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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Papsttum und KirchenstaatEin für allemal ist hier auf Rankes Päpste, Bd. I, und auf Sugenheim, Geschichte der Entstehung und Ausbildung des Kirchenstaates, zu verweisen., als eine ganz ausnahmsweise Schöpfung, haben uns bisher, bei der Feststellung des Charakters italienischer Staaten überhaupt, nur beiläufig beschäftigt. Gerade das, was sonst diese Staaten interessant macht, die bewusste Steigerung und Konzentration der Machtmittel, findet sich im Kirchenstaat am wenigsten, indem hier die geistliche Macht die mangelhafte Ausbildung der weltlichen unaufhörlich decken und ersetzen hilft. Welche Feuerproben hat der so konstituierte Staat im 14. und beginnenden 15. Jahrhundert ausgehalten! Als das Papsttum nach Südfrankreich gefangengeführt wurde, ging anfangs alles aus den Fugen, aber Avignon hatte Geld, Truppen und einen grossen Staats- und Kriegsmann, der den Kirchenstaat wieder völlig unterwarf, den Spanier Albornoz. Noch viel grösser war die Gefahr einer definitiven Auflösung, als das Schisma hinzutrat, als allmählich weder der römische noch der avignonesische Papst reich genug war, um den von neuem verlorenen Staat zu unterwerfen, aber nach der Herstellung der Kircheneinheit gelang dies unter Martin V. doch wieder, und gelang abermals, nachdem sich die Gefahr unter Eugen IV. erneuert hatte. Allein der Kirchenstaat war und blieb einstweilen eine völlige Anomalie unter den Ländern Italiens; in und um Rom trotzten dem Papsttum die grossen Adelsfamilien der Colonna, Savelli, Orsini, Anguillara usw.; in Umbrien, in der Mark, in der Romagna gab es zwar jetzt fast keine jener Stadtrepubliken mehr, welchen einst das Papsttum für ihre Anhänglichkeit so wenig Dank gewusst hatte, aber dafür eine Menge grosser und kleiner Fürstenhäuser, deren Gehorsam und Vasallentreue nicht viel besagen wollte. Als besondere, aus eigener Kraft bestehende Dynastien haben sie auch ihr besonderes Interesse, und in dieser Beziehung ist oben (S. 54, 70) bereits von den wichtigsten derselben die Rede gewesen.

Gleichwohl sind wir auch dem Kirchenstaat als Ganzem hier eine kurze Betrachtung schuldig. Neue merkwürdige Krisen und Gefahren kommen seit der Mitte des 15. Jahrhunderts über ihn, indem der Geist der italienischen Politik von verschiedenen Seiten her sich auch seiner zu bemächtigen, ihn in die Pfade seiner Raison zu leiten sucht. Die geringern dieser Gefahren kommen von aussen oder aus dem Volke, die grössern haben ihre Quelle in dem Gemüt der Päpste selbst.

Das transalpinische Ausland darf zunächst ausser Betracht bleiben. Wenn dem Papsttum in Italien eine tödliche Bedrohung zustiess, so hätte ihm weder Frankreich unter Ludwig XI., noch England beim Beginn der Rosenkriege, noch das einstweilen gänzlich zerrüttete Spanien, noch auch das um sein Basler Konzil betrogene Deutschland die geringste Hülfe gewährt oder auch nur gewähren können. In Italien selber gab es eine gewisse Anzahl gebildeter und auch wohl Ungebildeter, welche eine Art von Nationalstolz dareinsetzten, dass das Papsttum dem Lande gehöre; sehr viele hatten ein bestimmtes Interesse dabei, dass es so sei und bleibe; eine gewaltige Menge glaubte auch noch an die Kraft der päpstlichen Weihen und SegnungenDer Eindruck der Benediktionen Eugens IV. in Florenz, Vespasiano Fiorent. p. 18. – Die Majestät der Funktionen Nicolaus V., s. Infessura (Eccard, II, Col. 1883, seq.) und J. Manetti, Vita Nicolai V. (Murat. III, II, Col. 923). – Die Huldigungen an Pius II., s. Diario Ferrarese (Murat. XXIV., Col. 205) und Pii II. Comment. passim, bes. IV, 201, 204. XI, 562. Auch Mörder vom Fach wagen sich nicht an den Papst. – Die grossen Funktionen wurden als etwas sehr Wesentliches behandelt von dem pomphaften Paul II. (Platina l. c. 321) und von Sixtus IV., welcher die Ostermesse trotz des Podagras sitzend hielt (Jac. Volaterran. diarium, Murat. XXIII., Col. 131). Merkwürdig unterscheidet das Volk zwischen der magischen Kraft des Segens und der Unwürdigkeit des Segnenden; als er 1481 die Himmelfahrtsbenediktion nicht geben konnte, murrten und fluchten sie über ihn (Ibid. Col. 133)., darunter auch grosse Frevler, wie jener Vitellozzo Vitelli, der noch um den Ablass Alexanders VI. flehte, als ihn der Sohn des Papstes erwürgen liessMacchiavelli, Scritti minori, p. 142, in dem bekannten Aufsatz über die Katastrophe von Sinigaglia. – Freilich waren Spanier und Franzosen noch eifriger als italienische Soldaten. Vgl. bei Paul. Jov. vita Leonis X. (L. II.) die Szene vor der Schlacht bei Ravenna, wo das spanische Heer den vor Freude weinenden Legaten wegen der Absolution umdrängt. Ferner (ibid.) die Franzosen in Mailand.. Allein alle diese Sympathien zusammen hätten wiederum das Papsttum nicht gerettet gegenüber von wahrhaft entschlossenen Gegnern, die den vorhandenen Hass und Neid zu benützen gewusst hätten.

