kühne Heldenweiber; die Klosterstifterin, die politische Ratgeberin, die Ärztin, die Mutter vieler und ausgezeichneter Söhne, die gelehrte Frau, das Bauernmädchen, das für seine Unschuld stirbt, endlich die schöne hochgebildete Frau des 16. Jahrhunderts, auf welche jedermann Gedichte macht; zum Schluß die Dichterin und Novellistin. Ein Jahrhundert später wäre zu all diesen berühmten patavinischen Frauen noch die Professorin hinzugekommen. – Die berühmten Frauen des Hauses Este, bei Ariosto, Orl. XIII.. Allmählich wird dieser neuere, relativ moderne Bestandteil mit grösserem Nachdruck behandelt; die Geschichtschreiber legen Charakteristiken in ihre Werke ein, und es entstehen Sammlungen von Biographien berühmter Zeitgenossen, wie die von Filippo Villani, Vespasiano Fiorentino und Bartolommeo FazioDie viri illustres des B. Facius, herausgegeben von Mehus, eines der wichtigsten Werke dieser Art aus dem 15. Jahrhundert, habe ich leider nie zu sehen bekommen., zuletzt die von Paolo Giovio.

Der Norden aber besass, bis Italien auf seine Autoren (z. B. Trithemius) einwirkte, nur Legenden der Heiligen und vereinzelte Geschichten und Beschreibungen von Fürsten und Geistlichen, die sich noch deutlich an die Legende anlehnen und vom Ruhm, d. h. von der persönlich errungenen Notorietät, wesentlich unabhängig sind. Der Dichterruhm beschränkt sich noch auf bestimmte Stände, und die Namen der Künstler erfahren wir im Norden fast ausschließlich nur, insofern sie als Handwerker und Zunftmenschen auftreten.

Der Poet-Philolog in Italien hat aber, wie bemerkt, auch schon das stärkste Bewusstsein davon, dass er der Austeiler des Ruhmes, ja der Unsterblichkeit sei; und ebenso der VergessenheitSchon ein lateinischer Sänger des 12. Jahrhunderts – ein fahrender Scholar, der mit seinem Lied um ein Kleid bettelt – droht damit. S. Carmina Burana, p. 76.. Schon Boccaccio klagt über eine von ihm gefeierte Schöne, welche hartherzig blieb, um immer weiter von ihm besungen und dadurch berühmt zu werden, und verdeutet ihr, er wolle es fortan mit dem Tadel versuchenBoccaccio, Opere volgari, Vol. XVI, im 13. Sonett: Pallido, vinto etc.. Sannazaro droht dem vor Karl VIII. feig geflohenen Alfonso von Neapel in zwei prächtigen Sonetten mit ewiger ObskuritätU. a. bei Roscoe, Leone X., ed. Bossi IV, p. 203.. Angelo Poliziano mahnt (1491) den König Johann von PortugalAngeli Politiani epp. Lib. X. in betreff der Entdeckungen in Afrika ernstlich daran, beizeiten für Ruhm und Unsterblichkeit zu sorgen und ihm das Material »zum Stilisieren« (operosius excolenda) nach Florenz zu übersenden; sonst möchte es ihm ergehen wie all jenen, deren Taten, von der Hülfe der Gelehrten entblösst, »im grossen Schutthaufen menschlicher Gebrechlichkeit verboten liegen bleiben«. Der König (oder doch sein humanistisch gesinnter Kanzler) ging darauf ein und versprach wenigstens, es sollten die bereits portugiesisch abgefassten Annalen über die afrikanischen Dinge in italienischer Uebersetzung nach Florenz zur lateinischen Bearbeitung verabfolgt werden; ob dies wirklich geschah, ist nicht bekannt. So ganz leer, wie dergleichen Prätensionen auf den ersten Blick scheinen, sind sie keineswegs; die Redaktion, in welcher die Sachen (auch die wichtigsten) vor Mit- und Nachwelt treten, ist nichts weniger als gleichgültig. Die italienischen Humanisten mit ihrer Darstellungsweise und ihrem Latein haben lange genug die abendländische Lesewelt wirklich beherrscht, und auch die italienischen Dichter sind bis ins vorige Jahrhundert weiter in allen Händen herumgekommen als die irgendeiner Nation. Der Taufname des Amerigo Vespucci von Florenz wurde seiner Reisebeschreibung wegen zum Namen des vierten Weltteils, und wenn Paolo Giovio mit all seiner Flüchtigkeit und eleganten Willkür sich dennoch die Unsterblichkeit versprachPaul. Jov. de romanis piscibus, Praefatio (1525): Die erste Dekade seiner Historien werde nächstens herauskommen non sine aliqua spe immortalitatis., so ist er dabei nicht ganz fehlgegangen.

