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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Höchst gefährlich aber waren gewisse Wege, auf welchen Leo in den zwei ersten Jahren seines Amtes sich betreten ließ. Durch ganz ernstliche Unterhandlungen suchte er seinem Bruder Giuliano das Königreich Neapel und seinem Neffen Lorenzo ein grosses oberitalisches Reich zu verschaffen, welches Mailand, Toscana, Urbino und Ferrara umfasst haben würdeFranc. Vettori, a. a. O. p. 301. – Arch. stor. append. I, p. 293, s. – Roscoe, Leone X., ed. Bossi VI, p. 232, s. – Tommaso Gar, a. a. O. p. 42.. Es leuchtet ein, dass der Kirchenstaat, auf solche Weise eingerahmt, eine mediceische Apanage geworden wäre, ja man hätte ihn kaum mehr zu säkularisieren nötig gehabt.

Der Plan scheiterte an den allgemeinen politischen Verhältnissen; Giuliano starb beizeiten; um Lorenzo dennoch auszustatten, unternahm Leo die Vertreibung des Herzogs Francesco Maria della Rovere von Urbino, zog sich durch diesen Krieg unermesslichen Hass und Armut zu und musste, als Lorenzo 1519 ebenfalls starbAriosto, Sat. VI. vs. 106. Tutti morrete, ed è fatal che muoja Leone appresso..., das mühselig Eroberte an die Kirche geben; er tat ruhmlos und gezwungen, was ihm, freiwillig getan, ewigen Ruhm gebracht haben würde. Was er dann noch gegen Alfonso von Ferrara versuchte und gegen ein paar kleine Tyrannen und Condottieren wirklich ausführte, war vollends nicht von der Art, welche die Reputation erhöht. Und dies alles, während die Könige des Abendlandes sich von Jahr zu Jahr mehr an ein kolossales politisches Kartenspiel gewöhnten, dessen Einsatz und Gewinn immer auch dieses oder jenes Gebiet von Italien warEine Kombination dieser Art statt mehrerer: Lettere de' principi I, 46 in einer Pariser Depesche des Kardinals Bibiena 1518.. Wer wollte dafür bürgen, daß sie nicht, nachdem ihre heimische Macht in den letzten Jahrzehnden unendlich gewachsen, ihre Absichten auch einmal auf den Kirchenstaat ausdehnen würden? Noch Leo musste ein Vorspiel dessen erleben, was 1527 sich erfüllte; ein paar Haufen spanischer Infanterie erschienen gegen Ende des Jahres 1520 – aus eigenem Antrieb, scheint es – an den Grenzen des Kirchenstaates, um den Papst einfach zu brandschatzenFranc. Vettori, a. a. O. p. 333., liessen sich aber durch päpstliche Truppen zurückschlagen. Auch die öffentliche Meinung gegenüber der Korruption der Hierarchie war in den letzten Zeiten rascher gereift als früher, und ahnungsfähige Menschen, wie z. B. der jüngere Pico von MirandolaBei Roscoe, Leone X., ed. Bossi, VIII, p. 105 u. f. findet sich eine Deklamation, welche Pico 1517 an Pirkheimer sandte. Er fürchtet, dass noch unter Leo das Böse förmlich über das Gute siegen möchte, et in te bellum a nostrae religionis hostibus ante audias geri quam parari., riefen dringend nach Reformen. Inzwischen war bereits Luther aufgetreten.

Unter Hadrian VI. (1521-1523) kamen auch die schüchternen und wenigen Reformen gegenüber der grossen deutschen Bewegung schon zu spät. Er konnte nicht viel mehr als seinen Abscheu gegen den bisherigen Gang der Dinge, gegen Simonie, Nepotismus, gewissenlose Stellenbesetzung, Kumulation, Verschwendung, Banditenwesen und Unsittlichkeit an den Tag legen. Die Gefahr vom Luthertum her erschien nicht einmal als die grösste; ein geistvoller venezianischer Beobachter, Girolamo Negro, spricht Ahnungen eines nahen, schrecklichen Unheils für Rom selber ausLettere de' principi, I. Rom, 17. März 1523: Dieser Staat steht aus vielen Gründen auf einer Nadelspitze, und Gott gebe, dass wir nicht bald nach Avignon fliehen müssen oder bis an die Enden des Ozeans. Ich sehe den Sturz dieser geistlichen Monarchie nahe vor mir... Wenn Gott nicht hilft, so ist es um uns geschehen. Ob Hadrian vergiftet worden oder nicht, ist aus Blas. Ortiz, Itinerar. Hadriani (Baluz. Miscell. ed. Mansi I, p. 386 fg.) nicht unbedingt zu ersehen; das Uebel ist die allgemeine Voraussetzung..

