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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Doch alle logischen Schlüsse aus seinen Prämissen sind vielleicht eitel – nicht wegen einer sonderlichen dämonischen Genialität, die ihm so wenig innewohnte als z. B. dem Herzog von Friedland – sondern weil die Mittel, die er anwandte, überhaupt mit keiner völlig konsequenten Handlungsweise im grossen verträglich sind. Vielleicht hätte in dem Uebermass von Bosheit sich wieder eine Aussicht der Rettung für das Papsttum aufgetan, auch ohne jenen Zufall, der seiner Herrschaft ein Ende machte.

Wenn man auch annimmt, dass die Zernichtung aller Zwischenherrscher im Kirchenstaate dem Cesare nichts als Sympathie eingetragen hätte, wenn man auch die Schar, die 1503 seinem Glücke folgte – die besten Soldaten und Offiziere Italiens mit Lionardo da Vinci als Oberingenieur – als Beweis seiner grossen Aussichten gelten lässt, so gehört doch anderes wieder ins Gebiet des Irrationellen, so dass unser Urteil darob irre wird wie das der Zeitgenossen. Von dieser Art ist besonders die Verheerung und Misshandlung des eben gewonnenen StaatesMacchiavelli, a. a. O. S. 326, 351, 414. – Matarazzo, Cronaca di Perugia, Arch. stor. XVI, II, p. 157 und 221: «Er wollte, dass seine Soldaten sich nach Belieben einquartierten, so dass sie in Friedenszeiten noch mehr gewannen als im Kriege.», den Cesare doch zu behalten und zu beherrschen gedenkt. Sodann der Zustand Roms und der Kurie in den letzten Jahren des Pontifikates. Sei es, dass Vater und Sohn eine förmliche Proskriptionsliste entworfen hattenSo Pierio Valeriano, de infelicitate literat., bei Anlass des Giovanni Regio., sei es, dass die Mordbeschlüsse einzeln gefasst wurden – die Borgia legten sich auf heimliche Zernichtung aller derer, welche ihnen irgendwie im Wege waren oder deren Erbschaft ihnen begehrenswert schien. Kapitalien und fahrende Habe waren noch das wenigste dabei; viel einträglicher für den Papst war es, dass die Leibrenten der betreffenden geistlichen Herren erloschen und dass er die Einkünfte ihrer Aemter während der Vakanz und den Kaufpreis derselben bei neuer Besetzung einzog. Der venezianische Gesandte Paolo CapelloTommaso Gar, a. a. O. S. 11. meldete im Jahr 1500 wie folgt: »Jede Nacht findet man zu Rom 4 oder 5 Ermordete, nämlich Bischöfe, Prälaten und andere, so dass ganz Rom davor zittert, von dem Herzog (Cesare) ermordet zu werden.« Er selber zog des Nachts mit seinen Garden in der erschrockenen Stadt herumPaulus Jovius, Elogia, Caesar Borgia. – In den Commentarii urbani des Raph. Volaterranus enthält Lib. XXII eine unter Julius II. und doch noch sehr behutsam abgefasste Charakteristik Alexanders. Hier heisst es: Roma ... nobilis jam carnificina facta erat., und es ist aller Grund vorhanden, zu glauben, dass dies nicht bloss geschah, weil er, wie Tiberius, sein scheusslich gewordenes Antlitz bei Tage nicht mehr zeigen mochte, sondern um seiner tollen Mordlust ein Genüge zu tun, vielleicht auch an ganz Unbekannten. Schon im Jahr 1499 war die Desperation hierüber so gross und allgemein, dass das Volk viele päpstliche Gardisten überfiel und umbrachteDiario Ferrarese, bei Murat. XXIV, Col. 362.. Wem aber die Borgia mit offener Gewalt nicht