Neben solchen Anstalten den Ruhm äusserlich zu garantieren, wird hie und da ein Vorhang hinweggezogen, und wir schauen den kolossalsten Ehrgeiz und Durst nach Grösse, unabhängig von Gegenstand und Erfolg, in erschreckend wahrem Ausdruck. So in Macchiavells Vorrede zu seinen florentinischen Geschichten, wo er seine Vorgänger (Lionardo Aretino, Poggio) tadelt wegen des allzu rücksichtsvollen Schweigens in betreff der städtischen Parteiungen. »Sie haben sich sehr geirrt und bewiesen, dass sie den Ehrgeiz der Menschen und die Begier nach Fortdauer des Namens wenig kannten. Wie manche, die sich durch Löbliches nicht auszeichnen konnten, strebten danach durch Schmähliches! Jene Schriftsteller erwogen nicht, dass Handlungen, welche Grösse an sich haben, wie dies bei den Handlungen der Regenten und Staaten der Fall ist, immer mehr Ruhm als Tadel zu bringen scheinen, welcher Art sie auch seien und welches der Ausgang sein mögeHiezu vgl. Discorsi I, 27. Die tristizia, Verbrechen, kann grandezza haben und in alcuna parte generosa sein; die grandezza kann von einer Tat jede infamia entfernen; der Mensch kann onorevolmente tristo sein, im Gegensatz zum perfettamente buono..« Bei mehr als einem auffallenden und schrecklichen Unternehmen wird von besonnenen Geschichtschreibern als Beweggrund das brennende Verlangen nach etwas Grossem und Denkwürdigem angegeben. Hier offenbart sich nicht eine blosse Ausartung der gemeinen Eitelkeit, sondern etwas wirklich Dämonisches, d. h. Unfreiheit des Entschlusses, verbunden mit Anwendung der äussersten Mittel und Gleichgültigkeit gegen den Erfolg als solchen. Macchiavell selber fasst z. B. den Charakter des Stefano Porcari (S. 135) so aufStorie florentine, L. VI.; von den Mördern des Galeazzo Maria Sforza (S. 85) sagen ungefähr dasselbe die Aktenstücke; die Ermordung des Herzogs Alessandro von Florenz (1537) schreibt selbst Varchi (im V. Buch) der Ruhmsucht des Täters Lorenzino Medici (oben S. 87 f.) zu. Noch viel schärfer hebt aber Paolo GiovioPaul. Jov. Elogia, bei Anlass des Marius Molsa. dieses Motiv hervor; Lorenzino, wegen der Verstümmelung antiker Statuen in Rom durch ein Pamphlet des Molza an den Pranger gestellt, brütet über einer Tat, deren »Neuheit« jene Schmach in Vergessenheit bringen sollte, und ermordet seinen Verwandten und Fürsten. – Es sind echte Züge dieser Zeit hoch aufgeregter, aber bereits verzweifelnder Kräfte und Leidenschaften, ganz wie einst die Brandstiftung im Tempel von Ephesus zur Zeit des Philipp von Mazedonien.

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