Und bei so geringer Aussicht auf äussere Hülfe entwickeln sich gerade die allergrössten Gefahren im Innern des Papsttums selber. Schon indem dasselbe jetzt wesentlich im Geist eines weltlichen italienischen Fürstentums lebte und handelte, musste es auch die düstern Momente eines solchen kennenlernen; seine eigentümliche Natur aber brachte noch ganz besondere Schatten hinein.

Was zunächst die Stadt Rom betrifft, so hat man von jeher dergleichen getan, als ob man ihre Aufwallungen wenig fürchte, da so mancher durch Volkstumult vertriebene Papst wieder zurückgekehrt sei und die Römer um ihres eigenen Interesses willen die Gegenwart der Kurie wünschen müssten. Allein Rom entwickelte nicht nur zuzeiten einen spezifisch antipäpstlichen RadikalismusBei jenen Ketzern aus der Campagna, von Poli, welche glaubten, ein rechter Papst müsste die Armut Christi zum Kennzeichen haben, darf man dagegen ein einfaches Waldenserturn vermuten. Wie sie unter Paul II. verhaftet wurden, erzählen Infessura (Eccard II, Col. 1893), Platina, p. 317, etc., sondern es zeigte sich auch mitten in den bedenklichsten Komplotten die Wirkung unsichtbarer Hände von aussen. So bei der Verschwörung des Stefano Porcari gegen denjenigen Papst, welcher gerade der Stadt Rom die grössten Vorteile gewährt hatte, Nicolaus V. (1453). Porcari bezweckte einen Umsturz der päpstlichen Herrschaft überhaupt und hatte dabei grosse Mitwisser, die zwar nicht genannt werdenL. B. Alberti: de Porcaria conjuratione bei Murat. XXV, Col. 309 seqq. – P. wollte: omnem pontificiam turbam funditus exstinguere. Der Autor schliesst: Video sane, quo stent loco res Italiae; intelligo, qui sint, quibus hic perturbata esse omnia conducat .. Er nennt sie: extrinsecos impulsores und meint, Porcari werde noch Nachfolger seiner Missetat finden. P.s eigene Phantasien glichen freilich denjenigen des Cola Rienzi., sicher aber unter den italienischen Regierungen zu suchen sind. Unter demselben Pontifikat schloss Lorenzo Valla seine berühmte Deklamation gegen die Schenkung Constantins mit einem Wunsch um baldige Säkularisation des KirchenstaatesUt Papa tantum vicarius Christi sit et non etiam Caesaris... Tunc Papa et dicetur et erit pater sanctus, pater omnium, pater ecclesiae, etc..

Auch die catilinarische Rotte, mit welcher Pius II. (1459) kämpfen musstePii II. Commentarii IV, p. 208, seqq., verhehlte es nicht, dass ihr Ziel der Sturz der Priesterherrschaft im allgemeinen sei, und der Hauptanführer Tiburzio gab Wahrsagern die Schuld, welche ihm die Erfüllung dieses Wunsches eben auf dieses Jahr verheissen hätten. Mehrere römische Grosse, der Fürst von Tarent und der Condottiere Jacopo Piccinino, waren die Mitwisser und Beförderer. Und wenn man bedenkt, welche Beute in den Palästen reicher Prälaten bereitlag (jene hatten besonders den Kardinal von Aquileja im Auge), so fällt es eher auf, dass in der fast ganz unbewachten Stadt solche Versuche nicht häufiger und erfolgreicher waren. Nicht umsonst residierte Pius lieber überall als in Rom, und noch Paul II. hat (1468) einen heftigen Schrecken wegen eines wirklichen oder vorgegebenen Komplottes ähnlicher Art ausgestandenPlatina, Vitae Papar., p. 318.. Das Papsttum musste entweder einmal einem solchen Anfall unterliegen oder gewaltsam die Faktionen der Grossen bändigen, unter deren Schutz jene Räuberscharen heranwuchsen.

