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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Als Sixtus starb, konnte sich Girolamo nur mit äusserster Mühe und nur durch den Schutz des Hauses Sforza (dem seine Gemahlin angehörte) in seinem erschwindelten Fürstentum (Forlì und Imola) halten. Bei dem nun (1484) folgenden Konklave – in welchem Innocenz VIII. gewählt wurde – trat eine Erscheinung zutage, welche beinahe einer neuen äussern Garantie des Papsttums ähnlich sieht: zwei Kardinäle, welche Prinzen regierender Häuser sind, lassen sich ihre Hülfe auf das schamloseste durch Geld und Würden abkaufen, nämlich Giovanni d'Aragona, Sohn des Königs Ferrante, und Ascanio Sforza, Bruder des MoroFabroni: Laurentius mag., Adnot. 130. Ein Kundschaftet meldet von diesen beiden: hanno in ogni elezione a mettere a sacco questa corte, e sono i maggior ribaldi del mondo.. So waren wenigstens die Herrscherhäuser von Neapel und Mailand durch Teilnahme an der Beute beim Fortbestand des päpstlichen Wesens interessiert. Noch einmal beim folgenden Konklave, als alle Kardinäle bis auf fünf sich verkauften, nahm Ascanio ungeheure Bestechungen an und behielt sich ausserdem die HoffnungCorio, fol. 450. vor, das nächstemal selber Papst zu werden.

Auch Lorenzo magnifico wünschte, dass das Haus Medici nicht leer ausgehe. Er vermählte seine Tochter Maddalena mit dem Sohn des neuen Papstes, Franceschetto Cybò, und erwartete nun nicht bloss allerlei geistliche Gunst für seinen eigenen Sohn Kardinal Giovanni (den künftigen Leo X.), sondern auch eine rasche Erhebung des SchwiegersohnsEin höchst bezeichnender Mahnbrief Lorenzos bei Fabroni, Laurentius magn. Adnot. 217 und im Auszug bei Ranke, Päpste, I, p. 43.. Allein in letzteren Betracht verlangte er Unmögliches. Bei Innocenz VIII. konnte von dem kecken, staatengründenden Nepotismus deshalb nicht die Rede sein, weil Franceschetto ein ganz kümmerlicher Mensch war, dem es, wie seinem Vater, dem Papste, nur um den Genuss der Macht im niedrigsten Sinne, namentlich um den Erwerb grosser GeldmassenUnd etwa noch neapolitanischer Lehen, weshalb denn auch Innocenz die Anjou von neuem gegen den in solchem Betracht harthörigen König Ferrante aufrief. Das Betragen des Papstes bei dieser Sache, seine ganze Teilnahme am zweiten neapolitanischen Baronenaufstand war ebenso ungeschickt als unredlich. Seine rohe Art, mit dem Ausland zu drohen, vgl. oben S. 122. zu tun sein konnte. Die Art jedoch, wie Vater und Sohn dies Geschäft trieben, hätte auf die Länge zu einer höchst gefährlichen Katastrophe, zur Auflösung des Staates, führen müssen.

Hatte Sixtus das Geld beschafft durch den Verkauf aller geistlichen Gnaden und Würden, so errichten Innocenz und sein Sohn eine Bank der weltlichen Gnaden, wo gegen Erlegung von hohen Taxen Pardon für Mord und Totschlag zu haben ist; von jeder Busse kommen 150 Dukaten an die päpstliche Kammer, und was darüber geht, an Franceschetto. Rom wimmelt namentlich in den letzten Zeiten dieses Pontifikates von protegierten und nicht protegierten Mördern; die Faktionen, mit deren Unterwerfung Sixtus den Anfang gemacht, stehen wieder in voller Blüte da; dem Papst in seinem wohlverwahrten Vatikan genügt es, da und dort Fallen aufzustellen, in welchen sich zahlungsfähige Verbrecher fangen sollen. Für Franceschetto aber gab es nur noch eine Hauptfrage: auf welche Art er sich, wenn der Papst stürbe, mit möglichst grossen Kassen aus dem Staube machen könne? Er verriet sich einmal bei Anlass einer falschen Todesnachricht (1490); alles überhaupt vorhandene Geld – den Schatz der Kirche – wollte er fortschaffen, und als die Umgebung ihn daran hinderte, sollte wenigstens der Türkenprinz Dschem mitgehen, ein lebendiges Kapital, das man um hohen Preis etwa an Ferrante von Neapel verhandeln konnteVgl. bes. Infessura, bei Eccard, scriptores, II, passim.. Es ist schwer, politische Möglichkeiten in längst vergangenen Zeiten zu berechnen; unabweisbar aber drängt sich die Frage auf, ob Rom noch zwei oder drei Pontifikate dieser Art ausgehalten hätte? Auch gegenüber dem andächtigen Europa war es unklug, die Dinge so weit kommen zu lassen, dass nicht bloss der Reisende und der Pilger, sondern eine ganze Ambassade des römischen Königs Maximilian in der Nähe von Rom bis aufs Hemde ausgezogen wurde und dass manche Gesandte unterwegs umkehrten, ohne die Stadt betreten zu haben.