Unter Clemens VII. erfüllt sich der ganze Horizont von Rom mit Dünsten gleich jenem graugelben Sciroccoschleier, welcher dort bisweilen den Spätsommer so verderblich macht. Der Papst ist in der nächsten Nähe wie in der Ferne verhasst; während das Uebelbefinden der Denkenden fortdauertNegro a. a. O. zum 24. Okt. (soll Sept. heissen) und 9. Nov. 1526, 11. April 1527., treten auf Gassen und Plätzen predigende Eremiten auf, welche den Untergang Italiens, ja der Welt weissagen und Papst Clemens den Antichrist nennenVarchi, Stor. fiorent. I, 43, 46, s.; die colonnesische Faktion erhebt ihr Haupt in trotzigster Gestalt; der unbändige Kardinal Pompeo Colonna, dessen DaseinPaul. Jovius: Vita Pomp. Columnae. allein schon eine dauernde Plage für das Papsttum war, darf Rom (1526) überfallen in der Hoffnung, mit Hülfe Karls V. ohne weiteres Papst zu werden, sobald Clemens tot oder gefangen wäre. Es war kein Glück für Rom, dass dieser sich in die Engelsburg flüchten konnte; das Schicksal aber, für welches er selber aufgespart sein sollte, darf schlimmer als der Tod genannt werden.

Durch eine Reihe von Falschheiten jener Art, welche nur dem Mächtigen erlaubt ist, dem Schwächern aber Verderben bringt, verursachte Clemens den Anmarsch des spanisch-deutschen Heeres unter Bourbon und Frundsberg (1527). Es ist gewissRanke, Deutsche Geschichte. II, 375 ff., dass das Kabinett Karls V. ihm eine grosse Züchtigung zugedacht hatte und dass es nicht voraus berechnen konnte, wie weit seine unbezahlten Horden in ihrem Eifer gehen würden. Die Werbung fast ohne Geld wäre in Deutschland erfolglos geblieben, wenn man nicht gewusst hätte, es gehe gegen Rom. Vielleicht finden sich noch irgendwo die schriftlichen eventuellen Aufträge an Bourbon, und zwar solche, die ziemlich gelinde lauten, aber die Geschichtsforschung wird sich davon nicht betören lassen. Der katholische König und Kaiser verdankte es rein dem Glücke, dass Papst und Kardinäle nicht von seinen Leuten ermordet wurden. Wäre dies geschehen, keine Sophistik der Welt könnte ihn von der Mitschuld lossprechen. Der Mord zahlloser geringerer Leute und die Brandschatzung der übrigen mit Hülfe von Tortur und Menschenhandel zeigen deutlich genug, was beim »Sacco di Roma« überhaupt möglich war.

Den Papst, der wieder in die Engelsburg geflüchtet war, wollte Karl V., auch nachdem er ihm ungeheure Summen abgepresst, wie es heisst, nach Neapel bringen lassen, und dass Clemens statt dessen nach Orvieto floh, soll ohne alle Konnivenz von spanischer Seite geschehen seinVarchi, Stor. fiorent. II, 43, s.. Ob Karl einen Augenblick an die Säkularisation des Kirchenstaates dachte (worauf alle WeltEbenda, und: Ranke, Deutsche Geschichte. II, S. 394, Anm. Man glaubte, Karl würde seine Residenz nach Rom verlegen. gefasst war), ob er sich wirklich durch Vorstellungen Heinrichs VIII. von England davon abbringen liess, dies wird wohl in ewigem Dunkel bleiben.

Wenn aber solche Absichten vorhanden waren, so haben sie in keinem Falle lange angehalten; mitten aus der Verwüstung von Rom steigt der Geist der kirchlich-weltlichen Restauration empor. Augenblicklich ahnte dies z. B.: SadoletoSein Brief an den Papst, d. d. Carpentras, 1. Sept. 1527, in den Anecdota litt. IV, p. 335.. »Wenn durch unsern Jammer«, schreibt er, »dem Zorn und der Strenge Gottes genuggetan ist, wenn diese furchtbaren Strafen uns wieder den Weg öffnen zu bessern Sitten und Gesetzen, dann ist vielleicht unser Unglück nicht das grösste gewesen... Was Gottes ist, dafür mag Gott sorgen, wir aber haben ein Leben der Besserung vor uns, das uns keine Waffengewalt entreissen mag; richten wir nur Taten und Gedanken dahin, dass wir den wahren Glanz des Priestertums und unsere wahre Grösse und Macht in Gott suchen.«

Von diesem kritischen Jahre 1527 an war in der Tat so viel gewonnen, dass ernsthafte Stimmen wieder einmal sich hörbar machen konnten. Rom hatte zu viel gelitten, um selbst unter einem Paul III. je wieder das heitere grundverdorbene Rom Leos X. werden zu können.