beikamen, der unterlag ihrem Gift. Für diejenigen Fälle, wo einige Diskretion nötig schien, wurde jenes schneeweisse, angenehm schmeckende PulverPaul. Jovius, Histor. II, fol. 47. gebraucht, welches nicht blitzschnell, sondern allmählich wirkte und sich unbemerkt jedem Gericht oder Getränk beimischen liess. Schon Prinz Dschem hatte davon in einem süssen Trank mit bekommen, bevor ihn Alexander an Karl VIII. auslieferte (1495), und am Ende ihrer Laufbahn vergifteten sich Vater und Sohn damit, indem sie zufällig von dem für einen reichen Kardinal bestimmten Wein genossen. Der offizielle Epitomator der Papstgeschichte, Onufrio PanvinioPanvinius, Epitome pontificum, p. 359. Der Giftversuch gegen den spätern Julius II., s. p. 363. – Laut Sismondi XIII, 246, starb auch der langjährige Vertraute aller Geheimnisse, Lopez, Kardinal von Capua, auf dieselbe Weise; laut Sanuto (bei Ranke, Päpste, I, S. 52, Anm.) auch der Kardinal von Verona., nennt drei Kardinäle, welche Alexander hat vergiften lassen (Orsini, Ferrerio und Michiel) und deutet einen vierten an, welchen Cesare auf seine Rechnung nahm (Giovanni Borgia); es möchten aber damals selten reichere Prälaten in Rom gestorben sein ohne einen Verdacht dieser Art. Auch stille Gelehrte, die sich in eine Landstadt zurückgezogen, erreichte ja das erbarmungslose Gift. Es fing an, um den Papst herum nicht mehr recht geheuer zu werden; Blitzschläge und Sturmwinde, von welchen Mauern und Gemächer einstürzten, hatten ihn schon früher in auffallender Weise heimgesucht und in Schrecken gesetzt; als 1500Prato, Arch. Stor. III, p. 254. – Vgl. Attilius Alexius bei Baluz. Miscell. IV, p. 518, s. sich diese Erscheinungen wiederholten, fand man darin »cosa diabolica«. Das Gerücht von diesem Zustande der Dinge scheint durch das starkbesuchteUnd stark vom Papst ausgebeutete. Vgl. Chron. Venetum, bei Murat. XXIV, Col. 133. Jubiläum von 1500 doch endlich weit unter den Völkern herumgekommen zu sein, und die schmachvolle Ausbeutung des damaligen Ablasses tat ohne Zweifel das übrige, um alle Augen auf Rom zu lenkenAnshelm, Berner Chronik, III, Seite 146-156. – Trithem. Annales Hirsaug. Tom. II, p. 579, 584, 586.. Ausser den heimkehrenden Pilgern kamen auch sonderbare weisse Büsser aus Italien nach dem Norden, darunter verkappte Flüchtlinge aus dem Kirchenstaat, welche nicht werden geschwiegen haben. Doch wer kann berechnen, wie lange und hoch das Aergernis des Abendlandes noch hätte steigen müssen, ehe es für Alexander eine unmittelbare Gefahr erzeugte. »Er hätte«, sagt Panvinio anderswoPanvin. Contin. Platinae, p. 341., »auch die noch übrigen reichen Kardinäle und Prälaten aus der Welt geschafft, um sie zu erben, wenn er nicht, mitten in den grössten Absichten für seinen Sohn, dahingerafft worden wäre.« Und was würde Cesare getan haben, wenn er im Augenblick, da sein Vater starb, nicht ebenfalls auf den Tod krank gelegen hätte? Welch ein Konklave wäre das geworden, wenn er sich einstweilen, mit all seinen Mitteln ausgerüstet, durch ein mit Gift zweckmässig reduziertes Kardinalskollegium zum Papst wählen liess, zumal in einem Augenblick, da keine französische Armee in der Nähe gewesen wäre! Die Phantasie verliert sich, sobald sie diese Hypothesen verfolgt, in einen Abgrund.