Mit dem Begriff vom Genuss der Macht, welcher in dem hochbegabten Alexander VI. (1492-1503) lebendig war, vertrug sich ein solcher Zustand freilich nicht, und das erste, was geschah, war die einstweilige Herstellung der öffentlichen Sicherheit und das präzise Auszahlen aller Besoldungen.

Strenge genommen, dürfte dieses Pontifikat hier, wo es sich um italienische Kulturformen handelt, übergangen werden, denn die Borgia sind so wenig Italiener als das Haus von Neapel. Alexander spricht mit Cesare öffentlich spanisch, Lucrezia wird bei ihrem Empfang in Ferrara, wo sie spanische Toilette trägt, von spanischen Buffonen angesungen; die vertrauteste Hausdienerschaft besteht aus Spaniern, ebenso die verrufenste Kriegerschar des Cesare im Krieg des Jahres 1500, und selbst sein Henker, Don Micheletto, sowie der Giftmischer Sebastian Pinzon scheinen Spanier gewesen zu sein. Zwischen all seinem sonstigen Treiben erlegt Cesare auch einmal spanisch kunstgerecht sechs wilde Stiere in geschlossenem Hofraum. Allein die Korruption, als deren Spitze diese Familie erscheint, hatten sie in Rom schon sehr entwickelt angetroffen.

Was sie gewesen sind und was sie getan haben, ist oft und viel geschildert worden. Ihr nächstes Ziel, welches sie auch erreichten, war die völlige Unterwerfung des Kirchenstaates, indem die sämtlichenMit Ausnahme der Bentivogli von Bologna und des Hauses Este zu Ferrara. Letzteres wurde zur Verschwägerung genötigt; Lucrezia Borgia heiratete den Prinzen Alfonso. kleinen Herrscher – meist mehr oder weniger unbotmässige Vasallen der Kirche – vertrieben oder zernichtet und in Rom selbst beide grosse Faktionen zu Boden geschmettert wurden, die angeblich guelfischen Orsinen so gut wie die angeblich ghibellinischen Colonnesen. Aber die Mittel, welche angewandt wurden, waren so schrecklich, dass das Papsttum an den Konsequenzen derselben notwendig hätte zugrunde gehen müssen, wenn nicht ein Zwischenereignis (die gleichzeitige Vergiftung von Vater und Sohn) die ganze Lage der Dinge plötzlich geändert hätte. – Auf die moralische Entrüstung des Abendlandes allerdings brauchte Alexander nicht viel zu achten; in der Nähe erzwang er Schrecken und Huldigung; die ausländischen Fürsten liessen sich gewinnen, und Ludwig XII. half ihm sogar aus allen Kräften, die Bevölkerungen aber ahnten kaum, was in Mittelitalien vorging. Der einzige in diesem Sinne wahrhaft gefährliche Moment, als Karl VIII. in der Nähe war, ging unerwartet glücklich vorüber, und auch damals handelte es sich nicht um das Papsttum als solchesLaut Corio (Fol. 479) dachte Karl an ein Konzil, an die Absetzung des Papstes, ja an seine Wegführung nach Frankreich, und zwar erst bei der Rückkehr von Neapel. Laut Benedictus: Carolus VIII. (bei Eccard, scriptores, II Col. 1584) hätte Karl in Neapel, als ihm Papst und Kardinäle die Anerkennung seiner neuen Krone verweigerten, sich allerdings Gedanken gemacht de Italiae imperio deque pontificis statu mutando, allein gleich darauf gedachte er sich wieder mit Alexanders persönlicher Demütigung zu begnügen. Der Papst entwischte ihm jedoch. – Das Nähere seither bei Pilorgerie, Campagne et bulletins de la grande armée d'Italie 1494-1495 (Paris, 1866, in 8.), wo der Grad der Gefahr Alexanders in den einzelnen Momenten (p. 111, 117 etc.) erörtert wird. Selbst auf dem Rückweg (p. 281, s.) wollte Karl ihm nichts zuleide tun., sondern höchstens um Verdrängung Alexanders durch einen bessern Papst. Die grosse, bleibende und wachsende Gefahr für das Pontifikat lag in Alexander selbst und vor allem in seinem Sohne Cesare Borgia.