Sodann zeigte sich für das Papsttum, sobald es einmal tief im Leiden war, eine Sympathie teils politischer, teils kirchlicher Art. Die Könige konnten nicht dulden, dass einer von ihnen sich ein besonderes Kerkermeisteramt über den Papst anmasste und schlossen u. a. zu dessen Befreiung den Vertrag von Amiens (18. August 1527). Sie beuteten damit wenigstens die Gehässigkeit aus, welche auf der Tat der kaiserlichen Truppen ruhte. Zugleich aber kam der Kaiser in Spanien selbst empfindlich ins Gedränge, indem seine Prälaten und Granden ihm die nachdrücklichsten Vorstellungen machten, so oft sie ihn zu sehen bekamen. Als eine grosse allgemeine Aufwartung von Geistlichen und Weltlichen in Trauerkleidern bevorstand, geriet Karl in Sorgen, es möchte daraus etwas Gefährliches entstehen in der Art des vor wenigen Jahren gebändigten Comunidaden-Aufruhrs; die Sache wurde untersagtLettere de' principi. I, 72. Castiglione an den Papst, Burgos 10. Dez. 1527. Er hätte nicht nur die Misshandlung des Papstes auf keine Weise verlängern dürfen, sondern es war, abgesehen von aller auswärtigen Politik, die stärkste Notwendigkeit für ihn vorhanden, sich mit dem furchtbar gekränkten Papsttum zu versöhnen. Denn auf die Stimmung Deutschlands, welche ihm wohl einen andern Weg gewiesen hätte, wollte er sich so stützen als auf die deutschen Verhältnisse überhaupt. Es ist auch möglich, dass er sich, wie ein Venezianer meint, durch die Erinnerung an die Verheerung Roms in seinem Gewissen beschwert fandTommaso Gar, Relaz. della corte di Roma I, 299. und deshalb jene Sühne beschleunigte, welche besiegelt werden musste durch die bleibende Unterwerfung der Florentiner unter das Haus des Papstes, die Medici. Der Nepot und neue Herzog, Alessandro Medici, wird vermählt mit der natürlichen Tochter des Kaisers.

In der Folge behielt Karl durch die Konzilsidee das Papsttum wesentlich in der Gewalt und konnte es zugleich drücken und beschützen. Jene grösste Gefahr aber, die Säkularisation, vollends diejenige von innen heraus, durch die Päpste und ihre Nepoten selber, war für Jahrhunderte beseitigt durch die deutsche Reformation. So wie diese allein dem Zug gegen Rom (1527) Möglichkeit und Erfolg verliehen hatte, so nötigte sie auch das Papsttum, wieder der Ausdruck einer geistigen Weltmacht zu werden, indem es sich an die Spitze aller ihrer Gegner stellen, sich aus der »Versunkenheit in lauter faktischen Verhältnissen« emporraffen musste. Was nun in der spätern Zeit des Clemens VII., unter Paul III., Paul IV. und ihren Nachfolgern mitten im Abfall halb Europas allmählich heranwächst, ist eine ganz neue, regenerierte Hierarchie, welche alle grossen, gefährlichen Aergernisse im eigenen Hause, besonders den staatengründenden NepotismusDen Farnesen gelang noch etwas der Art, die Caraffa gingen unter. vermeidet und im Bunde mit den katholischen Fürsten, getragen von einem neuen geistlichen Antrieb, ihr Hauptgeschäft aus der Wiedergewinnung der Verlorenen macht. Sie ist nur vorhanden und nur zu verstehen in ihrem Gegensatz zu den Abgefallenen. In diesem Sinne kann man mit voller Wahrheit sagen, dass das Papsttum in moralischer Beziehung durch seine Todfeinde gerettet worden ist. Und nun befestigte sich auch seine politische Stellung, freilich unter dauernder Aufsicht Spaniens, bis zur Unantastbarkeit; fast ohne alle Anstrengung erbte es beim Aussterben seiner Vasallen (der legitimen Linie von Este und des Hauses della Rovere) die Herzogtümer Ferrara und Urbino. Ohne die Reformation dagegen – wenn man sie sich überhaupt wegdenken kann – wäre der ganze Kirchenstaat wahrscheinlich schon längst in weltliche Hände übergegangen.

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