Statt dessen folgte das Konklave Pius III. und nach dessen baldigem Tode auch dasjenige Julius II. unter dem Eindruck einer allgemeinen Reaktion.

Welches auch die Privatsitten Julius II. sein mochten, in den wesentlichen Beziehungen ist er der Retter des Papsttums. Die Betrachtung des Ganges der Dinge in den Pontifikaten seit seinem Oheim Sixtus hatte ihm einen tiefern Einblick in die wahren Grundlagen und Bedingungen des päpstlichen Ansehens gewährt, und danach richtete er nun seine Herrschaft ein und widmete ihr die ganze Kraft und Leidenschaft seiner unerschütterlichen Seele. Zwar nicht ohne bedenkliche Verhandlungen, doch ohne Simonie, unter allgemeinem Beifall stieg er die Stufen des Stuhles Petri hinan, und nun hörte wenigstens der eigentliche Handel mit den höchsten Würden gänzlich auf. Julius hatte Günstlinge und darunter sehr unwürdige, allein des Nepotismus war er durch ein besonderes Glück überhoben: sein Bruder Giovanni della Rovere war der Gemahl der Erbin von Urbino, Schwester des letzten Montefeltro Guidobaldo, und aus dieser Ehe war seit 1491 ein Sohn, Francesco Maria della Rovere vorhanden, welcher zugleich rechtmässiger Nachfolger im Herzogtum Urbino und päpstlicher Nepot war. Was nun Julius sonst irgend erwarb, im Kabinett oder durch seine Feldzüge, das unterwarf er mit hohem Stolz der Kirche und nicht seinem Hause; den Kirchenstaat, welchen er in voller Auflösung angetroffen, hinterliess er völlig gebändigt und durch Parma und Piacenza vergrössert. Es lag nicht an ihm, dass nicht auch Ferrara für die Kirche eingezogen wurde. Die 700 000 Dukaten, welche er beständig in der Engelsburg liegen hatte, sollte der Kastellan einst niemandem als dem künftigen Papst ausliefern. Er erbte die Kardinäle, ja alle Geistlichen, die in Rom starben, und zwar auf rücksichtslose WeiseDaher jene Pracht der bei Lebzeiten gesetzten Prälatengräber; so entzog man den Päpsten wenigstens einen Teil der Beute., aber er vergiftete und mordete keinen. Dass er selber zu Felde zog, war für ihn unvermeidlich und hat ihm in Italien sicher nur genützt zu einer Zeit, da man entweder Amboss oder Hammer sein musste, und da die Persönlichkeit mehr wirkte als das besterworbene Recht. Wenn er aber trotz all seines hochbetonten: »Fort mit den Barbaren!« gleichwohl am meisten dazu beitrug, daß die Spanier in Italien sich recht festsetzten, so konnte dies für das Papsttum gleichgültig, ja vielleicht relativ vorteilhaft erscheinen. Oder war nicht bis jetzt von der Krone Spaniens am ehesten ein dauernder Respekt vor der Kirche zu erwartenOb Julius wirklich gehofft hat, Ferdinand der Kath. werde sich von ihm bestimmen lassen, die verdrängte aragonesische Nebenlinie wieder auf den Thron von Neapel zu setzen, bleibt trotz Giovios Aussage (Vita Alfonsi Ducis) sehr zweifelhaft., während die italienischen Fürsten vielleicht nur noch frevelhafte Gedanken gegen letztere hegten? – Wie dem aber sei, der mächtige originelle Mensch, der keinen Zorn herunterschlucken konnte und kein wirkliches Wohlwollen verbarg, machte im ganzen den für seine Lage höchst wünschbaren Eindruck eines »Pontefice terribile«. Er konnte sogar wieder mit relativ gutem Gewissen die Berufung eines Konzils nach Rom wagen, womit dem Konzilsgeschrei der ganzen europäischen Opposition Trotz geboten war. Ein solcher Herrscher bedurfte auch eines grossartigen äussern Symboles seiner Richtung; Julius fand dasselbe im Neubau von St. Peter; die Anlage desselben, wie sie Bramante wollte, ist vielleicht der grösste Ausdruck aller einheitlichen Macht überhaupt. Aber auch in den übrigen Künsten lebt Andenken und Gestalt dieses Papstes im höchsten Sinne fort, und es ist nicht ohne Bedeutung, dass selbst die lateinische Poesie jener Tage für Julius in andere Flammen gerät als für seine Vorgänger. Der Einzug in Bologna, am Ende des »Iter Julii secundi«, von Kardinal Adriano da Corneto, hat einen eigenen prachtvollen Ton, und Giovan Antonio Flaminio hat in einer der schönsten ElegienBeide Gedichte z. B. bei Roscoe, Leone X., ed. Bossi IV, 257 und 297. – Freilich als Julius im August 1511 einmal in mehrstündiger Ohnmacht lag und für tot galt, wagten sogleich die unruhigsten Köpfe aus den vornehmsten Familien – Pompeo Colonna und Antimo Savelli – das »Volk« aufs Kapitol zu rufen und zur Abwerfung der päpstlichen Herrschaft anzufeuern, a vendicarsi in libertà ... a publica ribellione, wie Guicciardini im zehnten Buch meldet. den Patrioten im Papst um Schutz für Italien angerufen.

Julius hatte durch eine donnernde KonstitutionSeptimo decretal. L. I. Tit. 3, Cap. 1 bis 3. seines lateranensischen Konzils die Simonie bei der Papstwahl verboten. Nach seinem Tode (1513) wollten die geldlustigen Kardinäle dieses Verbot dadurch umgehen, dass eine allgemeine Abrede proponiert wurde, wonach die bisherigen Pfründen und Aemter des zu Wählenden gleichmässig unter sie verteilt werden sollten; sie würden dann den pfründenreichsten Kardinal (den ganz untüchtigen Rafael Riario) gewählt habenFranc. Vettori, im Arch. stor. VI, 297.. Allein ein Aufschwung hauptsächlich der jüngern Mitglieder des heiligen Kollegiums, welche vor allem einen liberalen Papst wollten, durchkreuzte jene jämmerliche Kombination; man wählte Giovanni Medici, den berühmten Leo X.

Wir werden ihm noch öfter begegnen, wo irgend von der Sonnenhöhe der Renaissance die Rede sein wird; hier ist nur darauf hinzuweisen, dass unter ihm das Papsttum wieder grosse innere und äussere Gefahren erlitt. Darunter ist nicht zu rechnen die Verschwörung der Kardinäle Petrucci, Sauli, Riario und Corneto, weil diese höchstens einen Personenwechsel zur Folge haben konnte; auch fand Leo das wahre Gegenmittel in Gestalt jener unerhörten Kreation von 31 neuen Kardinälen, welche noch dazu einen guten Effekt machte, weil sie zum Teil das wahre Verdienst belohnteAusserdem soll sie ihm (laut Paul. Lang., chronicon Citicense) 500 000 Goldgulden eingetragen haben; der Franziskanerorden allein, dessen General ebenfalls Kardinal wurde, zahlte 30 000..

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