In dem Vater waren Herrschbegier, Habsucht und Wollust mit einem starken und glänzenden Naturell verbunden. Was irgend zum Genuss von Macht und Wohlleben gehört, das gönnte er sich vom ersten Tage an im weitesten Umfang. In den Mitteln zu diesem Zwecke erscheint er sogleich völlig unbedenklich; man wusste auf der Stelle, dass er die für seine Papstwahl aufgewandten Opfer mehr als nur wieder einbringen würdeCorio, fol. 450. – Malipiero, Ann. Veneti, Arch. stor. VII, I, p. 318. – Welche Raubsucht die ganze Familie ergriffen haben muss, sieht man u. a. aus Malipiero, a. a. O. p. 565. Ein Nepot wird als päpstlicher Legat in Venedig herrlich empfangen und macht durch Erteilung von Dispensen ungeheures Geld; seine Dienerschaft stiehlt beim Abziehen alles, dessen sie habhaft werden kann, auch ein Stück Goldstoff vom Hauptaltar einer Kirche in Murano., und dass die Simonie des Kaufes durch die des Verkaufes weit würde überboten werden. Es kam hinzu, dass Alexander von seinem Vize-Kanzellariat und andern frühern Aemtern her die möglichen Geldquellen besser kannte und mit grösserm Geschäftstalent zu handhaben wusste als irgendein Kuriale. Schon im Lauf des Jahres 1494 geschah es, dass ein Karmeliter Adamo von Genua, der zu Rom von der Simonie gepredigt hatte, mit zwanzig Wunden ermordet in seinem Bette gefunden wurde. Alexander hat kaum einen Kardinal ausser gegen Erlegung hoher Summen ernannt.

Als aber der Papst mit der Zeit unter die Herrschaft seines Sohnes geriet, nahmen die Mittel der Gewalt jenen völlig satanischen Charakter an, der notwendig auf die Zwecke zurückwirkt. Was im Kampf gegen die römischen Grossen und gegen die romagnolischen Dynasten geschah, überstieg im Gebiet der Treulosigkeit und Grausamkeit sogar dasjenige Mass an welches z. B. die Aragonesen von Neapel die Welt bereits gewöhnt hatten, und auch das Talent der Täuschung war grösser. Vollends grauenhaft ist die Art und Weise, wie Cesare den Vater isoliert, indem er den Bruder, den Schwager und andere Verwandte und Höflinge ermordet, sobald ihm deren Gunst beim Papst oder ihre sonstige Stellung unbequem wird. Alexander musste zu der Ermordung seines geliebtesten Sohnes, des Duca di Gandia, seine Einwilligung gebenDies bei Panvinio (Contin. Platinae. p. 339): insidiis Caesaris fratris interfectus... connivente... ad scelus patre. Gewiss eine authentische Aussage, gegen welche die Darstellungen bei Malipiero und Matarazzo (wo dem Giovanni Sforza die Schuld gegeben wird) zurückstehen müssen. – Auch die tiefe Erschütterung Alexanders deutet auf Mitschuld. Vom Auffinden der Leiche in der Tiber sagte Sannazaro:

Piscatorem hominum ne te non, Sexte, putemus,
    Piscaris natum retibus, ecce, tuum.
, weil er selber stündlich vor Cesare zitterte.