Diese Aufgabe setzte sich der schreckliche Sixtus IV. Er zuerst hatte Rom und die Umgebung fast völlig in der Gewalt, zumal seit der Verfolgung der Colonnesen, und deshalb konnte er auch in Sachen des Pontifikates sowohl als der italienischen Politik mit so kühnem Trotz verfahren und die Klagen und Konzilsdrohungen des ganzen Abendlandes überhören. Die nötigen Geldmittel lieferte eine plötzlich ins Schrankenlose wachsende Simonie, welche von den Kardinalsernennungen bis auf die kleinsten Gnaden und Bewilligungen herunter sich alles unterwarfBattista Mantovano, de calamitatibus temporum, L. III. Der Araber verkauft Weihrauch, der Tyrier Purpur, der Inder Elfenbein: venalia nobis templa, sacerdotes, altaria, sacra, coronae, ignes, thura, preces, coelum est venale, Deusque.. Sixtus selbst hatte die päpstliche Würde nicht ohne Bestechung erhalten.

Eine so allgemeine Käuflichkeit konnte einst dem römischen Stuhl üble Schicksale zuziehen, doch lagen dieselben in unberechenbarer Ferne. Anders war es mit dem Nepotismus, welcher das Pontifikat selber einen Augenblick aus den Angeln zu heben drohte. Von allen Nepoten genoss anfangs Kardinal Pietro Riario bei Sixtus die grösste und fast ausschliessliche Gunst; ein Mensch, welcher binnen kurzem die Phantasie von ganz Italien beschäftigteMan sehe z. B. die Annales Placentini, bei Murat. XX, Col. 943., teils durch ungeheuern Luxus, teils durch die Gerüchte, welche über seine Gottlosigkeit und seine politischen Pläne laut wurden. Er hat sich (1473) mit Herzog Galeazzo Maria von Mailand dahin verständigt, dass dieser König der Lombardie werden und ihn, den Nepoten, dann mit Geld und Truppen unterstützen solle, damit er bei seiner Heimkehr nach Rom den päpstlichen Stuhl besteigen könne; Sixtus würde ihm denselben, scheint es, freiwillig abgetreten habenCorio, Storia di Milano, fol. 416 bis 420. Pietro hatte schon die Papstwahl des Sixtus leiten helfen, s. Infessura, bei Eccad, scriptores, II, Col. 1895. – Merkwürdig, dass schon 1469 geweissagt worden war, es werde binnen dreier Jahre aus Savona (Heimat des 1471 gewählten Sixtus) das Heil hervorgehen; s. den datierten Brief bei Baluz. Miscell. III, p. 181. – Laut Macchiav. storie fior. L. VII. hätten die Venezianer den Kardinal vergiftet. Gründe dazu fehlten ihnen in der Tat nicht.. Dieser Plan, welcher wohl auf eine Säkularisation des Kirchenstaates als Folge der Erblichmachung des Stuhles hinausgelaufen wäre, scheiterte dann durch Pietros plötzliches Absterben. Der zweite Nepot, Girolamo Riario, blieb weltlichen Standes und tastete das Pontifikat nicht an; seit ihm aber vermehren die päpstlichen Nepoten die Unruhe Italiens durch das Streben nach einem grossen Fürstentum. Früher war es etwa vorgekommen, dass die Päpste ihre Oberlehnsherrlichkeit über Neapel zugunsten ihrer Verwandten geltend machen wolltenSchon Honorius II. wollte nach dem Tode Wilhelms I. 1127 Apulien einziehen, als «dem heiligen Petrus heimgefallen».; seitdem dies aber auch noch Calixt III. misslungen, war hieran nicht mehr so leicht zu denken, und Girolamo Riario musste, nachdem die Ueberwältigung von Florenz (und wer weiss wie mancher andere Plan) misslungen war, sich mit Gründung einer Herrschaft auf Grund und Boden des Kirchenstaates selber begnügen. Man mochte dies damit rechtfertigen, dass die Romagna mit ihren Fürsten und Stadttyrannen der päpstlichen Oberherrschaft völlig zu entwachsen drohte, oder dass sie in kurzem die Beute der Sforza und der Venezianer werden konnte, wenn Rom nicht auf diese Weise eingriff. Allein wer garantierte in jenen Zeiten und Verhältnissen den dauernden Gehorsam solcher souverän gewordener Nepoten und ihrer Nachkommen gegen Päpste, die sie weiter nichts mehr angingen? Selbst der noch lebende Papst war nicht immer seines eigenen Sohnes oder Neffen sicher, und vollends lag die Versuchung nahe, den Nepoten eines Vorgängers durch den eigenen zu verdrängen. Die Rückwirkungen dieses ganzen Verhältnisses auf das Papsttum selbst waren von der bedenklichsten Art; alle, auch die geistlichen Zwangsmittel wurden ohne irgendwelche Scheu an den zweideutigsten Zweck gewandt, welchem sich die andern Zwecke des Stuhles Petri unterordnen mussten, und wenn das Ziel unter heftigen Erschütterungen und allgemeinem Hass erreicht war, so hatte man eine Dynastie geschaffen, welche das grösste Interesse am Untergang des Papsttums hatte.

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