Welches waren nun die tiefsten Pläne des letztern? Noch in den letzten Monaten seiner Herrschaft, als er eben die Condottieren zu Sinigaglia umgebracht hatte und faktisch Herr des Kirchenstaates war (1503), äusserte man sich in seiner Nähe leidlich bescheiden: der Herzog wolle bloss Faktionen und Tyrannen unterdrücken, alles nur zum Nutzen der Kirche; für sich bedinge er sich höchstens die Romagna aus, und dabei könne er des Dankgefühles aller folgenden Päpste sicher sein, da er ihnen Orsinen und Colonnesen vom Halse geschafftMacchiavelli, Opere, ed. Milan. Vol. V, p. 387, 393, 395, in der Legazione al Duca Valentino.. Aber niemand wird dies als seinen letzten Gedanken gelten lassen. Schon etwas weiter ging einmal Papst Alexander selbst mit der Sprache heraus, in der Unterhaltung mit dem venezianischen Gesandten, indem er seinen Sohn der Protektion von Venedig empfahl: »Ich will dafür sorgen«, sagte er, »dass einst das Papsttum entweder an ihn oder an Eure Republik fälltTornmaso Gar, Relazione della corte di Roma, I, p. 12, in der Rel. des P. Capello. Wörtlich: «Der Papst achtet Venedig wie keinen Potentaten der Welt, e però desidera, che ella (Signoria di Venezia) protegga il figluolo, e dice voler fare tale ordine, che il papato o sia suo, ovvero della Signoria nostra.»Das suo kann sich doch wohl nur auf Cesare beziehen. Was das Pron. possessivum freilich bisweilen für Unsicherheit stiftet, weiss man aus dem heute noch nicht gestillten Streit über die Worte Vasaris, Vita di Rafaelle: a Bindo Altoviti fece il ritratto suo etc. etc..« Cesare freilich fügte bei: es solle nur Papst werden, wen Venedig wolle, und zu diesem Endzweck brauchten nur die venezianischen Kardinäle recht zusammenzuhalten. Ob er damit sich selbst gemeint, mag dahingestellt bleiben; jedenfalls genügt die Aussage des Vaters, um seine Absicht auf die Besteigung des päpstlichen Thrones zu beweisen. Wiederum etwas mehr erfahren wir mittelbar von Lucrezia Borgia, insofern gewisse Stellen in den Gedichten des Ercole Strozza der Nachklang von Aeusserungen sein dürften, die sie als Herzogin von Ferrara sich wohl erlauben konnte. Zunächst ist auch hier von Cesares Aussicht auf das Papsttum die RedeStrozzii poetae, p. 19, in der Venatio des Ercole Strozza: ... cui triplicem fata invidere coronam. Dann in dem Trauergedicht auf Cesares Tod, p. 31, seq.: speraretque olim solii decora alta paterni., allein dazwischen tönt etwas von einer gehofften Herrschaft über Italien im allgemeinenEbenda: Jupiter habe einst versprochen.: Affore Alexandri sobolem, quae poneret olim Italiae leges, atque aurea saecla referret etc., und am Ende wird angedeutet, dass Cesare gerade als weltlicher Herrscher das Grösste vorgehabt und deshalb einst den Kardinalshut niedergelegt habeEbenda: sacrumque decus maiora parantem deposuisse.. In der Tat kann kein Zweifel darüber walten, dass Cesare, nach Alexanders Tode zum Papst gewählt oder nicht, den Kirchenstaat um jeden Preis zu behaupten gedachte und dass er dies, nach allem, was er verübt hatte, als Papst unmöglich auf die Länge vermocht hätte. Wenn irgendeiner, so hätte er den Kirchenstaat säkularisiertEr war bekanntlich mit einer französischen Prinzessin aus dem Hause Albret vermählt und hatte eine Tochter von ihr; auf irgendeine Weise hätte er wohl eine Dynastie zu gründen versucht. Es ist nicht bekannt, dass er Anstalten gemacht, den Kardinalshut wieder anzunehmen, obschon er (laut Macchiav. a. a. O. S. 285) auf einen baldigen Tod seines Vaters rechnen musste. und hätte es tun müssen, um dort weiter zu herrschen. Trügt uns nicht alles, so ist dies der wesentliche Grund der geheimen Sympathie, womit Macchiavell den grossen Verbrecher behandelt; von Cesare oder von niemand durfte er hoffen, dass er »das Eisen aus der Wunde ziehe«, d. h. das Papsttum, die Quelle aller Interventionen und aller Zersplitterung Italiens, zernichte. – Die Intriganten, welche Cesare zu erraten glaubten, wenn sie ihm das Königtum von Toscana spiegelten, wies er, wie es scheint, mit Verachtung von sichMacchiavelli, a. a. O. S. 334. Pläne auf Siena und eventuell auf ganz Toscana waren vorhanden, aber noch nicht ganz gereift; die Zustimmung Frankreichs war dazu notwendig..

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